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biriens, Wjatka, Wolo^a, Ovenburg nsw. verschickt. Wer tri# auf dorne Kosten reisen teu«. Born wnMfX ins Gefängnis, um Usnn per Schub erst wie das Bfth auf den Straßen zusammeir- getrieben urrd dann in Bietzrvagen weiterbe fordert m werden., Rmute ließ mau unterwegs liegen. Wenn man bsdentt. wie klein der Prozentsatz von Wohlhabenden irr der deutschen Kolonie zu den Tausenden von Arbeitern war, so ist es Lar, daß die meisten Ausgewiesenen per Sdj(ub reisen mußten. Tie zurückbleibenden Fvauen. ihrer Ernäl)oer beraubt^ gaben trotzdem den Unglücklichcn alles Verfügbare an Geld und Kl t idungsi'ftücfen. Die selbst blieben
gut wie mittellos Zurück, d«:n ber der großen Anzahl der Bi't—d'u das Geld der deutschen Kvlonie nicht weit und
psch' Hi'r 'arte zuerst die deutsch-baltische Dillsarbeit ein.
Das Zentrum derselben war die Nigrer Stadtmission unter der iu. . vw. ^Uwtu,r.iü>t 0 . Auer aus dem gesamten Bal-
tenlande floß zwei Zähre lang cft: Strom von Geld und Mrmen Kleidern zur BMeilung und Versendung der Mission zu. Tag für Tag waren die baltischen Männer und Tomen tätig, um alles Ein lau sende zu ordne.: und den Bedürftigen zukommen zu lassen. Ta Geldsendungen häufig gar nicht oder doch sehr vermindert zu den Gefangene:: gelangten, reifte der Ingenieur K. mit mehreren tausend Nnbeln an die Orte, wo die Gefangenen untergebracht waren, unö überbrache die Gelder persönlich
Im Spätherbst 1914 erfolgte die zweite Ausweisung. Me männlichen Reichsdeutschen vom Knaben bis zum 86jährigen Greise wurden davon b-etrofser. Und wieder wurde von der Stadtmission alles möglich' zur Hilfe getor:. Später ist eine adelige Dame selbst.mit einem 66jährigen Greise nach Moskau gereist, da der Unglücklich'sonst nicht inert gefummelt wäre.
Das alles war aber für den Daß der Rusfen gegen alles Deutsch' noch nichft genug. Im Januar 1915 erging der Befehl, alle reickFdeutschen Frarren bis zu 60 Jahren nnlßten sich zur Verschickung bereit halten. Ta hieß es wieder Geld, warnte Klerduwg und Wäsche spenden. Tie Rftxaer Damen zogen nicht selten die eigene warme JackH aus, wem: Nachzügler fhmern und alles vergeben war. Ten Müttern, die kleine Kinder m den Armen trugen, wurde an,geboten, diese in Riga zu lassen, wo man für sie forgm würde. Leider mochten :rur wenige von diesen: edlen Anerbieten Gebrauch Ivos im Lauf der Zeit ein großes Kiiwersterben zur Folge hatte. Der Bericht bietet darüber die traurigsten Beispiele.
Im selben Monat kam durch einen heimlich cm eine Rigaer Tome gesandten Brief die erste Nachrclnt vo:i den gefangenen Dfb* Preußen ans Krasnojaisk. Er e-:tl>ält grausige Nachrichen. Tie Feder sträubt sich s-e zu bericht«:. Zum vierten Male wurde aus dem gesamte:: B ltenlcmd best Brüdern an§ dem angestammten Vaterland G-rld mrd Kleidirng gesammelt und von eirrer baltischen Tome in Begleitung eines ballisM: Hern: in die betresstirden Gouvernements gebracht. In stets erneuter ?krt der Versendung, dem: es galt ja als Verbroch m. den Reichsdeutschen zu helfen, man» derlei: außerdem von der Mission zur Bahr: wöchentlich drei bis vier große Ware'bellen.
