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„Uich über was Haft du nachgedacht, Stepan JWMw-
witsch?" fragte Tötsin. , . . ^ _ , ...- .
„Katta sollte drei- oder viertausend Rubel nntbrrngen
— in den schlauen kleinen Aenglein von Kattas Vater blitzte es ans — „oder es mag auch- sein,! daß sie durch Snnon Rapin direkt an dich gesandt werden. Mit diesem Geld konnte ich, so überlegte ich mir, ein Geschäft als wandernder Händler anfangen. Reisen muß ich — möge Paschkins Seele m alle Ewigkeit in der Hölle brennen! — und Handel W treiben, ist mir nicht verboten. Ich will für Katta und die Kleine ein Haus auf Rädern erbauen Md !wir werden zusammen reisen.
„Das wird saure Arbeit werden," jammerte die Mutter. „Katia muß entscheiden, ob sie mit mir reisen will oder nicht," sagte Stepan. „Wleibt sie lieber hier — gut. Aber ich glaube, sie wird bei mir sein wollen." _ ,
Noch während er sprach, entschied Wassili Wasnttewitsch, daß unter solchen Umständen eine Tochter entschieden zu ihrem Vater gehörte und nicht zu ihrem wandernden Mann
— eine Tochter besonders, die drei- oder viertausend Rubel besaß! Mosfhe-mloi, mit drei- oder viertausend Rubels
konnte man- „
„Ja, ja, Katia soll entscheiden," tagte er, mit den Augen zwinkernd wie eine Eule. „Hältst du es für möglich, Stepan Iwanowitsch, daß Seine Exzellenz ihrem Kommen Hindernisse in den Weg legen 'könnte?" r ~
Darüber nachzudenken, fürchtete sich Stepan. Deshalb antwortete er kurz und brüsk:
^Weshalb sollte er das tun! Schon gegen mich hatte er keinen eigentlichen Grund zum Vorgehen. Katia hat doch nichts getan!" ., . ..
„Nein. Aber auch du hattest i<x nichts getan und sie ist deine Frau, und er ist Paschkin." , ,
Stepan nickte traurig vor sich hin. „Das ist wahr.- „Und gedenkst du, die Nacht über bei uns zu bleiben, Stepan Jwanowitsch?" fragte Marya Fcodorowna ängstlich.
„Nein, Matuschka. Lange, ehe es wieder hell wird, muß ich zurück in den Hügeln sein. Aber esseil will ich, und du kannst mir Nahrung mit aus den Weg geben, dreißig Tagen komme ich wieder." . ^ ..
„Das ist aber sehr gefährlich/ sagte Totsm. „Wenn
ntan dich säugt-"
„Man wird mich nicht fangen.
Und als er gegessen hatte, stahl er f«$HfttU kort, vorsichtig, geräuschlos, wie er gekommen war. Eine große Unruhe war über ihn gekommen. Währerrd er den Hügeln zu wmtderte, mußte er immer wieder an die sonderbar zwinkernden Augen seines Schioiegervaters denken und an fern gewinnsüchtiges Aushorchen, als von den dreitausend Rubeln gesprochen worden war. _ . r .
„Er wird alles versnäjen, um Katia bei sich zu behalten!" sagte sich Stepan traurig.
Drei verschieden Male, in Zwüchenraumen vvii _ je einem Monat, wagte Stepan sein Leben durch Nachttnärsthe Mer die Grenze nach Selemsinsk und jedesmal nahte er; ich mit zitternden Gliedern und trunken vor Sehnsucht dem Haus, in dem er Weib und Kind zu finden hoffte.,Wie er sich um fte bangte! Wie er sich nach ihnen sehnte! Wie ohnmächtig und hilflos er sich vorkam, der arme Wanderer! Ost warf er sich in den Wäldern hin und krallte sieh mit den Fingern irr den Teppich von Fichtennadeln und biß in das Moos und schlug mit Händen und Füßen um sich. Er starb iast vor Sehnsucht und Angst. Und dreimal wagte er Nch umsonst nach Selemsinsk, denn Katta und Katinka waren nicht dort, noch hatten die Totsins etwas von ihnen gehört ...
Die Wochen zwischen seinen Gängen nach Selemsinsk verbrachte Stepan auf zielloseu Wanderungen der Grenze entlaus. Städte und Dörfer vermied er, soviel er nur konnte,
. und hielt sich da und Hort einen Tag oder zwei in einsamen Baueruhämern aus. Meistens aber blieb er wochenlang in tven Wäldern, denn er fürchtete, der Polizei könnte sein ewiges Wandern der Grenze entlang verdächtig Vorkommen und um keinen Preis trwllte er sich weiter nach Süden oder Westen abschieben lassen — denn er musste ja in nächster Nähe von Selemsinsk BXeiö-en, um Weib und Kind zu holen, wenn sie kamen.
