Ausgabe 
28.9.1918
 
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im Wege stand, und das Haus auf Rädern im Waldwinkel versank bald tief in ungeheuren Schneemassen. Viele Stun­den lang jeden Tag mußte Stepan sich dem Sturm aussetzen urcd aus Leibeskräften arbeiten, um wenigstens vom Dach, und vom Pferdezelt den Schnee zu entfernen und einen Zwi­schenraum zwischen Wagen und Schneewand AU schaffen, da­mit sie nicht erdrückt wurden. Die Pferde froren Erbärm­lich. Einige Stunden jeden Tag brannte Stepan die Eskimo­lampe im Pferdezelt, damit es dort nicht gar zu kalt wurde.

Er fing an, sich schwere Sorgen zu machen. Das Futter für die Pferde wurde knapp. Noch waren genug Nahrungs­mittel für die Mrnschjen da, ober er sagte sich, daß es noch yiele Tage dauern mußte, bis die Wege wieder passierbar wurden, wenn auch! der Sturm bald aufhörte. Zu Katia sagte er nichts davon. Er selbst jedoch so wenig als nrög- lich. Wieder vergingen mehrere Tage, und Katia fing an, blaß und ängstlich, zu werden. Die Nahrungsmittel gingen zur Neige. Auch, sie fing an, immer weniger zu essen, obgleich sie den klernen Stepan nähren mußte. Schließlich konnte sie ihre Angst nicht mehr vor Stepan verbergen.

Du mußt essen!" bat er.

Wir haben nicht mehr viel, Stepan."

Ich will weniger essen ich bin stärker als du!"

Du hast fast nichts gegessen, Stepan. du und auch ich werde essen." So mußte er ihr den Willen tun. Und das Essen war bei Gott nicht schwer für einen Mann, dem der beißende Hunger den schlaffen Magen mit förmlichen Zuckun­gen quälte.

Wie lange kann es noch dauern, Stepan?"

Das weiß Gott! Aber es scheint mir, als sei der Him­mel heute heller."

Als das Oel anfing, zu Ende zu gehen, kochte Katia alles Fleisch, das sie rwch hatten, und machte Brot, eine Art Brot, aus allem Mehl für die Zeiten, wo nicht mehr gekocht werden konnte. Und Stepan, während er Heurationen von kaum ein paar Händen voll an die Pferde austeilte und vor dem hungrigen Vorwurf in ihren müden Augen zurückschrak, wunderte srch. oft, wie lange es noch dauetn würde, bis er eines von ihnen töten mußte, um Fleisch für sich und die Seinen zu haben . . .

Doch der Sturm tobte sich aus.

Eines Morgens, als Stepan durch den Neuschnee sich durchbrach, der während der Nacht gefallen war, sah er blauen Himmel über sich, und lachenden Sonnenschein. Die Paßstraße freilich war an jeder Wegkrümmung noch meterhoch ein­geschneit und es mußte noch Tage dauern, ehe sie sichnuf den Weg machen konnten. Aber das Schlimmste war vorüber. Hastig ging er zu Werk und grub eine größere Fläche frei von Schnee, damit Katia und die Kleinen einmal Lust schöp­fen konnten.

Katinka klagte über Hunger.

Stepan,. smit einem plötzlichen Entschluß, kletterte auf das,Wagendach und spähte nach einem passierbaren Weg nach dem Wald. In einer Stunde hatte er sich durchgearbeitet und kehrte zurück, Tannenäste hinter sich herzerrend Feuerholz. Er mußte das eine Pferd töten. Sie mußten Nah­rung haben. Er selbst merkte nach dem anstrengenden Weg jisn den Wald erst so recht, wie entkräftet er war. Was er zu tun hatte, war ihm furchtbar, aber es mußte geschehen.

Rasch kroch er in das Zelt und schnitt dem einen Pferde den Hals durch

Das arme Tier zitterte an allen Gliedern und versuchte, den Kopf auszurich>ten nach seinem Herrn. Dann lag es still. Das andere Pferd schnaubte entsetzt und gebärdete sich wie toll trotz aller Entkräftung. Katia wurde blaß, als sie ihn mit einem Stück rohen Fleisches zurückkommen sah, aber Katinka klatschte in die Hände vor Freude und tanzte im Schnee. Das Fleisch schmeckte ihnen nicht, nicht einmal Katinka, und Katia zwang sich, nur um des Säuglings willen, es hinunterzus- schlucken. Es war rauh und faserig und hatte einen sonderbar süßen Geschmack. Erst als Katia es stack würzte, mit allerlei Kräutern, fanden sie es besser.

Llchtzehn Tage lang waren sie eingeschneit gewesen und vor Ablauf von zehn Tagen konnten sie den Weg durch die Schireewehen nicht wagen. So warteten sie.

Mm Abend des zehnten Tages entschied Stepan, den Uebergang über den Paß morgen zu versuchen. Das war nur zu Fuß möglich.. Das Haus auf Rädern mußte Zurückbleiben; es konnte wahrscheinlich erst in Wochen transportiert werden. Katia packte die notwendigsten Dinge, die sie nicht entbehren tonnten, in kleine Bündel zusammen. Stepan arbeitete den

ganzen Tag daran, einen schmalen Pfad durch den Schnee zu graben, auf die Paßstraße hinaus, die wenigstens stellen­weise auch ohne Schaufelarbeit passierbar rvar,'und durch die Schneewehungen an den erstell beiden Wegkrümmungen hin­durch. Er hoffte, daß der Weg besser werden würde, je wei­ter sie talwärts kalnen, und die Kälte, die setzt herrscht^ machte ja auch den Schnee mit jeder Stunde haltbarer und fester.

