r Da§ Bleibende . . .
Bon A Konti.
Traußen aus ber Straße, wo sich die Mildheit des Landes und die Rauheit der Stadt die Hände reichen und meinander.über- fließen, wo man sich wie aus einem Kessel heraus befreit fühlt
r erleichtert ausatmet, dort am Wege, wo der Wiird den Staub weißen .Wölkchen am sonnendurchglühLei: Boden einhertreibt vder auK ihm.klerrre Säule:: formt, die eine Strecke weit fortgewirbelt und dann nach allen Richtungen zerstäubt werden. . »n einer solchen stillen, lausen Landstraße stand eine kleine Kirche.,
Sie war gelb angestrichen und sah verwittert aus. Seit Jahrzehnten war sie der Hort der Gläubigen, und die Stimme der Kirchenglocke rief zum Gottesdienste und W weihevollen Handlungen zusammen; wenn .es eine Hochzeit oder Kirchstaufe galt, dann Rangen die Schläge lustig und fröhlich wie das Hämmerwerk eines Glockenspiels, und wenn die Ruse einmal in der Zeit einen Todesfall verNndeterr, darm birnmelte sie schnell urrd rastlos mit schrillen, «Menden Tönen, die sich anhörten, wie die .qualvollen Rufe viues Ertrinkenden.
Ticht an der Kirche lag der Ortsfriedhof, den eine Mauer von gleicher gelber Farbe und ebensolchen: verwitterten Aus-
E m -umsäumte. An der äußersten Ecke der Friedhofsmauer, wo sich von der Landstraße weg, querfeldein UMwendete, ragte aus t Gottesacker Heraus, über die Mauer hinweg ein Baum, ein schöner, großer Baum mit grünen Blätter:: und glänzenden Zweigen. An dein Baume hingen Aepfel, rote, lachende, reife Aepfel, denn es war Spätsommer und die Sonne brannte heiß auf die ausgetrocknett Landstraße hernieder. Wenn der Wind leise durch die Zweige strich,, wiegten sich die Aepfel an den Aeften und.nickten den .Vorübergehenden wohlgefällig einladend Au.
Aber im ganzen Torfe mär weit und breit in her Umgegend gab es Zeinen Menschen, den jernals nach dieseir Aepfeln gelüstet Mte.
Ter Baum lvar jährlich :nit Blüten besät, die einen linden Duft verbreiteten mrd im BerblüWn ihre Blätter auf den Boden fallen ließen, der wie von leichten, breiten Schneeflocken bedeckt schien.. Tie Früchte reisten wt und glänzend heran und hingen wie farbige Glaskugeln an Weihnachtsbäumen in reicher Und dichter Anzahl.
Ta es keirwn im gangen Dorf gab, der die Aepfel gepflückt Hütte, so sielen sie ab und faulten! am Boden vder rollt«: hin- tmter in die S'traßenrinne und wurden, wenn es regnete, in der: Kanal geschwemmt.
An einem sclOnen Somnrertage zogen Leute von der Stadt übers Land, sie kamen an der Kirche und Friedhofsmauer vorbei, blickten Au den Aepfeln empor und bewunderten die vielen roter:, frischen und schönen Frlichte.
Außer: an der Mauer im Schatten der auf die Straße hinaus- ragenden Zweige des Apfelbaumes saß eine alte Frau. Sie war st» alt, daß sie aussah, gls wäre sie aus Stein. Sie regte Md rührte sich nicht, ihr Gesicht war hart urrd vertrocknet Md ließ die scharfen Knochen.unter einer vergilbten und runzeligen Haut deutlich hervortreten. lieber den.Kopf hatte sie ein dunAes Tuch i Mögen, das ihre Züge beschattete und sie um so gespensterhaste r er- chenven ließ. 'Sie saß in sich gekehrt und achtete der lustigen und 'veudigeu Menschen nicht, die an ihr vorüberzogen und sich sin !«n satten Grün der Natur ergötzten und von warmen Lüsten umfächeln ließen.
