Mgur, aper es ist doch mrr ein passiver Mist. 'Man geht nachts vor, kriecht inr Schlamme über Rübenfelder und, wenn sich das Wunder vollzieht und man wird itid)t 30—i0 Meter vor dem Feind durch einen Kugelregen überrascht, der eine Kompagnie von 25 Mann in einigen Minuten wegmäht, dann kann man aus den „»sichtbaren Deutschen schieben. Bis jetzt habe ich noch keine F-urck: gehabt: ich rühme mich dessen nicht, aber ich bin ttond.nn glücklich darüber. Jede Nacht eine Hölle von Geschossen, und diese Löcher, worin sich der Soldat versdestl, sollen sie ihn nicht an das, aus dem man nie wieder herauskommt, gewöhnen?
Hollands militärische Vorbereitung.
Berlin, 24.Nov. Der „Perl. Lokal-Anz." meldet aus Rotterdain, daß Holland die Jahresklasse 1915 für Mitte Dezember einberuft.
Ein dänisches Ausfuhrverbot für Pferde.
Kopenhagen, 23.Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Die Regierung hat heute ein Ausfuhrverbot für alle Pferde erlassen.
General v. Francois Führer der VIII. Armee.
Danzig, 23. Nov. Wie die Danziger Zeitung mitteilt, ist der bisherige Kommandierende General des 1. Armeekorps v. Frangois gleichzeitig mit General v. Mak- kensen, der zum Führer der neu gebildeten 9. Armee ernannt wurde, zum Führer der 8. Armee befördert worden. Zum Kommandeur des 1. Armeekorps ist General v. Kofch, bisher Divisionskommandeur in Posen, ernannt worden.
Berlin und Budapest.
Berlin, 23. Nov. iW. B. Nichtamtlich.) Dem Oberbürgermeister W e r m u t h ging vom Bürgermeister Dr. B a r c z y - Budapest solgendeS D a n k t e l e g r a m m zu: Gerührt und gehoben, dankt unsere Stadt sür die Umbenennung einer bedeutsamen Hauptstraße der stolzen Rcichshauptstadl aus ihren Namen, wie auch sür die bundesbrüderliche Wertschätzung unserer Nation, welche die geneigte Verständigung Eurer Exzellenz in so edlen Worten bekundet. In Bewunderung und Anhänglichkeit der deutschen Macht und Tugend verbunden, setze» wir unser Bestes ein für die höchsten Güter, denen das herzliche und freundschaftlich« Einvernehmen unserer Städte sür immer lvährendc Zeilen Hort und Wehr bieten möge.
Kein Mangel an Acrzten und Pflegepersonal.
Rcichstagsaba. Prof. Dr. Werner schreibt uns:
Die wiederholten Klagen darüber, daß es iin Felde an Aerzte» und Pflegepersonal fehle, veranlagten mich, beim twiLgsnrinisteriuin vorstellig zu werden. Ich erhielt daraufhin unterni 17. Novenrber folgende Antwort:
Die Angabe, im Felde mangele es an Acrzten und Pkleae- versonal, toährcnd ii,t Hrimatsgcbiek noch verfügbare Kräfte unbenutzt vorhanden seien, kann in dieser allgcmciven Form als richtig nicht anerkannt werden. Tie Zahl der iui Felde stehenden Aerzte und Pfleger hat sich bisher durchweg als ausreichend erwiesen: wenn in einzelnen Fällen unvorhergesehenen groben Ver- mundctcnzugangs Anforderungen des Feldsaiütätsckiefü ergangen find, so hat diesen bisher ausnahmslos enlsprochen werden können.
