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Als Paschkin davongewirbelt war in seinem Dreigespann, ging der Schmied schweren Herzens hinüber ins Haus zu seiner Frau. Katia ahnte, was geschehen war, noch ehe er ein Mort sagte. Sie hatte die Troua des Gouver- neurs an der Schmiede Vorfahren sehen - - . _ . ,
Mbl" rief sie. „Paschkins Kommen m die Schmiede bedeutete sicherlich nichts Gutes!" und ihre Stimme zitterte „Er berief mich in feinen Rat," berichtete Stepanmit gerunzelter Stirne, während die kleine Katinka auf ferne Kme kletterte und sich sehr wunderte, daß der Vater ihre Küsse und ihr Liebkosen oiesmal gar nicht beachtete. „Ich wünschte, er hätte es nicht getan. Es ist kein Amt für einen ehrlichen Mann."
„Mein Gott!" jammerte Katia. ,
Stepan grübelte wortlos vor sich Im.
„Du wirst eben sehr vorsichtig fern, sagte sie trostend, obgleich eine unbeschreibliche Angst ihr das Herz zusammen-
„Ja!" antwortete er ruhig. „Um deinetwillen urld um Katinkas willen werde ich gefügig sein und Paschkin gehorchen, wie ein Hund seinem Herrn gehorcht, aber es ist traurig, daß ein ehrlicher Mann solch eine Rolle spielen muß. „Du armer Mann —" flüsterte Katia. „
Und dann packte sie die Wut. „Jeden Morgen und reden Abend will ich beten," schrie sie leidenschaftlich, „daß Paschkin stirbt. Und denke du immer an uns, Stepan. Laß dir seine Ungerechtigkeiten gefallen und hüte deine Zunge um unseretwillen. Tue du, was immer er will, aus daß unser Glück nicht in Scherben gehe, mein lieber Mann!
„Ja. Aber ich fürchte, du wirst bald einen Mann haben, Katia, der das Sprechen ganz und gar verlernt hat. Es ist nicht leicht, zu schweigen, wenn man zu Dingen ia sagen >ou, die man nie und nimmer billigen kann." „
„Denke an dein Kind und an mich. Du stürzest uns alle ins Verderben, wenn du dich Paschkin nicht fügst, und nutzest keinem einzigen Menschen damit, denn über dich hinweg geschieht dennoch, was Paschkin will."
8.
Der junge Schmied wird nach Wersinsk ge- sandt und Gouverneur Paschkin lacht grimmig ü b e r e i n e s o n d e r b a r e I d e e.
So war Stepan Jline nun ein Mitglied des Gouvernementsrates. Schwere Gefahren lagen m diesem Ehrenamt für ihn. Seinem Vater schon war es sauer genug geworden, den Mund zu halten. Stepan siel dies noch viel schwerer, denn er war jung, und das Blut floß ihm noch heiß m den Adern. Seine ganze Willenskraft mußte er , ausbieten und immer wieder zähnknirschend an Weib und Kiird oenkeii, um nicht mit der Faust aus den grünen Tisch zu schlagen und ein einzigesmal wenigstens dem Gouverneur seme ehrliche Mannesmeinung zu sagen über diese Narrenkomödie von Rastversammlung! Doch er lernte es, mit steifem, unbeweglichem Gesicht dazusitzen, während es m seinem Innern lobte, und sich aus die Zunge zu beißen, wäyrend er doch am liebsten seine Wut hinausgebrüllt hatte in alle Welt. Sein Amt lastete auf ihm wie eine fast unerträgliche Burve; er ertappte sich darauf, daß er zusammenschrak wie ein geprügelter Himd, wenn Paschkin mit seiner schürfen Kommando stimme im Rat zu sprÄeii begann. Er bildete sich ein, em Feigling, zu sein, und verlor Tag aus Tag mehr an Selbstachtung, mnertzch an seinen Ketten zerrend in ohnmächtigem Zorn. Er wäre Verrückt geworden, hätte er sich« nicht immer wieder gesagt, er müsse so handeln uni Kattas und der kleinen Katmka. willen. So manchmal stand er in seiner Schmiede am Amboß und ließ in blinder Wut den Hammer krachend aus das weißglühende Metall niedersausen, sich einbildend, es sei Paschkin, der da unter seiner Faust auf dem Amboß liege und dessen Schädel die furchtbaren Schläge zerschmetterten— bis ihn die erschrockenen Gesichter seiner Gesellen m die Wirklichkeit zurückriefen. In wenigen Monaten war aus dem glücklichen jungen Schmied ein verbitterter Mann geworden, der in steter Unruhe und Unzufriedenheit lebte.
Katia war vielleicht noch unglücklicher als er. Tag und Nacht verließ die Angst sie nicht, Stepan könnte durch ein unbedachtes Wort Paschkins Zorn erregen und sich und die Seinen unglücklich machen, und westn er zu den Sitzungen gehen mußte, saß sie oft stundenlang regungslos im ^tuhl und wartete auf seine Heimkehr, zitternd vor Angst wie Espenlaub. Immer wieder bat sie ihn, vorsichtig zu sem und zu sMvei- gen, obgleich sie das Unwürdige dieses Handelns so schwer
empfand wie er. Dann und wann erzählte er ihr, wie es in den Ratssitzungen zuging, und auch von anderen hörte sie viel darüber, genug, um zu verstehen, welche Bürde ihr Mann trug. So war sie zärtlich; zu ihm wie in den ersten Tagen junger Ehe, und zeigte ihm ihren Stolz auf ihn in tausend kleinen Dingen, damit er sich in seinem Hause wenigstens als ganzer Mann fühle.
