Samstag, drn 2. November
Der endlose Weg.
Roman aus Sibirien. Von I. Oxenham.
Autorisiert — Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Ja., das ist schade," lächelte Stepan. „Ich wünschte, ich wäre früher gekommen Aber vielleicht hole ich den großen Paschkin und seine Leute ein"
„— um mit ihnen zu sterben!! Nun, das ist immerhin besser, als mutterseelenallein in den Tod zu gehen. Du bist ein Narr, darin, und ich habe gute Lust, meine Gesellen zu rufen und dich mit Gewalt zurückzuhalten."
Step an lächelte.
„— ah! Hörst du, wie es draußen tobt! Willst du mir nun glaubend rief er, während Stepan in seinen warmen Schaffellmantel schliipfte und der Türe zuschritt. .
Draußen wütete der Schneestnrm — der Wind war umgesprungen und fegte nun nrit ungeheurer Schnelligkeit Uber die Steppe hin. Das starke Gebälk des Hauses erzitterte unter seiner Gewalt. Riesige Schneeflocken wirbelten mit sonderbar zischendem Geräusch dahin und Stepans Pferde waren schon über rmd über mit Schnee bedeckt. Sie ließen die Köpfe hängen und sahen sich mit angstvollen Augen um, als er in den Schlitten sprang.
„Du wagst es also, darin?" schrie der Wirt.
„Ja!"
Und der Schlitten sattste davon.
„Was geht es mich an, schließlich!" brummte der Wirt. „Was schadet es auch, wenn ein Narr weniger auf der Welt ist!" fügte er philosophisch hinzti.
, 17 .
Go uverue.ur Paschkin und der Schmied Stepan Ilene kämpfen im S ch n e e ft u r m S e i t e a n S e i t e ; mit einem Rudel hungriger Wölfe.
Zwei Stunden Vorsprung nur! Was kümmerten ihn Sturm und Schnee und alle hungrigen Steppentenfel und Wolfsbestieu, solange nur zwei Stunden ihn von Paschkin trennten! In ihm nagte ein Etwas, das hungriger war als Steppe und Wolf...
Neben ihm lag seine Flinte, sorgfältig vor der Näffe geschützt durch ein Fell, und der Speer. An seinem Gürtel hing die Axt. Dann und wann tastete er liebevoll ihren Stiel entlang und befühlte die messerscharfe Schneide. Zwei Stunden nur — zwei Stunden.
Die Straße über die große Steppe war kaum zu verfehlen; denn Stangen, in regelmäßigen Zwischenräumen eingesteckt, markierten sie, und diese ungeheuren Stangen — nein, tote Bäume waren es, mit dichtem, schneebedecktem Geäst — wiesen unfehlbar den Weg selbst im Schneesturm, 4 der den Gesichtskreis ans wenige Meter, beschränkte. So
schien cs wenigstens Stepan. Doch er irrte sich. Noch war er nicht eine Stunde unterwegs, als es ihm schon fast unmöglich wurde, in dem wirbelnden Weiß überhaupt etwas zu erkennen. Das Auge verlor seine Aufnahmefähigkeit. Die riesigen Wegweiser wurden zu kaum erkennbaren dünnen weißen Linien. Die Pferde jagten blindlings vorwärts in mühsamem Galapp, zu immer neuer Anstrengung auf- gestachelt durch schonungslose Peitschenhiebe. Ihr Lenker saß steif da, mit starrem Gesicht, und mühte sich krampfhaft) in dem Toben um ihn her die Dinge und Wegmarken zu erkennen. Ihm schien es, als stürze aus diesem schwarzen Himmel eine neue Sintflut hernieder — eine Sintflut von Schnee. Doch es kümmerte ihn nicht. Ihm war nur wichtig, ob seine Pferde die ungeheuerlichen Strapazen aushalten würden... Immer furchtbarer wurde das Unwetter.
Der heulende Sturm peitschte ihm die Schneekristalle mit solcher Gewalt ins Gesicht, daß er die Augen schließen mußte, und nur dann und wann aus halbgeöffneten Lidern um sich blinzeln konnte. Dabei war jeder Nerv in ihm angespannt. Irgendwo in der Nähe mußte Paschkin sein! Cs schien ihm möglich, ja wahrscheinlich, daß Paschkin umgekehrt war, als der Schneestnrm mit voller Gewalt einsetzte. Er mußte umgekehrt fein! Kein Mann, dem noch am Leben lag, konnte eigensinnig genug sein, diesem Unwetter trotzen zu wollen! Jeden Augenblick konnten die Schlitten, des Gouverneurs hx dem Wirrwarr von Sturm uud Schnee auftauchen. So peitschte Stepan erbarmungslos auf die Pferde ein und spähte angstvoll in das Tosen hinaus....
Plötzlich schrie er laut auf.
In das Heulen des Sturmes mischte sich, kaum hörbar zuerst, leises metallisches Klingen tvie von Schlittenglocken, und Stepan duckte sich zusammen wie ein zum Sprung bereites wildes Tier. Lauter wurde das Klingen. Er zügelte die Pferde ein und starrte um sich — und urplötzlich tauchte, fast dicht neben ihm, in dem sturm gepeitschte« Weiß ein Schlittengeführt auf.
„Exzellenz!" schrie jemand.
„Er ist es nicht!" brüllte eine andere Stimme.
„Halte — du dort!!"
Drei Männer saßen iu dem Schlitten — ein Kutscher und zwei Kosaken. Ihre drei Pferde waren fast am End« ihrer Kräfte und stolperten bei jedem Schritt. Stepan starrte sie an. Ohne Zweifel mußten das die Begleitkosaken seines Feindes sein. Wo aber war Paschkin! Wo — war — Paschkin ? Alle drei Männer schrien gleichzeitig in furchtbarer Angst und Erregung aus ihn ein —
1 „Wir sind verirrt..
„Wo ist Osten und wo ist Westen, lim aller Heiligen willen?"
„Sind wir auf dem Weg nach der Station zurück?"
„Manu — antworte — wo sind wir — hast du die Exzellenz gesehen — einen kaiserlichen Schlitten — Erzellenz Paschkin wir sind von ihm getrennt worden im Sturm."
Stepan starrte sie cm»


