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dis Finsternis stieg, die schwer und breiig Wer der Themse und Hven Häfen, las.
John Fox schaffte mit vielen andern ans der „Gloucester Castle" Meter der Aufficht des Vorarbeiters Tick. Sie . trugen Säcke über die Laufplankc, einer hinter dem andern her, eine^un- Mlerbroichpu« -Reihe. Sechs Minuten brauchten sie, um den Sack aus der Tiefe herausznholen, ihn im Sichuppen abzuwerfen urrdj wieder in den Schiffsbauch zurückzUkchren.
Niemals war bem jungen John Fox die Arbeit so schmer- gefallen wie in dieser Nacht. .—
Weist der Teufel ... er mußte immer an Teutschlalid denken . . . an die Schlachten, die es überall im Westen und im Osten schlug ... an die großen Zeitungen. Londons, die nach mvnate- bangem Siegesgeschrei wid-ertvillig zngestanden, daß diese Tentschen gewaltige :md -erfolgreiche Anstrengungen machten, sich gegen eine Welt von Feinden zu behaupten. Er kam nickch los von dieser Vorsiel lang, und einmal, er stand gerade tief unten im matt erleuchteten! Schiffsbauch und griff über die Schultern hinweg, nach einem Sack, nm ihn auszubürden, hatte er sogar eine flüchtige Sekunde lang! das träumerische, merkwürdig erregende Gefühl, weit lveg v-on Londml zu sein. Er war .. . verrückt war das .... er war mitten ans einem brüllenden Schlachtfeld, — aber nicht in den! Reihen der Engländer, sondern an der Spitze einer Kolonne deutscher Soldaten, die mit glühendem Zorn gegen eine englische Stellung rannten ...
Ta spürte er einen Stoß.
VmNnörtÄ mp-tn
Es war i^ick, der Vorarbeiter, der ihn angest^osten hatte.
„Holla hupp!" , ^
Tier' Sack lag auf dem Rücken. Geduckt unter der Zentnerlast schritt John Fox, noch immer wie im Traum, halb nachtwandlerisch, die eiserne Stiege hinauf, ging über das Teck, mechanisch hintey denr Vordermann her, betrat die leise schwankende LanfplanW. urrter der das Wasser dunkel schimmernd gegen Schiffswand und Kainmuer gluckste.
Mit einemmal stockte die Kette der Lastträger.
Was war geschehen?
Ta vorn, aus dem Kai, blieben die Männer stehen und lugten und horchten, die fdQiit) i eceit Säcke auf dem Rücken haltend-, zum schwarzen Himmel hmauf.
Herrgott . . . uns war das?
Hundert, fünfhundert Augen schallten mit einemmal verstört zum Hrmmel hicraus . . . ein Sack viel dumpf zu Boden und noch einer. . . ein merkwürdiges, ferrres Donnern, kam aus dey dunklen Höhe . . . nicht'wie der Hall eines vorüberrollenden Ge- witterdonn-ers, sondern »es war ein drohend .anschwellerrdes, nie gehörtes Brausen und Knattern . . . unheimlich, unbegreifbar .. tvie ein Schicksal, das aus der Unendlichkeit des schlvarz verhangenejn Wdltenrairmes do'.mernd heran rollt . . .
Mit einem Male brach, nicht weit von der Tow-ersestuug, ein furchtbarer Knall und ei:re weißlodernd'e Flamme aus der Erde. Die Feuerfahne flackerte hoch hinauf in die Finsternis, uW wie eine Erfcheicrung von unheimlichjer Tentlichlkeit erschien sekuind-enlang ein schwach leuchtender, langgestreckter Körper, der hoch oben durch die Lust schwamm. Tann war wieder altes schwarz, nur das Knattern und Prasseln war noch -da und das Fauchen einer Feuers- brunst, die sich drüben, ein paar hundert Meter unterhalb des Towers, rasch entwickelte. .
