Der endlose Weg.
Roman aus Sibirien. Von I. Oxenha m.
Autorisiert — Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Nun hörte es auch Katia und ihr von den Entbehrungen dieser Tage schmales und blasses Gesicht wurde noch blässer. Unwillkürlich drückte sie den Säugling fester an ihre Brust. Das Pferd im Stall zerrte an seiner Kette und stampfte unruhig hin und her. Katinka hielt sich- die Ohren zu und weinte. Zum erstenmal in ihrem Kinderleben herrschte ihr Vater sie rauh an.
„Still, Katinka! Die Wölfe hören dich, wenn du weinst," und Katinka schlich sich in eine Ecke, verbarg das Köpfchen in einem Fell und schluchzte in sich hinein.
„Hier hinein ins Haus können sie nicht," sagte Stepan zu Katia. „Aber ich siürchte für das Pferd. Es wird am besten sein, wenn ich mich draußen vor dem Wagen im Schneegang aufstelle. Bleib du in der Türe des Wagens. Kommen sie, so mußt du die Flinte für mich laden, sobald ick) sie abgefeuert habe. Hier ist Pulver; hier grobes Schrot; hier die Pfropfen"; und er trat in den Schneegang hinaus, mit Flinte und Speer uub Axt bewaffnet. Als er die Türe öffnete und das markdurchdringende Geheul klar hereinschallte, zuckte Katinka zusammen und schrie vor Entsetzen.
Kalt, helleuchtend hing der Mond wie ein silbernes Schild am Himmel und Stepan konnte bis zu der ersten Wegskrümmung der Paßstraße sehen.
Das Geheul und Gekläffe wurde immer deutlicher und kam immer näher. Jetzt konnte er auch die dumpfen Hufschläge eines im tollen Galopp über den Schnee dahinjagerr- ven Pferdes unterscheiden. Hinter einem Pferd also war das Wolfsrudel her! Er wartete — jeder Nerv in ihm antz- aespannt. Eine Möglichkeit wenigstens bestand, daß die Wölfe in ihrer rasenden Jagd auf das fremde Pferd die neue Wittej- rung nicht aufnahmen — doch eine schwache Möglichkeit nur, denn diese neue starke Witterung öou Pferd und Menschen und Rauck) mußte die hungrigen Bestien gewaltig anlvcken.
Leise stahl sich Stepan eine Strecke weit vorwärts. Das
f ferd galoppierte auf der Paßstraße dahin, seine letzten rüste airstrengend im Todesrennen. Das Keuchen und Pfeifen seines Atems war deutlich zu hören in der tiefen Nachd- stille. Bald klirrten seine Hufe scharf und ehern auf felsigem Weg, von dem der scharfe Wrnd den Schnee weggefegt hatte; bald waren die Hufschläge dumpf und wurden langsamer, wenn es in eine Schneewehe geriet. Alles aber übertönte das Geheul der gierig dahinMrmenden Wölfe.
Näher, immer näher kam die wilde Jagd. Da — jetzt sauste es — keine hundert Schritte von Stepan entfernt, auf der Paßstraße vorbei wie huschende Schatten. Ein gesatteltes Pferd, doch ohrre Reiter. Ein Schimmel, der
in letzter Angst vorwärts raste mit nur wenigen Schritten Vorsprung vor dem heulenden Pack.
„Wenn's der Schimmel nur aushält," flüsterte Stepmr vor sich hin, angstvoll horchend. „Nur eine halbe Merl« noch. Weit genug weg von hier. Ah — Gott helfe uns, sie haben ihn!" ,
Ein kurzes jubelndes Aufheulen, ein Chor ttrumphie- renden Gekläffs. Dann Sülle. Nur das Zuschnappen von furchtbaren Gebissen hörte der lauschende Mann — und wie die Bestien knurrten und ärgerlich kläfften, wenn sie sich in ihrer Gier gegenseitig in den Weg kamen... Noch ein- mal horchte Stepan hin. Das Pferd mußte an der ersten Wegkrümmung, keine dreihundert Schritte von hier entfernt, gestürzt und überwältigt worden sein. Dann lief er eilig zu dem Wagen zurück, stellte sich dicht an der Türe auf und spannte den Hahn seiner Flinte. Den Speer stellte er neoen sich an die Schneewand und die Axt lockerte er in seinem Gürtel. Im Haus war alles sttll, nur daÄ Pferd tm Zelt riß an der Kette und stampfte unruhig hin und her.
Auf der Paßstraße zerrissen indessen die Wölfs ihre Beute, aber ihr Heulen und Kläffen war wieder lauter geworden, denn sie stritten sich nun um die Teilung des Kadavers. Stepan horchte in die Nacht hinaus. Großer Gott — hätte das Pferd doch nur eine einzige halbe Meile länger ausgehalten! Wer die Schneewehen an den Wegkrümmungen hatten ihm wohl die Kraft ausgepumpt . . < Da hörte er ganz in der Nähe ein leises Winseln und einj Schatten huschte über den Schnee und —-
Im Schneegang stand ein Wolf und starrte erstaunt! auf den Mann. Dann sträubten sich dem Tiere die Haar« und es knurrte böse, das fürchterliche gelbe Gebiß zeigend. Daun, auf einmal Kegte es den Kopf zurück und stieß ein gellendes Geheul aus, das in einem Augenblick daher« rasende schwarze Schatten in den Schneegang brachte.
Stepan stand ganz M da. Die Tiere schienen ihm gewaltig groß und sehr mager. Sie leckten sich hoffnungsvoll die blutgeröteten Schnauzen im Vorwärtsspringen und heulten schauerlich. Sie waren sehr hungrig. Hier gab eS mehr Raub, reiche Beute. Sie kollerten übereinander m ihrer Gier, den Mann dort niederzureißen.
Das Rudel jagte heran.
Stepan feuerte. Die Entfernung war zu groß, al» daß die groben Schrote hätten gehörig streuen können, aber zwei der Wölfe wälzten sich doch heulend auf dem! Schnee. Die anderen Wölfe beantworteten den Schuß mit furchtbarem Geheul und sprangen auf Stepan los. Er hatte sofort irach dem Schuß Katia das Gewehr in die Türe hinemgereicht und stach blindlings mit dem Speer um sich — auf blutrote heulende Rachen und gelbe Gebisse und in dicht gepackte Massen von Wolfsleibern. Das Messer
war stark und scharf und biß tief.
Die Tiere waren schrecklich. Ihr fürchterliches Aussehen, ihre Gier, ihr Heulen hätte auch den mutigsten


