Ausgabe 
2.11.1918
 
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Schinüner Mudierrder Lichtkegel mrd der iwtoimiöt Luft des mr ge­heurer, von zahlkoseu Menschen erfüllten Raumesi m die halb- bomfte Ecke. ' ^ t

Es war mitten wahres der Märregevorführnn gen, der dre Besichtigung der Raritäten vorausgingi. , Draußen über dem Rund der geharkten Manege flogen dieSechs Schüvesstru der Lust" in -ehn Meter Höhe von einem schwingenden Trapez zum andern. ^

Der Klown Zecw warin vollem Kriegsschmuck". wie er ut humoristischen Augenblicken zu sagen Pflegte. Tie Schnrinke glänzte auf seinen Backen, die vom vielen Ausblähen well geworden waren. Er hielt die Reifen in der Hand und blinzelte mit einem Auge seinem Hnirde zu. Jir fünf Minuten, wenn die fliegenden Schtvestern den Todessprung erledigt hatten, kanr seine Num'Mer an die Reihe.

Henri) war inZivil". Er hatte die Hände in die Taschen des lbeberziechers geschoben, der seine dürre Gestalt umschlotterte. Tie Beine gekreuzt, stand er lässig da, eine rricht brennende Zigarette zwischen den nervösen Lippen. Er war frei in diesen Tagen. Aoer Wie alle Arttsteir trieb es ihn trotzdem zu eiuem wenigstens kurzen Bestich in den Zirkusrärmren. Austcrdein befand sich! unter oerr von Trapez zu Trapez schvebenden Damen seine Frau Fleurette.

Wann gehsts wieder.los?" wiederholte Zecco. .

Henry schob die 'Zigarette von ei nenn Mundwinkel xm den iarrdern.Ueberrnvrgen". erwiderte er.Tiesntal gehe ich für neun Tage in das 'Glashaus. Ick) will versuchen, meinen ngenenl Hrrnger-Rekord um einen Tag zrr schlagen."

Zecco iviegst den breiten Kopf, ioahrerst, er dem unruhigen Hund einen siemrdschaftlichen Tritt gab.Warum"?

Erstens gibt's GagenerhöhUrrg. .loenn ich durchyakte. Und »werttns hat rnan doch seinen Ehrgeiz, nicht wahr?"

Ten verlernt man.mit der Zeit, mlein Junge. Aber werm Uran eine Frau hat wie Fleurette, trotz ihres hohen Emkommens, darru karru man die Gagenerhöhuirg allerdings gebrauchen."

Er brach ab. Beide Mämrer richteten sich unwillkürlich straffer, während sie lauschten. Die IRusik hatte ausgesetzt. Tie Hauptvor- führirng der sechs Schwestern, die mit denr Todessprung ab schloß, hatte begonnen. Jetzt spielten die Geigen rvieder; aber ganz, ganz leise

'In drei .Mnnten kommt der kritischste Augenblick." sagte Zecco.»Daß Tu dabei so ruhig bleiben kannst . . ."

Henry hob die eckigen Schultern.Sie hat der: Trick m gut heraus; ich weiß, daß ihr nichts geschehe,r kann, lind auMrdem ich habe den kritischsten Augenblick mit Fleurette schon butter mrr.

Und wann wäre chas gewesen?" ^ , ,

Bor einem Jahr ungefähr. Ernen MMrat nach unserer

^ Die Geigen draußen wiederholten beharrlich immer dasselbe süße Vdotiv. ^

Zecco lchitte sich Mrück: ..Erzähle.

Ich war irrsinnlich verliebt natürlich. gab damals meine erste große Produktiv als HungerkünUer. Acht Tage ohne Essen und Trinken im Glashaus eingesperrt das hatte noch sturer ineinex Kollegen fertig gebracht. Es handelte sich i« daber um Me Nötigm Gelder für meinen neuen Haushalt. Wenn es gelang, sollte ich'nämlich zum ersten Mal Stargage esthalten. Außerdem' war da Noch eine Wette. Tie Ankündigungen, inden Zeitungen hatten vrel Aussehen gern acht, und ein reicher Kaufherr von Boston dort nrfr gwctfccvucttctc fünftemfcitb Softer, bciB inj niiujt anshalten würde."

