Ausgabe 
12.10.1918
 
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Halt, Vater, Mt! Sieh doch den kleinen weißen Bruder aus dem Wald!" r r

Und Stepan hielt die Pferde au, gerade noch, ehe fte über eine winzige weiße Eule hinwegschritten, dre mitten aus der.Straße hockte «und -mit iernsthaften Augen'dein Wagen entgegenstarrte, ohne sich zu rühren. Das-Tierchen war offenbar verletzt und wie betäubt. Welche Familienkata- strophe es aus dem Mutternest auf die Straße geschleudert hatte, konnten Stepan und Katinka nicht ahnen, aber soviel war zu sehen, daß das Eulenkind höchst unglücklich war und entschieden nicht für sich selbst sorgen konnte.

Lebt es, Vater?" rief Katinka, als er das weiche weiße Bündel aufhob.Ja, es lebt, denn seine Augen bewegen sich. Welch große Augen der kleine weiße Bruder hat!"

Er hat sich weh getan, glaube ich, Katinka. Wir wollen es behalten, bis es wieder fliegen kann."

Den ganzen Tag pflegte Katinka den kleinen weißen Bruder und sang ihm leise allerlei Liedchen vor, damit er sich nicht fürchten solle, und fütterte ihn rnit Stückchen rohen Fleisches, die ihr der Vater gab, höchst verwundert über die merkwürdige Tatsache, daß der kleine weiße Bruder rohes Fleisch lieber haben sollte als gekochtes. Während sie so schwatzte, bewies jedoch Brüderchen Eule, daß rohes Fleisch ganz nach seinem 'Geschmack war und sein Appetit lange nicht so gelitten hatte wie sein zerzaustes Federklerd. Er schien sich sehr wohl zu fühlen in der Gefangenschaft und sich gar nicht nach der Freiheit zu sehnen. Solche Pflege, solche Liebenswürdigkeit, solch angenehme wanne Wohnung, solch köstlichen Bissen, die einem in den Schnabel gesteckt wurden, ohne daß man sich im geringsten um sie plagen brauchte, fanden junge Eulen nicht jeden Tag in der Woche! Der kleine weiße Bruder aus den, Wald zeigte die Weisheit, die seiner Art eigen ist, indem er die Situation mit philosophischer Gelassenheit hinnahm.

So überirdisch weise und klug sah er manchmal aus, daß Katinka manchmal lachte, bis ihr die Tränen in die Augen kamen, und sogar in Stepans ernstes Gesicht kam ein Lächeln, wenn er die großen gravitätischen Augen bewegungslos auf sich gerichtet fand, als wollten sre tief Hineinblicken in sein Inneres. Kattnka schwatzte stunden- lang mit ihm. Anttvortete er nicht, so war er wencgstens ein ausgezeichneter Zuhörer. Nachts schlief er auf ernem Querbalken oben an der Decke und wenn die Bauern in den Wagen hineinguckten und ihn da oben sitzen sahen,

du für sonderbare Dinge Haft, Stepan Jwano- witsch! Man könnte beinahe meinen, die kleine weiße Eitle da sei lebendig!"

Als Bruder Eule wieder ganz gesund war, machte er gelegentliche kleine Spazierflüge. Der erste dieser Flüge jagte Kattnka großen Schrecken ein. Der Rastplatz war erreicht und Stepan hatte ein 'Feuer angezündet. Schon war der große schwarze Kesse! am Kochen und Klein-Step an räkelte sich fröhlich lallend in der Nähe des Feuers, als Bruder Eule auf einmal er war in der Nähe auf einem Busch gesessen und hatte zugeguckt mit den Flügeln schlug und schweigend nach dem Wald zu absegelte.

Vater! Der kleine weiße Bruder ist fort!" schrie Ka­ttnka entsetzt.Er ist in den Wald geflogen. Oh, was sollen wir tun?"' und sie weinte zum Herzzerbrechen.

Du möchtest aber den weißen Bruder doch nicht gegen seinen Willen behalten, Katinka?"

N7 nein, aber ich Hab ihn so lieb gehäbt..."

Spät abends jedoch, als sie mit ihrem Kummer im Bettchen lag und der Schlaf so gar nicht kommen wollte, hörte sie auf einmal leises Flügelrauschen mtb Flattern bei der offenen Türe und dann das wohlbekannte Kratzen der kleinen Krallen und Bruder Eule kletterte in philosophischer Buhe auf seinen Balken.

Er ist wieder da!" schrie sie entzückt.

Ein sehr weiser Vogel also, der noch oft spazierenfliog, aber immer wieder dahin zurückkehrte, wo es ihm so aus­gezeichnet ging. Die Menschen sind manchmal nicht so klug.

Baby Stepan war noch viel zu klein, um den Verlust der Mutter zu empfinden. Solange sein dickes, kleines Bäuch­lein zu gerade richtiger Prallheit gefüllt war und er in Schlaf gewiegt wurde, wenn es ihn danach gelüstete, und glitzernde und klingende Dinge sehen und hören konnte, wenn er wachte, war er sehr glücklich und zufrieden.

Für den Mann jedoch, der ganze Nächte auf blieb draußen beim Lagerfeuer und in die glirnmende Asche starrte, wtznn die Kinder schliefen, war wenig Glück iM Leben übrig geblieben. Für die Kinder war er dem Schick sal dankbar und ihnen gehörte seine Liebe und seine Sorge. Doch Katta konnten sie ihm nicht ersetzen.

