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bei Gott, antworte, verfluchter Hund, oder —^ " Md einer der Kosaken riß eine Pistole hervor.
-La lachte Stepan gellend auf und peitschte wütend auf feine Pferde ein. Er hatte -kein einziges Wort gesprochen. Der Knall eines Schusses erdröhnte, doch die Kugel pftss harm- los an seinem Kopf vorbei, und er war schon längst, rn dem Lobenden Weiß verschwunden, als der zweite Kosak fernen
Karabiner in Anschlag brachte-
„Mögen Gott und alle .Heiligen uns schützen!" rws der Mann, die Waffe sinken lassend. „Das war kein Mensch ! Das war der Teufel!" , „ . ,,
„Er sah aus iute ein Mensch. — der verdammte Hund," fluchte sein Kamerad. . ,. w
„Nein —' wie ein Teufel! Ich habe chm m bte Augen gesehen, Bruder. Es war der Teufel!!"
.... Hätten Stepans arme Pferde denken können, so würden auch sie's vielleicht gedacht haben, daß der Teufel selbst es sei, der ihnen heute im Nacken sitze, denn unablässig klatschten wütende Peitschenhiebe auf ihre blutenden Rücken Nieder, bis sie wie toll vorwärts rasten, ihre Müdigkeit vergessend über den Schmerzen. Auch den Mann, der die Peitsche schwang, schmerzte jeder Schlag — ihn, der all sein Leben lang gut und weichherzig allen stummen Geschöpfen gegenüber gewesen war —- doch in seinem Hirn hatte in oiesen Minuten nur eilt einziger Gedanke Raum: Irgendwo da draußen im Weiß war Puschkin. Er fieberte in der Eises- Wte. Seine Augen glühten. Immer weiter raste er. Eine Stunde lang. Zwei Stunden lang.
Da hörte wie mit einem Schlag das Tosen des Stur- mes auf, wenn auch die Schneeflocken noch in dichten Wolken herab rieselten, und sein Gesichtskreis erweiterte sich bedeutend. Die Pferde jagten noch schneller vorwärts, als hätten sie neue Hoffnung geschöpft, und ihr Lenker beugte sich wert vor, krampfhaft hinausstarrend in die Schnee- wüste. Auf einmal fing sein Ohr einen langhingezogenen Ton auf, der weder klingenden Schlittenglocken noch dahnr- pfeifendem Wind im geringsten ähnlich klang — ah, wie gut er diesen Ton kannte! — diesen heulenden Ton, der dumpf begann, um sich zu einem immer schrilleren Gellen zu steigern. Gekläff dazwischen. Kurzes markerschütterndes Aufheulen! Das waren Wölfe, und Wölfe, die ihr Wild gestellt hatten und sich um die Beute stritten — kein Rudel auf langer Jagd oder einsame hungrige Herumtreiber; nein, Wölfe im Kamps... ■ _
„Paschktn!" murmelte Stepan vor sich hin. „Mein Gott,
Paschkin ~ J ‘
Mein Gott, wenn die Wölfe ihm zuvorgekommen waren und wenn Teufel Puschkin ihm entgehen würde nach all den langen Jahren! Einen Augenblick lang noch horchteer —
ha >-- ein Dröhnen, ein Knall — Schüsse... Ah, wenn
Puschkin es war, so lebte Puschkin noch, Gott sei Dank!
Wieder raste die Peitsche auf seine Gäule nieder und wie toll jagten sie vorwärts, um sich auf einmal entsetzt aufzubäumen, denn sie witterten das Verderben. Dunkle Ge-
t alten lösten sich aus dem Weiß. Ein Schlitten stand dort n Schnee inmitten einer wilden Kampfszene. Zwei Pferde bäumten sich und schlugen und bissen um sich, während an dem dritten Pferd, das gesttirzt war, ein Dutzend hungriger Bestten zerrten und rissen. Andere Wölfe umtobten den Schlitten, in dem ein Mann in Pelzen stand, der sich mit der Linken krampfhaft an die Schlittenbrüstung krallte und mit dem Degen in der Rechten sich geschickt und kaltblütig gegen die anspringjenden Wölfe verteidigte. Der Kutscher auf dem Bock hockte zusammengekauert da, ein Bild der Furcht, zu entsetzt, um seinen kurzen Hirschfänger wirkungsvoll zu gebrauchen.
Das alles sah Stepan Jline mtt einem einzigen Blick, als er heransauste.
Sein Schlitten rannte ein halbes Dutzend der Bestten über den Haufen und er mußte mit Riesenkräften in die Zügel reißen, bis es ihm gelang, die Pferde zum Stehen zu bringen. Er sprang herab, riß die Axt aus dem Gürtel und rannte zu der Stelle des Kampfes zurück, schreiend, ohne daß er es wußte — ein Toller, ein Wahnsinnigjer . . .
Den ersten Wolf, der an ihm emporsprang, stieß er mit einem gewaltigen Fußtritt beiseite, daß das Tier heulend vor Schmerz über den Schnee kollerte — dem zweiten schlug er mit der Axt den Schädel ein. Endlich hatte er den Schlitten erreicht, sprang hinein, und beugte sich vor, bis
fein Gesicht dasjenige des Mannes irn Pelz fast berührte =3
„Bist du Paschnn?" brüllte er.
