Ausgabe 
8.1.1914
 
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Da schlug sie die wunderbaren Augen voll zu ihm auf, und innig kam es von ihren Lippen:

Wäre ich wohl sonst hier?"

Da schloß er fie voll innerer Bewegung in seine Arme und vreßte seine Lippen in einem langen Kusse auf ihren Mund, den sie ihm willig bot. Selbstvergessen lag sie an seiner Brust, bis sie sich besinnend aus seiner Umarmung befreite.

Was ist dir, mein Lieb?" fragte er da,fürchtest du dich etwa?"'

Nein," entgegnete sie leise.

Was ist es denn? Komm, setzen wir uns, und da sagst du mirS, was dich bedrückt!" Zärtlich umfaßte er sie und fehle sich, sie durch sanften Druck aus seine Knie zwingend. Sie ließ es säst willenlos geschehen.So, mein Süßes, nun beichte!"

Herr von Wolfsburg"

Wie sagst du? Hast du keine andere Anrede für mich? Kennst du meinen Bornamen nicht? Nenne mich du, mein Süßes!"

Sie errötete tief, als er ihr Gesichtchen in die Höhe hob und nochmals fragte. Da kam es leise, säst lote ein Hauch, von ihren Lippen:

Mein Wolf."

Sag es noch einmal," bat er und dann küßte er ihr das Wort viele Male von den Lippen, die so weich und lind wie ein Blumenblatt waren.Wie bin ich glücklich, daß ich dich endlich habe, du," flüsterte er dazwischen,ich Hab' dich so unbeschreiblich lieb und das sofort beim ersten Sehen! Damals in der Kirche, weißt du noch?"

Und ob ich das weiß. Ich kenne Sie dich ja noch viel länger! In den letzten acht Tagen sind wir uns doch immer begegnet" ein reizendes Lächeln flog bei diesen Worten um ihren Mund.

Du Schelm," und wieder küßte er sie,nun mußt du mir aber von dir erzählen, Mary! Wie lange bist du eigentlich hier?"

Seit ersten März. Ach, ich kann nicht viel erzählen! Mein Leben hier ist ziemlich eintönig; im Geschäft habe ich so viel zu tun, daß ich niir nur Sonntags einen Spaziergang erlauben kann. Ab und zu gehe ich ins Theater; das ist mein liebstes Vergnügen. Oft kann ich es mir allerdings nicht leisten!"

Das soll jetzt anders werden, mein Herz; dafür lasse mich sorgen."

Nein", jentgegncte sie da,nein, auf keinen Fall!"

Und warum nicht, mein Lieb?"

Nein, das iänn ich nicht annehmen! Ich will es nicht so machen, wie die anderen Mädchen im Geschäft, nein, ich kann es nicht! Herr von Wolssburg, verlangen Sie "

Mädchen, hast du vergessen, daß ich dein Wolf bin?"

Gönnen Sie mir Zeit, mich daran zu gewöhnen! Viel­leicht wäre es besser, ich versuchte es gar nicht! Tenn, denn was ich vorhin schon sagen wollte, es ist doch so unrecht von mir, daß ich gekommen bin!"

Mädchen!"

Ja, es ist unrecht," iviederholte sie,ich habe immer geschwankt, ob ich Ihren Brief beantworten sollte, ob ich Ihren, Ruse folgen sollte!"

Mary, was sicht dich an!" rief er aus.

Nun bin ich doch zum Rendezvous gekommen, weil ich mußte." fuhr sie leise fort,aber ich fühle, daß dieser Schritt mich recht viel kostet meine Selbstachtung!"

Aber Kind "

Beantworten Sie mir eine Frage." unterbrach sie ihn lebhaft,Hütten Sie eine Dame der Gesellschaft um ein Stell­dichein gebeten?"

Ta hätte ich cs nicht nötig gehabt, Kind, weil ich da cnug Gelegenheit durch Bälle, Abendessen »sw. hätte, mich er Angebeteten zn nähern! Aber wie das bei dir, du Süße? Dir auflauern, dich auf der Straße ansprechen, um den Leuten Gelegenheit zum Reden zu geben, nein! Sllso blieb mir tatsächlich nichts anderes übrig, als dich um ein Stelldichein zu bitten ich mußte dich ja endlich sprechen so konnte es nicht weiter gehen; die Sehnsucht nach dir rieb mich ja sonst auf."

So konnte es nicht weiter gehen," wiederholte sie leise, wie sür sich.

Nicht wahr, nun siehst du doch ein, daß ich nicht anders handeln konnte! Tu hast also keine Ursache, dich zu schämen," fuhr er fort,einmal mußte ich dir sagen, wie

lieb ich dich habe, daß du mein Gedanke bei Tag und bell Nacht bist." Und zärtlich strich er über ihr blondes Haar^ Ta schmiegte sie sich fest an ihn und schlang die Arme unk seinen Ha^.O Wolf, wie liebe ich dich doch," flüsterte sie, ich vertraue dir auch, du bist nicht wie die andern, ich fühle es du treibst keinen Scherz mit mir."