und?" , ,

"Ich saß bereits den achten. Tag im Glashaus. Die einzige Tiir"plombiert, Tn imißt sckMr. Ich gestehe: ich war rasend ver­liebt in Fleurette. Nervös wegen der Trennung, trotzdem sie alle ixten? ©hmfocit tiür bet§ Wetshrns fönt, ich beittc ein eit

eifersüchtigen Verdacht. Ich hatte das GestM, daß der neue Ober- stallmeister nrn Fleurette heruinschlich, na, und da ist inan natür-

' DenN) Oso^ vergeblich an der feuestlosen Zigarette.'Dann strhr

^ ivar drei Uhr nachmittags. Die Raritäten-Wteilum, war

leer; Tir. weißt 'ja, daß der Einlaß gewöhnlich unr Fünf beginnt. Um Acht sollte vor versammeltem Publikum meme Befteruus ftattstndcn. Mir ivar bereits schwach germg zu Mute, trotz allein Training - das kannst Tn rnir glauben. Aher rch wußte: noch wer Stunden dann waren die Stargage und Me fünftausend Dollar gewoiineil >

Mo ich lag da, auf dem Feldbett in deni verdanMllen Glas­kasten, und versuchte M schlafen. Da kommen aus dem Garderoben- raum zwn Gestalten. Ein Mann und erne Frau. Sie btteben ziem­lich iveit von, Glashaus in einer Msche stehen. Dre Beleuchtung war imgewiß. Aber ich hatte in dem Mann doch gleich den Stall­meister erkannt." t

Und die Dame?"! . . .. , . .

Die Dame was glaubst Du? Sie trug ernen Hart, der ver­dammt so aussah, iost der neue, den ich vor kurzem Weurette ge­kauft hatte . . . .! Mine Gefühle kannst Du Trr vorftellen! Un- jinöglich, das GeMt zu erkennen. Sie wandten mir beide den Rücken. Der Stallmeister will sie küssen, aber sie deutet Mrürtt T'g inacht er kehrt und konsiist tziinn Was'hsins, Ich driicke natürlich

die Mgen zu, als ob ich schliefe. Darauf ging er wieder zuruck, tzm« das P ärckon flirtete, daß mich oie sinnlose fiAut pachte. Da er faßte sie urn die Taille. Ich springe auf, mit z'wei Sätzen bin ich! tau der Glaswand." ! > .

Henry atmete laut und erregt in der Erinnerung.^ ttJch weiß es noch, als 'wäre es eben erst gewesen. Ich merk die Farrst hoch, um die Wand zu duvchschlageir und mich Mif dre beiden zu stürzen. Da fuhr es mir rme Irrsinn durch den, Kops: wenn du das Glashaus verläßt, wenn die Wand eirien einzigen Sprimg aufweist, find die ganzen Qualen der acht Tage unr)onft gewesen. Dre große Gage, die fürrsiausend Dollar alles zum Teufel! Und die Blamage! Die Blamage! ....

Da küßte er sie. Ich konnte nicht anders: ich schwarrg ichon deir Arm da wandte sie sich um, und ich fuhr noch in der letztens Sekunde zurück. Tie Frau rvar die Schulreiterin Baisy" . ..

Draußen in der Manege hörte der GeigeirMcler mit einem Ruw auf. Ein prasselnder Trommelwirbel: der Todessprung wurde ausgeführt. ., . w< ^ ,

Und der Hat?" brüllte Zeeco. unr sich verständlich zu rnachem' Ter Trommelivirbel war zu Ende. T'er Todessprung glücklich vorbei. Tie Trapezuunrnrer war aus. Jetzt prasselte Beifall.

Ten Hut hätte Fleurette der Daisy geborgt," eyviderte Henry, indem er ruhig zur Seite trat, um seine Frau und die fünf anderen Künstlerrn'.ien vorbei zu lassen. . ^ ,,

Das ivar allerdings ein kritischer Moment, mein Jurrge, sagte der Kloivn Zecco. T!ann rief er fernen HundWez" zu und' machte einen Purzelbaum in die Manege. - j ^ *

Allerlei Aeitimgsleser.

Bon Hans Natonek.tzl /'

Der Neberschristenleser.

