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Häsen am Humber und in ganz- England. Sein braunrot gebranntes Gesicht flammte.
„Schiaffen Sie mir KMatroseu! Gentlemen!" schrie er die Hiasenboamten an, die ihm -grinsend, die kurze Shagpfeifei im Mclundwinkel, zuhörten. „Ich will noch heute aus dein verdamlnten! Huurber heraus und meinen Kahn nach Stavanger steuern. Ta will ich meinetwegen so lange liegen bleiben, bis dieser Trei- B Miselskrieg zn Ende ist!"
Einer der Hasenbeamten zuckte gleichmütig die Achseln, schob die Pfeife in den anderen Mundwinkel und sagte gelassen:
„Schaffen Sie die deutschen. Unterseeboote weg, Kapitän!"
„Gvddam!" Ter Kapitän Nils Kjärve hieb mit der Faust aus den Tisch „Deutsche Unterseeboote! Geht ihnen doch an die verfluchten schwarzen Leiber mit eurer Flotte!"
„Sprechen Sie mal mit Mister Churchill über diese Sache," entgegnete der Engländer mit der gleichen Gelassenheit.
Ter Kapitän stürzte ein Glas Whisky in die unersättlichje Kehle und knurrte, etwas ruhiger, vor sich hin:
„Mit Unterseebooten Hab' irifjk nichts zu tun. . . ich, binl ein MUtraler Mann. Aber die Minen, die verdammten Knall- erbsen, mit denen eure Leute und die flinken Germans das Wässer gespickt haben, die treiben mir alle Matrosen ans der Heuer. Kein Mensch will mehr fahren! Mer ich muß rüber nach Stavanger; W muß, muß, Gentlemen! Ich brauche drei Matrosen und zahle fünf Pfund für die Reise! Fünf Pfund, das ist kein Treck in diesen Zeiten, Gentlemeu!"
Er hatte kaum ausgesprochen, da kamen zwei Männer, die vorn an der Bar gestanden und Bier getrunken Hatten, an den Tisch! des Kapitäns.
„Geben Sie sechs Pfund, Kapitän, dann sind wir Ihre Leute!"
„He!?"
Ter Kapitän Niels Kjärve fuhr herum und besah sich die M änner.
Ter eine war ein großer, breitschultriger Kerl mit einem verwegenen Gesicht. Tie Mütze saß ihm schlief ans dem krausen, braunen Haar. Er stand breitbeinig, die Hände in den Hosentaschen, die Pfeife im Mundwinkel, vor dein Kapitän. Ter andere war ein sjckMächtiger Jüngling, keine achtzehn Jahre alt, klein und unscheiU-l har. Er hatte die Mütze abgeuommen Und drehte sie zivischien den bis zur Brust hochgeschobenen Händen.
Nach einer Weile fragte der Kapitän:
„Was seid ihr denn für Kerle?"
„Ich bin Kohlenträger drüben bei den Elevatoren im Hafen von Jmmingham, und der Kleine hier arbeitet in! bet Eisfabrik am Fischhafen. Bor dem Krieg bin ichi als Matrose gefahren und der Kleine war Schiffsjunge auf der „Holyday", die vor einem deutschen Unterseeboot mit einem Torpedo im Magen koppheistergegangen ist. Wir wollen uns die sechs Pfund verdienen. . ., wnm wir für die gleiche Heller wieder rüber nach England kommen!"
Ter Kapitän fuhr auf.
„He? Mas? Wieder rüber ? . . . Ich lveiß nicht, ob ich wieder rüber komme!"
Gelassen sagte der breitschulterige Kerl:
„Ich denke, Kapitän, darauf können wir's ruhig ankommeu lassen!"
Mißtrauisch blickte der Kapitän den Burschen an, dann fragte er kurz:
„Habt Ihr Papiere?"
Ter Große griff in die Brusttaschie und holte ein paar! schmutzige und abgegriffene Zettel heraus.
„Ich habe meine Papiere zu Hause!" rief der Kleine.
'Ter Kapitän nahNr die Zettel unb las sie.
„WellZ! Tie sind in Ordnung. Gcht zum Hafenkommandauten! Und laßt euch einen Paß geben. Ohne den geht's nicht. Wenn! sch noch einen Mann erwischen kann, fahren wir morgen aus dem HUmber!"
„All right, Sir 2 )," sagte der Große gleichmütig. „Wo liegt Ihr Schiff?"
„Am zweiten Tock im Fischihafen liegt der „Kong Hakon"!"
Tie beiden Burschen schoben ab, und der Kapitän griff 'befriedigt nach der Whiskyflasche.
„Eine Runde für die Gentlemen!" rief er dröhnend, und die Hasenbeamten ani Tisch .ließen sich den Whisky schmecken.
Als der Kapitän Nils Kjärve eine Stunde später über die schlüpfrigen Grimsbydocks ging, um zu feinem Dampfer zu kommen, folgte ihm ein Mann wie ejvt Schatten. Ter Kapitän ging ein wenig schwankend, er hätte fast eine ganze Flasche W hi sch im Magen. Tie Nase war noch voll von Al ko holdunst und Tabaksrauch, und so spürte er nichts von dem herben Fischgeruch, der fast! körperlich aus den langgestreckten und kühlen Schuppen strich, wo sich auch! in Iriegszeiten, trotz der mattgewordenen Schifffahrt, die Fische aus den schottischen und norwegischen Meeren ansammelten und sich in den Eiskisten häuften, der mächtige, oft »entmrMvere Heilbutt und der schlanke Schellfisch, der wunderlich geformte Meerteufel und der .großköpfige Kabeljarl, die runde Scholle und der fette Seelachs.