Ta tvat ein.Mann au die alte Frau heran und begann mit Wr Äu sprechen. Er schien sehr arm zu fern, denn seine Hose war hernfsen -und an vielen Stellen geflickt, sie Hing ihm in Falten
a den Beinen wie das .Leder einer Ziehharmonika. Der Rock tterte an seinem Körper, -und der Hut saß ihm beinahe auf dm en. Sein Bart war struppig, an Gesicht und Händen hatte er seit langem die reinigende Kraft des Wassers nicht erprobt.
„Ich bin arm und hungrig," sagte er zu der alten Frau, die sin Schatten der Apfelbau'Mzweige faß, Und die er fttr die Hüterin des Baunies hielt, „erlaube mir, daß ich einige Früchte von diesem Baume pflücke."
Ohne den Bettler anzublicken, antwortete die alte Frau mit dünner, schriller Stimme: „Iß. so viel du magst, aber wenn du fb tust, wirst du nicht Weit kommen, nicht «drmal bis M jenem weißen' Meilensteine, der vom Weg,ende tzrüben herüber winkt. Denn alle, die von dem Baume essen, der aus den Grcköern der Toten sprießt, müssen vor der Zeit sterben, seien sie att oder jung, trank oder gesund, arm oder reich, — tu, was du willst, ich warne dich . . . ."
Tann Pnickte die alte Frau zusammen, als wäre sie von der Mnstvengunä des Redens ermüdet, ließ den Kopf vorüber hängen und verfiel in di« frühere Deilnahmskosigikeit.
Ta stellte sich der arme Manu auf die Zehenspitzen und hieb mit seinem.Motenstoche nach den roten Aepselu, schlug sie ckb.und ließ sie wie goldenen Segen in seinen fettrandigen Hut fallen. Tann setzte er sich an die Mrchhofsmauer und aß von ven Aepfeln, die ihnt mundeten, wie das Leibgericht einent König. Aber kaum hatte er sich erhob«'., als er untsan? Urrd unter
Röcheln sein Leben aushanchte. Aus der Friedhofstüre traten zwei schweigende Männer mit einer Bahre, worauf sie den Toten betteten..und gemessemn Schrittes urit ihrer Last imch den: Friedhof zurückkehrten.
. Tie Ruhe und friedliche Stille auf der Laridstpaße danerteu nrcht allzulange.
Von, einem Kreis jrmger Leute umgebe::, lernt 1 eine Tänzerin heran. Sie rvar leichtfüßig wie eine Gazelle und lustig wie estr Waldbächlein, Als sie der roten Aepfel am Baccme ansichtig wurde, trat sie an dis alte Frau heran und hat lachend uur einen Apfel. Durst Plage sie und rna.che sie lechzend nach der köstlichen Labung mit einer saftigen Frucht. „Iß," sagte die alte Frau, ,mber glaube mir, bis du zu jenem rveißen Mdleusteine kommst, luußt du sterbm. . . ,ich warne dich. . ."
Laichend sprang das schöne Mädchen hoch, haschte irach einen: Apfel, von dem sie Stück um Stück unter schäkernd«: um» scherzenden »Worten über die dummen Sprüche der Men abbiß Md mit Lust verzehrte.
Aber bevor sie noch den weißen Meilenstein erreichte, verfiel sie denlselben Schicksal nrie der arme, hungrige Bettler, der vor ihr die Warnung der Alten Mßa,chtet hatte.
Bald daraus kam ein einsamer Wanderer langsamen Schritts die Landstraße herauf. Er war seines Zeihend ein Philosoph. Sein Gesicht Ivar vor: einem: weißen Bart umrahmt, und ans der Nase saß ihm eine große Brille. Ten breitrandigen Hut trug er in der Hand, so daß feine hohe und geioölbte Sttrne als das Sinnbild weltumfassender Gedanken so reicht zur Geltung kam.
Ms er den reich mit Früchten behaNgenen Baum bemerke, trat er ans die alte Frau AN und sagte: .Liebe Frau, ich bin ein leiderrschaftlicher Anhänger der Natur ustd lebe nur von Obst und Gemüsen, laß mir einige v.on diesen Aepfeln ab, sie sind dse herrlichsten Früchte, die ich je gesehen habe."