Er ist selteii Wonnent; wozu auch. Täglich um die gleiche Stunde flitzt er a,i der gleichM Ecke vorbei: hier hangt in einem Schaufenster irgendein Blatt aus. Es 'kann auch acht Tage,alt fern, das tut nichts: er bleibt stehen und liest. Genau dreißig Lekunden fertig. Sein Blick springt vor, Ueberfchirist zu Ueber,christ. Dann koiiimt ein verächtlicher Zug in fein Gesicht:,Wieder nisckit neies," bruinmt er und sttirntt weiter. Er rst einer lener unangenrhmcu Leser, die die Zeitung dafür verantwortlich macherr, daß nicht alle Tage große See- Mid andere Dvegednnnestchen . Aber iviewoU er immer errttäufchit ist, kündet er ferner Ecke doch nicht dasAbonnement". Was unter der Ueberschrist steht, in­teressiert dieser Leser gar nicht, für ihn spiegelt sich dre Wttt- gefchichte in Ueberschristzeilen. Ihm verwandt rst dererlrge Lesett ; er hält zwar ein Blatt, aber nur, um es nicht zu lesen. Oder zumindest hat er seinen Inhalt in drei Minuten verschluckt. Ev liest die Zeitung, wie der Springer im Schachspiel springt: immer liber zwei Felder. Eine Abart dieser beiden ist jene Gruppe vmr nrcht sticht zu hesriodigAiLen Lesern Mmeist aber sind es Leserürnen die' eine ganz bestimmte Nachricht vorr ihrem Blatt erwarten^ die JMiensnachrrcht.Andres woll' mer gar nich lesen", Oder; Herr Mdaktär, warunr tun Sie denn nich eMrch> ämal den Fried'n hineilsietzen". O Logik der F-raner! Aber vielleicht lmben sie gar u'cht so unrecht mit ihrem starken Friedensempfmüen, das die Werm Bedingtheitm einfach, über dm Haufen -virft Ja, warum tun wir demr eigentlich nicht endlich einnral den Fneden» hineinfetzm? .

Der Grundüche.

Er ist gleichsam das Gewissm der Zeitung. Er schivört auf sein Blatt, und nichts kann ihn mehr ergrimmen, als wenn es sich einer Fehler (oder das, was er dafür halt) zufchnwenl kommen läßt. Er schreibt keine Briese an die Redaktion, sondern kommt nnt hochpotem Beschwerdekopf persönlich herauf. Stets trägt er eine Nummer des Blattes in seiner Brutasche; dre zuckt er, je nachdem, als Beversnnttel gegen den Wrdersgläubrgen, um rhu zur Meinung des Leibblattes zu besthrerr, oder er faltet schweren - Herzens rvnd vorwurfsvollen Angesichts seine Zertrrngsnrrmmer vor dem Redakteur auseinander, unr Rechenschaft und Erklärung über einerMißgriff" von ihm zu fordern. Dieser gcwsistrrhafte Abonrrent lieft das Blatt Zeist für Zeile.. Ihm entgeht kern Drrrcksehler, kerne Zerlenverstellurrg, und er runzelt ärgerstch Dre Stirn, werrn er solche SÄOnhertsfehler findet. Ganz Grundstche sammeln ihre Zcitmrg oder zrrmindest Ausschrrtte aus ihr. Mit Argusangm verfolgen sie die Richtlnrim des Blattes und setzen sich mit allm Fragen, die in ihm aufgetoorstn werden,,ausernander. Er ist esir fchjivierigLr Leser, der Gründlrche, well er, fernem Blatte nichts aacksiieht; er wlll, daß die Zeitung ferne Liebe und Achttmg verdiene, rmd deshalb ist er das wertvoll Ist Elemerrt der Leserschaft.

Der Tyrann.

Tie Presse eine Großmacht? Nurr, es gibt Abonirenterr, die der Großmacht auf der Nase herumtauzen. Für . - Mark . .Pf. mo­natlich. So billig kommt man sonst nicht dazu, fern Herrlwergclust befriedigen zu kömreu! Was so ein achter Zerttrrrgvtyramr rst, glarrbt, durch die MbmrnemettKgebühr mcht nur ern Recht aus den Bezug der Z-eittmg, sondern auch Anspruch dararrf zu haben,, ihre: polllikche RichtrMg zu besstmumr mrd ihren Inhalt rrmh fernem