Zwölf Monate lang ging alles gut.
(Fortsetzung folgt.)
Zoimi Mohn Heimfahrt.
Bon Kurt Küchler.
(Fortsetzung.)
Eine halbe Stunde später gingen die Männer dnvchst finstere Gassen zu den Docks hinab. Kein Licht brannte rn den Straßen. Ueber den Stadtvierteln an der 'Themse, über der City) und den breiten Straßen, in denen sich dre Theater, dre Konzerthallei :mb die großen Hotels drängen, über allen Vororten lag dre Finsternis wie ein schwarzes, schützendes Tuch. London, baä rrestw- hafte, stolze London, verkroch sich. London, d^, fiebernde Hrrrr der äZelt, war in Angst vor den deutschen Luftschrffen.
Polizisten standen überall und musterten reden Trupp Arberter, der vorüberkam. So oft einer stehen blieb, um Ich dre Pstrw anÄnzünden oder um rnit einen: ein Wort insgeheim zu spvechLN, tönte es von irgendeiner Ecke her oder kanr.es laut und vefehmrd ckus dem sch varzen Sch'lund irgendeines Torwegs:
Tann machten die Männer, daß sie weiter kamen; milder Polizeigewalt ist nicht zu, spaßen, wenn das Land im Kriege lregt.
„WaS hat der Tick mit mir vorgehabt? fragte ezohn Fox euren Arbeitskollegen, erneu alten, weißbärtigen Schottländer, mrt oem er ein Stück vorauf war.
Ter Schottländer grinste. . ^ . ^. a
„Weißt du nicht, mein Bursche," sagte er, „daß der rote Tick für jeden Soldaten, den er inr Werbebureau rn der Bakev- street für des Königs Majestät abliefert, ein rundes, gutes Pkmid bekommt?"
er Schottländer wiegte den Kopf Mischen den SckMltern mch
nur verstehen; dann kann man aus diesem ftrmjosqn Krieg einen ganzen Haufen Kapital schlagen. JeM kriegen wir alten Leute für die Stunde Tockarbert erneu Schilling und seckB Pence«). Wenn wir ein wenig ansbegchren. wird- rnan Uns zwei Schillings) die Stunde geben. Nebenbei wirbt man dem König Soldaten fürs Heer. Ter Dick versteht die Sache!
Herrker! Tie Leute, die diesem Krieg gewachst haben, können sich ihn
was kosten lassen!" ... .
Während dieser lehrreichen Ansernandersetzung war der alte Schottländer stehen geblieben. Aus seinem wei gbärtrgen, zersnrcksten Gesicht lag ein breites, gaunerisches Grinsen.
,Pfui Teufel!" sagte John Fox ganz leise vor sich hm. Was war dieser rote.Tick anders als ein Henkersknecht, der mpi einen schmutzigen t Lappen Geld einen Landsmann zur ^«stachtbaNk schleppte! Und er stellte sich das freche, herausfordernde Gesicht dea Geschäftemachers Tick vor, und ihm war, als schaute er dem ganzen' England in baß verzerrt^ gierig rechnende, unersättlich hungrige Gesicht. . . dem gewaltigen England, das aller Welt so gelassen und stolz auftvnmpfte und eineni hergelaufenen Burschen! zwanzig Schilling für jeden Soldaten zahlte, den er für das Soldheer ernschacherte. Urid John Fox dachte an Deutschland, wy ein schönes, auf den Schlachtfeldern wunderbar verMntes Volk heldenhaft für seine Freiheit kämpfte. . . aber er hütete sich, epvas von seinen Gedanken laut Warden zu lassen. .
,Go on!" tönte aus einem dunklen Hohlweg dre stimmte eines PolrzistM. Und John Fox und der Schottländer setzten, sich in Trab.
Tie „Gloucester Castle", ein gran angestrichener, großer Dampfer der Londoner Union-Castle-Linie, lag vor dem mäastrgen Schuppen 17 der Towerdocks. Aöan war lleißig dabei, die Ladung zn löschen. Tie hochragenden, eisernen Kräne knirschten m den! Gelenken, oben im Triebwerk knarrten und rollten die Räder, Ketten rasselten in die Tiefe der Schifssbänche und hoben ganze Bündel von Kisten und Säcken ans der Finsternis. Schwitzende Männer rannten über die Laufplanken und trugen Fässer rn dre langgestreckten Lagerhäuser.
Bor der ftemcmen Flnßvanrpe lag Lchrff neben Lchrfs, brs hin Äu der Stelle, wo sich die riesenhafte Towerbrücke mit ihren gewaltigen Türmen und kühn geschwungenen Bogen schattenhaft aus dem Dunkel der Nacht löste. Breit und dunkel strömte drö Themse, kern Licht schimmerte auf dem Wasser; auch hier löschte die Angst vor den deutschen Luftschiffen die Lampen «ttf den Brücken und aus den.Schiffen. Nur die Docks waren, der Nack)^ Arbeit wegen, erleuchtet, aber so schwach, daß sich die Arbeit fast rm Dunkeln voMog. Die ivenigm elektrischen Bogenlampmr bramij-t ^ terr ^ Mtrr großen' BleMchirmen, so daß kern Fünkchen Licht M


