334
Ereignis ein treten, das seinem Wandern im Haus auf Rädern ein Ende bereiten würde, und dem alle irr er nur entgegenlebte.
Biele Sommer und viele Winter vergingen. Immer noch wanderle Stepan Jline still und unauffällig den endlosen. Weg entlang von einsamem Dorf zu einsamem Dorf — wartend, immer wartend auf das große Ereignis.. Da fein ganzes Seiir sich auf diese eine Hoffnung konzentrierte und er Tag und Nacht über Rachepläne hinbrütete, so wurde er scheu und sonderbar in seinem Wesen und erledigte die Dinge des täglichen Lebens wie einer, der geistesabwesend an etwas ganz Anderes denkt. Sein.Geschäft war ihrn gleichgültig geworden. Nur für die kleine weiße Eule sorgte er getreulich, weil Katinka sie lieb gehabt hatte.
Er war sehr gealtert, feit fern Weib gestorben war. Die Leute in den Dörfern sagten, er sei trübsinnig geworden über den Verlust von Frau und Kindern, und in seinem Kopfe sei es nicht mehr richtig. Auch sehr schweigsam war er geworden. Er sprach, was gesprochen werden mußte, und kein Wort mehr. Manchmal suchte er des Abe:rds die Dorfwirtshäuser auf, aber während die Bauern lachten m:d tranken und schwatzten, saß er Ml in einer Ecke, weder mitsprechend noch zuhörend, mit glanzlosen Augen, die in weite Fernen zu blicken schienen. Fremden war er unheimlich; aber Leute, die ihn und seine.Erlebnisse kannte::, wunderten sich nicht über ihn.
Er verfolgte einer: besonderen Zweck mit seinen Besuchen in den Wirtshäusern Wenn Reiserrde da waren, oie von Irkutsk kamen oder von Irkutsk etwas zu erzählen wußten, hörte er auftnerksam zN und stellte sogar manchmal Fragen an sie, ob sie etwas wüßten über Puschkin und was Paschkin trieb. Wer sehr vorsichtig, um nicht etwa Verdacht zu erwecken, als habe er ein besonderes Intern rM an dem, was Puschkin tat
Sein Handelsgeschäft trieb er weiter, doch nicht um des Geldes willen, sondern weil die .Leute es von ihm erwarteten. .Die Frauen in den Dörfern der Provinz Je- rrtsseisk konnten ja nirgends so billig einkaufen wie bei diesem selbstlosesten aller Händler, und er wollte den armen Weibern die Freude nicht verderben, an seinen Waren einige von ihren armen Kopeken zu sparen. Vielleicht leitete ' t auch dabei die unbewußte Erkenntnis, daß er der Be-
« «durste, um der: Verstand nicht zu verlieren; lte er, daß es doch bester war, noch etwas anderes zu tun als ständig über Vergangenheit und Zu- ümft hiuznbrüten.
In seinem Entschluß jedoch wurde er niemals wankend. Und wie alle Wünsche im Leben sich schließlich demjenigen erfüllen, der lange genug Kn warten versteht, so kan: auch seine Zeit.
Lange hatte er warten müssen; volle sieben Jahre waren verflossen, seit Katia gestorben war, aber die Bitterkeit seines Hasses hatte sich nicht um ein Atom vernnn-
d«ck. Leben um Leben, Blut um Blut —-
Os war in der Stadt Krasnojarsk, wo er die große Neuigkeit erfuhr.
„Lebhafte Zeiten!" schmunzelte der Wirt des kleine:: Wirtshauses vergnügt, als Stepan bei ihm einkehrte, um ^ich die halberfrorenen Füße am Ofen zu wärmen, noch ehe er seinen Paß ans dem Polizeibureau abgegeben hatte. „Lebhafte Zeiten, Stepan Jwanowitsch. Fast ein ganzes Faß vom guten Tllten Hab ich gestern verkauft!"
„So, Philipp Alexandrowistch? Und wie kam denn das?" fragte Stepan gleichgültig.
„Hohe Reisende, Stepan Jwanowitsch. Wärst du einen Lag früher nach Krasnojarsk gekommen, so hättest du sie Noch gesehen. Gouverneur Tatukosf kam zuerst an, gestern nacht, und bald nach ihn: traf die Exzellenz von Irkutsk rin, der große Paschkin. Tatukoff hatte eine Bedeckungsmannschaft von zehn Kosaken, Paschkin aber fünfzig!"