Aus den Tocks v-on London drängten sich die Menichen aufeinander. starrten fassungslos zmn Himmel, und v'on vielen Lippen tönte Wald der schreckliche Schrei:
„Zeppelin! Zeppelin! Zeppelin!" _ f ,
Polizisten sprangen plötzlich aus allen mogttchen Wrnkem, Rchetierpistolen in der Hand; Alarmsignale schrillten, der T-ock- meister rannte zu einem Apparat und rist in fieberhafter Aufregung- den blanken Hebel Herum; eine Sekunde später lärmten im Hanse der Admiralität, im Kriegsanrt Md .auf allen großen Polizei- statimcen Londons die schrillen elektrischen Glocken;
„Zeppeliue über der Stadt!!" , .
Inzwischen brach es Wer die Docks herein w« ern Gewitter. Feuer, in eiserne Kugeln eingesperrt, sank ans die Schuppen und aus die Wersteri. Und London, das in bangem Schlaf schwer und Unruhig träumende Ungeheuer, dessen Gehirn diesen Krieg geboren halle, schlug entsetzt, jäh anfgeschreckt, die Augen auf.
Aus den Tüchern auf dem linken Ufer der Thenrse sprangen die röten und weißglühenden Feuerfahnen. Wo eine Bombe platzte
. . bald hier, bald dort, als ritten hundert feuerspeiende Teufel brüllend duräHdie Finsternis über den Tocks . . . stob der braune, slammendurchlohte Dampf zum Himmel. Manchmal wurde iin Widerschein einer Feuersäule der wunderbar geformte, schönleuch- lende Leib des deutschen Luftschiffes sichtbar.
Wie eine Bildsäule stand der junge John Fox . mitten in der Aufregung. Er starrte mit heißen Llugen auf die Stelle, wo er in der zerberstenden Finsternis den deutschen Luftkreuzer gesehen hatte. Das Blut klopfte ihm hart gegen die Schläfen.... das Herz in der Brust tat seltsam weh . . . und doch war in ihm eilt unnennbar schönes Gefühl.
Tie Deutschen! Herrgott, die Deutschen!
Schließlich konnte er sich nicht länger hatten. Er sprang mrf den Sack, der ihm wie vielen anderer von den Schultemj
gefallen war, Md als im .Widerschein der- FSWrsbrunst das maje^- statisch dahinglettende Schiff noch einmal sichtbar wurde, streckt« er der herrlichen Erscheinung die Arme Kntgegei: und schrie iw belnd ans voller Kehle:
„Hürva! Hurra! Hurra! I"
_ Im selben Augenblick griffen zwei eiserne Fäust.e rrach ferner oacke.
John Fox fühlte fi-ch emvörgezerrl . . er erwachte jäh aus der träumerischen Verzückung, sah einen baumlangen Kerk vor sich und. schaute in das grimmig erboste Gesicht -des roten Tick, der ihn heftig schüttelte und ihn wie besessen anschrie, mit einer Stimm'e, die sich heiser nberschlug.
„Hab' ich dich! . . . Hab' ich dich endlich! . . . Tu Spion ... du Hunds göm-ein er Spion!!"
*
Es war schon beinabe Morgen, als John Fox atemlos in seiner Wohnung ankam, -me im fünften Stockwerk eines finsteren Hinterhauses der Treckbnru-Street lag. »
Eine kleine Weile blieb er stehen, an den Türpfosten gelehnt, um Atem zu holen. Er war zu Haufe, aber dieses zu Hause erfreute ihn nicht. Toch fühlte er sich in diesem Stadtviertell wo hunderttausend naineulvfe Mensckchn Men Schslupstvinkel haben, am sichersten. Tie elende Einrichtung des' Zimmers bestand ans einem halb, verrosteten Eisenbett mit rotbMten Kissen, einem krumnt- beinigen Tisch und einem wackligen Sirchll Auf einer armseliger, aus rohen Kistenbrettern zusammengenagelten Kommode stand ein verbeultes, blechernes Waschgeschirr. Ter einzige Wandschmuck war ein sch-ilechtes Oeldruckbilduis König Eduards des! Siebenten. Sanft und heuchlerisch glänzten Aber den dicken Backenwillsten die kleinen Aeuglein.