Endlich im August 1915 fiel der letzte grausamste DchLccg. Diesmal traf er die alten Frauen und Kinder über 10 Jahre, Kinder, die bis dahin bei Fremden unter gebracht, in den seltensten Fällen wußten, wo Vater mtb Mütter sich^ aufhielten. Hier endlich g-rift aut aUerenerg'sihsien Protest des Pastors C. Sch. das amerikanisch Konsulat ein. Es fehlte durch, daß 60 Kiichr in einem innerhalb drei Tag«: gegründeten „Heim" Ausnahme fanden. Tie armen Greisinnen vor der Verschjleppimg zu retten, war leider unmöglich Obwohl es verböte:: war. den Kindern Unterricht zn erteilen, geschh dies dennoch in Verbindung mit Spielen aller Art von einer Anzahl baltischer Tarnen. Wie sthr hier die Liebe znm Baterl-cmde gepflegt wurde, wird ans einem hübschen Beispiel klar. Eine Mutter. die in ftübereu Jahren, russisch Uittertanin geworden war, deren beiden Solare aber als deutsch Reichsangehörige im Heim lebten, hatte erfolgreich nlm Aufnahme dieser Söhm in den russischen Untertanenverband nochiesucht. Aber als der höchste Polizeioffizier mit dieser Nachricht ins Heim kam und die Jungen das Gesuch unterscheiben sollten, verlveigerte der ältere seiner Unterschrift. Er welle deutsch sein und bleiben. Eft: lautes Hurra der anwesenden, Kameraden und ein sehr erstauntes Gesicht des Polizeiosfiziers begrüßte dieses Wort. Und als die Mutter fragte,: ,^Jmrge, willst du mich denn Mnz unglücklich nmchen?" lautete die Antwort : „Wo so viele.leide::, Mutter, kannst du auch leider: fürs deutsche Vaterland!" —
Im.Dezember 1915 wurde die Mgaer Stadtmission als „eine Vertreterin' germanischer Ideen, deren Tätigkeit während des $Meg?3 sich als besonders schädlich erwiesen habe", von der russischen Negierung ausgehoben. Aber die Hauptarbeit war getan, unzähligen Gefangenen das Leben erleichtert und in vielen Fällen gerettet. %
Möchte der lebhafte Wunsch der deutsch-baltisch«: Lande, unserem Vaterlande angegliedert zu. werden, ftch ft: nicht zu ferner /Zeit erfüllen! Es wirre rricht nur ftir sie, sondern auch für uns ein überaus großer Gewinn. Dem: mit Fontane kann man den deutsch«: Balten, die siebenhundert Jahre an ihrem angeshammteit Vaterland« ge Hanger: haben, zurufen:
> „Ter ist aus tiefster Seele treu,
, Ter die Heimat liebt, wie du!"
Johann Michael schnörps mb feine baßgeige.
Von Hermann Elle.
In dem Torfe Winkelhausen lebte ft: seinem aus Wohnhäus- chen. Viehstall und Cwrleu bestehenden Anwesen der Bauer Johannes . Michael Schuörps, von seinen Mitbürgern kurz der alte Hansmichel genannt. Wie lange das Geschlecht der Schnörpse in Wmbclhausen ansässig'war, war nicht festznftellen; Hansmichel selbst erinnerte sich mir seines Urgroßvaters, der neben seiner kleinen Landioirtscl>aft Handel, bzw. MaTergeschüfte mit Vieh und Landes- produRei: betrieb. Wenn die Ernte Fingebrachl war, und die Kirmes ins Land zog, mrhm Urgroßvater Schnörps eine Baßgeige aus seinen lang«: Rücken mrd wunderte mit einigen Mnft- kanten aus den Nachbardörfern, die noch kein Sinfoniekonzert verdorben hatten, ins Land, um dort zum Tanze aufzuspielen. Als er starb, ging die Baßgeige aus ben Soh>: über, der sie erst in die Ecke stellte, als Freund Hein ihm den Wink zur Knnftreise ins bessere Jenseits gab. Sein Sohn, der Vater Hansmichels, griff nunmehr, getreu der Ueberlieferung seines Hauses, in die Brummbaßsaiten und ließ die junge Kirmeswelt nach deren Tönen tanzen^ Auch Hansinichel Schuörps, in der Voraussicht, daß seftrem Vater einmal der Bogen aus .der Hand gleite:: würde, vertiefte sich in . das Studium der Baßnoten. Das Studium wurde aber unter- brochm, als ihn sein König in den Julitagen des Jahres 1870 zu den Fahnen rief. Willig folgte er dem Rufe, lern«: Vater mit samt der zur Untätigkeit verurteilten Baßgeige in Winkelhansen zu rücklassend. HmrsmicM stellte seinen Mann im Felde, er erwarb sich bei St. Quentin das Eiserne Kreuz und kehrte gack einer in den Jannarkämpsen bei