dringenden eigentümlichen ruhigen Blicke, den so leicht niemand vergessen konnte, den er getroffen.

Für seine Jahre war der junge Offizier von einem seltenen Ernst, der ihn älter erscheinen ließ, als er war. Ader die Verhältnisse in seinem Baterhause hatten aus dem sonnig heiteren, sorglosen Jünglinge einen ernsten, ge­reiften Mann gemacht. Sein Vater, ein hoher Minsziger, hatte nach dem Tode seiner Frau nochmals geheiratet und zwar ein armes, aber blendend schönes Weib, das, wie der Sohn bald bemerkte, von raffinierter Koketterie war, und das sich selbst nicht entblödete, ihre Netze nach

ihm, dem schönen Jünglinge, auszuwerscn, der ihr besser gefiel als ihr alternder Gemahl. Er aber wollte ihre! Lockungen nicht verstehen; dafür verleumdete sie ihn beim Vater, der ihren Tränen und Schwüren mehr Glauben schenkte als des Sohnes Manneswort, so daß dieser um Versetzung bat und tief gekränkt die Vaterstadt verließ, in der er damals gerade in Garnison stand. So waren mehrere Jahre vergangen; der Gram über das Zerwürfnis mit seinem Vater, den er so sehr liebte, drückte ihn schwer; er war aber zu stolz, sich ihm ein zweites Mal zu nähern^ da er das erste Mal oank dem Einflüsse der Stiefmutter, kurz zurückgewiesen worden war. Ja, er mußte die kost­spieligere Lmifbahn des Kavallerieossiziets mit der eines Infanteristen vertauschen, während sein Bruder Erwin, der diplomatischer war als er, das Leben in vollen Zügen genoß. Wolf mußte sich sogar einschränken, da ihm nur ein kleines mütterliches Erbteil zur Verfügung stand, denn auf den Zuschuß von seinem Vater hatte er stolz vcr, zichtet. Doch er entbehrte nichts, da er von einer Ivahrhaft spartanischen Bedürsnislosigkeit war.

Sehr häufig wurde er von dem reichsten Bankier der Stadt eingeladen, und es war gar kein Geheimnis, warum die einzige, verwöhnte Tochter des Hauses, eine üppige Blondine, zeigte ihm ganz unverhohlen ihre Zuneigung. Er blieb jedoch gänzlich unempfindlich hiergegen und be­schränkte seinen Verkehr in jenem Hause aus das nötigste. Die schöne Gabriele war untröstlich; bis jetzt war ihr jeder Wunsch erfüllt worden und. gerade dieser eine, der brennendste, sollte unerfüllt bleiben. Sic gelobte sich aber, alles daran zu setzen, sei» Weib zu werden, gleich­viel, ob er sie liebte oder nicht!

Während er selbst von den Frauen vergöttert wurde, machte er sich gar nichts aus ihnen und stand ihnen mit absoluter Gleichgültigkeit gegenüber keiner konnte ihm ein galantes Abenteuer nachsagen, so sehr ihn die Kame­raden auch beobachteten. Doch drohten sie ihm wohl, daß auch ihn einmal das Verhängnis ereilen und Gott Amor sich für diese Geringschätzung rächen würde. Er aber ver­lachte die Warner und meinte, er wäre absolut gefeit!

Doch das Verhängnis ereilte ihn die Liebe kam über

ihn, eine große, gewaltige Macht, gegen die er kämpfte mit aller Energie, die ihm eigen war doch vergebens er unterlag!

Es war in der Kirche. Schräg vor ihm saß ein junges Mädchen. Sie trug ein einfaches schwarzes Kleid und hatte einen englischen Strohhut aus dem blonden lockigen Haar. Halb aus Neugier, halb aus Langeweile beobachtete er, wie ihr Auge voller Andacht an dem'Geistlichen hing. In ihrer Erscheinung prägte sich eine kindliche Unschuld und eine Vornehmheit der Haltung aus, die ihn frappierten. Leider konnte er ihr Gesicht nicht ganz sehen; dafür entschädigte er sich reichlich durch den Anblick ihres Profils, das wunder­bar rein und edel war ein feines, gerades Rüschen, ei» süßer Mund und ein sanft gerundetes Kinn. Er nahm sich vor, das Mädchen nicht aus den Augen zu lassen. Rach Schluß des Gottesdienstes beeilte er sich, den Ausgang zu erreichen, und an der Kirchtür wartete er auf seine Un­bekannte. Schon von weitem sah er sie kommen, und er war überrascht von dem Liebreiz ihrer Erscheinung ein entzückendes, nur etwas bleiches Äesichtchcn, das von einem Paar wunderbarer Augen beseelt wurde. Er trat ihr in den Weg; unwillkürlich blickte sie zu ihm auf groß und voll ruhten da seine Augen auf ihr, daß eine dunkle Röte das lilienweiße Gesicht überflutete; gleich darauf war sic im Gedränge verschwunden und so sehr er sich auch be­mühte, er sah sie nicht mehr. Mißmutig darüber, setzte er feinen Weg fort, darüber nachsinneud, ob er sie wohl Wiedersehen würde. Nachmittags ging er mit einem Kameraden spazieren. Das schöne Wetter hatte die meisten Leute herausgelockt, und große Scharen von Spaziergän­

gern strömten ins Freie. Er mußte noch immer a» da» Mädchen denken ihr Gesicht und der Blick ihrer Augen wollten ihm nicht aus dem Sinn. Wer mochte sie sein?

