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Der endlose Weg.
Noman aus Sibirien. Von I. O x e n h a m.
Autorisiert — Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Paschkin war launisch wie ein schlechtes Weib. Seine Stimmungen wechselten binnen Sekunden. Zufrieden, selbstgefällig, lustig sogar in seiner ironischen Art in einem Augenblick, konnte er im nächsten Moment in blindem Zorn toben aus geringfügigem Anlass, und einer: jeden niedertrampeln, der sein Mißfallen erregte. Er hielt sich für gerecht rrnd weitsichtig. Häufig beliebte es ihm, im Rat eine Erörterung seiner Vorschläge anzuregen, nein, zu befehlen. Dann rutschten seine Räte unruhig aus ihrer: Stühlen hin und her und quälten sich ab, was es wohl sein mochte, was der Gewaltige zu hören wünschte. Sie wollten ja gerne nach seiner Pfeife tanzen, denn ihre Haut war ihnen lieb. Aber Paschkin war boshaft genug, seinen Willen immer erst als letzter zn verkünden. So saßen die Herren des Rats mit verlegenen Gesichtern da. Schwiegen sie, so rief Paschkin einen nach dem andern aus, als seien sie Schulbuben, und die Meinungen, die er dann zu hören bekam, waren außergewöhnlich vorsichtig und nn- terwürsig.
Einmal oder zweimal bei solchen Gelegenheiten war falle:; und hatte freimütig seine Ansichten dargelegt. Merkwürdigerweise fand dies anscheinend Paschkins Beifall?
Aber nur anscheinend!
Ein bloßer Schimmer von gesundem Menschenverstand mußte ja grell hervorleuchte;: in dieser Versammlung von Männern, deren jeder sich nach Kräften bemühte, ;nöglichft dumm und unfähig zu scheinen. Weil sich also Stepan einige- male im Eifer vergessen und wie ein Mann gesprochen hatte, hielt der Gouverneur ihn von nun an für einen gefährlichen Menschen! Leute von Intelligenz haßte Paschkin. So zogen sich langsam die Sturmwolken über Stepan Jline, den Schmied, zusammen.
Es fiel den übrigen Räten auf, daß er wagte, was sie nieiuals gewagt hätten, und dennoch von Paschkins Zorn verschont blieb. Sie wunderten sich. Manche hielten ihn für einen Günstling Paschkins, der vielleicht einmal zu fürchten sei wie dieser selbst.
„Hüte dich, Stepan Jwanowitsch! Du wagst viel!" sagte der alte Sabine, der Vater seines Freundes Feodor, eines Tages zu ihm.
„Bei Gott, Feodor Feodocowitsch, ich tue mein Bestes, den Mund zu halten. Doch wenn er fragt, so muß man antworten."
„Ah — -aber man muß sich hüten dabei. Man darf nicht mehr zn wissen scheinen als er selbst. Polikoff wußte mehr als Paschkin, und jetzt stirbt er langsam dahin in einem kleinen Boot aus den: Baikalsee!"
„Ich will noch vorsichtiger sein, als ich es bis jetzt schon war."
„Das ist auch das einzig Richtige!" brummte der alte Sabine.
* * *
Zum erstenmal seit Iwan Jlines Tod — seit Paschkin die Führer des unpünktlichen Konvois kurzerhand aushängen ließ — seit Stepan Jline den Männern von Wersinsk auseinandersetzte, wie pünktlich sie in Zukunft sein müßten, wenn ihnen ihr Leben lieb sei — zum erstenmal seit anderthalb Jahren war der Silberkonvoi seit einer Woche überfällig, und vom ersten Tag ab war Paschkin außer sich gewesen vor Zorn.
Dile unglücklichen Räte kamen zitternd zu den Sitzungen und wagten kaum, sich in ihren Sesseln zu rühren. Am liebsten hätten sie sich alle miteinander krank gemeldet, aber sitz wußten nur zu gut, daß man aus dem Sterbebette liegen mußte, ehe Kranksein als eine Entschuldigung galt bei dem Gouverneur.
Endlich brach der Sturm los. Eines Tages kam Pasch- kin in denkbar schlechtester Stimmung in die Ratssitzung. Er hotte allzu viel getrunken in voriger Nacht, und sein Koch hatte die gute Gelegenheit benützt, desgleichen zu tun. Das erste Frühstück war daher miserabel, und Paschkins verdorbener Magen empfand dieses kleine Malheur schmerzlich. An dem Koch konnte der Gouverneur seine Wut nicht auslassen, denn im fernen Irkutsk war dieser Mann unersetzlich und ein Juwel, wenn er sich nicht gerade betrank. Daher des 'Gouverneurs schlechte Stimmung. Solche winzigen Dinge — eine schlecht gekochte Mahlzeit, ein verstimmter Mager: —- können Menschenschicksale beeinflussen, wenn ein einzelner Mann absolute Gewalt in den Händen hält!
Hätte Paschkins Koch sich nicht betrunken in jener Nacht und nicht das Frühstück verdorben am andern Morgen, so wäre Stepan Jline vielleicht nicht ins Unglück gestürzt ...
„Der Konvoi — ist er gekommen?" knurrte Paschkin.
„Nein, man hatte keine Nachrichten."
„Er — ist — nicht — gekommen —" wiederholte- Paschkin langsam, ur:d ir: seiner: Augen blitzte es gefahrdrohend auf. Einen seiner Räte nach dem andern sah er der Reihe nach an, und die Männer zuckten zusammen unter seinem Blick und fühlten, wie ihnen der kalte Schweiß auf die Stirne trat. Sie hielten den Atem an vor Angst.
Stepan wurde bleich, als Paschkin ihn scharf ir:s Auge faßte, länger als die andern, prüfend, überlegend. Der Schmied wußte vom ersten Augenblick an, daß er es war, den Paschkin ausersehen hatte. Es mußte so sein, es war unvermeidlich. Es war sein Schicksal. In ganz unwillkürlicher Jdeenverbindung mußte der Gouverneur die Namen Wersinsk und Jline in Beziehung zu einander bringen.
Schon einmal war Stepan Jline in Wersinsk gewesen, als einziger unter allen Räten. Er allein kannte die Straße und er allein kannte die Männer von Wersinsk. Einem andern vielleicht wäre es brutal erschienen, den Sohn mit dem gleichen Auftrag in die Minen zu schicken, der dem Kater das Leben gekostet hatte, aber derartige feinfühlige Erwägungen