Braune kt Rolande erhaltenen Verletzung der linken Haiw heim. Tie Schußverletzung hinderte Hansmichel anfangs etwas an der Ausübung seines Baßgeigenspiels, aber die heimische Jugend störte cs nicht, wenn ab und zu ein falscher Ton Über den Tanzboden strich. Tie Jahre vergüt gen, Hansmichel Schwrps halte sich eine Lebensgefährtin zatgesellt und es :urch und nach zu einer bescheidenen BelM: gleit gebracht, ein Erbe seines Hänschens und seiner Baßgeige blieb chm leider versagt. Nach jeder zwei- bis dreitägigen Kirmesfahrt brachte er rricht irur einen straffen Beutel Silber-, Nickel- unb Käpfermünz«: heim, nein, auch seftre Baßgleige bavg in ihrem gerännrigen Innern einest für die ftstgenden Wocherttage reichenden Vorrat an Würsten, Krochen, ZiMrren usw. Als Hansmichel sich so an die 40 Jahre dm'chgcMmstert, brach der protze Krieg aus. Es schwiegen nicht nur alle Klarinetten, Trompeten und Flöten, sondern auch seine Baßgeige; das betrübte ihr: so, daß er am liebsten zum zweiten Male mit in der: Krieg gezogen wäre, wenn ihn nicht seine 6ß! Sa Irre, ferne steifen Finger und nicht zuletzt sein „Kathcinche", seine Frau, daran gehindert hatten. Dein altes .Kriegerherz bebte> als er die jungen Männer von Mukelhausen in den Kampf ziehen sah. —
„Wenn ch nur dem Vaterlande auch noch einen Dienst erweisen könnte," klagte er fast tchrlch seinem Kathrmche. — „Sei jufrieöe, Hansmichel," entgegnete sie. „nächste Woch' back ich Zwetschekuche, die Lamrste in die Stadt fttt Lazarett brirnge, wenn du durchaus dei'm patriotische Gefühl Luft mockj« willst" Stolz wie ein Spanier trug denn nach eines schönen Septeurbertages Hansmichel drei mächtige ZwetsckAmkuchen in die Kreisstadt aber ganz befriedigt war er von der edlen Tat immer noch nicht, er wollte noch ein idealeres, patriotißches Werk verrichten, nur .über die Art desselben kam er trotz allen GrübÄns n«ht ins Reine. Hansmichel beteiligte sich Mi allen Wohltätigkeitsveranstaltung«: in Winkelhausen, an allen Naturalien- und Geldsammlungen, undj als die erste Kriegsanleihe aufgelegt wurde, zögerte er nicht, seinem Guthaben bei der Kreissparkasse 500 Mari zu etttn-ehmen. An den folgenden Arüeihen beteiligte sich HansmrckMl, trotzdem infolge Ausfalls.der Kirnves- und Tanzmusik seine Einnahmen sich verringerten, ebenfalls. — Eines. Tages hatte Hansmichpl einen Einsall, den er am anderen Tage in die Tat umsetzte. Er uahn: seirre Baßgeige und schritt damit zur Haustür hftums. Ans die verwunderte Frage seines ^Lathrinche": „Ei, 'was fällt dir denn ein?" gab er %ie Antwort: „Das wirste bald hören!" Und rdMig. Na.ch kurzer Zeit erklangen ans der Richtung der mitten im Torf stehenden dicken Linde die dumpLer: Töne von Hansmihsels Baß- geige: „Im schlvarzen Walftsch zu Ascalon" strich er 'in kräftigen Tönen so länge, bis alt und jung sich um der: sonderbo.reftf Geiger versammelt hatte. Ms er geendet, redete er die Umstehenden mit dm Wort«: an: „Ihr liebewißt Ihr auch warum ich Euch eftis vor geige? Ich wills Euch sagen: das Batcrlarch braucht Geld. Ihr habt alle welchs im Kasten, drum geht hin und zeichnet Kriegsanleihe; w>er zeichnen will, kommt zu mir, ich werde alles besorgen, aber daß nrir keiner von Euch fehlt." Vierzehn Dörfer, in denen in Friedenszeiten Hansmichels Baßgeige znm Tanze aufgespielt, suchte er in den nächsten Tagen Mm. Als nach Ablauf der Zeichnungsfrist das Kveisblatt das Ergebnis ver- ösferlllichte, stellte sich heraus, daß die vierzehn Gemeinden, denen Hansmichel gufgegeigt hatte, alle anderen Gemeiiiden des Kreises übertrafen. Am dMauffolgenden Sonntage wurde Hansmichel, als er ans der Erchje trat, vom Pfarrer und Gemeinderat ob seiner erfolgreichen Werbung ftir die KtiegsMileihe beglückwünscht. „Ja, ihr liebe Leut'," sagte er, „kam: ich mich nicht selber ft: den Dienst des Vaterlandes stellen, so soll es wenigstens nreme Baßgeig', und sollte wer noch zehn Mllerhe nötig habe!"


