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lag int Delirium. Sie phantasierte noch immer von den Wölfen und klammerte sich verzweifelt an ihn fest, obgleich sie ihn nicht zu erkennen schien. Doch feilte Stimme hatte einen geheimnisvollen beruhigenden Einfluß auf sie. Der Arzt kam und versicherte ibm, für seine Frau werde getan, was in Menschenkräften stehe. Aber er konnte ihm keine Hoffnung geben. Die Krankheit war vernachlässigt worden. Das Fieber stieg immer höher. Er wußte, daß es nicht mehr lange dauern konnte —- das Feuer mußte erlöschen aus Mangel an Brennstoff. Das Fieber hatte ihre Kraft verzehrt ...
Erst. am Mittag des nächsten Tages hörte Danoff, daß Jline wieder in Tschernsk sei. Er ließ ihn holen.
„Jline, ich kann es nicht gestatten..begann Danoff.
Dtepan gab keine Antwort, aber ans seinen Angen glitzerte es seltsam, unheimlich, wie eine eisig kalte Drohung, die Schauer des Entsetzens über Danoffs Rücken rieseln ließ, als habe die Hand des Todes ihn berührt. Noch lange sah er diese Augen vor sich, als Stepan gegangen war, ohne daß ein weiteres Wort gesprochen wurde. Er träumte von diesen Augen in der Nacht. Sie erinnerten ihn an eine halbver- geslene Szene der Vergangenheit und stimmten ihn nachdenklich —-
... Er sah wieder den mauerurngürteten Hof des Gefängnisses vor sich. Der gleiche Ausdruck, mit dem Jline ihn jetzt angeblickt hatte, war auch damals in den Augen des Mannes gewesen, der geknutet wurde auf jenem Gefängnishof und dem damals das Fleisch in Fetzen vom Rücken hing.,. v Danoff erlebte die Szene von neuem. Wie der Mann von der Bank losgeschnallt wurde — wie er zusammensan? —, wie der Gouverneur mit seinem jungen Adjutanten Danoff vorbeischritt — wie der Hansen zerfetzten Menschentums da auf dem Boden mit einem Satz tüte ein wildes Tier in die Höhe sprang und dem Gouverneur an die Kehle flog —i wie er und andere mit ihren Säbeln auf die krallenden! Hände und die beißenden Zähne loshackten... Doch das wilde Tier hatte sein Opfer mit den Zähnen zerrissen ,nnd als ein Säbelhieb den Mann endlich niederstreckte, stürzten zwei Leichen zu Boden — der Mann mit gespaltenem Schädel — der Gouverneur mit durchbissener, zerfetzter
Und das wahnsinnige Flackern und Leuchten in den Augen jenes Mannes von damals hatte er heute in Jlines Augen wiedergesehen!'
Kapitän Danoff verfluchte Stepan Jline und verfluchte Paschkin und fluchte immer noch, als er endlich einschlief mit einer unklaren Idee, es fei feine Pflicht, eine Kosaken- abtellung mit geladenen Gewehren nach Herrn Stepan Jline ins Wirtshaus zu schicken. Mehrmals in der Nacht wachte er auf und sah immer diese Augen vor sich. Ein cirmer Teufel, dieser Jline. Furchtbare Sache, dieser Paß, zweifellos. Hm, und wenn Paschkin vom Teufel besessen war — schön und gut, solange er selbst die Folgen trug. Aber er, Danoff, dankte verbindlichst dafür, um Paschkins willen ermordet zu werden. Oh nein. Es war also keine Kosakenabteilung mit geladenen Gewehren, die Stepan am nächsten Morgen aufhielt, als er aus schaumbedecktem Pferde wieder nach Tschernsk hineinjagte, sondern nur der alte Kosakensergeant, allein und unbewaffnet, während Stepan von Waffen starrte. Er trug die Flinte aus dem Rücken, den furchtbaren Speer in der Hand, die Axt inr Gürtel. Er war auf alles gefaßt.
Wie ein wildes Tier brüllte er auf, als der Sergeant die Hand emporhob und ihn anhielt, und riß Mit einem Ruck die Flinte vom Rücken.
r „Schieß mckh lieber nicht nieder, Stepan Jwarwwitsch!" sagte der alte Kosakenseraeant ruhig. „Ich möchte mit dir sprechen, nicht mit dir kämpfen," und Stepan senkte den Fllntenlaus, als er sah, daß der Mann unbewaffnet war. „Ich komme aus eigenem Antrieb j nicht vom Chef gesandt."
„Dann eile. Sprich schnell. Mein Weib wartet."
„Ich kam nur, um dich zu warnen. Du wagst zu viel, indem du nach Tschernsk kommst. Du mußt dir darüber klar werden, daß der Chef nicht anders handeln kann. Was für dein Weib getan werden kann, geschieht, auch du könntest nicht mehr tun — J"
„Und du ■ tvenn dein Weib dort liegen würde — was würdest du tun?" stieß Stepan hervor.
„Ich. ~j“7 Ich?? Bei Gott, ich würde tun, was
du tust, klug!"
