XAM -» WtlM
« 4 »
Die Radier.
Roman von Herm ann Wagnern (Fortsetzung.)
„Und werden Sie mich — vielleicht — einmal. . lieben?"
„Vielleicht" sagte sie.
Er spürte es, wie ihm ihr Atem entgegenwehts, und fragte: „Darf ich Ihren Namen nennend
„Ja," sagte sie iveich.
„Lucie..."
„Komm, — komm näher!"
„Darf ich dich küssen?"
„Ja, küsse mich!" —
Es war finster um sie, und die Zeit rann lautlos an ihnen vorüber. Es war eine lange Spanne Zeit, denn es schlug irgendwo plötzlich zwölf. Mehrere Stunden waren sie beifcnirmett gewesen.
„Die Klosterkirche," sagte sie, „es ist Mitternacht."
„Ein neuer Tag beginnt," sagte er, sich erhebend und aus ihren Armen lösend, „ein neuer Tag für mich!"
„Mir uns beide" sagte sie, „ein neuer Tag für uns Heide..
Sie ließ ihn hinaus.
Prokop erwartete ihn noch rurd nahm ihm stumm die Kleider ab.
„Du," sagte er zu ihm, — du hast; eine neue Herrin..
Prokop antwortete nicht, sondern verbeugte sich nur mit einem respektvollen Lächeln, — einem Lächeln, das wissend war, obgleich es keirren Ausdruck hatte.
15. Kapitel.
Der Mai ging setnern Ende zu, die Wiesen standen üppig und schrien nach der Sense, die Bäume waren längst verblüht, setzten Früchte an, und die Schneemassen der hohen Tauren schimmerten bläulich durch die Dunstschleier der heißen Tage.
An Reisner waren alle Sehnen gespannt, und er spürte, wenn er die Arme reckte, jenes prickelnde Verlangen des Körpers, das nach Betätigung drängt.
Vier Jahre habe ich verschlafe! r, dachte er, nun brauche ick vier Jahre doppelter Arbeit, um das nachznholen, was ich versäumt habe.
„Ich kann ohne Arbeit nicht länger fern," sagte er eines Aberchs zu Lucie, „wollen wir nicht unser Zelt abbrechen und dorthin ziehen, wohin wir gehören?"
Sie verstarrd ihn sofort ltnb nickte ihm zu. „Wir reisen KV, sobald du Lust hast."
„Morgen
„Gewiß, morgen."
Da gab er Prokop rroch am gleichen Abend Anweisung, Vw Koffer zu packen und fiir den nächsten Morgen einen
Wagen zu bestelle, der sie nach Spittal zur Bahn bringen; sollte, unb als es dunkel war, stieg er in ein Boot, um eirr letztes Mal auf der: See hinauszufahren, denn seine Arme brauchten Anstrengung und Bewegung und sein vor Freude wirrer Kopf sehnte sich nach der klaren und linden Nacht, über der der Himmel wie ein unermeßliches schützendes Dach hing, das von dem Glück und dem Frieden der Welt jede Störung fernhielt.
Er ruderte tveit hinaus, ließ dann die Ruder fahren, streckte sich im Boot aus, die Arme unterm Kopf kreuzend,' und ließ die Augen in der schwarzblcmen Wölbung ertrinken, in deren ttesste Tiefe sie hinabsanken, ohne doch je auf einen Grund zu stoßen.
Glück ist Ruhe, dachte er, und in mir ist keine Empfindung so stark tote die, daß mein Herz nach langen Kämpfer: und Wirrnissen ruhen kann, daß es weder vorwärts, noch rückwärts schaut, sondern in sich selbst Genüge findet. Ich bin glücklich
Er ließ diesen Gedanken nur zaghaft in sein Bermrßtsein dringen, fürchtend, daß er, indem er aus der Nacht in den Tag trat, sich als ein Irrtum erweisen könnte, belacht von dem bleichenden Licht des Tages, das ihn zersetzte.
Allein es rvar Nacht, Nichts rührte sich, und er hatte! feine Ursache, sich zu fürchten. Eirr linder Wind streichelte das Wasser, das friedfertig mit ihm sprach und dessen Wellen ihm murmelnd darin recht gaben, daß er. wenn auch noch schüchtern, an sein Glück glaubte.
Er griff wieder in die Ruder und fuhr das Ufer an. Mit langsamen, zögernden Schrttten ging es zum Seehos hinauf. Zwei Fenster im rechten Flügel waren noch ev- teuchtet. Sie, dachte er, sie...
Er gab Prokop den Auftrag, ihn zeitig zu wecken, schlief darauf die Nacht hindurch Ute tot und machte frühmorgens rroch einen raschen Spazrergang auf die nahen Hänge der Berge, wo er, was er an Blumen fand, pflückte, fttm es Sucre beim Frühstück zu überreichen.
Gegen nenn Uhr fuhr der Wagen vor, und es ging, als sie etnstiegen, nicht ohne Umständlichkeiten ab, da der Wirt, dessen Hotel immer noch leer war, es fiir angebracht hielt, seine frühen Gäste besonders zu ehren.
Prokop saß neben dein Krttscher ans dem Bock; in seinem Gesicht bewegte sich keine Muskel, als er die gs- röteten Gesichter des Dienstpersonals sah, das Spalier gebildet hatte und verschämt die Hände ausstreckte, die sich sofort krampfhaft schlossen, sobald sie das schuldig« Trinkgeld spürten.
Sie fuhren den Lieserbach entlang, über das holprige Pffaster des Städtchens, an eurem uralten Schloß vorrei, dessen vornehme, jedoch abbrxkelnde Mauern von Tagen erzählten, die gewesen waren und die nie wieder kamen.
„Alte Zeiten" sagte Reesner, „Erinnerungen an wesenes, Geschichte, die rnodert, — ich liebe das, was lebt und leben macht! Mir wird es manchmal schon schwer, an


