Der endlose Weg.
Roman aus Sibirien. Von I. Oxenham.
Autorisiert — Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Später jfing er ihr noch oft winzige Waldtauben, mit Augen, die wie rote Perlen glitzerten; kleine Bündel von federn und Flaum. (Oder furchtsame kleine Pelztiere mit zitternden Pasen und buschigen Schwänzen und Häschen, die Nur.ein weißgraues Stümpfchen hatten, da, wo der Schwanz hätte sitzen sollen.
Dann staunte Katinka und freute sich und Katia bettelte die gefangenen immer wieder los.
Allerlei Spielzeug schnitzelte Stepan seinem Töchterchen aus passenden Stücken von Holz und Rinde und nach und Nach wurde er sehr geschickt darin. Katia lächelte leise vor sich hin, wenn sie sah, wie ernsthaft er im Dahin- chandcrn mit gefurchtem Gesicht schnitzelte, und Katinka plagte ihn immerzu:
,^Jst es noch nicht bald fertig, Vater? Dauert es noch lange? Was wird es diesmal? Ein Mann, oder ein Tier, oder gar der böse Päschkin?" , .
Wundersame Sächelchen verfertigte er für sie aus kleinen Tannenzapfen und Eicheln und gekrümmten Holzstückchen. Watinka l)vb sie heilig auf wie große Schütze und spielte stundenlang Hamit. Manchmal durfte sie auf dem Han^pferd reifen, iin entzückender Nähe der Silberglocken, die nie so schön sangen, als wenn Katinka sich auf dem Pserderücken vov- heugte und sie mit zaghaften Fingerchen berührte ...
Dann und wann teilten die glücklichen Menschen ihre ,endmahlzeit mit irgendeinem einsamen Wanderer, dessen ^-ngrige Augen für Stepan Paß genug waren, und der wohl Neiderfüllt weiterwanderte, sich wundernd, weshalb wohl den Linen Menschen alles Glück zufiel, den andern alles Unglück. Gr konnte ja Nicht wissen, was diese glücklichen Menschen schon gelitten batten. Manchmal trafen sie mit Nomadenbanden von drüben über der Grenze zusammen, fremdartigen Menschen mit rundlichen, flachen Gesichtern, sonderbaren Nöcken und einer unverständlichen Sprache, die aber gutmütig waren und nur voller Neugierde. .. _
Niemand tat ihnen je ettms zuleide; weder die Wanderer -noch die Nomaden. Denn die wilden Horden wußten
gut, daß diese tveißen Leute über Hunderte von rauhen Soldaten verfügten, und wenn nran nur einem von ihmn etwas zuleide tat, so kamen die Soldaten aut schnellen P;er- fcctt und fegten Mann und Tier erbarmungslos von der Steppe. Die andern schreckte wohl Stepans harte Männeralt und fein energisches Gesicht ab oder die blinkende Axt an ent Gürtel und die lange Flinte, die handgerecht in der ae des Hauses auf Rädern lag. Und dann war allen Leu- die sie auf dem Wege trafen außer gelegentlichen eilte« sauren.Wanderern, Stepans^Geschichte bekannt und sie hatten Mitleid mit ihm.
In her Provinz Jenisseisk nannte man ihn nur den Mann mit dem Teuselspaß . . .
Mer.der Mann mit dem Teufelspaß war glücklich wie selten eine. Aus dem schweren Kreuz des harten Urteils war eine Krone des Glücks geworden und aus seiner Bürde ein frohes Wandern!
Sie trafen mit Peter Kvop zusammen, wenn immer die beiden Reisewege les erlaubten, und Peter und Stepan machten sich nichts aus ein paar Tagen Extrawanderns und Geschäftsverlusts, um nur häufig zusammen zu sein. Sie diskutierten über geschäftliche Dinge der Vergangenheit und Zukunft miteinander und tauschten prvsitbringende Ideen aus über Reisewege und Warensorten. Peter kam sich dreißig Jahre jünger vor, wenn er bei Katia und den Kindern sein konnte, denn dann lebte er wieder auf im Erinnern an seine eigenen Glückszeiten, so unwiederbringlich sie auch. dahin waren. Und wenn sie dann schieden, so kam sich der alte Jude freilich recht einsam vor, nahm aber doch einen Schimmer des Glücks mit aus den Weg.
Alle Menschen, die am endlosen Weg lebten, hatten die Leute.des Hauses auf Rädern gern, um ihrer stillen Zufriedenheit und ihres Glückes willen. Die Männer und die Weiber in den Bauerndörfern kamen aus ihren Häusern gelaufen, wenn sie die Silberglocken klingen hörten, die jeder Bewohner der einsamen Steppen von Jenisseisk wohl kannte.
„Nu — ists nicht eng da drin?" sagten die müden, abgearbeiteten Hausfrauen der Steppe zu Katia und wunderten sich über ihr frisches rosiges Gesicht.
„Kommt herein und seht euch mein Haus an!" lachte sie dann, und dann kletterten hie Hausfrauen hinein und guckten sich überall um. Sie zeigte ihnen, wie geschickt Stepan alles eingerichtet hatte, und sie staunten mit aufgerissenen Aly- gen und sprachen noch wechenlang über das wunderbar? Haus auf Rädern.
„Da! Wenn nur unsere Männer auch so geschickt wären!" meinten sie neidisch.
So waren Stepan und Katia sehr glücklich. Glücklicher als in Irkutsk. ^
Der Spätsommer war vergangen, und es fing an, kalt und frostig zu iverden auf der Steppe. Die höchsten Bergt- gipfel des Hügellands krönten sich schon mit Schnee. Die Pappeln färbten sich hochrot und das Laub der weißstämmi- gen Birken flamnkte wie brennendes Feuer gegen den dunklen Hintergrund von Immergrün. Das hohe Gras der Step^ hatte die Sommersonne in einen ebenen Teppich von goldenem Braun verwandelt; nur in den sumpfigen Niederungen gab es noch sattgrüne Flecke und Blumen sogar hier und dort. Immer frostiger wurde es. Schwer und grau hing der Himmel über dem Land, und Stepan wandte die Köpfe der Pferde den Ebenen zu und beschloß, die Näder des Hauses bald mit Kufen zu vertauschen. ^ t , .
,W war sein Wünsch gewesen^ daß Katig und die Kinder