Sein geringer Geldbesitz war arg zusammengeschwun- den, so wenig Geld er cnrch ausgab, und oft dachte er mit. schauderndem Ekel daran, daß einmal die Zeit kommen Würde, wo er sich sein Bwt erbetteln mußte. Da half ihm ein Zufall wieder auf eigener: Füßen zu stehen und vvst neuem zu hoffen.
Eines Tages wunderte er an den unteren Abhängen' beA Altais entlang, im Walde, dicht an der großen Straße, als er, um eine Ecke biegend, eine schwer beladene Delega Mittest lauf -der Straße stehen sah,, mit einem alten Pferd Vv^ espannt, das müde und gleichgültig die Ohren hangen ließ. Ein alter grauhaariger Mann mit langem Bart saß da, gegen ein Rad gelehnt, mit den Händen in der Lust umher- 'uchtelnd. Er schien um Lust zu ringen. Die Augen traten! hm ssast aus den Höhlen. Aus seiner Kehle rangen sich Pstt-
sende Töne. . t ~ .
Mit ein paar Sätzen war Stepan auf der Straße und kniete neben dem alten Mann nieder, der, unbeschreiblich« Angst in den Augen, abwehrend die Hände gegen rhu aus- streckte
,'Jch tue dir nichts zuleide!" rief Stepan. „Was fehlt dir?"
Der alte Mann murmelte etwas Unverständliches und 'auk in einem furchtbaren Anfall von keuchendem Halsten in sich zusammen. Da sprang Stepan zum Bach, der nicht weit weg den Abhang herab rieselte, holte Wasser, und wusch dem Kranken Brust und Gesicht. Als er ihm dann aus seinem Lederbecher rwch Wasser in den Mund träufelte, erholte sich der ulte Mann und richtete sich mühsam auf.
„Es ist schon vorüber," sagte er.
„Was fehlt dir?" „ t
„Hier!" der Greis legte beide Hände auf die BruA „Ein altes Uebel. Es ist vorbei jetzt. Du kamst gerade noch zur rechten Zeit. Wer bist du?"
Stepan Jline."
,,Du bist ein guter Mensch. Du hättest mich liegen lassen und mir Hab und Gut rauben können —"
Stepan lächelte. . ^ r m .
und du warst barmherzig zu nur. Ich bm Peter Krop, ein Handelsmann. Und wohin wanderst du auf dieser Straße, Stepan Jline?"
„Ueberall hin und nirgends." ^ . _ . r , r ...
„Ein Weg muß einen Anfang und ein Ende haben.
„Mein Weg hat weder Anfang iwch Ende."
„Du bist arm, Stepan Jline?"
„Ich bin arm." _ r . _
Mer Krop, der alte Jude, sah Stepan aus semeN Augen schwarzen Augen lange an. „Du warst gut zu mir," sagt« er dann. „Steig mit mir in meinen Wagen, wenn dem Weg dich, meinen Weg führt." Sie stiegen ein und das alte Pferd zottelte in einem müden Trapp vorwärts.
„Und willst du mir nun nicht sagen, wohin du gehst, Stepan Jline?" sagte Peter Krop.
„Ich wandere nur. Hin u:rd her." w
„Wie der Teufel. Das scheint mir ein profttloses Geschäft."
„Auch mir gefällt es nicht," sagte Stepan kurz.
„Weshalb tust du es dann?"
„Auf Paschkins Befehl. Er hat mich dazu verurteilt."
„Ah! Paschkin! Der Teufelssohn! Allch ich habe Paschkins Faust gespürt. Er hat mich ausgeraubt zuerst und müh dann knuten lassen. Ich kenne Paschttn! Erzähle mir, wie es kam!" Und während sie langsam dahinwllten, erzählt« es ihm Stepan. Ä ^
„Ich habe von dir gehört, Schmied Jline. Paschkm ist ein Teufel!" war des alten Mannes einzige. Bemerkung darauf. Dann verfiel er in langes Nachdenken.
„Und du hast Geld?" fragte er endlich.
„Ich hatte einmal Geld. Und ein Heim und ein Handwerk und Weib und Kind. Jetzt habe ich diesen Knotenstock in meiner Faust hier und dieses Teufelspapier in meiner Tasche!" antwortete Stepan bitter.
„Hm. Und dein Geschäft?" , ,
„Meine Frau sollte es versuchen, es an Simon Rapm, den Juden, zu verkaufen. Er ist ein ehrlicher Mann. Aber ich habe seit fünf Monaten mein Weib nacht gesehen nnv nichts von ihr gehört." ^ , *
„So! Simon Rapin liegt in Krasnojarsk, schwer krank am Fieber, das ich: dort überraschte."
„Ah!" schrie Stepan aus erleichtertem Herzen. „Weißt du das gewiß?"
„Ich habe ihn in Krasnojarsk besucht."
„Gott sei Dank! Das also war der Grund, loeshaw Katia noch nicht nach Selenchinsk gekommen ist! Ich hatw ihr gesagt, sich nur an Simon zu wenden. Sre hat all d:e Zeit ans ihn gewartet." , ,, ,
„Ein harter Geschäftsmann, aber ehrlich, brummte


