Ausgabe 
31.8.1918
 
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Rande eines Vulkans wohnen. Doch glücklich, überglück­lich . . . Und nun war es Katia, als zittere und bebe dre Erde unter ihren Füßen, und ein Sturmwind des Unglücks peitschte Wer das Hans! aber sie biß die Zähne zu­sammen und beherrschte sich.

Ich verstehe alles," sagte sie ruhig.

Du wirst stark sein, Katia ?"

Ja. Ich werde alles ordnen, so, lote du es mir sagtest, Stepau."

Und sie machte sich M an die Arbeit und versorgte ihn in fraulicher Zärtlichkeit mit vielen kleinen Dingen für die Reise. Lebensmittel packte sie für ihn ein; stärkenden Branntwein; Kleider, m Säcken, die bequem im Tarantaß untergebracht werden konnten lauter kleine Bequemlich­keiten, die er jetzt kaum beachtete, die ihn aber später hun­dertmal urrd abertausendmal an sein Weib erinnerten. Ste­pan holte unterdessen eine größere Summe Geldes aus einem Versteck, in dem das Häufchen Rubelscheine schon lange als Notpfennig lag, und teilte die Summe mit Katia. Einage hundert Rubel waren es nur, denn Stepaus Geld steckte in seinem Geschäft. Dann gingen sie zusammen ins Schlafzimmer, und er küßte zum letztennral seine kleine blonde Katinka, die fest schlafend in ihrem Bettchen lag; denn sie war ja erst drei Jahre alt und hatte noch immer die Kinderart, zu wachen, wenn die Großen schliefen, und zu schlafen, wenn sie wachten. Dann verschlossen sie alle Türen und saßen still da, eng umschlungen, kaum ein Wort sprechend, bis jemand polternd an die Haustüre klopfte.

Die Zeit Zum Abschied war gekommen.

Eine letzte Umarmung noch, ein letzter Kuß . . .

*

Der alte Adam im Menschen, das Urmenschliche, der primitive Kampfinftinkt, läßt uns immerdar int Leben mit einem tiefsitzenden und sehr natürlichen Haß den Mann hassen, der uns unrecht tat. In gleicher Weise, oder bitterer vielleicht noch. Hassen wir den Mann, dem wir selbst unrecht taten; deshalb, weil dieser Mann uns eine ewige Drohung, einen ständigen Vorwurf, einen immerwährenden Anlaß zu Gewissensbissen darstellt. Es ist ein natürlicher Trieb, so son­derbar es scheinen mag, diese Drohung, diesen Vorwurst diesen Anlaß, diesen Mann, dem wir unrecht taten, zu ver­nichten, zu zerstampfen ... t

So haßte Gouverneur Paschkrn den Schurted Stepan Jline.

Und Stepan Jline haßte Paschkrn mit ;eder Faser serrres Herzens, mit glühendem durstigen Haß, als den Mann, der in brutaler Willkür ohne Grund und ohne Sinn ihn mit eiserner Faust getroffen und sein Leben zerbrochen hatte. Puschkin! Teufel Paschkrn!! Das war der Name, der immer­zu in Stepan tobte, während der Tarantaß dahinjagte auf dem langen Weg nach Norden. Nicht anders aber erging es

Pasckstin! gewaltigen Haß, der täglich wuchs, haßte

der Mann mit der eisernen Hand dm Mann, den er ver­nichten wollte, wenn er sich, manchmal auch fast lächelnd wun­derte darüber, haß er, der starke Puschkin, diesem gleichgül­tigen Ding von Stepan Jline, auch nur einerr Gedanken! schenkte. Aber der Name und der Mann wollten ihm nicht aus dem Kopf. , . . ...

Er erinnerte sich jetzt an unzählige kleine Szenen rrn Rat, an Wv/te und Handlungen dieses Schmiedes, die er da­mals kaum beachtet hatte, die ihm aber nun als vollgültige Beweise gefährlicher Aufruhrgesinnung ins Gedächtnis kamen. Alles fiel ihm wieder ein. Hatte Jline nicht mehrere- mal es gewagt, ihm gegenüber einen Einwand zu erheben! Hatte er ihn nicht auf Blicken des Mißbrllrgens, der Empö­rung ertappt! War er nicht einmal feuerrot geworden vor Zorn über irgend etwas, das er, Paschkrn, int Rat gesagt hatteN!

Ah der Mann war gefährlich! .Hatte einen zu steilen Nacken. Räson mußte man ihur beibringen; eine Lektion ihm erteilen, die er zeitlebens nicht vergessen sollte. Den andern auch. Doch ihm zuerst; denn ein einziger solcher Manrr mußte die andern Räte anstecken mit seiner Unbvtmäßigkeit. Schon vom ersterr Augenblick an hätte Jline ihm nicht gefallen, re­dete er sich ein. Etwas Steifnackiges hatte er immer gehabt, etwas Arrogantes, als ob er sich- gnädigst herablasse, sich unter hartem Zwang zwar zu beugen, aber auch anzudeuten dabei, daß er ein ganz anderer wäre, könnte er es sein. Solche .Gedanken rumorten in Puschkins Hirn. Das war Mließlich nichts, sehr Wunderbares. Ein Mann, der genau

weiß, daß verborgener Haß gegen ihn und wvhlbegriln> deter Haß dazu in allen Ecken und Winkeln heimlM wuchert, wird gar leicht krankhaft in seinem Mißtrauen, i

So waren kaum Stunden vergangen nach Stepans Ab-! reise, als Gouverneur Paschkin sich schon eingeredet hatte, ehrlich davon überzeugt zu sein, Stepan Jline sei eine stän­dige Drohung für ihn persönlich und eine Gefahr für deck Staat. Ern Mann, dessen man sich entledigen mußte. Schon deshalb, weil er sich so schlau verstellt und so getan hatte, als sei er nur ein einfacher, hart arbeitender Handwerker. .