Es war Abend geworden und noch imlner schaufelte Ste­pan sich vorwärts. Endlich warf er sich die Schaufel über die Schulter und trat den Heimweg an. Als er das Haus auf Rädern erreicht hatte, hob er plötzlich lauschend den Kopf hoch.

Er war entsetzt stehen geblieben, eisige Furcht im Her­zen. Katia, mit dem kleinen Stepan beschäftigt, merkte nichts. Das Pferd im Stall jedoch schnaubte erschrocken-

lieber das Hügelland hin erklangen die schrecklichen Töne, die Stepan schon als Kind gehört und die ihn so oft scholl in Träumen gequält hatten das klagende Heulen und Winseln hungriger Wölfe auf der Blutspur. Er sagte nichts. Still holte er das lange scharfe Messer hervor, mit dem er das Pferd getötet hatte, iilld band es mit ledernen Riemen fest an eine lange Stange. Die schwere Axt im Gür­tel rückte er handlich zurecht. Die Flinte legte er in die Türe. Dann setzte er sich hin und lauschte.

Das Wolfsgeheul wurde immer deutlicher. Es kam näher. Stepan horchte gespannt das war nicht das melan­cholische Heulell des hungrig sich umhertreibenden Wolfes, sondern das klare, helle, gierige Winseln und Kläffen eines Wolfsrudels auf heißer Spur.

(Fortsetzung folgt.)

Der Rhair und sein Sohn.

Erzählung, von Maxim Gorki.

Deutsch, von M a r i e B e ß m e r t n y.

(Nachdruck verboten.)

Eine Gruppe mm Tataren in Hellen Mänteln mit goldlench- tender Tibetstickerei lagerte malerisch ans den Trümnrern des Khanpalastes .in der Krim, an einem Abend, da die Sonne inS Meer zu sinke» begann. Tie Männer schauten zu dem Blindens empor, der an den hellbraunen Stamm eines alten Erd be erbau nres gelehnt, mit unbeweglichen Zügen und mit schiwacher, brüchiger? Stimme eine Legende der Halbinsel zu erzählen begmm.

In der Krim und in diesein Schlosse, vor dem wir liegen, lebt« einst der Khan Mosolaima el Aswao. Er hatte einen einzigen Sohn, genannt Tolaik Mgalla.

Eine reiche Kraft wohnte in beiden und ein uirge wohnlich star­kes Gefühlsleben in dem Khan. Er war alt und hatte viele Frauen in seinem Harem. Sie alle liebten ihn, weck er noch rüstig und feurig nnd stets gütig war. Tie Frauen lieben freu* je ui gen am meisten, der liebevoll nnd zärtlich zu sein versteht, und wenn er auch schon tiefe Falten im Gesicht hat.

Alle hingen an Khan; er aber liebte nur eine gefangene Kosakin ans der Tnjeprsteppe nnd widmete ihr mehr Aufmerksamkeit als all den andern Frauen, die aus den verschiedensten Teilen der? Erde stammten und lieblich wie die Frühlingsblumen anmuteten. Sie waren Äle stets mimter und fröhlich.

Oft ries der Herrscher die junge Kosakin nach seinem Turnt, wo das Meer zu sehen war und Heiterkeit in jedem Winkel lachte. Ta standen in kostbaren Gefäßen verlockende Leckerbissen, es hingen seltene Stoffe an den Wändest und Edelsteine in allen Farben erfreuten das Auge. Tie Musik fremder Vögel ergötzte? das Ohr. Hier, in dieser anmutigen Einsamkeit, unterhielt der? Khan sich tagelang mit seinem Liebling nnd ruhte von den Mühen seines Fürstenbcruses ans.

Sein Sohn hielt sich viel in den russischen Steppen ans, wv er Wolfsjagden abhielt nnd von wo er mit reicher Beute heim­zulehren pflegte. Man kannte und fürchtete ihn in Rußland, denn hinter sich ließ er stets Asche, Leichen und Blut. Der Vater wußte, daß Algalla den Ruhr» seines Landes nicht schmälern würde, was sein Gemüt mit großer Befriedigung erfüllte.

Mit neuen Siegen kehrte Algalla Linst von einem lieber* fall ans die Russen zurück. Er wurde durch rauschende Feste geehrt, zu denen, sich alle Häuptlinge der ganzen Halbinsel ver­sammelten. Ueppige Gelage wechselten mit Spiel, wobei mancher Pfeil den Gefangenen ins Auge flog, uw die Treffsicherheit der Hand,zn prüfen. Immer zeichnete sich Algalla beim Schießen aus, nnd sein Vater war voller Freudigkeit, einen so tüchtigen Sohn und Nachfolger z-u haben. Um seine in Sohne die väterliche Liebe und Merkennung zu beweisen, sagte er:Mein lieber Al* galla! Gelobt sei Mäh und gepriesen der Name des Propheten. Noch hei meiner Lebzeit sehe ich mit den alten Augen die Jugend in meinem Reiche blichen. Ter Segen eines guten Söhres urit einer starken Hand, nrit kühnem Mut nnd Hellem Verstand ist mir