Auch ihm gestattete die Mte so viele als er wollte, vom BaMte W schütteln, aber auch ihm erteilte sie dieselbe Warnung.
„Ich habe die Kräfte der Erde ersorscht," sägte der Philosoph „ich tarne den Ursprung der Wolken, das Wesen der Sterne ist mir vertraut, und in das Geheintnis der Sonnerikrast bin ich eingsdrungen. . , aber deine Rede ist leerer Wahn und ohne Begründung. . ."
Taraushin schlug er sich einige Aepfel vom Baume. Einen aß er sofort mit vielem Behagen, und die anderen .steckte er in die Taschen seines langen schwarzen Rockes.
Bevor er zum weißen Meilenstein« am fernen Wegende kam. war er tot 'und wurde von den schweigsamen Leichenträgern auf die Bahre gebettet und nach dem Friedhofe gebracht.
Bald darauf erzitterte die Landstraße wie von ferne her. Der Boden bebte, und ein dunckifes Rosien kam wie Ms Wrndesftügeln näher. Ein tachjender, pustender KraftwagAr .war es, der in eilender Fahrt hevanbrmrste. Im geräumigen Wagen saß ans breita Polster:: ein Herr in vornehmer Kleidung und nrit nachlässiger Haltung. ^
Bon weitern schon sielen ihrn die prächtigen Aepfel am BauMe auf. Ms er mit seinem Wäger: herangekommen war, gebot er dem Führer Halt. Er stieg ans und schritt auf die alte Frau zu. ,Lch kaufe euch die Früchte ab " rief er, „was wollt ihr dafür . schämt euch nicht, «inen hohen Preis zU stwdevn . . ich gebe Luch, was ihr verlangt..." „Tie Früchte vasten Ntehr, als ihr hs» Ahlen könnt ... sie kosten euer Leben .
Ter reiche Herr.lachte hell aus, zog einige Goldstücke anA der Tasche Md warf sie der . Men in der: Schoßt die regungslos und müoe vor sich hin blickte. Dam: hieb er Mit fernem goldbeschlaaenen Stocke einige 'Weisel vom Baume und verzehrte einen auf dem krttzm Wege ZU seinem Kraftwagen.
Ter Führer kurbelte den Wagen an Und setzte ihn in Bervegung. Aber kaum hatte der reiche Herr sich wirrer behaglich im Wagen eingerichtet, als er — noch bevor sie znm weißen Meilerssteirie gelangten — tot vom Sitze siel. Und wieder walteten die Leichenträger ihres Amtes.
Nach einer Weile kam ein vollbepiackter Soldat des Weges. Er stak in feldg.vauer Uniform, trug den schweren Tornister aus dem Rück«: imb den Stahlhelm auf den: Kopfe. An der Ecke der Friedhossmaner machte er Halt, nahin den Helm ab Md wischte sich den perlenden Schweiß .vor: der Stirne.
„Frau Nachbarin," rief er der alten Hüterin zu, „darf ich mir ein paar Aepfel von eurem Bauure hernuterholen?" ,^Tu Vs nicht, mein JUnge, ich warne dich. Wer von dieseir Aepfeln rßt, die aus den Gräbern der Toten sprießen, Muß vor der Zeit sterbein. Befolgst du meine Warnung picht, so wird sie sich .erfüllen, bevor du jenen weißen Meilenstein am WegerKe erreicht Haft . ' .
Ter Soldat setzte den Helm wieder ans neu Köpf und sagte: „Tann lassen wir es sein, Mütterchen, ivenn ich vielleicht buch dem sicheren Tode enigegenNehe, so will ich mein junges Leben nicht leichtsinnig in die Schanze schlagen, denn es gehört dem Vaterlande . . . dem Bleibenden ..."
Ueber fein jugendfrisches Gesicht glitt dn znfriedenies Lächeln, und festen Schrittes setzte er seinen Weg fort . . .


