Der endlose Weg.
Woman aus Sibirien. VonI. Oxenham.
Klutorisiert — Nachdruck verboten.
_- (Fortsetzung.)
14 .
Stepan Jline verliert seine Neiden Kinder.
Step an beerdigte Katia aus einem einsamen Platz hoch loben in den .Hügeln; niemand als er wußte die Stelle.
Dann begab er sich still zurück nach dem Dorfe, in dem er die Kinder in der Obhut einer Bauernfrau gelassen hatte, nahm die Schlittenkufen unter dem Hause weg und setzte es Wieder auf Räder, und zog zwei Tage später trübsinnig
davon gen Süden. t „
Das war ein trauriges Wandern fite den Mann, dessen H^erz und Sinn stets bei dem einsamen Grab in den Hügeln b-ei Tschernsk weilten. Mit seinem Weib hatte er das beste Stück seines Lebens begraben. Gleichgültig wunderte er dahin, weil er eben wandern mußte — weil sein Weg ein endloser war. So hatte Paschkin befohlen. Paschkin —> ah, ja — Paschkin! Und wenn immer seine Gedanken sich mit Paschkin beschäftigten, so nahm sein Gesicht etwas Hartes und Starres an, und seine Augen glühten wie glimmende Kohlen, die nur eines Windhauches bedürfen, um in Flammen emporzuschlagen.
Noch bedeckte der Schnee die Hügel und selbst die Ebenen waren stellenweise noch nicht schneefrei. Die Straßen waren schlammig und unwegsam, und nur langsam kamen sie vorwärts. Traurig vor sich htnbrütend saß er immer aus dem Sitz, auf dem Katia zu sitzen gepflegt hatte, und Katinka wich nie von seiner Seite, schwatzend und plappernd wie ein Papagei, frühlingsfroh und kerngesund. Bald zeigte sie ihrem Vater dies, bald jenes, denn selbst aus schneebedeckten Hügeln und schlammigen Straßen entdeckte ihr scharfes junges Auge interessante Dinge. Ueber ihnen schwang der kleine Stepan in einer Art Hängematte im Türweg und freute sich händeklatschend und lallend über Katinka und die Pferde und die Silberglocken und mancherlei Dinge, deren Schönheiten erwachsene Menschen gar nicht hätten ahnen können. Die beiden Kinder wenigstens fanden die Welt noch wunderschön, und es fehlte ihnen an nichts, was äußerliche Bedürfnisse anbetraf.
Manchmal griff Katinka hart in ihres Vaters kaum verharschte Lebenswunde mit ihren unschuldigen Fragen —
„Wird Mutti heute wiederkommen, Vater?" fragte sie dann.
„Nein, Kind, heute nicht."
I „Aber ich brauche sie. Wo ist sie hingegangen?"-
P j „Sie ist vorausgegangen, Katinka.^
! „Weshalb?"
; „Sie mußte es tun, Duschenka"
„War es der böse Paschkin, der sie schickte?" — denn für Katinka bedeutete der Name Paschkin alles, waS mächtig und böse war. ^ .
Za, Paschkin war es," stieß Stepan dann hervor, und
die alten Hassesgluten regten sich in ihm.
„Ein böser Mann — ein sehr böser Mann, dies« Paschkin," sagte dann Katinka in ihrer kindlichen Unschuld. — " " " ' *•' '' ■ m Wölfe gv-
„Weshalb tötest du ihn nicht, Vater, wie du die Wölfe getötet hast droben im Schnee?"
Ah!"
Und Katinka hörte ihn mit den Zähnen knirschen und fürchtete sich einen Augenblick laug vor ihm, denn er sah aus, wie er damals im Wagen ausgesehen hatte nach dem Kampf mit den Wölfen; damals, als er so böse mit ihr gv> wesen war. „
Und mehr als einmal'fragte das Kind: „Mutter ist aber sehr weit vorausgegangen. Holen wir sie heute ein, Vater „Nein, heute nicht."
„Werden wir sie denn je einholen?"
„Ja, Kind, so Gott es will..." - . ^ M
Lange noch erinnerte sich Stepan daran, wie Katinka die ersten Blumen fand in diesem Frühling. Sie fuhren dahin durch den jungen Sonnenschein und Katinka schwatzte wie gewöhnlich, als sie plötzlich anfsprang und aufgeregt von einem Bein auf oas andere tanzte.
„Halt, Water, halt!" rief sie und Stepan griff sofort in die Zügel. „Hilf mir hinunter 7- ah, die süßen Blumen! Ich muß sie mir holen."
„Wo denn, Duschenka?"
„Dort!" rief sie aufgeregt und rannte äuf eine schneeige Stelle zu und fiel auf die Knie nieder und küßte in wildem Entzücken ein Fleckchen mit winzigen blauen Blumen, die ihre scharfen Augen vom Wagen aus erspäht Hutten.
Wieder und wieder küßte sie den Fleck. „Sie sind wie
Mutters Augen, Vater —-" und sie waren wirklich von
wunderschönem tiefen Blau. In ihrer Freude wunderte sie sich ein wenig, weshalb wohl ihres Vaters Angen so feucht schimmerten, als er ihr half, die Blumen zu pflücken. Den ganzen Nachmittag hindurch ließ sie die Blumen Mcht aus der Hand und abends ging sie zu Bett mit ihnen . . . .
Ihr Vater war die Sanftmut selbst zu ihr und tat sein Bestes. An den einsamen langen Abenden im Haus aus Rädern kroch sie oft verstohlen aus ihrem Bettchen und schlich sich in seine Arme. Dann küßte er sie weich und zärtlich, aber mit traurigen Augen. Sein Herz hing an den Kindern. Doch Katia konnten sie ihm nicht ersetzen, noch er ihnen die Mutter. , „ , t a _
Der Frühling brachte einen Gast rn das Hans aus
Rädern. „ . _ t
Eines Tages schritt Stepan neben seinen Pferden einen steilen Hügelweg hinan, das Haupt geneigt, in traurigen Gedanken versunken. Katta sprang umher, nach Blumen suchend, schwatzend. Plötzlich, als sie über den Weg sprang, stieß sie einen Schrei aus:


