Roman aus Sibirien. Von I. Oxenham.
* Autorisiert — Nachdruck verboten.
(Schluß.)
Da wurde der Kutscher niesergerissen.
Der Mann hatte sich die Zügel um den linken Arm ge- tvickelt und sein Möglichstes getail, die bäumenden mrd wud um sich schlagenden Pferde zurückzureißen und an Ort und Stelle zil halten, während er mit dem Hirschfänger in der Rechten sich gegen die Wölfe verteidigte, so gut es ging. Doch die Zügel hinderten ihn. Plötzlich wurde er vom Bock gerissen, vlumfte kopfüber hinab in den Schnee, und in dem Bruchteil einer Sekunde hatte sich eine Schar wütend zw- schnappender Wölfe auf den Unglücklichen gestürzt. Stepan konnte ihm nicht zu Hilfe eilen. Ihn selbst bedrängten die Wölfe hart. Und er mußte über Puschkin wachen. War es jenem Mann beschieden zu sterben, so mochte er sterben; denn helfen konnte er ihm nicht und hassen tat er ihn ja nicht wie den Teufel Pafchkin, der um jeden Preis den Wölfen entrissen werden mußte, um einen anderen Tod zu sterben; jenen Tod, den der Rächer sieben Jahre lang erträumt hatte.
Der Mann im Pelz war ein Kämpfer. Fortwährend durchzischten seine geschickten Degenstöße die Luft und es war ihm'bis jetzt auch mit Mühe und Mt gelungen, sich tue Bestien vom Leibe zu halten. Doch feine Waffe eignete sich nickst für diesen Kampf. Auf einmal hörte Stepan einen schrillen Ruf des Schreckens — einen Fluch . . .
Stepan Jline wandte den Kopf. ^ ^
Puschkins Degen hatte einen riesigen Wolf un Sprung durchbohrt und die gewaltige Bestie mußte sich im Todesi- kampf aufgebäumt und überschlagen haben, denn der Degen war im Getümmel bis ans Heft abgebrochen. Wehrlos stand der Mann im Pelz da, ein Stück Stahl m der Faust, kerne fünf Zoll lang, und. stieß wütend mit bat schweren Stiefeln nach den hungrigen Bestien, die an ihm emporsprangen.
Gin uiigleicher Kampf, der nicht lauge wahren konnte, das wußte Pafchkin. Er wußte, daß er dem Tode naher war als je zuvor in diesen Minuten höchster Gefahr, und wehrte sich verzweifelt mit Händen und Füßen. Seme Faulte fausten auf Wolfsschüdel nieder. Da stürzte sich em riesiger Wmf aus ihn, verfehlte seine Kehle um einen Zoll, verbiß fuy ut den Pelzkragen, und riß ihn vornüber in den Schnee-—
Mit einem furchtbaren Aufschrei sprang stepan June ans dem Schlitten; denn lieber tvvllte auch er sich von Wvlfs- gebissen zerfleischen lassen, als die Rache feinen Hw.lden entgleiten sehen. Neue Berserkerwut kam über ihn. Er hieb — er schlug — er hackte — er wütete wie em Wahnsinniger — et duckte Paschkm und w«f den schweren Mann ut .den Schlitten, als sei sein Gewicht nicht großer als dav nnev Kindes
blutende
Die Wvlfsleiber türmten sich auf. Zwanzig und mehr nde Körper lagen um den Schlitten und oa und dort
schlich ein schwarzer Schatten sich heulend und winfelnd da- von über den Schnee. . . Ein einziger Wolf war nur zurückgeblieben und zerrte an dem toten Pferd, nngeharrk! Fleischstücke hinabschlingend. Stepan hob die Axt. Das Tier starrte ihri aus glühenden Augen an, fraß aber unbeuimmert weiter in seinem Hunger, und es war Stepan, als liege em sonderbarer Ausdruck stummer Angst und stummen Vorwurfs in diesen Molfsaugen. Das schwere Stück Stahl.fauste nieder und spaltete dem Tiere den Schädel.. Als es hinftürzte, sah Stepan unter seinem Leib zwei winzige Wolssjnnge, cue immer noch gierig an der toten Mutter saugten.
Der Kutscher lag im Schnee, zwischen den,Husen der Pferde, die vor Entsetzen zitterten, aber still dastanden, als scheuten sie sich, aus den Mann im Schnee zu treten. Stepan wußte nicht, ob der Mann tot war oder lebte. Noch kümmerte er sich darum ...
Langsam schritt er auf den Schlitten zu.
Pafchkin saß keucheiid da, im Sitz zurückgelehnt, pur- purrot vor Anstrengung und Erntattung.
„Bei Gott, Mann," stieß er hervor, „ihr seid furchtbar, ihr beide — du und deine Axt. Du hast mir das Leben gerettet. Du bist wahrlich ein Kämpfer!"
Stepan Jline gab keine Antwort, sorrdern starrte wortlos in das Gesicht seines Feindes, den er zum erstenmal seit neun Jahren wieder sah. Pafchkin hatte sich wenig verändert. Er war nur stärker geworden; das Gesicht mit dem roten Bart voller. Selbst jetzt jedoch, nach Stunden des Kampfes ums Leben, lag in diesen harten Augen das alte Herrische, Brutale, Zwingende. ^
„Sieh nach bent Kutscher!" befahl Pafchkin.
Stepan rührte sich nicht. .
„Wer bist du, Mann, mtd wie kamst du hierher m die große Steppe gerade noch zur rechten Zeit, mir das Leben zu retten? Weißt du, tver ich bin?" Und Pafchkin stieg müde und schwerfällig aus dem Schlitten.. _
Stepan starrte ihn an und ferne Finger Mosten sich mit eisernem Griff um den Stiel der Axt.
„Wer bist du?"
Keine Antwort. . _ , f( .
Ein wenig verwundert, zu dankbar jedoch, fich über diesen Riesen zu ärgern, der ihm das Leben gerettet hatte, trat Pafchkin näher und sah sich den sonderbaren Mann an, der auf keine Frage antwortete und nur mit glühenden Augen starrte. Unwillkürlich prallte er einen Schritt zurück vor diesen Augen — c
„Was fehlt dir?" ries er erschrocken. „Bist du verwundet? So antworte doch! Bei Gott — er hat den Mrstand verloren über dem Kampf mit den Wölfen!"
Stepan richtete sich auf.
„Nein; den Verstand habe ich nicht verloren," flüsterte er endlich und seine Stimme war rauh und heiser — eine gebrochene Stimme, aus der die Leiden imb die Einsamkeit und das gierige Warten all dieser Jahre klangen. Biel lag in dieser Stimme. Die blutige Lust des .Wvlfstampses, die noch