Dast sich im Heimalgebiet noch versügbarc Aerzte finden, ist richtig, ihre Zahl loird indessen von Tag zu Tag geringer, da der Bedarf mit der wachsenden Zahl der errichteten Lazarette und der zunehmenden Ausdehnung der Elappenlinie ständig grüner wird. Sämtliche Meldungen von Acrzten ach einmal zu berücksichtigen, ist nicht möglich, da einerseits sonst ein Teil von ihnen ohne hinreichende Beschäftigung sein ivürde und da andcrerseils eine Anzahl dieser Meldungen an Bedingungen geknüpft ist iBcrwendung in bcstiinmten Formationen, ans bestimmten Abschnitten des Kriegsschauplatzes usw.), die sich nickst immer ohne iveiteres erfüllen lassen. Schließlich ist ein nicht geringer Bruchteil der.sich zur Verfügung stellenden Aerzte nur für das Heimatsgebiet bereit und geeignet.
Es ließt, so fügt der Einsender hinzu, wohl im Sinne der Allgemeinheit, ivenn diese amtliche Darlegung weitesten Kreisen bekannt wird. Daß Aufklärung in dieser Beziehung nötig ist, zeigt folgende Mitteilung vonr 18. Nov. aus Bad-Nauheim: „Im großen Bad-Nauheim hat mrni mir etwa 800 Betten zur Verfügung m i t 20 ord i n i e r e n- jden Badeärzten mit 15 Mark Honorar täglich. Hiervon könnte die Hälfte als selddiensttauglich in der Front Bertvendung finden, deren Ersatz durch noch unbeschäftigte Kurärzte reichlich ausgesüllt würde." i •
Die 5chweiz verlangt Genugtuung.
Bern, 23. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) (Meldung der Schloeizerischen Depeschenagentur.) Am Samstag über» tflogcn einige englische, vielleicht auch französische Flugfahrzeuge von Frankreich her kommend schweizerisches Gebiet. Sie griffen hierauf in Friedrichshafcn die Zeppelin-Werften an. Angesichts dieser offenkundigen Verletzung der schweizerischen Neutralität hat der Bundcsrat die schweizerischen Gesandten in London und Bordeaux beauftragt, bei der britischen und französischen Regierung energisch zu protestieren und für die Verletzung der schweizerischen Neuttalität Satisfaktion zu verlangen.
Die japanische Boktöstimmung gegen den Krieg.
Berlin, 24. Nov. (Ctr. Mn.) In Japan macht sich mach iu Berlin eingetrosfenen ostasiatischen Blättern eine starke und steigende Bewegung gegen den Krieg bemerkbar. In Tokio zu Tausenden beschlagnahmte 'Aufrufe verlangen, man hätte statt oes Vorgehens gegen Deutschland lieber die Frage der Mandschurei und Moru- igolei crusrollen sollen. Äe iapanisckst Regierung stehe ofsen- char im Solde Englands, für das Japan nur che Kastanien Aus dem Feuer holen solle. Biele derartige Proklamationen haben Eingang in die Kasernen gefunden, und auch in der Prirsterschaft herrsche Mißstimmung gegen den Krieg. In 'Osaka entfalte» Agitatoren eine besonders lckhafte Tätigkeit, namentlich unter den Arsenalarbeitcru, die aufgefordert werdru, sich der neue» Mongolenbcweguug anzu- schließen und die Regierung zu stürzen, die Japan unter die jAbhängigkeü von Europa bringe.
Ariegsbriefe au§ dem Westen.
Von unser nr Kriegsberichterstatter.
Ktabercchtigtrr Nachdruck. auch ausz»gSweise, verboten)
In der Kampfeslinic bei Reims.
Großes Hauptquartier, 18. Nov.
Wenn Jcanne d'Arc von ihren- Sockel vor der Kathedrale in Reims stiege, um den »achsen. welche sic dort ^besucht haben, als nöllichc Französm eine Geqcnvisüc in der Schützengrabenlinie östlich der Siadt zu machen, so würde sie erstaunt sein, wie sich die Gegend verändert hat. Die flachen Hügel der Champagne sind
schon seit Monaten zu einer ganz sächsiichen Gegend geworden. Ter tvang der Kricgscreignisse hat die sächsischen Regimenter genötigt, sich in cinein weit ausgedehnten L veralionsgebiete für lange Zeit festzusctzen, und da haben sie sich denn so häuslich eingerichtet, wie es nur möglich war.
