Ausgabe 
16.10.1918
 
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SSO

her kleine Stepan Vergnügt in den Haufen frisch ausgegra- heuer Erde spielte.

Dann kniete er nieder und murmelte sonderbare Ge­bete. und Schwüre bei den beiden Steinhaufen, und dann hob er den kleinen Stepan auf und fütterte sein unersätt­liches kleines Bäuchlein, und ging langsam den Weg zurück, den er gekommen war...

Nun blieb ihm das kleine Kind. Nach langen Tagen des Nachdenkens entschloß er sich, den kleinen Stepan wäh­rend des Winters in geschickteren und erfahreneren Händen zu lassen als in den seinigen; bei einer der Frauen in den vieler! Dörfern, in denen ihn der endlose Weg vorbeiführte. Schließlich fiel seine Wahl auf eine Bauersfrau, Elisabeth Wolskaia, die im Dorfe Zarm wohnte. Er kannte sie als ein nn'itterliches, gutherziges Weib. Vor kurzem war ihr das eigene Kind gestorben, und er hoffte, daß sie zu Stepan aut sein würde, uni der Erinnerung an ihren eigenen Verlust willen.

Schnurgerade wanderte er auf jenes Dorf zu und traf die nötigen Verabredungen mit der Frau. Während das Haus aus Rädern wieder hinwegpolterte und Stepan rück­wärtsschreitend zum letztenmal mit feuchten Augen auf seinen Jungen starrte, lallte der kleine Stepan lustig in Elisabeth Wolskajas Armen und war außer sich vor Ent­rücken über die kleinen Ferkel, die in: Hof sich quiekend um chre Mutter drängten.

Den kleinen weißen Bruder aus dein Wald nahm er mit sich, weil Katinka ihn lieb gehabt hatte.

> Das war der traurigste Winter, den Stepan jemals erlebt hatte; weit trauriger als jener harte Winter, rn dem er, getrennt von Katia, Jenisseisk durchstreifte und sehnsüchtigen Herzens sich immer wieder nach Selemsins? wagte, denn damals wenigstens durfte er noch hoffen 71 Jetzt aber . . .

Und jetzt? Stepan blieb ihm noch, freilich. Ah, und da war eine andere Hoffnung :roch eine gewaltige Hoffnung ^-1 ein großes Sehnen ein Ersüllennrüssen...

Diese Hoffnung war Rache.

Die Rachegedanken äußerten sich nur in sehr unbestimNk- ten Formen und Sehnsüchten bei Stepan Jline und er war sich ganz unklar darüber, wann und auf welche Weise jenes andere Ding geschehen mußte. Manchmal bewegte sich sein Denken auf gesünderen Linien und nwchenlang beschäftigte er sich gar nicht mit dem Namen Paschkin. Dann wieder pack­ten ihn die Rachegelüste mit elementarer Gewalt und er kämpfte hart mit der Versuchung, sofort nach Irkutsk aust- zubvechen und den Mann zu töten, der sein Leben vernichtet hatte. Immer wieder siegte sein gesunder Verstand und wort­karg ging er seinen Weg, der stillste und traurigste und da sich mit einem winzigen Gewinn begnügend, weil das Geld keinen Mrt mehr für ihn hatte der willknnwenste aller Händler von Jenisseis?.

Peter Krvp traf er häufig. Die beiden Männer saßen dann stundenlang zusammen, ohne viel zu sprechen, und der kluge Jude, der nicht sechsundsechzig Jahre alt geworden war, ohne eurem einfachen Menschen in Herz u!td Hirn schauen zu können erriet bald, welche Gedanken es waren, die Stepan beschäftigten. Stepan jedoch sprach niemals mit ihm über Paschkin und seine Racheiräume. Peter wieder scheute sich, ftlbst davon anzufangen, und so vielleicht Stepan auf einer: aesährlichen Weg hinzuweisen. Denn er konnte sich ja irren in seinen Vermutungen.

Die Zeit heilt olle Wunden, Stepan Jwanowitfch," sagte er nur ernsthaft, als sie toiedcr einmal schieden,und der kleine Stepan ist dir geblieben. Es ist etwas Großes, mein Freund, einen Sohn zu besitzen."

Im Frühling wandte Stepan die Köpfe seiner Pferde m Zarm und fragte sich oft lächelnd während des langen Zegs, ob sein Sohn ihn wohl wiedererkennen würde.

Mer Elisabeth Molskaja weinte, als sie ihm entgegen^- eilte . . . der kleine Stepan war vor zwei Monaten gestorben. An Krämpfen. -

Stepan hörte ruhig zu, wahrend sie ihm die Einzelheiten erzählte^ tzab ihr Geld für ihre Mühe und Sorge, und ging dann ferner Wege, trauriger denn je zuvor. Und die schwären Gedanken, die er so lange in finsteren Winkeln seines Gehirns beherbergt hatte, wurden schwärzer und stärker.

Peter Krop las, als sie sich das nächstemal trafen, in seiner Seele wie in einem offenen Buch und sah klar, wohin sein Weg ihn führte, machtlos, diesen Weg zu ändern. Zwar

tat er sein Bestes. Er bot ihnt an, sie sollten sich vereinigen und gemeinschaftlich reisen und handeln; er bettelte sogar? darunt, sein hohes Alter vorschützend und die mannigfachen Vorteile, die Stepan aus solch einer Vereinigung erwachsen würden. Denn der alte Peter hatte viel Geld und verdiente noch iinmer viel Geld und besaß keinen einzigen Freund in der ganzeu weiten Welt außer Stepan. (Fortsetzung folgt .2

Deutsch« yeimatkSmpfer.

