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ttachzitterte in dem Kämpfer. Die 'Gier nach Rache. Und — der Wahnsinn. .
„Nun — es wäre kein Wunder, hättest du ihn wirklich verloren. Ich habe eine Flasche Branntwein im Proviantsack im Schlitten. Komm, Mann! Stärke dich!"
Stepan atmete tief auf und schüttelte den Kopf.
„DF— bist — Paschkin?"
„Ja, ich bin Paschkin," rief der Gouverneur ungeduldig. „Und ich wünschte, Mann, du würdest nicht steif wie ein Götzenbild dastehen und mich anstarren, als könntest du nicht bis drei zählen. Hast dich vorhin rührig genug gezeigt. Trinke einen Schluck Branntwein, Mann, damit du wieder zum Leben kommst, und dann hilf mir, nach dem Kutscher zu sehen. Wir wollen ihn mit in meinen Schlitten tragen und rhu mitnehmen, fei er nun tot oder lebendig. Wir müsse:: die Pferde neu anschirren und werden daun zusammen weiter- f'ahren. Und nun sage mir endlich, wer du bist, woher du kommst, und wohin du gehst. Wer bist du, Mann?"
„Ich bin Stepan Jline!"
13 .
'Der endlose Weg des Mannes mit dem Teu-- selspaß endet im Schnee der Großen Steppe...
„Jline? — Jline. . ." wiederholte Paschkin zögernd, in seinem Gedächtnis suchend, denn der Näme JUne kam ihm bekannt vor, obgleich weder der Mann noch der Name bestimmte Vorstellungen der Erinnerung in ihm wachriefen. Schon seit Jahren hatte er den widerspenstigen Gouverne- mentsrat nnd die für ihn ersonnene Strafe vergessen. SV viele and>ere Männer waren widerspenstig gewesen seitdem und bestraft worden — „Jline — heh?"
„Stepan Jwanowitsch Jline."
„'Gut, Stepan Jwanowitsch. Ich werde dich belohnen. DU bist ein braver Mann."
„Exzellenz kennen mich?"
„Nein. Ich kann mich! nicht entsinnen, dich früher schon
K " len (gut hohen. Doch kenne ichtzdichs jetzt ünd ich lverde alles einer Macht für dich tim." i „Ich bin Stepan Jline aus Irkutsk, Exzellenz." „Ans Irkutsk .‘l"
^Stepan Jline, der Sohn des Schmiedes Iwan Jline—!" „Der Schmied —
„Stepain Jline, der Schimied, Exzellenz —- der Mann, dessen Leber: Sie zerbrachen!"
Jline — Schmied — zerbrochenes Leben-Paschkin
trat einen Schritt znrück, entsetzt über das Drohende in dieser heiseren Stimme und das Flackern dieser Augen. Der Mann war ein Narr! Wahnsinnig mußte er geworden sein in dem Kamps mit den Wölfen!
„Nicht von der Stelle!" donnerte Stepan Jline. Puschkin stand wie gsebannt. \
„Ich bin der Mann, Exzellenz, der in Ihrem Rate saß; ich bir: der Mann, den Sie nach Wersmsk sandten; ich bin der Mann, den Sie dazu Verurteiltem mit einem teuflischen Paß heimatlos nmherzuirren —
„Ah — — —!" stotterte Paschkin.
Nun wußte er, inet dieser Stepan Jline war; wußte es nur zu gut, und zum erstenmal in seinem Leben packte den harten Mann die Furcht.
„ — ich bin der Mann, dessen Vater Sie töteten, dessen Weib Sie nmbrachten, dessen Kinder Sie mordeten!"
Mit unheimlicher Ruhe hatte Stepan gesprochen. Nun aber packte ihn die Wut des Wahnsinns —
„Du Hund von einem Mann !" brüllte er. „Dü — du bissiger Hund — du toller Hund! Weißt du jetzt, wer ich bin?"
„Rebell! Verdammter Rebell!" schrie Paschkin.
„Ja, du beißender böser Hmid! Du mußt sterben. Seit sieben Jahren habe ich aus dich gewartet und seit sechzehn Tagen bin ich dir über die Stepper: gefolgt, und! zmn hübe ich dich! Sterben nmßt du! Meine Axt soll dich töten. Einen Hieb für meine Kätia — einen Hieb für Kätinka — einen Hieb für der: kleinen Stepan —"
Er schwang die blitzende Axt.
Paschkin tvandte sich und rannt« dem Schlitten zu, brüllend wie ein wildes Tier vor Mut und Angst. Eine Waffe — eine Waffe, bei allen Heiligen — wo fand er eine Masse? Ah, der Kutscher hatte doch einen Hirschfänger gehabt! Der mußte irgendwo im Schnee liegen. Eine Masse —- eine Waffe, um aller Heiligen willen, sich gegen den Wahnsinnigen zu verteidigen!
