Ausgabe 
11.9.1918
 
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Der endlose Weg,

Roman aus Sibirien. Von I. O xe nh a m.

Autorisiert Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Gefährlich war es. Ein Mißlingen mußte er zweisel- Los mit dem Tode büßen. Aber lieber wollte er sterben in dem Versuch, die Seinen zu Holm, als fünfzig Jahre lang noch einsam und allein zu leben und endlich in Einsamkeit am Wegrand zugrunde zu gehen.

Und wenn es ihm gelang . . .

Immer wieder grübelte er darüber nach, welch furcht­bares Leben sein Weib und sein Kind dann führen müßten; immer vorwärtsstrampelnd, immer weitereilend, in Som- Mer und Winter, krank und gesund, bis der Tod selbst ein Halt gebot.

Aber er kannte Katia und er wußte, daß kein geruhiges Leben und kein stilles Heim unter Freunden sie glücklich Machen konnten, wenn er nicht bei ihr war. Nein, Katias Entscheidung fürchtete er nicht.

Er verschloß seine Augen auch nicht der Tatsache, daß wach viele andere Schwierigkeiten zu überwinden waren. Denn selbst, wenn es ihnr gelang, Katia und das Kind zu sich zu holen wie sollte er es einrichten, daß sie bei ihm bleiben konnten! Würde die Polizei Katia einen Paß aus- solgen? Wenn nicht, so schickte die Polizei der ersten Stadt sie zurück, in die sie kamen. Würde Puschkins Rache auch sie verfolgen? Aber das konnte er erst in Selemsinsk erfahren. Ws dahin mußte er warten und hoffen...

So marschierte er dreißig Tage lang über Berge unb durch Strvmfurten und über weite fruchtbare Ebenen hin, die bald in voller Sommerglorie erblühen mußten. Nur welligen Menschen begegnete »gr und dann waren es arme Wanderer, scheue Männer, die niemandem Zn begegnen Wünschten. Manchmal versteckte sich solch ein Wanderer hin­ter einen Felsen oder einen Busch und wartete dort, Ge- winnsucht in den Augen, auf Stepans Näherkommen, um rhu ziehen zu lassen, wenn er sah, daß er nur ein arMi- seliger Wanderer war wie sie selber. Das waren Verschickte, die aus ihren Verbannungsstätten entflohen waren für eines kurzen Sommers Freiheit. Die Kälte und der Hunger des Winters trieben sie dann wieder zurück.

Dann und wann verbrachte Stepan die Nacht in einem Wauernhaus. Man betrachtete ihn zuerst immer sehr miß­trauisch. Wenn er aber seinen Paß zeigte, nahm man ihn freundlich aus, denn Puschkin und seine Art kannten alle, und niemand wollte Geld von Stepan annehmen für das Wenige, das man ihm geben'konnte. Er mußte sogar immer^ Noch Nahrung mitnehmen, ans den Weg.

Endlich fand er sich jenseits der Grenze der Provinz Irkutsk und wandte sich sofort nach Süden, Weib und Kind tzu. In ungeheuren Tagesmärschen eilte er vorwärts, bis

man ihm sagte, Selemsinsk liege schnurgerade nach Osten zu, über der Grenze. Da packte er Nahrungsmittel für einige Tage in sein Ränzel und überschritt, sein Leben wagend, die verbotene Grenze. Und sein Herz jubelte in ihm trotz aller Gefahr.

Dörfer vermied er. Jedem einzelnen Haus sogar ging er aus dem Wege und am dritten Tage sah er aus der Ferne den grünnadeligen Kirchturm und die lange Linie von zer­streuten Dächern, die Selemsinsk bedeuteten.

Gr wartete geduldig bis in die Nacht hinein unb erst als alle Lichter im Dorf erloschen waren, schlich er sich wie ein Dieb zur Hintertüre des Hauses, in dem Wassili Totsin wohnte. Das war nicht schwer, denn Selemsinsk hatte nur eine einzige Straße und die Rückseiten aller Häuser lagen nach dem freien Feld zu. Und Wassilis Haus war das erste auf der großen Straße von Jenisseisk Her.

Er klopfte an einen Fensterladen und wartete. Drinnen hörte er jemand sich rühren und dann ein erstauntes >Ge- nrurmel. Dann wurde es wieder still. Er mußte lange klop­fen, bis jemand den Laden ein wenig öffnete und vorsichtig fragte:

Wer ist da draußen?"

Oesfne, Wassili Wassiliewitsch," flüsterte der Wan­derer.Ich bin es, ich, Stepan Jline!"

Wieder ein erstauntes Murmeln. Cs dauerte nicht lange, fb wurde hie Türe geräuschlos ausgeriegelt und Stepaü schlüpfte hinein, zu Totsin und Marha Feodorowna, die ihn beide.überrascht und ängstlich anstarrten. Ein kleines Lämp­chen brannte in der Wohnstube.

DuchStepan Jwanowitsch?" rief Marya.In der Nacht?"

Katia. Und Katinka? Sind sie nicht hier?" stieß Ste­hen hervor.

Hier? Weshalb sollten sie hier sein, Stepall Jwauo- witsch? Und weshalb kommst du wie ein Dieb in der Nacht?'

Katia nicht hier?" rief Stepan entsetzt.Und bn hast noch nichts gehört, Wassili Wassiliewitsch? Ich hoffte so, Katia hier zil finden," und in fliegender Eile erzählte er den Schwiegereltern, was sich zugetragen hatte in Irkutsk und Wersinsk.

;M hat länger gedauert, als ich erwartet hatte, bis sie meine Geldsachen in Ordnung bringen konnte," sagte er mu­tig, gefaßt.Ich muß noch einmal nach Selemsinsk konr- men, später, und dann gehen Katia und ich zusammen fort."

Marya Feodorowna erschrak.

Stepan! Das wird ein trauriges Leben werden für Katia und dem Kind!"

Es ist nicht lneine Schuld, daß die Dinge so sind, Ma- tuschöa, und ick) kann sie nicht ändern. Aber vielleicht ge­lingt es mir, unser Los des Manderns erträglicher zu gestal-