So war eine furchtbare Lücke in seinem Leben, die er mit dumpfem Hinbrüten ausfüllte. Immer war es ern Mann, aus den sich seine Gedanken und sein Hinbrüten kon­zentrierten Paschkin immer Paschkin. Und dieses. Hinbrüten war bitter und schicksalsschwer.

In den Hügeln tras er Peter Krop, und die beiden Männer durchwachten zusammen eine lange Nacht ^i der glimmenden Glut eines Lagerfeuers. Sie sprachen ftettich nur wenig miteinander. Denn vor vielen Jahren war Peter Krop selbst durch den langen, dunklen Gang der Sorge uw) des Leids gewandelt, und er wußte nur zu gsitt, daß Worte und Reden da nicht Helsen konnten.

Erst als sie sich wieder trennten, um ein jeder seines eigenen Weg zu gehen, sagte er bedeutungsvoll'zu Stepan!

Vergiß nicht, Stepan Jwanowitsch, daß die Kinder oir geblieben sttrd! Kinder sind ein Geschenk Gottes!",

Ich habe es nicht vergessen, Peter Petrowitsch," widerte Stepan und ging ferner Wege . . .

(Fortsetzung folgt.)

Lin Kindlicher Soldat drei Zahre hinter der deutschen Front.

Bon unseren Truppen wurde im Westen ein französischer Sol­dat gefangen genommen, der sich 3 Jahre lang hinter der deut­schen' Front anshielt. Bei seiner Gefangennahme fand man ern Tagebuch, das Feldkttegsgerichtsrat Richter jetzt tm Mrlag von Otto Elsner in Berlin S42 veröffentlM. (Preis 1.50 Mark.) Das Buch schildert nicht nur die aufregenden Erlebnyse dieses Soldaten, soichern bietet auch! über das Leben und Treiben dev verhaßtenBockes" originelle Betrachtungen, die manchnwl für uns lehrreich sind. In seiner ganzen Anlage erhebt sich das Werk über den Durchschnitt der üblichen Kttegsliteratur und wird auch von jenen Leuten.gern gelesen werden, dre an ihre Lektüre höhere Ansprüche stellen. Mit Genehmigung des Verlags verössentlächmr wir nachstehend aus dem 102 Leiten starken Werve einen Abschnitt.

Januar 1915.

Ich bin immer noch bei Frau Berthe in Ssvignp; ich fühle mich hier ganz in Sicherheit; es sind wohl öfters Boches im Torfe; die stören mich und die Kameraden aber nicht; sie halten uns für Leute ans den: Dorfe; ich habe schon nrit dem einen oder anderen gesprochen; die Soldaten sind fremMich; sie gehen und kommen, wie wenn sie in ihrer Heimat wären.

Letzthin ist hier eine lustige Geschichte passiert; ein Gendarm ist in das .Hans Legrand gekommen und sagte, er müsse eine HauS- suckMNg machen. Frau Legrand, mit der der Gendarm sprach, , be-, kam cirien großen Schrecken; sie waren im Hause gerade dabei, ein Schwein zu schlachten, und das sollte der Geiidarrn doch nicht sehen. Kran Legrand war aber schnell gefaßt, sie sagte, sie Elte ijren Mann rufeil lassen. Sie ging hinaus und benachrichtigte ihren Mann. Tiefer packte das ganze Schsvein, trug es ans ein Bett und deckte es zu; auf einen Tisch daneben legte er ein; weißes Tuch und stellte eine brcnneirde Kerze darauf; es sah ans, wie ein Sterbezimmer.

Tann ging Legrand zu den: Gendarrnen und ,nachte ein sehr trauriges Gesicht. Der Gertdarm sing mit feilten Leuten die Durch­suchung an; als sie in das Zimmerfamrat, wo das Schwein im Bett lag, wurden.sie ganz ernst, gingen gleich wieder aus dem Zimmer und verließen auch bald das .Hans.

Sie haben sich richtig täuschen lassen und- geglaubt, in dem Zimmer liege ein Verstorbener!

Ich hätte Legrands hinterher sehen mögen!

In den letzten Tagen sind Evakuierte nach Sövigny gekommen; die Leute wohnten bis vor kurzem in La .Tour, bäht Hutter denj Linien; die Deutschen, haben sie jetzt gezwungen, den Ort zu ver­lassen; die Leute meinen, die Teutfchpn hätten Angst, es werbe spioniert.

Einer von ihnen hat mir erzählt, daß kurz, bevor sie fort- mußten, mit ihrem Pfarrer eine dumme Geschichte passiert ist. Die Deutschen hatten Telephvndrähte am Hanse des Pfarrers gelegt, und dieser hat ein Stück von dem Draht abgerissen. Das ivar meiner Ansicht nach« dumm von dem Pfarrer; er hätte sich denken 'können, daß das leicht heranskommt. Ter Pfarrer ist vor ein Kttegsgericht gekommen und spreng bestraft worden.

Die.Leute von La Tour haben eine beschwerliche Reise gehabt.. Bevor sie hierher kamen, waren sie in Fontaine; dort ist die Ko-M-