Unter einer Laterne, deren gelber Schein träge über das alters- schivarze Holz der FisMalleu zitterte, blieb der Kapitän Nils
Knarre stehen, um sich eine Pfeife Tabak arrzuzürrden. Es war verboten, aus den Docks zu rauchen, ob es Tag war oder Nacht. Aber was hatte der Kapitän Kjärve aus Stavanger, der Freund all« britischen Hasenbeamten von Harwich bis Newcastle, zu .fürchten?
Eben hatte er das Streichholz an der blauen Hose angerieben und bis, zur Pfeife hochgeh oben, so daß fein rotbrarrneq gedunsenes Gesicht, noch dazu durchglüht vom vielen Whisky, inr Widerschein der Flamme wie lebendiges Feuer brannte, da stand der Mann vor ihm, der jhm gefolgt war, wie jäh aus der Dunkelheit heraus,gewachsen.
Ter Kapitän schaute ruhig auf und hielt dein Fremden das flackernde Streichholz vors Gesicht. Er sah in blaue, glänzende ÄU gen un d an s einen fieberhaft bebenden Mund.
„Goddam . . . wem: ich nicht so ein alter ausgekochter Bursche wäre. Sie hätten mich erschreckt, junger Mann! Was rvollen Sie von mir?"
Er hielt gleichmütig das Streichholz über den Pfeifen köpf, ^er Tabak brannte knisternd au,Mir gelbe Flamme erlosch.
„J!ch will Mit Ihnen nach Stavanger," sagte der Fremde rasch und leise. „Ich, saß in der Bar, in der Sie die beiden LeuLö anheuerten, Kapitän." !
„Sv. Hm! Ich könnte noch einen .gebrauchen. Sind Sie Seemann?"
Ter, junge Mann zögerte ein wenig, dann sagte er offen:
„Nein, Kapitän! Aber ich kann arbeiten. Ich war Sackträger in den Docks von London."
, Ter, Kapitän horchte auf und besah sich den jungen Manu em wenig näher. Das, matte Licht der Docklaterne beleuchtete ein hübsches, glattes Gesicht. Kapitän Kjärve verzog mißtrauisch dm Mund.
„He? Was waren Sie? Sackträger in den Docks von London?"
„Was soll, man tun, Kapitän, wenn man fein Brot Verdi cuens muß! Geben Sie mir vier Pfund, und ich! geh' mit nach! Stavanger."
Ter Kapitän zog die graubuschigen, struppigen Augenbraue hoch. Er witterte irgend etwas ; er war ein Mann, der sich in Menschjengesichtern auskannte, der wackere Kapitän Nils Kjärre „Bürschilein, Bürschlein!" sagten seine verschmitzten AeUglein.
„Ich kalkuliere, junger Mann, Sie kommen auch für zwei Pfund mit nach Stavängex, he?"
Ter Fremde war einen Augenblick betroffen. Tann sah er das gutnckltige Zwinkern der verkniffenen Tl'ngen, und er sagte gerade heraus:,
„Sie haben reicht, Kapitän. Ich! tu's auch für ztvei Pfchnd."
Kapitän Kjärre lachte trocken.
„Sagte ich's nicht? . . . Und Ihre Papiere?"
Ter Alte trat Unter die Laterne und studierte die drei Lettes
„John Henry Fox aus Birmingham. Hw! All riM!"
Er überlegte eine, Weile, dann laichte er pfiffig.
„Well! Wenn ,Sie morgen mittag mit einem! Paß von, der Hafen kommaudantnr an Bord des „Kong Hakon" kommen, da, drüben liegt der Kasten, dann sind Sie mein Mann. Für zive» Pfund, wohlverstanden! Auf Rückbeförderung legen Sie Wohl kemen Wert, wie?" fügte er lachend hinzu.
„All right!" sagte John Fox, zog den Hut und vierschwand rm Dunkeln.
Ter Kapitän blieb noch eine Weile stehen, daun schwankte' er langsam weiter, dichte Rauchwolken aus der kurzen Pfeife vvr sich! hinblasend.
Als er eine Viertelstunde später in seiner Koje lag, überlegte er sich, den Falt noch Änmal, dann! sagte er laut vor sich hm, wie es seine Weise war:
„Goddanr . . . wenn das kein Teutschjer war, laß ich mich hängen."
Nebenan lag der Steuermann in seiner Koje. Aper der hörte nffkits. Das Hafenwasser gurgelte und gluckste zu laut unterm Kiel.
Z Gut. 2 ) Schon gut, Herr. >
(Fortsetzung folgt.)
wie Nijinsky nach Argentinien kam.
(Nachdruck verboten.)
Vom russischen Ballett und feinem auch bei uns so hoch geschätzten Mitgliedes Nijinsky hat man in Deutschland lange nichts gehört. Jetzt erfahren wir durch die Vermittlung des Cri de Paris ein wenig über sein Schicksal. Dieses Blatt erzählt:
Es war irr Spanien. Ter Direktor des Theaters von Brreuos Aires wollte das russische Ballett nach Argentinien entführen. Alle Tänzer und Tänzerinnen hatten bereits ihre Einwilligung gegeben, nur Nijinsky rroch nicht. Tiefer .erklärte, daß er das Meer schon in Friedenszeiten nicht liebte. Jetzt aber, wo es von Unterseebooten wimmelte, flöße es ihm eine muviderstehliche Abneigung ein. Ter Impresario war verzweifelt. Die kommende Saison mußte einen Zusammeirbru-ch därstelleu ohne den größten Künstler. Ta sagte der Theateragent zu ihm: „Geben Sie mir freie Hand irr bezug ans die Kosten und ich werde die Sache machen." Ter Impresario tat es, und zwei Tage daraus wurde Nijinsky arretiert. .Warum? Niemand konnte den Grund sesistellen. Ter Tau-


