jlnßcuommen ffnd, die t»u Goldschmuck und Kunstgegenständen von unernießlichem Werte fast überladenen Gotteshäuser, nicht weniger auch die südliche Vegetation, die dem Reisenden hier »um ersten Male grüßt, das alles verfehlt nicht, einen tiefen, nachhaltigen Eindruck »u hinterlassen. Am meisten aber wird der Fremd« gefesselt von dem lebhasten Volksleben, das sich hier in unverfälschter, echt italienischer Art mit allen fernen heiteren und betrübenden Seilen entwickelt wie in keiner anderen Stadt Norditaliens. Nach Geschäftsschluß am Mittag und abends erreicht es seinen höhe-- punkt und nimmt ab mit Einbruch der Nacht. Ein Nachtleben »me z. B. in Frankfurt a. M. oder gar Berlin gibt es in den italienischen Großstädten nicht. Selbst das in mancher Beziehung verrufene Neapel ist in dieser Beziehung solide. Dafür beginnt das Leben und Treiben am frühen Morgen, und Iver es in seiner ur- Ivüchsigen Natürlichkeit beobachten will, versäume nicht, den Markt aus hem Piazza d'Annunziata in der Zeit zwischen früh 6—9 Ufte zu besuchen. Dieser Markt findet außer an'Sonn- und Feiertagen täglich statt, beginnt morgens bereits vor 6 Uhr und ist um 10 Uhr beendet. Wie auf allen Märkten mit Lebensmitteln, so ergibt sich auch hier für Arm und Reich, Jung und Alt ein Stelldichein, bei welchem der eine Teil seine Erzeugnisse so vorteilhaft wie möglich «bzusetzen sucht, wahrend der andere dieselben möglichst billig zu erstehen trachtet. Die Verkäufer von beiden Seiten der Riviera tind oben von Apennin her, sind schon lange vor Tagesanbruch sur Stelle, um einen möglichst günstigen Plah zu bekommen. Das ist bei uns ähnlich. Was aber einen italienischen Markt im allgemeinen und den von Genua im besonderen von einem in Deutschland unterscheidet, ist das Geschrei, mit welchem hier alles vor sich gehr. Aus Leibeskräften schreit hier alles. Ter Verkäufer schreit, iroch lauter hie Verkäuferin. Ihr Geschrei wird übertrosfen von dem der Zeitungsverkäuftr Am lautesten aber schreien die Esel. Jeder Gemüsekarren ist bespannt mit einem Grautter, und beginnt erst einmal eines derselben mit seinem lang gezogenen JA, dann fällt die ganze langohrige Gesellschaft in dollem Chore ein. Da Hilst nichts, cs mag der Eselstreiber zureden oder psit Schlägen begütigend cinzuwirken suchen, der .Höllenspektakel legt sich erst wieder, wenn die Tiere erschöpft sind, d. h. er legt sich nicht, sondern geht nur in anderen Tonatten weiter. Irgendwo stich, wie das auf Märkten vorkommt, Meinungsverschiedenheiten entstanden, die mit Aufgebot aller zur Verfügung stehenden Stimmzettel ausgetragen Iverden. An anderer Stelle ist ein Droschkengaul gestürzt und hat durch seinen Fall auf den glatten Steinsliefen, mit denen die Straßen von Genua gepflastert sind, einen Gemüsestand in Mitleidenschaft gezogen, so daß die ilöare der vorüberfahrenden Elektrischen größtenteils zum Opfer fällt, was wiederum durch leidenschaftlichen Stimmcngebrauch begleitet ist. Dazwischen lötien dann hupen der Automobile, kurz, man versteht sein eignes Wort nicht und wer gezwungen ist, sich verständlich zu machen und nicht über die beredte Geberdensprach« der Italiener verfügt, muß versuchen, das allgemeine Geschrei zu überschrcien. So schreit denn alles und jedes.
