No man aus Sibirien. Von I. Oxenham.
Autorisiert — Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Eine Minute lang lag sie still, schweratmend auf dem Boden der Telega — um dann mit entsetzten Augen uiid unbeschreiblicher Furcht in ihren Zügen jäh aufzuspringen und aus voller Lunge zu schreien: „Die Wölfe! Die Wölfe,
Step an!! Da sind sie!! Sie werden uns zerreißen — - -'
bis Katinka gelle Schreie ausstieß und der kleine «tepan mitweinte. lind Stepan fürchtete sich tausendmal mehr als damals vor den Wölfen, denn hier war etwas, das er nicht begriff, denn er machtlos gegenüberstand. Hilfe mußte er Haben — einpeitschen mußte er auf die keuchenden schäum- bedeckten Pferde ...
So rasselten sie durch die langgestreckte Straße des Dorfes Tscherusk, und die Bauern rannten< aus den Häusern, staunend über die wilde Jagd. Vor dem Wirtshaus hielt er und trug Katia und den Buben ins Haus, während Katinka weinend im Schlitten blieb.
„Sie ist krank," erklärte er hastig der Wirtin. „Schicke nach einem Doktor, während ich sie zu Bett bringe."
Und als dett Doktor kam und Katia untersucht hatte, schüttelte er ernst den Kopf und sagte:
„Sie hat das Fieber, und zwar schon seit vielen Tagen. Weshalb ist sie nicht gepflegt worden?" und ein scharfer Blick des Vorwurfs streifte Stepan.
„Ich bin heute erst aus dem Gefängnis frei gelassen worden und wußte von nichts."
Ab!"
Der Arzt kannte Jlines Geschichte. Der Mann tat ihm von Herzen leid, aber er mußte die Wahrheit wissen: „Ich werde tun, was in meiner Kraft steht; wachst du jedoch nicht über sie Tag und Nacht, so wirft du sie verlieren.
„Verlieren! Mein Gott —" stöhnte Stepan.
In diesem Augenblick trat die Wirtin ms Zimmer. Draußen wünsche jemand Stepan zu sprechen, sagt« fte mit einem bezeichiienden Blick. Der Jemand warern Kosak mit eüier Botschaft vom Polizeichef, daß Stepan June unter keinen Umständen die Nacht in Tschernsk verbringen dürfe- Und sich sofort aus den Weg machen muffe.
„Sieh einmal, Jltne," jagte der Kosakenkapitän Arnvff, als Stepan in sprudelnden, sich überstürzenden Worten hervorgeftammelt hatte, wie die Dinge standem und t^n Offizier aus Augen anstarrte, in denen die hecken Tranen standen; „nicht rch war es, der dir oiejen Paß ausgestellt bat, und nicht ich bin es, der drr helfen kann. Auf mir lastet die Verantwortung, die Befehle der höheren Stelle zur Ausführung zu bringen. Du müßt Tscher.isk sofort ver- Wen, Jline."
„Wer ich war doch dreißig Tage fort," stotterte Stepan« sich au diesen letzten Strohhalm der Hoffnung anklamrnernL.
„Doch vorher warst du bereits zehn Tage hier. Dc-tn Paß gestattet dir nicht, dich aus irgendwelchen Grunde» länger als zehn Tage an irgendeinem Ort aufzuhalt«^ Es' bat keinen Sinn, noch Worte darüber zu verlieren^ Du milßt gehen." ^ J „
„Bei Gott, Exzellenz — —" und eme Wut kam über ihn wie damals, als ep, ein Berserker, gegen die Wolfsbestien gekämpft hatte.
Doch Danoff winkte nur dem Kosakensergeanten zu, Stepan hinauszuführen, und sagte strerig:
^ „Hast du Tschernsk binnen einer stunde nicht verlassen/so wirst du unter Eskorte nach Irkutsk abgehen!"
In Gedanken schlug Stepan ihn und Pajchkin mit gewaltigen Hieben einer Traumaxt nieder... wandte sich mrd stolperte auf die Straße.
Danoff aber schritt ärgerlich in seinem Bureau auf und ab. Er war durchaus nicht grausam veranlagt, wenn auch eigenwillig und hart, aber er ftng am dieses Mannes müde zu werden. Seine Pflicht lag doch so klar da...
Binnen einer Stunde hatte Stepan nach besten Kräften für Katia Fürsorge getroffen — mit dem Doktor gesprochen, ihm aus bitterem Herzen den Stand der Dmge erklärt und ihn beschworen, alles in seinen Kräften zu tun — mit den Bauern abgerechnet — ein anderes Pferd gekauft und nach genau sechzig Minuten rollte das Haus Rädern über den dünnen Schnee nach einem Dorf zehn Meilen weit entfernt. . , . ..
Nicht einmal Paschkin konnte chn hindern, dort die vollen zehn Tage zu bleiben, und sicherlich würde es rhm gelingen, jeden Tag auf irgendeinem Weg Nachricht über Kattas Befinden zu erhalten. Die Kinder nahm er mit sich Glücklicherweise hatte Katia, als sie fühlte, daß sie kram wurde, das Kind der Mutterbrust entwöhnt, und es spurte die Tre;muna kaum, während Katinka fortwährend weinte und nach chrer Mutter rief. Stepan tröstete sie, so gut er
konnte. tH#
In Wirklichkeit hatte Verzweiflung chn gepackt.
Nun spürte er zum erstenrnal die ga,rze ungehewm Macht zum Bösen von Puschkins Teufelspaß, mrter Um* ständen, die die Seele eines jeden Mannes vergifte^ hatten. So tief ins Mark war er getroffen, daß er nur still vor sich hinbrütete und weder fluchte noch, tobte. Worte, Flüche
waren ihm zu winzig... ^ . ..
Er konnte an nichts denken als an Kana tote sie sich im Fieber auf ihrem Bett umherwarf, unter Fremden- verlasse^ nach ihm schreiend Ah, sorgten diese Fremd«, auch für sie, wie er gesorgt haben würde? Konnten sie sein krankes Weib mit zärtlichen Worte,: beruhigen wm er? Konnten sie-? Nein Katia mußte sterben.
Zwischen Mitternacht und Tagesgrauen bestieg er eines der Pferdes Katinka uno das Kind bei einem Bauern. Weib zurück! affend, und galoppierte nach Tschernsk. Kaim