Wie in der Völkerwanderung die nach dem Westen vordringen- den Germanen ihren Wohnsitzen so gern die Namen aus der allen Heimat gaben, oder wie die Einwanderer in Nord-Amerika ihr Schwarzwaldstädtchcn oder Heidcüors aus der Landkarte neu zu Ehren kommen ließen, so haben die reisigen Sachsen ein Stück der Topographie ihres Königreiches auf die Champagne übertragen. Das ganze ausgedehnte Operationsgebiet ist mit Wegweisern versehen, die nicht nur gut deutsch sind, sondern manchmal sogar starke Leipziger oder Dresdener Dialektanklänge aufweisen Und die Jäqcrbataillone haben bei der Benennung der neu angelegten Waldpfade der Sehnsucht nach den schönen heimatlichen Bergforsten ganz rührend Ausdruck gegeben.
Ter Miltclounkt dieses neu-sächiischen Landes, dessen Karte in der Kriegsgeschichte eines der humorvollsten Blätter bleiben wird, ist aber nicht etwa Nru-Tresden, Neu-Leipzig oder Neu-Ehemnitz, sondern der „Döhenlustkurort Oberbärenburg". So heißt jetzt ein Platz an der höchsten Geländererhebung, von deren Gipset man einen entzückenden Rundblick weithin über die Umgebung hat und von wo aus man einen große» Teil der kriegerischen Vorgänge wie in einem Panorama überblicken kann, wenn das Wetter Uar ist. Trotz dieser hervorragenden Lage bieten die nahe dem Gipfel mündenden Bodencinsenknngen auf Kilometer im Umkreise die größte Sicherheit gegen die schweren Geschosse, mit denen der Feind fortwährend das ganze Gebiet bestreut. Deshalb sind hier oben die Rastorte sür die von mehrtägigem Aufenthalte in den Schützen- gräben abgelöstcn Truppen und die Erholungsstätten für Leicht- erkranlte. Ganze Straßcnzügc von Höhlenwohnungcn winden sich an den Berghängen hin und schmale Fußpfade führen bald zu Einzelhäuechen, in denen nur ein paar wegen ansteckendem Schnupfen abgesonderte Insassen wohnen, bald zu größeren Schlasgebäuden und geräumigen Versammlungshäuscrn, wo die gesamten Mahlzeiten eingenommen und die langen Tage mit fröhlicher Kurzweil, einem Männerskat und Gesang gekürzt werden.
Ter Weg von hier bis zur vordersten Schützengrabenlinie ist noch ziemlich weit. Aber dank der guten Markierung kann man ihn nicht verfehlen. 'Man muß nur immer den Wegweisern zur „Einsiedelei" folgen und sich an der Abzweigung des Pionicr- wcges, dcr zum Pionicrdepot führt, und des Feldküchenwcgcs, der beim Abkochvlatze endet, immer geradeaus holten.