Herbert Bentert.

An den! äußersten Ende des Universitätsstädtchöns liegt rin weißes Haus, eingebettet Maischen blumenreichen Gärten und grü­nen Wiesen. Glitzernd im Sonnenbrand zieht sich der Schienen sträng Mts dein naheliegenden Bahnkörper dahin. Tiefe Stille lagert über dem Ganzen, die nur zeitweise von denn Rattern der vorbei-, fahrenden Eisenbahn unterbrochen wird. Wie vertraut !var doch dieses Geräusch der am Fenster des schmucken Häuschens sitzen­den Tarne mit der Zeit geworden! Seit dem ersten Mobilmachungs- tage hatte sie täglich die Truppentranspoctzüge vorrüberfahreH sehen; hatte das begeisterte und fröhliche Singen unserer Zcgesi bewußten Jungen gehört. Bor kurzem war nun ihr Jüngster mit .seinen Kameraden an ihr vorbeigezogen, nicht mehr ntit Jubel und Laäsrn, sondern in entschlossener, eiserner Fassung:Wrr müssen durchhalten, Mutter, dann werden wir auch gewinnen," hatte er ihr überzeugungsvoll zugerustn, und sie hatte ihin bejahend znge- nickt. Auch ihre eine Tochter litt es nicht daheim, sie war hinansgeeilt, um die furchtbaren Wunden, die der Heldenkamps den Tapferen fchjlägt, lindern zu helfen. Der älteste Dohm der! Liebling, stellte such natürlich ebenfalls in die Reihen der Vater­landsstreiter ; allein, ein tttckisther, unsichtbarer Feind, den keine Kugel noch Säbel zu bekämpfen vermag, zerriß ihm die junge Brust und warf ihn auf das Siechpnbetl.

Sie war noch eine .stattlich« Jjrrmt, diese Mutter, obwohl schon der Schnee des Mters das edelgeforntte Haupt zu bedecken, begann. '.Pon den schöngeschnittenen Mundwinkeln liefen sel-arfe, wie durch Meißelstich l-er vorgebrachte Linien zur feingeschvun^ genen Nase hin. Große, stahlblaue Augen, in denen sich tiesep Schmerz im Verein mit fester Entschlossenheit siegelten, überwölbt« die hohe, von feinen Furchen durchgrabene Stirn. Tiefe infolg«

S altiger Seelenkämpfe nrarkig hervortretenden Züge verliehen Antlitz das Gepräge tiefer Duochigeistigung.

Ja, ihr Großer mußte so fürckchbar viel leiden, durchzog es jetzt wieder ihr Inneres, und stöhnend birgt sie den Kopf in di« schmale, weiße Hand.Mutter, Miller," so klingst es ihr plötz­lich entgegen von seiten der anderen .Töchter, die vom vatev- ländischten Innendienste zurückkehrend, den Bruder auf seinen« Schmerzenslager besucht hätten.Komme doch zu Sigurd, er möchte mit der reden," hört sie weiter sagen. Tie Gerufene fährt zusamruen, in ihrern Gesicht steigert sich der Ausdruck des Schmerzes, uns mühsam.erhebt sie sich. Doch, nur ein kurzer Kämpf ist's, sie scheint zu lächeln und ihve Gestalt strafst sich

Ich muß dem Kranken mit Heller Mene «rtgogentreten, ihn sein Weh vergessen machten, für den keine Blumen blühen, kern Sonnenstrahl leuchtet," so nrurmett die Frau und betritt dos Zimmer ihres Sohnes.

Siehe hier, Mutti," sagt dieser und hält der Komlnenden dis Zeitung entgegen:Unsere Helden haben in siegreicher Mirehr den überlegenen Femd zurückgeworfen," kautet der letzte Heeres­bericht.Unser Roland hat wohl auch tüchtig mit dreingeschlagen, nicht wahr?" fährt er freudig erregt fort. Die Mutter ergreift das Blatt, setzt sich aus den Bettrand und vertieft sich in die Zeilen. Voll Ettvartung blicken die fiebrigen Augen des Leidender« auf die Lesende.

Aber natürlich hat Roland es seinen Kameraden gleichgetan, wir müssen und werden, es schaffen, waren doch seine Mschieds- Worte, wie ich dir erzählte," sagt die Mutter und fährt ihren: Lieb­ling zärtlich Über das heiße Gesicht.

Warurn, rvarum Mutti, kann ich nicht dabei sein, den über­mütigen Gegner zu bekämpfen!"

Mein Sohn, beruhige dich du tatest, tvas in deinen Kräften stand."

Und doch hin ich nicht zufrieden."

Tu gabst deine Gesundheit, Sigurd."

Langes, banges Schtveigen herrscht zwischen beiden.

Ta beginnt der Kranke wieder:

Weißt du schon, Mütter, eine neue Kriegsanleihe ist wieder aufgelegt," berichteten mir e5m die Schwestern.

Ja, mein Junge," entgegnete die Angeredete,ich las die flam­menden .Aufrufe, die die Taheiingebliebeneu genrahueu, die tapferen Truppen zu unterstützen, das Schwert scharf zu erhalten."

Wir wollen auch unsererseits daran mitlvirkeu, das Wert deS liegreichen Bestehens zu vollbringen!" so ringt es sich! aus des Leidenden Brust.

Erst mußt du wieder genesen, Sigurd, um den: Vaterland« erneut.dienen zu können."

Ich habe einen Gedanken gefaßt, verstehe mich recht, lieb« Mutter."

Höre, Sigurd, in den nächsten Tage!: mußt du abreiseu, um

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