Stepan Jlines Urteil war gesprochen.,

Nur die Ausführung, die Art der Strafe, verursachte Paschkin noch einiges Kopfzerbrechen. Er liebte es, das ver­geltende Schicksal zu spielen und seiner Ansicht nach mußte eine Strafe in ganz bestimmter und deutlich erkennbarer Be­ziehung zu dem Verbrechen stehen, das sie sühnen sollte, um kräftig zu wirken und kräftiger abzuschrecken. Wie Stepan also bestraft werden sollte, wußte Paschkin selbst noch nicht. Eine empfindliche Strafe sollte es werden jedenfalls, denn er hatte genug und übergenug vom Namen Jline.

Spät abends noch am gleichen Tage kam der verspätete Konvoi von Wersinsk an. Man habe sie zu spät abgesandt, behaupteten die Männer, und überdies hätten sie in den Hü­geln lange Umwege machen müssen, um die überschwemmten und unpassierbaren Strecken der Straße zu vermeiden. Nein, Jline seien sie nicht begegnet. Er müsse auf der Straße vor­beipassiert sein, während sie auf Nebenwegen mit ihren schweren Wagen in den Hügeln reiften. Paschkin ließ die An­führer des Konvois vorläufig ins Gefängnis werfen, urrd stellte sich vergnügt vor, wie Stepan Jline halb verzweifelt über die überschwemmten Straßen Wersinsk zuftrebe. Es war offenbar, daß Jline trotz aller Gefahr die Reise auf der Hauptstraße riskiert hatte, in der Hoffnung, so Zeit zu sparen und vielleicht doch noch zur rechten Zeit anzukommen. .-

Paschkirr lächelte grimmig.

Bei einem Zustand der Straße, wie die Männer vom Konvoi ihn geschildert hatterr, war es, so folgerte Paschkintz ein Ding der Unmöglichkeit für Jline, den Weg nach Wer­sinsk in zehn Tagen zurückzulegen, und in Wersinsk selbst erwartete ihn, wenn die Führer des Konvois nicht logen, eine zeitrauberrde Untersuchung. Sicherlich Stepan Jlins konnte gar nicht rechtzeitig zurückkommen! Die Situation er­schien seiner Exzellenz voller Humor. Der Konvoi doch noch angekomnren; Jline angstvollen Herzens dahinjagend un8 doch ein hoffnungslos Verurteilter, welche Anstrengungen er. auch machen mochte; Jline als Vollstrecker der Gerechtig­keit, während ihnr doch die Schlinge um den eigenen Hals hing. Drollig! Schade nur, daß die Dummköpfe im Rat es vielleicht gar nicht ahnen würden, daß nicht eine an und. für sich gleichgültige Verspätung es war, um deretwillert Jline bestraft wurde, sondern sein Rebellentum.

Doch die Strafe! Welche Strafe eignete sich wohl äM besten für Stepan Jline, den Schmied?

Spät in der Nacht erst, während der Gouverneur schlaf­los auf seinem Lager ruhte und über Rebellen im allgemei­nen und Stepan Jline im besonderen nachdachte, kam ihn? die große Idee- (Fortsetzung folflü i

Zonnl Mohrr Heimfahrt.

Von KNrt Küchlcr. ^

(Fortsetzung.)

Jonni Mohr, genannt John Fox, lief die ganze Nacht in den trostlos grauen Straßen von Grimsbv umher. Tie häßliche Stadt, in: der die Lust immer wie mit Kohlendunst und FrschgeruH

gesättigt ist, schjen ihm mit einem Male big herrlichste der Welt.- Es war doch ein glücklicher Gedanke, schnurstracks mit der .Great Central Railwatst) von der Marlboroughistation in London nach Grimsby zu fahren, wo es keinen roten Tick gab und wo die Paß­tonnolle gewiß nicht so scharf war toie in den Häfen nnmittehq bar dein FcMand gegenüber.

Nun ging es nach Norwegen! Nach Stavairger!

War, er erst in Stavänger, so war auch Deutschland! nW mehr weit! ,

* '1 Gemächlich schleuderte Jonni Mohr tags daraus, mit deA guten englischen Pah in hgr Tasche, den Hafen entlang. Hundert Schisse hatten an den Kais festgemacht, Kohlenschoner und Fische dampser, auch ein paar tüchtige Segelschiffe waren darunterä ein langgestreckter Wald von Schornsteinen, Masten: und Rahen^, Noch zwei Stunden bis zurr Ausfahrt! tJ

Ungehindert durfte er als John Fox England verlassen s e « M Jmni Mohr würde er norwegischen Boden betreten.