Tie „Einsiedelei", die viel bewunderte .Höhle,willa des Majors von Einsiedel, ist der Mittelpunkt eines ganz neu erschlossenen unterirdischen Kulturzentrums. Bis hierher reicht das Telephon, welches die vorderste deutsche Schützenlinie mit dem Brigadekom- mando und mittelbar aus langen Drahtstrecken durch das Opera- tionsctavvengebiet hindurch mit dein Heimatlandc und mit dcr Reichshauvtstadt Berlin verbindet. Hier steht die hölzerne „Litfaßsäule". an der täglich die Berichte des großen Houptguartiers »nd eine Reihe anderer Kriegsnachrichten angeschlagen werden. Auch die neuesten Zeitungen, welche die Feldpost bringt, werden hier zur allgemeinen Kenntnisnahme ausgehängt. Leider sind sie meist schon recht altbacken geworden, ehe sie hierher gelangen. Aber den aufmerksamen Leser hier oraußen entschädigt die Stimmung, die ihm aus unseren deutschen Blättern entgcgenweht. Er wird froh in dem Bewußtsein, >oie unerschütterlich fest die Lieben zu Hause an den sicheren Erfolg ihrer tapferen seldgraucn Jungen glauben, und er freut sich, daß er, wenn auch etwas später, doch alles das zu lese» bekommt, was Mutter daheim int Lehnstuhl gelesen hat, als sie ihm die dicken Mnterstrümpse strickte. Als ich an der Litsaß- säule bei der „Einsiedelei" stand, war gerade eine von uns mit- gebrachtc Berlüter Zeitung neu aufgchängt worden, aus der ein Gefreiter etwa 20 Mann vorlas, die sich lautlos um ihn drängten, und nur hin und wieder seine Worte mit einem kurzen Ausruf der Zustimmung oder Begeisterung unterbrachen. Und ich freute niich des Anblicks, der eine so schöne Illustration der großen Aufgabe der Presse war, und war stolz, daß auch wir Presseleute dem Vaterland »ach bestem Vermögen Kriegsdienste leisten können. Denn wie könnte diese große überwältigend starke Stimmung, die das Ausland in Staunen und Furcht setzt, so fest geschlossen erhalten bleiben, wenn nicht die Verbindun zwischen der kämpfenden Truppe und der in stiller Arbeit sie untersrützenden Heimat immer wieder durch tausende von neuen Fäden erhalten bliebe!
Tie „Einsiedelei" ist so recht ein Beispiel für die in den Feldpostbriefen in der Front so ost geschilderten und mit vollem Rechte gerühmten Bauleistungen der im Schützengraben liegenden Truppen, Von außen läßt der mit Rasenstücken bedeckte Erdhaufen nicht ahnen, >oic viel Behaglichkeit und beinahe Schönheit er eifersüchtig in seinem Inneren verbirgt. Es gehört sogar einige Geschicklichkeit dazu, um durch den engen und niedrigen Eingang in das Znnevc zu gelangen, aber dann steht man in einer kleinen mit Baumstämmen gestützten Holle, deren Decke von Rrmdhölzcrn getragen und verblendet und deren Fußboden mit Wellblech belegt ist. Das meiste Ausstattuugsmobilar ist aus Naturholz, aus verschlungenen Arsten imd KaumwurzÄn, sehr stil- mü> lunstvoll gebaut. Jin Schneiden blitzblanker Bretter aus grünem Holz scheinen unsere Pioniere Näeester zur sein. Aber der eigentliche „Komfort", mit dem hier nicht etwa gespart, sondern der eher in einer überbunten Mannigfaltigkeit angehäiist ist, tarn nicht den Anspruch machen, bodeuwüchsig zu sein. Man hat oielniehr meilenweit von den verschiedensten Stellen aus bat von den Franzosen selbst zerschossenen Dörfern berbeigetragen, was irgend dienlich sein konnte, um Gliederreißen und Rheumatismus obzuwehren. Ntotratzcn, Säcke voll Heu und Stroh, vor allem aber Tücher, Docken und Teppickw jeder Art, ein mehr als mannigfaltiges Gei,risch: und dock» ist das Ganze so zweckmäßig imd behaglich geordnet, daß Man sich in dein unterirdischen, durch einen schmalen verglasten Svalt beleuchteten Raume sofort in einer gemütlichen Reibestinnnung befindet. Mau vrogißt ganz, daß der Danpttzwak der Anlage die Sicherheit gegen die soNwciirrend drohenden Sprcngstücke feindlicher Geschoss« ist und daß die nieter- l»och init Balken und Erde bclcgte Decke gegen Volltreffer doch keinen Schutz bieten kann. Für die Heitzung ist sehr gut gesorgt. Bor kurze,» sind aus der Heimat einige hundert kleiner gußeiserner Oeien von besonderer Art ein getroffen, die mit jedem .Heizmaterial gespeist werden können »mb deren Rauch m langen Erdkanälen niedergesckilagen wecken kann, so daß «r dem Feind kein Ziel bietei. Wenn es aber nebelig oder regnerisch ist, oder wenn die Tämmernnß herabsinkt, dann kommt neben dem deutschen Ofrn dcr französische Ktamm zu Ehren, der weiß und elegant, wie ans Marmor gemeißelt, in den Kreidemergel hineingestochen ist. lind beim Knistern dcr Scheite kvinmen dann die Kostbarkeiten der Billa aus ilnrn verborgenen Nischen Hutter den Vorhängen zum Vorschein: ein gutes Buch, eine Flasche Landwein, oder gar die bei sparsamer Benutzung unglaublich dauerhafte Flasche Rum oder Kognak, aus welcher der T« gewürzt wird.
