Tsingtau und Tsinansu.
,,Wohin fahren Sie eigentlich?" frug uns der liebenswürdige Geheimrat aus Berlin, der eine geologische Studienreise machte, «16 wir uns zum erstenmal im Speisewagen des sibirischen Erpreßzuges gegenüber sahen. „Wir fahren vorläufig bis Tsingtau," erwiderten mein Bater und ich. „Das trifft sich ja famos, ich sahre bis Dalny, wir fahren also 12 Tage zusammen." Wir wurden unzertrennliche Reisegcnossen, denen sich noch ein Vierter anschloß, ein deutscher Ingenieur, der nach Japan fuhr. Alles Interessante, was die Reise bvt, genösset, wir zusammen. Wir pendelten aus den größeren Stationen auf und ab, wo der Zug meistens 10 Minuten Aufenthalt hatte, und beobachteten Land und Leute. Flora, Fauna und Bodenbeschafsenheit wurden sür uns durch die interessanten .Erklärungen des Fachmannes noch bedeutungsvoller. Die Tischgespräche bei den gemeinsam eingenommenen .Mahlzeiten brachten immer neue Anregung, auch lieh inan sich gegenseitig Bücher, besuchte sich in den bequem eilige- «ichtclen Abteilen und beobachtete die internationale Reisegesellschaft. Als in Dalich die ILtagige Bahnfahrt ihr Ende hatte, wurde das säst allgemein bedauert, die Tage waren nur so gewogen. Roch ein gemeinsamer Besuch der Schlachtfelder von Port Arthur und ein Gang durch das großzügig von den Russen an» Eingang zum Golf voll Liaotung angelegte jetzt japanische Talny und dann trennte sich die Reisegesellschaft. Mein Pater und ich schifften uns auf der sLoongmoon der Hamburg-Amerika-Linie »in. Wir näherten uns jetzt mit Macht unserem Reiseziel Tsingtau. Frühmorgens stieg die schroffe zackige Bergküste von Schan- tung vor uns auf, das war die erste Enttäuschung, flach und gelb hatte ich mir die chinesische Küste vorgestellt. Ein prächtiges Farbenspicl begann, tiefblau schimmerte das „gelbe" Meer, die Felsen der Schantunaküste waren rot überhaucht von den Strahlen der ausgehende» Sonne. In atemloser Spannung standcn wir aus Teck, ein Stück deutschen Bodens zu sehen. Den schönsten Anblick bietet Tsingtau von der See aus, das wußten wir: schon lag es vor uns, weit ausgedehnt inmitten einer Anzahl grün bewaldeter Hügel: unser deutsches Tsingtau! Grüne Hügel, rote Ziegeldächer, wie zu Hause blaues Meer und strahlender Himmel, das war der erste Eindruck. Langsam glitt das Schiss näher an der Arkonainsel mit dem Leuchtturm und deni kleinen Hasen vorbei. Hunderte schwarzer chinesischer Fischer- dschunken von phantastischer Form belebten die Bucht. Noch wurde unsere Geduld aus eine harte Probe gestellt. Tie Einfahrt bis zum großen Hasen dauert 1 Stunde. Endlich erblickten wir mit dem Glase die am Quai auf uns wartenden ostasiatischcn Freunde. Tsingtau war erreicht. Ein Wagen mit chinesischem, trotz Revolution bezopftem Kutscher brachte uns durch die ausgedehnten Hasenanlagen und durch die sauber mit breiten Straßen angelegte Ehincsenstadt, den sogenannten Ta pautao nach der eigentlichen deutschen Stadt und dem großen, bequem und geschmack- eingerichteten Hotel Prinz Heinrich. Bon jetzt an staunten wir. Schon von der See aus hatte uns Tsingtau durch seine herrliche Lage an den verschiedenen Buchten, mit seinen 12 grünen Hügeln und stattlichen össcntlichen Gebäuden einen großen Ein druck gemacht. In der Stadt vertiefte und verstärkte sich dieser Eindruck beständig. Was bat deutscher Fleiß, deutsche Tüchtigkeit und Ausdauer dort in kurzer Zeit geschaffen! Wo vor Id Jahren noch ein kümmerliches Fischerdorf stand, erhebt sich eine moderne, große Stadt, mit breiten Straßen, schönen Häusern, Automobilen usw. Nur die zahlreichen Chinesen und die Rickschas crinnent daran, daß man sich nicht in Tcutschland befindet. Eines der schönsten Gebäude ist die neue evangelische Kirche aus einem Hügel in beherrschender Stellung gelegen. Alle össcnt- lichcn Gebäude, die Bank, das Gouvcrnemcntsgebäude und andere mehr, zeigen ein echt deutsches Gepräge.