Stepan hörte zu, mit jedem Nerv angespannt, blieb aber ruhig sitzen, obgleich ihm das Blut siedendheiß durch die Adern jagte und die Geda:rken ihm durch den Kopf wirbelten, so baß er nur wie aus weiter Ferne hörte, was der schwatzhafte Wirt noch zu erzählen hatte:
„Heute morgen ist die ganze Gesellschaft wieder abge- reist; Tatukosf nach Minuftnsk zurück, Paschkin nach St. Petersburg. Man sagt, daß Paschkin Hals Wer Kops von Irkutsk abreisen mutzte, denn die Kaiserin sandte eilends nwch ihm — J "
Stepan zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Wenn Paschkin in St. Petersburg blieb, so war er für alle Zeiten seinen Händen entronnen. . . und im gleichen Augenblick war sein Entschluß gefaßt. Er mußte Paschkin einholen. Er mußte ihm sofort folgen!
sie braucht ihn. Er soll der Kaiserin rechte Hand werden, so sagt man, und daun gnade Gott den Leuten in St. Petersburg. Ach ja. Paschkin war sehr klug, fünfzig Kosaken Bedeckungsrnannscyaft aus die Reise durch die Provinz rnitzNnehmen, deren Gouverneur er so lange gewesen ist. In der Provinz Irkutsk muß es so manchen geben, der den eigenen Kopf darum geben würde, chm den Schädel einzuschlagen, nach allem, was man hört. Er soll ein Teufel sein, sagt man. Ein mutiger Mann ab^r auch. Seine Kosaken sind hier geblieben und reiten morgen zurück. Fast ganz allein ist Paschkin heute ßn aller Herrgottsftühe weitergereift, nur mit seinem Kutscher und zwei Leuten in einem zweiten Schlitten. Teufel nochmal, das hätte ich nicht getan an seiner Stelle. Ja, und wie ein Wirbelwinds ist er davongefegt, das kann ich dir sagen — die Kaiserin muß ihn sehr notwendig brauchen . . , Was, du willst schon wieder fort? Bosshe-nw:, welche Eile! Uebernachtest du denn nicht'bei mir?"
„Das weiß ich noch nicht," sagte Stepan und zwang sich mit aller Macht, ruhig und in gleichgültigem Tone zu sprechen; „das hängt von Umständen ab." Was er sagen und wie er handeln mußte, hatte er sich in den wenigen Sekunden in blitzschnellem Denken überlegt. „Ich bin nach Krasnojarsk gekommen, um mit einenr Geschäftsfreund zu
verhandeln, den ich enüoeder hier oder in Abrowa" --
zehn Meilen tveit entfernt auf der Straße nach Minusinsk, doch nicht aus der gleichen Straße, die Paschkin eingeschlagen haben mußte — „treffen soll. Ist er nicht hier, so muß ich nach Wrowa. In diesem Fall werde ich einen Schlitten nehmen, da ich Eile habe, und mein Haus bei dir lassem Du mußt es mir gut ausheben, Philipp Alexandrowitsch, und für meine kleine weiße Eule sorgen. Ich werde jetzt gehen und mich erkundigen."
„Da! Ihr Reisenden! In welcher Eile ihr immer seid! Nicht einmal zum Essen und Trinke:: gönnt ihr euch Zeit!"
„Ja, ja," brummte Stepan. „Und — ja — kannst du mir einen Tarantaß und drei schnelle Pferde borgen, Philipp Alexandrowitsch, wenn es wirklich der Fall sein sollte, daß ich zu meinem Geschäftsfreund nach Abrowa muß?"
„Das kann ich, Stepan Jwanowitsch."
Und er rannte ans die Straße, als wolle er sich eilig :mch diesem Geschäftsfreund erkundigen.
Eine Stunde später jagte er über die Tomsker Straße hin, so schnell die drei feurigen Pferde galoppieren konnten. Sen: Hrrn war klar und er handelte vorsichtig. Von Krasnojarsk aus hatte er zunächst wirklich den Weg nach Abrowa eingeschlagen, dann aber, als die Stadt hinter ihm lag, in einem ungeheuren Bogen querfeldein über den Schnee die Richtung nach der großen Straße eingeschlagen, über die Gouverneur Paschkin vor nicht viel mehr als zwölf Stunden hinpassiert war aus seinem Weg nach Wssten. Klopfend«: Herzens rechnete Stepan sich aus, daß es zwar schwierig, aber doch mcht unmöglich sein würde, Paschkin einzuholen. Der Gouverneur hatte zwölf Stunden Vorsprung. In jeder Stadt und in jedem Dorf standen ihm die besten Pferde ügung. Paschkin hatte jedoch keine Veranlassung,
sich keine Ruhe zu gönnen und Tag und Nacht zu reisen, so, wie Stepan es zu tm: beabsichtigte, denn oann nur konnte er hoffen, sein Ziel zu erreich«:. Und erreichen mußte er es. Wenn die Jago auch tagelang dauerte — noch innerhalb der Grenzen Sibiriens mußte er Paschkin einyolen!
Ein ganz anderer Mann war es, der da jubelnd die Pferde aufpertschte, als der stille traurige Wanderer Stepan Jline. Ein neuer Mensch, voller Kraft, voller Energie.
Er war ja dem nahe, worauf er sieben Jahre lang in Bitterkeit und Hinbrüten gewartet hatte; die große Hofs- nung hatte sich erfüllt. Kein Mensch hätte geglaubt, daß dieser Mann mit oen glänzerchen Augen uno der kerzengerade:: Haltung, der mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit das Dreigespann in schärfstem Galopp über die tief verschneite, kann: noch erkennbare. Strghe fenfte, der gleiche sei, der vor wenigen Stunden gebrochen und gebeugt sich müde über die Straßen von Krasnojarsk geschleppt hatte.
Jener Mann war Stepan Jline gewesen, von Paschkin verfolgt. (Fvrtsetzxmg folgt.)