Au solchen imtewtt Schönheiten wette,lern mit der Einsiedele, eine Reihe benachbarter Villen, so die Villa „Waldsricke", deren Name freilich ein« hunwristische Eontradicnpn ist, denn sie lieg, sehr urttvicklich mitten in, französisch-englischen Schußfeld«: tue „runiänischc Hütte", di« ihre Bezeichnung davon hat, daß als Kronleuchter ein paar Faßreifen dienen, wie cs imch den Versicherungen der glaubhastesten Ethnographen dieser Gegend in Rimränien üblich sein soll; und das ,/rltdeutzsche Bierstübcl", das wirklich die gemütlrckrsle Kneiphölfle der Welt trotz Auerbachs Keller sein kümur, wenn nur die Hauptsache vorhanden wäre, dcr hier völlig zur Sage gewordene braune Stoff,
All diese Bauwerke sind van sächsischen Oberjägern entworfen und ausgesührt. und es ist schade, daß nicht eines von ihnen, so nüe cs steht und liegt, in das deutsche Klqiegsmukeum überführt werden wird, welches wir nach dem Frieden bauen wecken. Denn diese Erdwohnungrn sind Denkinäler deutscher Kultur, die sich n, Ehren sehen lasten dürfen.
Freilich, so gern das an die Grauen des Krieges gewöhnte und durch die Brandruincn ehedem blühender Dörfer und Städte bis tzum Abscheu übersättigte Auge aus diesen Stätten einer selbst im Mauffvurssloch sieghaltrn Lebensbejahung vcrwellt, so darf doch nicht t>er Anschein erweckt werden, als ob dies« unfreiwillige Wildwestromantik in Wirklichkeit einen Ausgleich gegen die stetige Lebens- und Gesundheitsgefahr bieten köirnt«. Man könntc in
diesen Erdlvohnungen ebenso gut an die unterirdischen Totenhäuser
denken, die manche Völker des Altertums und heute noch der sibirischen Ltcppc für ihre Totgeloeihten erbauen. Wie unsichtbare Lemuren lauern Rheumatismus und Erkältung hinter den bunten Teppichwäicheit, und jeden Augenblick kann eine Granate einichla- gcn, welche den ganzen Märchenzauber in ein zngcschüttctes Grab verwandelt.