Auch die seilgebotcne Ware ist eine andere als bei uns, und diese Verschiedenheit ist nicht allein begründet in dem Klima, das andere Erzeugnisse hervorbringt als das unsere, sondern hat zum 'großen Teil seine Ursachen in den Lebensgewohnheiten des Volkes. Der Italiener ist ein großer Gemüseesscr. Man sagt, er lebe hauptsächlich von Polenta, Reis und Makkaroni, aber diese Genüsse kann lich nur der Bessergestellte nach Belieben leisten. Der Mann aus dcni Volk mit zahlreicher Familie ißt sich an Gemüse satt, und genießt Polenta und Makkaroni nur 2—3 mal in der Woche. Fleisch kommt höchstens Sonntags auf deu Tisch. In der Zwischenzeit nährt er sich, wie gesagt, hauptsächlich diirck, Gemüse, das aut einfachste Art zubereitet, mit etwas Oel und Sailz genossen wird. Dieses Menü wird beschlossen durch ein Sttick trockenes Weißbrot, denn auch Butter zum Brot kennt man nicht. Dazu kommt die italienische Kochweise, die durchtveg auf einen großen Verbrauch von grünem Gemüse zugeschnitten ist. Jeder, der Italien bereist hat, und irgendwo das Leben des Volkes beobachtet hat, tveiß, daß ihr Haupt- und Glanzstück in der Zubereitung der „Minestra" gipfelt. Diese Minestra ist eine Komposition, welche unsere deutsche Supp«, Gemüse und Fleisch zu einem harmonischen Ganzen vereinigst und da eine echte Minestra so steif sein muß, daß der Lössel drin stehen bleiben kann, und Fleisch teuer ist, so besteht sie hauptsächlich aus allen möglichen Gemüsen, wie sie gerade die Jahreszeit bietet. Infolge dieses Massenverbrauchs an Grünzeug ist die Zufuhr zum Markt entsprechend riesig, groß und vielseitig. Bei uns werden Gemüse bevorzugt, welche möglichst zart sind. Ein Spargel, dessen Kopf einen grünen .Anslug zeigt, ist bei uns minderwertig. Der Italiener aber ißt ihn am liebsten, wenn er bereits fußlang aus der Erde geioachsen, vollkommen grün geworden ist und bitter schmeckt. Dasselbe gilt vom Blumenkohl. Man hat zwar auch viel Blumenkohl, er fehlt nirgends auf der besseret» Tafel, man kann ihn auch im glücklichen Klima von Italien das ganze Jahr haben, aber im allgemeinen bevorzugt man deir Brocoli. Dabei ist zu bemerken, daß man unter Brocoli in Italien etwas anderes versteht als bei uns. Wir
kennen unter Brocoli einen lockeren Blumenkohl, der sich sehr spät entwickelt. Dieser geht in Italien irur als Blumenkohl und unter Brocoli versteht man hierzulande ein Gemüse mit violetten oder resedasarbigen, pyramidalen, etwas verkästen Blütenstand«, der viel schärfer und krästiaer schmeckt als Blumenkohl Unoebeure
Mengen von Card» und Artischocken siebt man aufgestapelt und wundert sich nur, >me rasch diese Mengen ihre Käufer finde n. Aber auch eine ganze Reihe anderer Gemüscarten, mit denen «ine deutsche Hausfrau nichts anzusangen wüßte und die sie vielleicht entrüstet abweisen würde, wenn man sic ihr anböte, stnden ihr« Käufer. Wenn es nur grün und für die Minestra brauchbar ist, wirds gekauft. Dasür ist der Verbrauch an Eisenmitteln sür bleichsüchtige Damen, wie man mir versicherte, gegenüber dezn in Deutschland nur gering. Wenn die italienischen jungen Damen zwar keine frische rosige Gesichtsfarbe haben — diese Eigentümlichkeit ist in der Rasse begründet —, so ist der Durchschnittsitaliener infolge der einfachen und gesunden Beköstigung ungemein kräftig. Entbehrung sieht man ihm nicht an. Kvrtoffeln sieht man gegenwärtig mehr als in früheren Jahren aus den italienischen Märkten. Es mögen ziemlich 20 Jahre her sein, als meine Wirtin, »oenn sie am Samstag vom Wochenmarkte kam, auf ihren Korb deutend, meinte: „8>xnor, do such« compesato uns örtate per l,ei", (Ich habe auch eine Kartoffel für Sie gekauft). Diese eine Kartoffel wird am nächste^ Sonntag mittag, wenn sie auf den Tisch kam, sicher wenigstens noch einmal erwähnt und wenn ich sic verzehrt, beobachtete die ganze Familie meinen Gesichtsausdruck. Damals baute man in Italien noch keine Kartoffeln. Sachverständige behauvtcten, sie wüchsen wohl, setzten jedoch auch nicht die kleinste Knolle an. Kartoffeln mußten darum aus Deutschland eingeführt werden. Die Kartoffelsorten, die wir bei uns bauen, gedeihen auch heute noch nicht im Klima von Italien, aber man hat gelernt, Sorten zu züchten, welche für Italien geeignet sind und führt Kartoffeln massenhaft nach überseeische Länder und im Frühjahr sogar nach Deutschland aus. Ein Bolksnahrungsmittel. wie bei uns ist aber dse Kartoffel in Italien trotzdem noch nicht geworden. Sie tritt gegen andere Gemüse zurück.
