Ausgabe 
8.1.1914
 
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Ein Frühlingstraum.

Roman von Fr. Lehne.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Wolfs Gesicht verfinsterte sich.Lieber Strachwitz, das soll mich nicht kümmern; ich tue, was ich tvill; mit meinem Vater bin ich durch seine zweite Frau vollständig aus­einander, und mein Bruder" er zuckte die Achseln und schmieg. Teilnahmsvoll betrachtete ihn Strachwitz.Armer Kerl," sagte er leis«.

Mein Leben ist mir durch jenen Zwist so verbittert," fuhr der andere fort,ich bin so allein, lein Mensch fragt nach mir. Wenn ich damals Doktor Schöne nicht gehabt hätte, in dessen harmonischer Häuslichkeit ich wenigstens etwas Ersatz für das Verlorene fand, wer weiß, >vas da aus mir geworden wäre! Schade um ihn"

Ja, uns allen ging es durch und durch, wie wir von> einem plötzlichen Tode hörten! Tie arme Frau sie ebten so glücklich miteinander! Den hübschen Jungen hat sie auch hingeben müssen! Wo ist sic jetzt eigentlich?"

Soviel ich weiß, in der Schweiz! Sic mußte fort: sie sab ja furchtbar aus. Am Begräbnistage habe ich sie zuletzt gesehen: danach ivar sic ja für niemand zu sprechen!"

Strachwitz warf einen Blick auf die Uhr.Donner­wetter, schon halb zwölf; da muß ich aber eilen!" Er stand auf, schnallte den Säbel wieder um; der Bursche half ihm in den Mantel; dann reichte er dem Freund zum Abschied die Hand.

Na gute Nacht, Wölfchen! Also es lvird geschrieben! Sie müssen doch 'nachgerade wissen, woran Sie sind!"

Wolf nickte stumm und geleitete den Gast bis zur Dreppe.

Dann setzte er sich vor den Schreibtisch, den Kops grü­belnd in die Hand gestützt. Nach einer Weile nickte er. Ja, ich glaube, cs ist so das beste; Strachwitz hat recht," sagte er halblaut. Er griff nach Papier, Feder und Tinte, und nach einem Nachsmnen warf er folgende Zeilen auf den Bogen:

Sehr geehrtes Fräulein!

Verzeihen Sie die »ühnhcit, daß ich an Sic schreibe; aber ich kenne keinen anderen Weg zur Annäherung. Vielleicht bin ich Ihnen nicht so ganz fremd, und wenn Sie nur eine Spur von Interesse für niich hegen, bitte ich Sie inständig, mir eine Unterredung zu gewähren. Be­stimmen Sie Zeit und Ort. Mein Ehrenwort darauf, daß ineine Bitte keine unlauteren Beweggründe hat.

In Sehnsucht Ihrer Antwort entgegensehend, bin ich ganz der Ihrige

Wolf, Freiherr von Wolfsburg.

Nun der Brief fertig war, brannte er wie Feuer in seinen Händen, und Wolf selbst brachte ibn nach dem nächsten

Briefkasten. Zwei Tage schwebte Wolf in Hangen und Ban­gen; endlich hielt er ain Morgen der dritten Tages ein kleines.Brieschen in den Hände», das in feinen, etwas flüch­tigen Schristzügen seine Adresse trug. Fast liebkosend be­trachtete er es, ehe er mit zitternder Hand öffnete end­lich las er

Herrn Leutnant von Wolfsburg!

Auf Ihr Ehrenlvvrt bauend, bitte ich Sie, inich auf dem St. Annensriedhos unter der großen Linde in der Nähe des Wärterhäuschens zu erwarten, und zwar Don­nerstag abend neun Uhr. Bitte, wegen der Wahl des Ortes und der Zeit nicht gering von mir zu denken. Jedoch weiß ich keinen anderen, »nb außerdem komme ich sehr spät aus dem Geschäft. M. W.

Innig drückte er das Blatt an seine Lippen.Endlich, endlich! Süßes, süßes Mädchen!"

3 .

Es blinkt der Tau in den Gräsern der Nacht,

Der Mond zieht vorbei in stiller.Pracht,

Tie Nachtigall singt in den Büschen.

Es schwebt über Wiesen im Dämmerschein,

Ter ganze Frühling duftet hinein -

Wir beide wandeln dazwischen.

O Lenz, wie bist du so wunderschön!

In dem blühenden Rausch dahinzugeh».

Am Arm seine zitternde Liebe,

Mit dem ersten Kuß in dem Himmelscaum Und fest zu glauben im törichten Traum,

Daß es ewig, ewig so bliebe!

G. von B o d d i e n. Endlich war es Donnerstag abend ein wundervoller warmer Frühlingsabend. Ter Bollniond warf sein silber­nes Licht ans die Erde. In den berauschend dufteirdeu Fliederbüschen schluchzte «ine Nachtigall ihre sehnsüchtigen Lieder, und in den Zweigen der Bäume rauschte cs geheim­nisvoll und verheißend Schon eine geraume Weile wan- derte Wolf an der bestimmten Stelle ungeduldig auf und ab, jeden Augenblick nach der Uhr sehend, ob es denn noch nicht an der Zeit wäre. Die Brust war ihm von einem unbeschreiblichen Glücksgesühl geschwellt; sein -Herz schlug dem Mädchen seiner Liebe so heiß entgegen wenn sie doch endlich käme oder hatte sie die Verabredung vergessen, war es ihr etwa gar leid geworden? Er setzte sich auf die Bank wo sic nur blieb? Doch knirschte da nicht der Kies wie unter leichten Tritten? Hastig blickte er »ach jener Richtung und in einiger Entfernung vor ihm stand die Erwartete, zitternd und mit niedergeschlagenen Augen. Er sprang auf und eilte ihr entgegen; doch fast andächtig blieb er vor ihr stehen. Wie süß war sie! Das holde Ge­sicht vom Mondlicht umflossen, erschien sie ihm wie die veriörpcrte Poesie! Endlich faßte er sich. Er trat auf sie zu, und indem er ihre beiden Hände ergriff, fragte er mit bebender Stimme:

,P) Mädchen, sag', hast du mich auch so lieb, wie ich dich liebe?"