Eben, als ivir durch einen Annälurungsgraben der vordersten <ock:ützcnl,nie zustrebtcn, begannen trotz des dichten Nebels einige schwere französische Batterien ihr dröhnendes Tonnerlied. Doch galt ihr Schießen cüiem anderen Teile der Front. D>e Leute, die ivir vorne ini Schützengraben trafen, ließen sich denn auch durch das Gebrüll der ehernen Schlünde nicht im mindesten in ihrer Ruhe stören. Tic nieisten lagen gemütlich in Decken gehüllt aus dicken Strohschütten in den splitteriichcren Unterständen und srculcn sich der Ruhepause, die ihnen dcr düstere NovemibeNag venchasst hatte. Auch als kurz darauf aus sehr naher Entfernung das Knattern französischer Jnsantcriegewchrc losging, so daß die Kugeln dicht über unsere Köpfe sausten, waren ivir Kriegsberichterstatter als srenche Gäste in dieser einladenden Gegend die Einzigen, die davon Notiz nahmen. „O, das ist weiter nischt", versicherte nur ei» dicker Landwehrmanit. „Ta ist eine französische Patrouille unterwegs, und wenn die Kerle gar nischt anders zu tun haben, knipsen se c bischen herüber. Wir antworten gar nicht, denn bei dem Nebel wäre das Munirionsvcrschweichung. Aber man tut doch besser dran, seinen Kops nickst zu zeigen, sondern sich ein klein wenig niedcrzuducken." Ueber die Kriegslage in diesem Kampfgebiete gab mir ein anderer von den Schützengrabenrnsassen solgende sehr zutressendc Darstellung: „I, mtzr brauchen doch denen nich zu kommen, die müssen doch uns kommen, mir könnens abwarten." Und man ahnt nicht, ivas sür eine Selbstbeherrschung in diesen Worten bei Leuten liegt, die dem Feinde so nahe gegenüber stehen und die brennend gern an ihn hcranmöchten, namentlich an diel Engländer, die sich säst nie zeigen, deren Lydditgranaten aber von Zeit zu Zeit aus weiter Ferne herüber kommen. Ein Aschbecher aus der verbogenen Wandung einer englischen Lydditgranate gehört, wie cs scheint, zur Ausstattung jeder besseven unter den beschriebenen ErdvUIen.
Uebrigens ist der Aufenthalt im Schützengraben durchaus nicht
so langweilig und eintönig, wie es scheinen möchte, sondern von Zeit zu Zeit wird sür eine WWechslung gesorgt. So hat man kürzlich einmal auf einer Stelle des Kampsgebictes sehr geschickt einen Rückzug markiert. In der Meinung, daß die Schützengräben verlassen seien, kam eine Schar Turkos angcstürmt und sprang mit wildem Sicgrsgeheul in die Gräben. Da kamen aus ihren Schlupflöchern die Sachsen heraus und sagten als höfliche Leute: „Nun entschuldigen Sie gütigst, meine Herren, daß mii auch noch da sind," und nahmen die ganze Bande gefangen. Die Schwarzen waren mit ihrem Pech nach der ersten Berblüsfung ganz zufrieden und freuten sich, daß sie in gute Gefangenenlager kommen würden, denn sie waren alle von dein ihnen unerträglichen Ncbetwetler furchtbar erkältet, und einige schüttelten sich vor Ficker.
Ein andermal wucke durch einen Handstreich der nächst gelegene französische Schützengraben genommen. Bon den Gesangenen erfuhr man, daß eine Patrouille unterwegs war. die sogleich crntreffen mußte. Man verhielt sich also ganz still. Bald erschienen drei Rothosen, die mit einen: Sachsen, der sich eines der Käppis der Gesangenen aufgesetzt l»atte, einen fröhlichen Gruß tauschten mtb mit lautem „bon soir les camerades" ahnungslos in den von den Deutschen besetzten Graben hüpften. Sie wurden sofort gckackt, und man fand bei ihnen sehr wichtige Befehle, die über einen beabsichtigten Vorstoß des Feindes Sluskunft gaben. Dieser konnte dann ohne alle Verluste von unserer Seite blutig abgewiesen wecken.
Gönnen wir unseren tapferen Jungen im Schützengraben, daß sie recht ost solche Freudcntage erleben: denn so manckwn, der über den wohl gelungenst Turbo sang herzlich mit gelacht hat. deckt schon das Heiden grab. Hinter den Schützengräben ist ein Frick- hof angelegt, wo mancher, der mitrr den Fröhlichen dcr Fröhlichste war, den ewigen Schlaf schläft. Die Gräben liegen nr Reihen, nrrt Tannenhaumchen und Astern, welche wert anö den Gärten der zerstörten Dörs« hergeholt surd, liebevoll bepflanzt. Jedes Gvab ist eingefaßt mit „Ausbläserti", den nicht zsrm Platzen gekommenen frantzösisckien Geschossen, mit denen dos ganze Operationsgebiet so dicht übersät ist, daß man kaum wenige Schritte gehen kaim, ohne aus erneu zu stoßen. 'Aus bem weißen Krcide- stein haben kunstfertige Kameraden den Gefallenen schöne gs- meißelte Grabdenkmäler errichtet breite Kreuze mit einem Palmcn- zwaig davor oder Obelisken mit dem Eisernen Kreuz, Heldenmal«, me blank auffeuchten in den nebelverschleierten Gesbilden der Ehaurpague. Und auf den Inschriften stehen unter dem Namen und dem Truppenteil des Gefallenen lies cingeschnitten die Worte zu lesen: „Schflas in Frieden. Auf Wiedersehen!"