Es würde vielleicht interessieren, etwas über die Preise dieser alltäglichen Lebensmittel in Genna zu erfahren. Ich habe versucht, einige Angaben zu erlangen, doch kaum hatte ich hier und da gL- sragt, als ich mich auch schon von Verkäufern aller Art umringt sah, die ihre Waren in der temperamentvollsten Weise anboten und deren Vorzüglichkeit priesen. Ehe ich wußte, wie mir geschah, hatte ich aus einer Schulter einen Kranz roter Zwiebeln, auf der anderen eine lange Perlenkette von Knoblauch hängen und als ich versicherte, daß ich von dieser Art Früchte augenblicklich keinen Bedarf habe, wollten sie wissen, was ich eigentlich kaufen wolle. Um mich vor weiteren Zudringlichkeiten zu schützen, suchte ich mein heil in der Flucht. Mich noch einmal nach den Preisen der Marktware zu erkundigen, ohne ernstlich Käufer zu sein, habe ich nicht mehr gewagt. « R.
h a u s t i e r e i n N e a p e l.
Am späten Nachmittag, als ich vom Besuch einer deutschen Familie zurückiuhr, konnte man in den Straßen, Gassen und Gäßchens Neapels zahlreiche hellodernde Feuer beobachten, an denen Kisten, Makkaronikörb«, alte zerbrochene Stühle und ähnlicher Hausrat verbrannt wurde. Aus die Frage nach der Bedeutung dieser Freudensener wurde mir mitgetoilt, es sei heute der Ge-? denktag eines heiligen. Dieser heilige sei der Schutzheilige der Pferde. Wer Pferde besitzt und etwas auf sich hält, steckt dann zur Feier des Tages ein Feuer vor seinem Hause an. Zuvor aber seien die Pferde auf einen bestimmten Platz, mit allerlei bunten Kettchen geschmückt, von der Hand des' Priesters geweiht worden. — Dagegen ließ sich nichts sagen, jedes Land hat seine Gebräuche, aber man muh wissen, welches schreckliche Los die armen Zugtiere gerade in Neapel erdulden. Aus manchen deutschen Dampfern wird, bevor sie in Neapel emtressen, ein Flugblatt verteilt, in welchem die Reisenden aufgesordert werden, bei Fahrten in Neapel und Umgebung nur solche Kutscher zu berücksichtigen, deren Tiere keine äußeren Spuren von Skt? letzungen an sich tragen, die von roher Behandlung herrühren. Noch schlimmer wie den Pferden ergeht es den armen geplagten Eseln, die, obfchon sie ebenfalls einm Schutzheiligen haben, oft halb verhuilgert und mit geschundenem Körper unter fortgesetzten Mißhandlungen schwere Lasten die steilen Straßen hinaus- iehen müssen. Wie zum hohn jeder Menschlichkeit setzt sich ann noch ihr Peiniger oben aus den elenden Karren.
Eine andere merkwürdige, nur in romanischen Ländern noch übliche Erscheinung fällt dem Fremden in Neapel auf, das sind die Herden von Ziegen, die straßauf straßab getrieben und in oder vor den Häusern abgeniolken werden. Die Milchversorgung durch Kühe in derselben Weise soll in Neapel noch vor 10 Jahren Sitte gewesen sein, ist aber seitdein verboten.
Hunde sieht man in Neapel selten, dasür desto mehr Katzen? Jede Familie besitzt ihre Katze und in jeder Wirtschast oder Kasseehaus wird wenigstens eine gehalten, meistens jedoch mehrere, die, sobald man Platz genommen hat, sich,einem schmeichelnd aus den Schoß setzen, um gestreichelt und gefüttert zu iverden. Dabei weiß ihr feiner Instinkt diejenigen Gäste herauszusindcn, welche ihnen zugetan sind. Auch sonst verraten diese Tiere in Neapel eine besonders hohe Intelligenz. So konnte ich eine Katz« beobachten, wie sie den Rhythmus der Musik im Casd der Galerie Umberto durch Schwanzbewegungeil mit einer Ausdrucksfähigkeit begleitete, die einem Kapellmeister Ehre gemacht hätte. R. '