Auf schmalem, teilweise in die Felsen gehauenem Pfad gelangt man zu dem etwas abseits der Stadt liegenden Badestrand. — Wer fahren will, benutzt die ausgezeichnete Fahrstraße nach dem Rennplatz und den Jltiskaserncn. — Am Badestrand trifft sich nachmittags ganz Tsingtau und Erholungsbedürstigc der Küste. Tsingtau gilt als der beste und schönste Erholungsplatz Ostasicns. Ter Forstgartcn landeinwärts hinter der Augusta-Viktoria Bucht bietet herrliche Spaziergänge. Was wird dort nicht alles gezogen an heimischen Früchten und Blumen! Tie Wcihnachts^- bäuine von dort werden bis nach Peking verschickt.
Wir ftihren im Auto nach dem Lauschangebirge, eine andert- halbstündige, hochinteressante Fahrt, durch chinesische Dörfer. aus guter, deutscher Straße. Uebcrall war die Ernte aus osfencr, runder Tenne ausgeschichtct. Frauen, in ihrer merkwürdigen Tracht, in blauen Kitteln und weiten Hosen, die Beine von den Waden bis zum Knöchel mit grünen, roten oder gelben Binden um- tvickclt, säst alle noch ans winzigen, verkrüppelten Füßen, schwerfällig, aber doch schnell trippelnd, und Kinder mit niedlichen, kleinen, abstehenden Zäpfchen, meist ganz nackt, verrichteten die Arbeit. Alte Weiber und Greise sehen zu. Erzählungen aus der biblischen Geschichte werden in einem wachgerufen. Hier drischt ein Ochse die Frucht aus, indenr er eine Stcinwalze übe» die Halme zieht, dort wirst ein Mädchen die gedroschene Frucht hoch über den Kops, damit sich die Körner von der Spreu Irennen.
Charakteristisch für das Lauschangebirge find di« schroffen, hohen .Felswände, die sich zu Kletterpartien und anstrengenden Hochgebirgstouren sehr gut eignen. Für Erholungsbedürftige und Touristen bietet das „Mecklcnburgbaus" bequemes Unterkommen, auch haben viele Familien im Lauschan ihre Sommerhäuser. Wir fanden dort oben prachtvolle Blumen, kleine wilde Jrisb blaue, rundköpsigc Disteln, Astern, Nelken und eine Menge uns ftemder Arten.
Wie im Fluge verging die schöne Zeit. Tagsüber wurden! die Arbeitsstätten Tsingtaus besichtigt: Die Missionen mit ihren Schulen, die Deutsch-Chinesische Hochschule, die Werft und die Hasenanlagen, sowie die Unternehmungen der deutschen Firmen, wie die Germania-Brauerei, die Tampsziegelei von Diederichsen u. Co. und andere. Mends labte man sich an Tsingtauer und Münchener Faßbier bei „Dachsel". Ein Spaziergang aus der großen Mole im kühlen Seewind und angesichts der vielen Lichter der in der Bucht verankerten Kriegsschiffe beschloß den Tag.
Ter Tsingtauer Aufenthalt war zu Ende, nun galt eI. Tsinansu, die neue Heimat, zu erreichen. „Wie heißt der Ort?" — „Das ist ja ein furchtbarer Name!" — „Da wollen Sie hingehcn?" Wie oft Hab« ich das zu Hause hören müssen. Ich muß gestehen, von der chinesischen Handelsstadt Tsinansu mit 100 00Ö chinesischen Einwohnern und einer deutschen Kolonie von 50 Köpfen konnte ich mir selbst keine rechten Borstellungeit machen. Meine Erwartungen waren auf ein Minimum herabgesetzt.