W. Scheuer mann, Kriegsberichterstatter.
A«r Stadt «nd Land».
Gießen, 24. November 1914.
**DerLaudesverein vom Rotr n Kreuz erläßt im Anzeigenteil der vorliegenden Ausgabe einen Aufruf, ihn bei der Weihnachtsbeschcrung der hessischen Truppen weitgehend unterstützen zu wollen. Der Landesvcrein hatte die Absicht, mit seiner Wcihnachts-Liebesgaben-Gen- dung auch alle ihm übergebenen mit einer persönlichen Adresse versehenen Pakete zu befördern. Neuere, höhere Verfügungen schreiben aber eine andere Regelung vor. Es findet nunmehr in der Zeit v o m 23. b i s z u m 30. dS. Mts. ein« Weihnachtspaketwoche statt. In dieser Zeit können Liebesgaben für einzelne, gleichgültig, ob sie bei einem hessischen oder einem anderen Truppenteil im Feld stehen, ausgegeben werden bei der Post l25Psg. Potto): in der nämlichen Zeit auch beim Paket-Depot in Darm- stadt (portofrei), hier jedoch mrr für die im Friedensbereich der 25. Division ausgestellten Truppenkörper. Bei beiden Beförderungsarten geben über Jnhall, Verpackung und Adressierung die Organisationen des Roten Kreuzes und die Post- arrstalten Auskunft. (Wir werden in dcr morgigen Nummer die ausführlichen Bestimmungen zur Kenntnis bringen. Die Redaktion.)
Es dürfen aber auch diejenigen Soldaten nicht leer ausgehen, die aus irgendwelchen Gründen von Angehörigen Weihnachtsaaben nicht erhalten können; ferner sollen bedacht werden die in den Lazaretten des Kriegsschauplatzes untergebrachtcn Verwundeten und Kranken, sowie das tätige Pflegepersonal. Für dirse alle will d a s R o t e Kreuz sorgen. Es wird daher dringend gebeten, dem Rote n K r e u z Liebesgabe» zu schenken. Zu Liebesgaben eignen sich besonders: warmes Unterzeug, Leibbinden, .Kniewärmer, Stauchen und Handschuhe, Ohrenklappen und Taschentücher; ferner Tabak, Pfeifen, Zigarren, Feuerzeug (ohne Benzin), Honigkuchen, Weihnachtskerzen, hart geräuchette Fleisch- warcn, Schokolade, Kakao, Tee, Seife, Lichter usw. — Nicht befördert lvcrden Fett, ungcräuchcrte Flcischwareu und Streichhölzer. — Der Landesverein erbittet diese Liebesgaben entweder verpackt in Pakete ohne den Namen eines Empfängers oder lose verpackt in Kijben oder Säcken, spätestens bis znm 2.Dezember. Nur durch das Rote Kreuz und die Militärbehörden ist eine gleichmäßige Verteilung der Liebesgaben an alle möglich; nur so kann verhindert werden, daß einzelne Truppenteile Ueberfluß haben und andere Mangel leiden.
** Stadttheater. Die unter Leitung von Direktor Steinqoetter sorgfältig vorbereitete Fest- und Wohltätig- keits-Vorstellung ain Mittwoch verspricht nach dem Ergebnes der Proben eine abgerundete Leistung. In den Haupttollen sind außer dem ktzast beschäftigt die Herren Steinhoser, Bitteck, Dworkowski, (Zoll, Grosser und Stcingveltcr, sowie die Damen Stettner, Frcnzel und Schild,