Doch Stepan war schneller. ,
Er sprang mit einem gewaltigen Satz' vorwärts' Und stürzte sich, aus de!n Mann, der einst in schlafloser Nacht den Deuselspaß m:sge klügelt hatte. So stark war der Anprall, daß beide Märmer in den Schnee rollten. Doch, Stepan stand sofort wieder ans den Füßen unb das schildere Stück Stahl der Axt sattste nieder —
„Rebell tz- brüllte Paschkin aellend.
Der Hieb war ihm tief tu die Schulter gedrungen ahn mit letzter Kraft schnellte er empor und stürzte sich blindlings mit der: bürsten Fäusten ans den Wahnsinnigen! in der armseligen Hoffnung, ihn an der- Kehle packen zu könne::, noch, ehe die Axt zum zweitenmal fiel.
In Stepans Llügen sprühte es.
Ein krachender Schlag — ein zweiter — ein dritter h
-Hieb auf Hieb oann. Und eine blutende Masse, dis
einst ein Menscher ärd ein harter Mann mit starken Leidenschaften gelvesen war, lag still im Schnee. Stepan beugte
sich nieder u:rd starrte und starrte, .
*
lind mit einemmal zuckte Stepan Jline zusammen und' ließ sich schwer in dem Schnee fallen und lächelte blöde vor sich hin, denn in seinem Gehirn hatte sich einer jener blitzschnellem geheimnisvoller: Vorgänge abgespielt, die nach langem, kaum merkbaren: Wachsen und Werden im Bruchteil einer Sekunde den Wahnsinn in einem Menschen aus lösen Er lachte, er lajllte, er neigte sich wiegend vorwärts und rückwärts. Dann seufzte er tief auf und brach in Tränen ans, ohne zu wissen, weshalb er weinte. War nicht die Welt so sonderbar leer und still geworden nr:d war nickst der Schwee so tveiß und so kalt und so fürchterlich einsam . .
Dann wieder kam das blöde Lächeln in sein Gesicht und mühselig richtete er sich aus nrtt> stand schwankend da. Da fiel sein Blick auf die beiden Wölslein, die lläglich winselten und ungeschickt am Blut des Dserdeteibes deckten. Lache lick)
i sing Stepan hin und nahm die Tierchen auf und steckte ie in die weiten Taschen seines Pelzrockes und streichelt^ re zärtlich.
„Kleine — braune — Brüder — für — Katinka
>-1 — t ‘ lallte er vor sich hin
Und dann schlief er ermattet ein, mit einem glückseligen Lächeln auf den mageren, verhärmten Zügen, und balhj rieselten die Schneeflocken wieder herab aus dem Grau deL Himmels.
So endete der endlose Weg . .
*
Zwei Tage später jagten die Küriere nach« Sankt Petersburg mit schrecklicher Kunde. Der große Paschkin war in der Steppenwüste zwischen Zerskajo und Senandria im Schneesturm von einer ungeheuren Schar Wölfe überfallen Uno zerrissen worden. Er und seine Leute. Die Leichen, waren bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt und angefressen.
Ein schwerer Schlag für das Heilige Rußland H so sagte, man am Hose von St. Petersburg.
Zigeuner.
Vor: Otto A l s che r.
(Nachdruck verboten.)
In den Dörfern hämmerte die Toäka. Es war ein helles, taktmäßiges Rattern, das der Märzwmd dahin nnd dorthin - trug und in das wellige Gelände verschlug. Kam man aber auf eine Höhe, so war der Laut wieder da, hell und singend und sich weit hinauswiegend, so das; man nicht glauben konnte, das; es nur hölzerne Klöppel seien, die auf ein Buchenbrett schlugen.
Das war der Monat, wo sie zum Wandern erwachten. Die Tschale, die Kukuya, die Leila und Aschani. Tie vier Stämme der Wauderzigeuner Siebenbürgens. Jede Viertelstunde rasselte ein Wagen, von kleinen Pferden gezogen, von einer eigentümlichen Unrast getrieben, vorüber, mit klappernden, weit aus den Wagen herausstehenden Zeltstangen und einer Lhrzahl wirrhaariger Köpfe. So stürmten sie hm, und es schien, als fühlten die Pferde ebenso ihr Zigennertum wie die Menschen in: Wäger:.
Wenn fie aber bei eilten: Dprfe lagerten, saß alles vor der: Zelten. Nicht mehr um das Lagerfeuer im Zeltinnern waren, sie versammelt, in den Sonnenschein kauerten sie sich; halb oder, nackte Kirrder, rancheiche Männer und Weiber, Greisinnen, mnmieiiw Haft vertrockrrer, Wesen, deren Augen allen: Leben bezeugtest^ seltsam tierische und rassewilde Augen, die das Einzige sind, bas unverwüstlich im Verfall des Körpers "besteht.
Silbergepanzert schärfte:: die Gürtelberge Siebenbürgens herab, und es war, als führten alle Wege, alle Straßen, die von weit hinten ans dem Tiefland kamen, diesen Bergen p. Als stürmten


