Mittwoch, den 50. Moder
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Oer snälose I^eg.
Noman aus Sibirien. Von I. O x e n h a m.
Autorisiert — Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Bald nach Einbruch der Dunkelheit erreichte Stepan ein Ansehnliches Dorf und fuhr am Dorfkrug vor.
Er war nunmehr Jgnat Pestal aus Orkaorsk und reiste mit Relaispserden nach Tobolsk. Seine Exzellenz, Gouverneur Paschkin, war früh am Morgen durch das Dorf passiert. Der Krugwirt sprach über nichts anderes mehr als über den großen Mann —
„Wie der Teufel ist er durchs Dorf gefegt — Holter-,, gepolter — und weg war er!" berichtete der Krugwirt wichtig. „Man erzählt sich, die Kaiserin selbst habe nach ihm gesandt, damit er die Don-Kosaken zur Räson bringe. Da! Ich wünschte, ich wäre auch ein starker Mann mit eiserner Faust und die Kaiserin sendete nach mir! Der reine Teufel soll er sein, dieser Paschkin, und solch einen Mann brauchen die Don-Kosaken, denn Teufel sind auch sie. Pferde? Ob du hier frische Pferde bekommen kannst? Natürlich. Llh, du willst nicht Pferde mieten, sondern zwei der deinigen gegen frische austauschen? Natürlich! Wenn etwas dabei zu ver- dienen ist..
Jawohl, es war etwas dabei zu verdienen! So wurde der Handel rasch abgeschlossen.
Noch ein anderer Reisender war im Krug abgestiegen, ein Kaufmann; einer jener Menschen, die ihre Nasen überall hineinstecken und über die Angelegenheiten anderer Leute besser Bescheid wissen als über ihre eigenen. Er horchte auf, als er den Namen Pestal hörte und fragte neugierig :
„Bist du ein Verwandter von Jgnat Pestal aus Orkaorsk? Ich kenne ihn gut."
„Sein Vetter," antwortete Stepan kurz. „Ich heiße Jgnat wie er."
„Und wo ist der gute Jgnat jetzt?"
„Unterwegs. In zwei oder drei Tagen wird er hier durchkommen, glaube ich," log Jline.
„Dachte ich mir. Du siehst ihm nicht ähnlich. Der gute Jgnat ist ja dick wie ein Faß und du bist dünn wie eine Stange!" Er lachte schallend auf über seinen Witz. „Hm, nein, du siehst ihm gar nicht ähnlich. Du siehst schr gewitzt aus. Dein Vater war ein kluger und sparsamer Mann, möchte ich wetten!"
„Das war er."
„Nicht wahr! Mm, es würde dein guteil Jgnat nichts aden, wenn er etwas mehr von deiner Seite der Familie tte. Nicht viel, nur ein bißchen. Das letzte Mal, als ich ihn sah, lvar er außerordentlich betrunken! Sagte ich ihm: Jgnat, mein Freund, eines schönen Tages wirst du noch etwas mehr Wutki zu dir nehmen als gewöhnlich und
dann wird irgend jemand dich auf der Landstraße findenl, io steif gefroren wie ein totes Pferd, mein Lieber — HoL darüber erschrak er so, daß er schleunigst eine frische Auflage Wutki bestellte und sich aus lauter Angst fürchterlich betrank! Ein lieber Mensch, dein Vetter! Aber um eu» Idee zu trinkfreudig — um eilte Idee nur, um ein bißchen! 2a, ja. Ich will übrigens nichts gesagt haben! Dein Reihb- ztel i|t wahrscheinlich Tobolsk?"
Stepan nickte.
,,Wir können zusammen reisen. Ich mache die Fahrt über die große Steppe nicht gerne allein, und vielleicht ge^ es dir ebenso. Wir haben schon lange so bittere Kälte nicht mehr gehabt und die Wölfe sind deshalb hungriger und gefährlicher denn je. Ich traf einen Reisenden, der vier Meilen weit, bis zur Station, von eiriem Rudel der Bestien verfolgt wurde und ihnen nur mit knapper Not entrann. Der Mann stürzte drei Gläser Wutki hinunter, ehe er nur ein einziges Wort hervorbringen konnte. Wirt, noch ein Glas für mich. Und du? Darf ich dich einladen?" Stepan schüttelte den Kopf. „Er schwor, niemals wieder würde er im Winter allein über die Steppe reisen, und wenn er eine Woche warten müßte auf Gesellschaft. Ich fand das sehr vernünftig. Mir reisen also zusammen, nicht wahr?"
„Ich weiß nicht recht . . ." sagte Stepan.
„Aber, weshalb denn nicht, Bruder?"
„Ich bin zu großer Eile gezwungen. Ein 'Geschäftsfreund erwartet mich in Tobolsk, den wichtige Angelegenheiten nach St. Petersburg rufen. Ich muß Tobolsk so schnell als möglich erreichen."
„Desto besser^ desto besser. J^e schneller wir über die Steppe reisen, um so besser für uns. Der Wölfe wegen. Ich habe gar nichts einzuwenden gegen deine Eile, Wann gedenkst du auszubrechen?"
„Um vier Uhr morgens."
„Da! Das ist aber früh!" und er starrte fast erschrocken Stepan ins Gesicht, denn es schien ihm unglaublich, daß es einen Mann geben konnte, der sich in Nacht und Nebel in die Schneewildnis der Steppe hinauswagte. Im Hellen Tageslicht ja konnte man sogar den Weg verfehlen, und in der Nacht . . . nein, das war nicht nach seinem Geschmack!
„Bosshe-moi!" ries er, als er früh am nächsten Morgen vorn Wirt hörte, das Jgnat Pestal schon längst unterwegs sei, „bei meiner Seele! Ich bin froh, daß ich nicht mit ihm reiste, denn der Mensch ist entschieden verrückt. Sein Vetter ist mir lieber, wenn er auch den Wutki um eine Idee — um eine halbe Idee — zu lieb hat. Jawohl! Verrückt ist er, ohne Zweifel! Man denke! bei Nacht mrd Nebel über die Steppet
Der Wirt stimmte dem bei: mit einer Einschränkung jedoch. Jgnat Pestal verstehe sich unzweifelhaft ausgezeichnet ans Pferde und wenn er auch sehr sonderbar in seinem Wesen sei, so würde er doch in Geschäften nicht ungern« es öfters mit ihm zu tun haben! Dabei schmunzelte der Wirt.