Stepan Jwanowitsch. Dermoch handelst du nicht
„Klug oder nicht klug. Mit diesen Händen und mit dieser Axt habe ich da oben auf dem Paß elf Wölfe getötet," sagte 'Stepan Jline in eindringlichem "Ton, als bringe er ein gewichtiges Argument vor, „und wenn es sein muß, so will ich elf Männer töten, wenn sie zwischen mich und mein krankes Weib treten. Sage das deinem Chef, Rum muß ich gehen —" und er stieß dem Gaul die Hacken irr die Seiten und verschwand im Morgennebel.
Mit vorsichtigen Augen sah er sich um, während er die Dorsstraße entlang galoppierte, konnte jedoch nichts Verdächtiges entdecken und betrat, ohne daß ihn jemand belästigt hatte, das Wirtshaus.
Leise stahl er sich den Gang entlang zu dem Zimmer, in dem er fern Weib wußte, als sich die Türe öffnete und der Arzt heraustrat. Der starrte ihn einen Augenblick lang an, ohne etwas zu sagen, winkte dann und führte ihn an das Lager, auf dem Katia ruhte.
„Im Morgengrauen ist sie gestorben," sagte der Arzt leise. „Ich war die ganze Nacht bei ihr. Wir haben getan, was wir konnten, doch es war zu spät."
Stepcnr Jline gab keine Antwort, sondern starrte nur wortlos aus das stille süße Gesicht. Dann, ehe der Arzt auch nur ahnen konnte, was er im Sinne hatte, beugte er sich nieder, nahm die Leiche samt Decken und Bettüchern rn seine Arme und trug sie aus dem Zimmer. Draußen kletterte er auf sein Pferd mit feiner Bürde, so gut es ging, stieß ihm wieder die Hacken in die Seiten, und galoppierte den Weg zurück, den er gekommen war. In seinen Armen hielt er das, was ihm Leben und Hoffnung bedeutet hatte.
Der alte Sergeant sah ihn, wie er die Straße dahinraste, und verstand. Schwerfällig machte er Front, hob die Rechte zur Mütze und salutierte schweigend die Bürde, die Stepan trug — die äußerlich sichtbare Bürde — vielleicht auch die unsichtbare schwerere — — und sah ihm lange nach, bis Pferd und Reiter und Last an einer Wegbiegung seinen Blicken entschwanden.
Daun schüttelte er den Kopf und sagte: „Ein Teufel, dieser Paschkin ..."
Nach einer Weile schüttelte er den Kopf und dachte, leise vor sich hinpfeifend:
„Wenn Paschkin und Stepan Jline jemals wieder zu- sammenkommen —<—"
Den ganzen weiten Weg nach dem Polizeiburean schüttelte er den Kopf und pfiff vor sich hin und dachte darüber nach, was er tun würde, wenn er an Stepans Stelle wäre. Diese Gedanken paßten durchaus nicht zu seinem Beruf als Kosakensergeant und Polizeimann.
(Fortsetzung folgt.)
was die deutschen Batten an unseren Gefangenen getan haben.
Von .B. Noelting.
In unserer Zeit, wo die Lüge und die Verleumdung wahre Orgien feiern, wo unsere Feinde vor keiner Grausamkeit, ja selbst nicht vor dem Vtenchelmord zurückschrecken, um uns zu vernichten, klingt wie ein reiner Ton durch ein wüstes Klanggeroirr jede Tat der Menschenliebe und opferfreudigen Güte. Solche Daten haben die deutschen Balten an unseren Zivilgefangenen und, tvo es möglich war, auch an unfern Kriegsgefangenen unter steter Gefahr
,Ber?ag Jonek und Poliewky, hervorgeht.
Als der Krieg mit Rußland ausbrach und jeder, der die Mittel hatte, über Schweden in die Heimat rettete, übertrug Vorstand innerer deutschen Kolonie den Schutz für die zuriick- blerbenden Reichsdeutschen dem amerikanischen Konsulat. Diesem wurden auch alle für einen Hausbau gesamnrelten Gelder über- geoen Aber von Anfang an zeigte das Konsulat in Riga sich feindselig lau und wenn es — ganz selten — einmal tatkräftig! ein griff, geschah es durch das .unermüdliche Andringen zweier bal- ttfchler Blweandamen oder die dringenden Forderungen adeliger Hemden, dre sich bis zu Drohungen steigern mußten.
Nur wenig von den Qualen, die unsere unglückseligen Zivil- gefangenen zu erdulden hatten, ist in die Oesfentlichöeit gedrungen, wiese Leiden waren so groß, daß man mit Schillers Carlos aus rufen nrochte: ,,„<;ch frage, gibt es keinen Gott, was, dürfen in wmer ^chMung Könige so.hausen?" Denn .letzten Endes ist me empörende Roheit der Polizeibeamten Schuld des Exzaren, oessen Geoeme jetzt m irgendeiner Grube vermodern.
HWr&f/™ nach. Ausbruch des Krieges wurden alle militäv- pslichtigai Rerchsdeuffchen in die entferntesten Gouvernements Si-


