Der endlose Weg.
Roman aus Sibirien. Von I. O x e n h a m.
Autorisiert — Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
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Das Haus aus Rädern wird eingeschneit im Schnee sturm und Stepan II ine kämpft mir den Wölfen.
Der Himmel war klär, als sie von Tschernsk nach dem vier Tagereisen entfernten Dvem aufbrachen. Drem lag drüben über den Hügeln auf der gefrorenen sumpfigen Steppe. Sie waren ihre volle zehn Tage in TstyernAr geblieben, auf Neuschnee wartend, der die Wege glatten mto fahrbarer machen sollte, und zum erstenmal, fett er mit dem Terrfelspaß wanderte, hatte die Polizei ihm beoerrten müssen, daß seine Zeit um sei. ^
Stepan hatte manchmal daran gezweifen, daß man in Jenisfeisk auf buchstäbliche Erfüllung von Paschkms willkürlichem Urteil dringen würde. Hatte doch Gouverneur Tatukoff zu gelassen, daß Katia mit ihm reifte. Vielleicht drückte er auch sonst ein Auge zu. Mehr als einmal hätte! Stepan mit Peter Krop darüber gesprochen.
Aber der alte Peter schüttelte den Kopf. Er erzählte, rr Labe sein Möglichstes getan beim Goiiverneur mit Geld und guten Worten, auch in dieser Sache ein Auge znzndrucken, aber Tatnkofs habe es ihm glatt abgeschlagen. Was Katia betreffe, so habe er über sie keine Mitteilungen von dem allmächtigen Paschkin erhalten, und so sei es fern gutes Recht geweserr, in seiner eigenen Provinz nach seinem eigenen Ermessen zu handeln und ihr deii Aufenthalt bei ihrem Mann zu gestatten. Sollte er nachträglich noch Jnstr.uk- tioneil, sie betreffend, erhalten, so müßte er auch diese durchführen. (Wenn nicht etwa Peter Krop noch weitere
tausend Rubel anlegte. . .) __ . „ ~ _
Die Bestimmungen auf Stepan Flrnes Paß könne er auf keinen Fall ändern. Sie seien jedem Poliznofftz-ier von Jenisseisk bekanni und er, Tatukoff, sei nicht der Narr, es
mit Paschkin zu verderben.-- n
Wirklichkeit also war es der allmächtige und att gegenwärtige Paschkin, der Stepan ttnb die Seinen in den
^ Ä" W «er »otf »eriaffen «dB*. Kosakeilkapilän Danoff, Polizeichef von Tschrrnsk, . hatte den gewaltigen Respekt eiires autokratischen Polizeiherrn vor den Gesetzen lind Bestimmungen derer, die über chm stehen, und litt weder an besonderer Intelligenz noch an einem Ueberschwang von Gefühleii. Befehle waren da um bis auf deii Buchstaben ansgeführt zu werden, was ste mm besagen und was sie für andere Leute bedntten machtmn Auch war er ehrgeizig und hatte kem Berjtandni.. stir die Logik des Rubels. Diese Logik hakte ihre Gefahren, wie er
wußte, Mid ihm schien es, als sei für chn Ehrlichkeit bfe beste Politik — so lange, bis er eine Stelluna emnehmm würde, die ihm Bestechungsgelder von einer solchen Hvy« arantierte, vaß es wenigsteils der Mühe wert war, derk konfequenzsii ins Auge zu sehen.
Danoff war der erste Pottzewffmer, der Stepan enev- gisch -an den Wortlaut seines Passes erinnern mußte. Ms der zehnte Tag von Stepans Aufenthalt in Tschernsk verswssnr war, scrndte er ihm die kurze Mahnung, daß nt jener Nacht die Frist ablause. f Ä .
Stepan schirrte sofort seine Pferde an und gmg. Kaum waren sie über die gefrorene Surnpftbene hinweg und krochen langsam die Paßhöhe hinan, als der Himmel sich mit schweren dunkelgrauen Wölben bedeckte und große Schnees locken herabwirbelten. Immer dunkler wurde es über den Hügeln. Dann begann der Sturmwind durch den Paßtrichter zu heulen. Er blendete die Pferde, jagte den Schnee gegen das Haus aus Rädern, daß die Türe fast verstopft wurde und häufte ungeheure Schneemassen an jeder Wegbiegung. Bald wurde die Weiterfahrt unmöglich. Stepan erinnerte sich an ernen geschützten Waldwinkel, an dem sie vorbeigekommen waren, wendete die Köpft der Pftrde, und erreichte den Platz mit vieler Mühe. Dann gab es einen langen Kampf mrt dem Zelttuch, das wie vom Teufel besessen war tm Sturmwind, aber nach zwei Stunden harter Arbeit standen die Pftrde titf geschützten Zeltstatt und Stepan war zufrieden. Er kwch ins Haus und lauschte stundenlang auf das Heulen des Wmdes durch den Paß, bis er Endlich einschlief.
Des Morgens, als er aufwachte, war es still draußen^ und er sagte sich, der Sturnr sei vorüber und sie könnten werterwandern. Die Türe jedoch wollte sich nicht öffnen und als er sie endlich mit Hftwalt einen Zoll weit aufdruckte, sah er, daß draußen eine ungeheure Schneewand angeweht war.
Mit Fingern und Händen kratzte er durch die enge Oefft nung hindurch,, bis er hinauskriechen konnte, wühlte sich m den Schnee hinein und schuf ein Loch, das ihm Umblrck erlaubte. Nock)- inlmer heulte der Sturm. Dre Schneewände um den Wagen wuchsen zusehends. Voller Sorge grub er stch zu dem Pftrdezelt durch! und war unbeschreiblich froh, als er fand, daß es die Schneelast ausgehalten hatte. Mit emek langen Stange entfernte er, so gilt es ging, den meterhohen. Schnee vom Zeltdach und grub es außen von Schnee frei. Dann kroch er hinein und fand, daß es innen ziemlich warm war und die Pftrde sich wohl befanden. Er gab ihnen Heu aus seinem Vorrat und kletterte wieder in den Wagen.
„Wir sind eingeschneit, Katia," sagte er. „Der sturm
bat noch nicht nachgelassen." t .
„Wir haben Nahrungsmittel und Oel, Stepan, und
lange kann es ja nicht dauern."
Doch der Sturm wütete ununterbrochen den ganzen ^. ag und die ganze Nacht und heu ganzen nächsten Tag und noch viele folgende Tage. Schneeflocken so groß wie eme Hand trieb es pfeifend den Paß hinab. Sie türmten sich tu ge- mattiger Höhe über jedem Hindernis auf. das dem sturm