Eine halbe Minute stand.John Fox ausatmerrd an der TW dann lief er zum Fenster und sah das glanzlose Licht des früher Mvrgens, das hinter dem Dächjermeer von Whitechüpel, dein ärmsten und verrufensten Stadtteil .Londons, dunstig aufstieg.
Vorsichtig bercgte sich John aus dem Fenster und horchte mit angchrcktenem Atem. JNr Hof war alleS st!M. Jeden Augenblick glaubte John die lange Gestalt des' roten Tick drüber: aus der Finsternis des Torwegs auftauchjen zu sehen; aber es kan: nienumd Er war also in Sicherheit.
IN Sichierheit? Ach. . . auf wie lange!
Ter rote Dick hatte ihn mitter: im Krachten der deutsckM Bomben und int lodernden Schein der Feuersbrünste erkannt. Ter wußte nun, daß er kein Engländer war, sondern ein guter Deutscher, daß er 'nicht John Fox hieß, sondern . . . nein, das wußte der rote Tick ans keinen Fall, daß John Fox, der Dockarbeiter, in Wirklichkeit' der Kaufmann JvnM Mohr aus Hamburg war. Aber gleichviel, er war entdeckt uW in Gefahr, als deutschjer Spion ergriffen Md kurzerhand an der meterdickeu, mlt'ent Mauer des Towers erschossen oder zum miridesten in irgend- kines der schrecklichen Konzentrationslager geschleppt zN welchen, von denen man unter der Hand so böse Tinge hörte.
Allmählich ivuche Jonni Mohr, genanNL John Fox, rin wenig ruhiger.
Er holte sein Köfferchen aus dem WinkÄ und kramte unter den Papieren, die darin waren.
Ta tvar ein Geburtsschein ans den Namen John Henry Fox ans Birmingham; da war ein Abmeldeschein aus Chesterff-Ad, b-er war sauber von der Behörde abgestenrpelt und lautete auf den Namen Jvh-: Henry Fox, verzogen nach London. Und da war schließlich das Glanzstück dieser Aanmllung von Papieren, ein PolizeizeUgnis aus Manchjester, in dem zu lesen stand, daß sich der Arbeiter John Henry Fox aus Birmingham, 27 Jahre alt, blond, blauäugig, schlank während seines. Aufenthaltes in Manchester einwandfrei betragen habe und niemals mit der Polizei in Streit -gekommen sei.
Jonni Mohr aus Hamburg mußte laut lache::, als er daran dachte, aus welche Weise er zu- diesen hWschen Papierei: gekommen war.
Es war ad# Tage nach Kriegsausbruch gewesen.
Die- stöckenglische Firma Charles Westevsield and Dons hatte den jungen Tenffchjen, der fünf Jahve in ihrem Kontor m der Bankstreet gearbeitet hatte, glattweg aufs Pflaster, gesetzt. Da stand Jonni Mohr mit seinen sechs Pfund in der Tasche mitten im tobenden.Wirbel der City, ohne Hoffnung auf eine neu« Stellung, ohne Hoffnung, nach Teutschlarrd zu kommmr, ohne Hoffnung, ans der Heimat, wo nur noch die alte Mutter in dürftigen Verhältnissen lebte, Geld zu b-ekonrmen.
Was tun?
Trübselig fchienderte er durch! .die S-traßm der Ctty, wo man in allen Kontoren, in allen S-eisehäusern und Bars, auf der Börse und in den kühlen Marmor Hallen der Bank vw England die Anssichchen dieses Krieges berechnete, wo schon nmchttge Plakate an den Mauern des Mansion Hauses die jungen Leute Englands zmn Eintritt in das Heer des Königs' aufforöerten. Jonni Mohr machte, daß er aus der aufgeregten City in stillere Gegenden
Jü einer Bar setzte er sich hinter !einem Glase Wer fest, stützte den blonde:: Kvipf in die Hände Md schaute nachdenklich in das.schwarze Bier.
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