Nein, bei Gott nicht, Mädchen," sagte er ernst,zu einer flüchtigen Liebeständelei bist du zu schade. Ich liebe dich mit jener heiligen Liebe, die man nur seinem Weibs gibt! Hier im Angesichte Gottes schwöre ich dir, daß ich dich zu meinem Weibe machen will!"

Wolf," ries sie da aus; es klang aber mehr erschreckt wie erfreut,Du lveißt ja nicht, was du sagst du dey Offizier, ich eine Ladnerin das ist ja unmöglich!"

Unmöglich nicht, aber sehr schwierig das verhehle ich mir keinesfalls!"

Und dann, deine Familie deine Karriere"

Wenn ich auch alles aufgeben muß, ich tue cs, dich besitzen, Mädchen!"

O Wols, der Gedanke ist ja viel zu schön, als daß ich daran glauben könnte!"

Glaube nur, mein Süßes, Hab' mich lieb und sei mir treu, hörst du?"

Es klang verhaltene Angst aus seiner Stimme, als er dies sagte. Alle Ueberlegung hatte er verloren, seit er das holde Mädchen in seinen Armen hielt er fragte weder nach ihrer Familie noch nach ihrer Herkunft ihm genügte, daß sie da war, daß er sich an ihrer Schönheit berauschen konnte. Und schön war Mary wie ein Traum. Sie saßaus seinem Knie, von seinem Arm fest umschlungen, den Kops an seine Brust gelehnt, um den Mund ein glückliches Lächeln. Das Mondlicht siel voll aus sie und umwob sie wie mit einer Glorie. Ihre dunkelblauen Augen, die von langen dunklen Wimpern umsäumt waren, strahlten in einem selte­nen Glanze aus dem weißen Gesichtchen. Wie Wolf sie ver­zückt betrachtete, fiel ihm ihre Durchsichtigkeit auf, und «in« plötzliche Angst erfüllte ihn.Tu bist so bleich, mein Lieb? Du bist doch nicht krank?"

Sei ohne Sorge, mein Geliebter," lächelte sie ihn an, ich bin ganz gesund! Nur fehlt mir frische Luft, den ganzen Tag in der Arbeitsstube oder im Laden sein, das macht blaß!"

Das muß anders ivcrden du mußt dort fort!"

Sie richtete sich aus seinen Armen auf.

Und wovon soll ich leben? Das geht nichts die andern müssen ebenfalls arbeiten. Jetzt zur Saison rst sehr viel zu tun; nachher wird's auch besser!"

Lasse mich für dich sorgen, mein Lieb," bat er.

Wolf, sage so etwas nicht wieder, das kränkt michi ich kann doch nichts von dir geschenkt nehmen!"

Hast du nicht Eltern oder Verwandte, zu denen btt gehen kannst?"

Ich stehe ganz allein da; ich habe niemand auf der Welt als dich," sagte sic traurig.Ein andermal will ich dir von meiner Herkunst erzählen heule nicht; ich will mir diese glückliche Stunde nicht durch die Erinnerung an traurige Zeiten trüben. Lasse dir für heute damit ge­nügen; du hast deine Liebe keiner Unwürdigen geschenkt! Mir ist es auch nicht an der Wiege gesungen worden, datz ich als Putzmacherin mein Brot verdienen muß." t .

(Fortsetzung solgt.)

Aus der Zeit der Befreiungskriege.

Krirgslasten der Stadt Gießen im Jahre 1814.

Mach alten Bürgermeistcreircchiiungcn.)

Von Tr. H. Vergär-Gießen.

Mit dem Durchmärsche der russisch-preußischen Armee über Gießen im November und Dezember 1813 nach dem Rhein» waren die Truppenbewegungen ftlr unsere Gegend noch nicht beendet. Das Jahr 1814 begann, leie 1813 geschlossen: Tag Und Nacht erscheinen neue Kolonnen, die verpflegt und nach dem Westen weiter befördert werden mußten. Am 3. Januar ziehen preußisch: Kavallerie, kursächiische und russisäw Infanterie Nachts in Gießen ein und müssen sofortPar force und bei äußerst schlechtem Wetter" durch Boten weiter geleitet werden. Am 6. Ja­nuar siud im Auftrag des Q u a r t i e r a m t e s 3 Mann zwei Tage und zwei Nächte tätig, um Bestellungen zu nmche»wegen der Menge von Fuhren für das hier durchpassie­rende russische und preußische M i l i t ä r". Ta ist am 6. ein eiliger Wie? in det Rächt durch einen Boten nach Bersrod zu bringen, am 7. ein wichtiges Schreiben an einen