So schweigsam, lieber Wolfsburg?"' fragte da sei» Be­gleiter in sein Grübeln hinein,Sie denken wohl wieden über eine strategische Frage nach"?"

Nein, Strachwitz, nein! Woran ich denke, das kön­nen Sie nie erraten," lächelte der Angeredete.

Na wenn es Hartleben wäre, würde ich mit Be­stimmtheit behaupten, daß mal wieder ein Weib in seinem Kopfe spuke aber Sie Cato eher glaubte ich and«» Untergang der Welt!"

Wenn es aber doch so tväre?" gab Wolf lächelnd zurück.

Wie höre ich recht Sie, Wölfchen?"

Ja, ja, ich habe heute morgen in der Kirche ein Mäd­chen von so berückendem Liebreiz gesehen, wie noch kein anderes! Der Gesellschaft scheint sie aber nicht anzngehören, sonst würde ich sie kennen." Und er beschrieb ihr Aeußeres so anschaulich, daß Strachwitz einen leisen Pfiff ausstieß und sagte:Ich glaube, die kenne ich und habe sie öfters gesehen."

Ah! ^Und >vo, wenn man fragen darf?"

Doch Strachwitz antwortete nicht, sondern sah ansmerk- sam gerade aus; plötzlich bemerkte er, auf zwei junge Mäd­chen deutend, die ihnen gerade entgegenkamenIst es vielleicht die links?" ,

Ja, beim Himmel, sie ist es," bestätigte Wolf erregt, haben Sie schon je etwas so Süßes gesehen?"

Das Mädchen erkannte sofort den Ossizier vom Vor­mittag wieder und schlug vor seinem beredten Blick errötend! die Augen nieder. Dem Sonntag zu Ehreu hatte sie ein weißes Batistkleid angelegt, in dem sie wie die verkörperte Unschuld und Reinheit aussah. Als si -vorüber war, fragte Strachwitz:

Sie möchten also wissen, wer die Kleine ist? Sie heißt Mary Winters und ist Putzmacherin."

Putzmacherin?" Es klang sehr enttäuscht und fast un­gläubig, wie Wolfsburg das wiederholte.

Ja Putzmacherin in dem Modesalon der Frau Gün- del am Rolandplatz." s

Woher wissen sie das?"

Von Hartleben. Sie wissen, der hat eine scinc Nase und spürt alles aus. Seit März ungefähr ist die Klein- hier - aber riesig unnahbar, wie er sagt! Na, er tmrd's vielleicht aus Erfahrung wissen, schweigt sich aber darüber aus! Leipziger Straße 14, zwei Treppen, bei einer Witwe Müller oder Schulze wohnt sie. Das ist alles, was ich sagen kann! Schade, daß ich kein Weib bin denn Hüte von solch schönem Kinde ausgesetzt bekommen, muß doch eine Wonne sein!"

So plauderte er, während Wolssburg halb zerstreut zu- hörte. Also Putzmacherin war sie schade! Und er seufzte unwillkürlich auf. Strachwitz sah ihn von der Seite an.

Nanu wem galt der Seufzer? Doch nicht etwa dem kleinen Mädel von vorhin? Sie werden ja ganz roti ei, ei, mein lieber Freund!" Und scherzhaft drohend hob Strachwitz den Finger. Aber des anderen Gesicht war sehr ernst als er sagte:Strachwitz, ich bitte Sie, lassen Siö das! Es tut mir weh! Das Mädchen ist so süß und hold, daß ich es auf der Stelle lieben und heiraten könnte!"

Mensch, warum den» gleich so gründlich? Sie könne» die Kleine doch auch sonst lieben und anbeten! Muß man denn immer gleich an .Heiraten denken? Glauben Sic, diese kleine» Mädchen denken selbst nicht daran ach, und ich sage Ihnen, sie können so süß und heimlich küssen! Weg doch mit der Schwerfälligkeit, Wölfchen genieße» Sie Ihre Jugend; erwerben Sie sich die Gunst jener Kleinen, ivenn Sie Ihnen so gut gefällt Ihnen wird es ja nicht schlver fallen. Tie Weiber loarte» ja nur aus Sie! Jenes kleine Mädel wird Sie auch nicht gleich nach dem Standesamt frage»! So etivas liebt man ivohl, aber man heiratet es nicht, und, glauben Sie, 's ist eine der größten Himmels- gaben, so ein lieb Ding im Arme zu haben!" Das sagte Strachwitz in seinem gewöhnlichen, etivas srivolen Tone, während er unternehmend das blonde Bärtchen zwirbelte.

Strachwitz," sagte da Wolfsburg stehe» bleibend und ihm ernst ins Gesicht schauend,Strachwitz! haben Sie sich denn auch ernstlich überlegt, was Sie da sagen? Sind Sie sich nicht der Frivolität bewußt, die in Ihre» Worten liegt?" (Fortsetzung folgt.)