Unwillkürlich wandte der Mann ihm sein Gesicht einen Augenblick lang zu und Stepan Jline schrie laut auf — ah, es — war — Paschkin. . . Paschkin so bedrängt von den Wölfen, daß er dem neuen Kämpfer nur kurz zunicken und ihm mit einer Bewegung der Hand, die den Degen führte, einen Kampfplatz an seiner Seite anweisen konnte. Stepan Jline aber jubelte gellend auf und sprang mit einem gewaltigen Satz an dem Gouverneur vorbei aus dem Schlitten.
Mitten unter die Wölfe stürzte er sich und ließ die hoch- geschwungene Axt auf Leiber und Schädel niederdröhnen — wehe der Bestie, die den Mann aupacken wollte, dessen Leben ihm gehörte! Sollte ein Pack von Wölfen ihn nun nach all diesen Jahren um seine Beute betrügen! Nach sieben Jahren des Wartens! .
Sausende Kreise beschrieb unaufhörlich die blinkende Axt und die Wvlfsleiber häuften sich am Rande dieses Todeskreises und die hungrigen Bestien fltichteten heulend vor diesem furchtbaren Mann und seiner furchtbaren Waffe, um sich von neuem auf Pferde und Schlitten zu stürzen. Aber Stepan Jline war wieder der tobende Berserker der Paßstraße geworden: noch tobsüchtiger, noch blutdürstiger, noch fürchterlicher als damals in dem Kampf für Weib und Kinder. Das Blut kochte ihm in den dldern und wilde Schauer rannen ihm durch Rücken und Schenkel, während er umherstampfte, brülleno wie ein Besessener, und rechts und links auf zuckende Wvlfsleiber einhieb und die Bestien, die an ihm emporsprang, abschüttelte, als seien es Kätzchen. Er stemmte sich gegen die Seite des Schlittens. Solange das schwere, blitzende Stück Stahl am langen Stiel in seiner Hand sich unaufhörlich hob und senkte und in blutendes Fleisch und knirschende Knochen fuhr, vergaß er fast, daß Leusel Paschkin es war, neben dem er kämpfte. Er stählte nur, daß er den Tod in seinen Fäusten schwang.
Er hörte nichts als Molfsgeheul, er sah nichts als Wölfe, er dachte an nichts als an die Bestien nrit ihren blutigere Lefzen und den Augen, die wie glimmende Kohlen glühten, und freute sich über nichts als das Todesgewinsel der Steppenteufel, wenn seine Axt sie mordete.
An die Kehle sprangen sie ihni, die Bestien mit den gefletschten Zähnen und den kratzenden Krallen und den Mvrd- augen, die bald rot wie Feuer glühten, bald in grellem Grün aufschimmerten — die hungrigen Teufel der Steppe, die verzweifelter, gieriger, mutiger um die Beute kämpfen als irgend ein anderes wildes Tier — würdige Gegner wahrlich eines Berserkers. Stepan Jline lachte laut auf, wenn er die Axt kürzer faßte und sie krachend auf die Schädel niedev- sausen ließ mitten zwischen die bösen Augen mit ihrem Rot und Grün. Wie er sie haßte — ihren stinkenden Atem — ihre stinkenden Körper — die kratzenden Krallen — die schmutziggelben Zähne . . . Und immer wieder hob und senkte sich die Axt und immer wieder brüllte der Mann, der sie führte, in gellendem Jubel, in wilder Lust.
„Mann — wir fangen an, Lust zu bekommen," schrie Paschkin triumphie rend.
Die Seite des Schlittens war von Wölfen gesäubert, denn Jline und Paschkin und der Kutscher zusammen hatten fast zwanzig der Bestien schon getötet. Ein Dutzend Wölfe wühlten in den Eingeweiden des gefallenen Pferdes, sich beißend und zankend; andere sprangen gierig am Kutschersitz empor; andere wieder schlichen sich schlau auf die rechte Seite des Schlittens, um dem Mann im'Pelz in den Rücken zu kommen.
Schon war es einem Wolf gelungen, in den Schlitten zu klettern und sich in Paschkins Pelz zu verbeißen, als Stepan herbeisprang und mit einem gewaltigen Hieb dem Tiere den Schädel zerschmetterte. Wütend schlug er um sich und rechts und links brachen die Bestien zusammen, in den Rachen noch das warme Fleisch des gestürzten Pferdes . . . , (Schluß folgt.) v f
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Der kritischste Augenblick.
Bon Alfred Bratt. f. (
" „Wann gehis wieder los ?" fragte Zecco. , * >
Ter Komi Zecc-o und der Hnngerkünstler Henry standen hinket der Portiere des Stalleinganges, der am anderen Erde in die Manege des Riesen-Wanderzirkns Barrmm mrd Bayly mündete? Bon draußen tonte ein aufreizend lang gedehnter Walzer, und ivenNl einer der Stallknechte im Vorbeigehen die Portiere ein memg ansflattern ließ, drang eine stärkere Mnsikwelle zugleich mit einem