Tie neunstündige Fahrt von Tsingtau landeinwärts in den bequemen Wagen der Schantung-Eisenbahn war hochinteressant. Die Strecke führt durch landschaftlich schöne, abwechslungsreiche und überaus fruchtbare Gegenden. Das herrlichste Obst, Trauben, Birnen und Pfirsiche, wurde an den Stattonen von chinesischen Händlern angcboten. Gegen 6 Uhr abends tauchten die Türme der katholischen Missionskirche von Tsinansu aus. Durch grüne Reisfelder und gepflegte Gärten ging die letzte Strecke. Dann hielt der Zug. Eine Menge Damen und Herren der Welt waren erschienen, um uns zu begrüßen, Kinderhände mit Blumensträußen streckten sich uns entgegen, find überall fröhliche Gesichter, die unS willkommen hießen. Nach Landessitte mußten wir in Sänsten steigen, die Träger hoben an, der Vorreiter schwang sich aus feinen Pony und fort hing es im Geschwindschritt. Zunächst durch Straßen mit chinesischen Läden, Garküchen und Herbergen. Nach einigen Minuten änderte sich das Bild, schöne europäische Häuser in großen Gärten säuntten die Straße zu beiden Seiten ein. Besonders sielen mir das Konsulat aus, die Bank, das deutsche Krankenhaus, die Häuser der großen Finnen wie Car- lvwitz, Diederichsen, Schwarzkopf, Arnhold-Karberg und viele Privathäuscr, die alle dicht nebeneinander liegen.
Es ging mir wie in Tsingtau, der erste angenehme Eindruck durch die herzliche Begrüßung am Bahnhof verstärkte sich von Tag zu Tag.
Die deutschen Hausfrauensorgen fallen hier fast ganz weg, da die aut angelernte chinesische Dienerschaft im allgemeinen vorzüglich für die leiblichen Bedürfnisse und sür die Behaglichkeit der Herrschaft sorgt. Ter Hausfrau bleibt nur die Leitung! und Aufsicht, im übrigen kann sie sich ganz ihren Neigungen widmen. Fast jede der zahlreichen Familien besitzt ihren eigenen Tennisplatz. Dem Tennis sind bis tief in den November hinein die freien Nachmittagsstunden gewidmet. Tie landschaftlich schöne Umgebung Tsinansus bietet reiche Abwechslung sür Ausflüge und Picknicks zu Pferd und zu Fuß. ^Tie bequemen Berg- sänsten — an 2 Tragstangen befestigte Stühle, von 2 Kulis getragen — werden von Damen und Kindern sür den ganzen Sonntag gemietet: der Boy sorgt dafür, daß der Frühstückskorbs mit guten Speisen und Getränken für die Rast gefüllt ist, und dann zieht die fröhliche Gesellschaft los, zu einem buddhistischen Kloster in die nahen Berge, zu einer Treidelbootfahrt aus 'dem! Hsiao ching ho oder zu einem Ausflug nach dem gelben Fluß. Eine zwanglose Geselligkeit, bei der musiziert und vorgelesen wird, vereinigt oft abends die befreundeten Familien; und auch an den üblichen Tamentees fehlt es nicht. Die deutsche Post hält eine enge Verbindung mit der Heimat aufrecht. Dreimal in der Woche trifft Heimatspost hier ein und dreimal geht Heimats- post von hier ab. Wir haben Inlandsporto, wie zu Dause.
Tie Europäer wohnen in der 1906 gegründeten Niederlassung, die von den Chinesen selbst nach modernen Grundsätzen verwaltet wird. Das enge Gewinkel der ausgedehnten Chinesenstadt ist noch vollkommen unberührt von europäischen Einflüssen. Durch lange Vorftadtstraßen. in denen der Verkehr von Rickschas und Lastkarren — andere Fahrzeuge gibt es hier kaum — von Reitern und Fußgängern ganz riesig ist, gelangt man in die etwas breitere Hauptgeschäftsstraße. Dort liegen die vornehmen chinesischen Seidenhäuser, in denen man farbenprächtige Seide und prachtvolle Brokate kaufen kann, dann die Läden, in denen chinesische Altertümer sür oft ungeheure Summen gehandelt werden, Tceläden, Buchhandlungen und andere mehr.
In der Chinesenstadt ist auch die deutsche Schule untergebracht, an der 3 deutsche Lehrer etwa 80 Schüler unterrichten. Im Sommer 1912 ist dort mit ganz kleinen Mitteln ein interessantes Museum geschaffen worden, das von zu Hause rci^ liche Unterstützung verdiente. Wie großzügig die Engländer, durch


