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du, und unverrichteter Dinge hast du Wersinsk wieder verlassen, du unglaublicher Narr. Du wußtest doch, weshalb ich deinen Vater dorthin sandte, und du konntest dir denke::, daß es nun deine Pflicht war, an seiner Atelle meine Befehle auszuführen! Hattest nicht Grütze genug :m Kopf, l^h, daran zu denken? Nichts hast du also getan, gar nichts?
Step an nahm sich mit aller Gewalt zusammen und stand ruhig da, die Blicke zu Boden gesenkt.
„Ich hatte keine Befehle, Exzellenz." .
„Dickschädel! Hinaus mit dir!! Einst schien es mir, du seist klug uiid verläßlich, aber du bist gerade so dumm wie alle diese anderen Lümmel. 5) inaus!!"
Stepan machte eine Verbeugung und eilte hinaus, froh, daß es ihm nicht schlimmer ergangen war, und nichts weniger als ärgerlich darüber, daß Paschkin ihn nun für einen Dummkops hielt. Man lebte viel ruhiger und sicherer, wenn man von Paschkin verachtet und niedrig eingeschätzt wurde! Den Gefahren seines Jähzorns waren nur die Männer aus- gesetzt, die er für brauchbar hielt, und die daher häufig um ihr: sein und ihm dienen mußten.
Nach langeni Nachdenken lachte der junge Schmied vergnügt. „ _ . ,
Das war die Lösung! Dumm mußte man sem — den unbrauchbaren Dummkops mußte man spieleik, um ein geruhiges Leben führen zu können! In Zukunft, wenn immer er irgendwie mit dem Gouverneur in Berührung kam, tat er sein Bestes, um einen so stupiden Eindruck zu machen wie nur möglich, und eine Zeitlang gelang ihm das recht gut.
Nichts war mehr gefürchtet in Irkutsk, als das Ehrenamt eines Rates des Gouverneurs, und nirgends iu der Welt wahrscheinlich vermieden es Männer so geflissentlich, zu hoher Ehre ausersehen zu werden. Dem Nanren nach war ein Gouvernementsrat eine sehr wichtige und sehr einflußreiche Persönlichkeit. In Wirklichkeit jedoch bedeutete dieses Ehrenamt Verantwortung ohne jede Macht, ein blindes Jasagen ohne die Möglichkeit einer Widerrede, schweren Druck von oben und bittere Vorwürfe von unten. Und nicht einmal ablehnen durste man dieses Ehrenamt; der Gouverneur hätte sich für eine derartige Ablehnung binnen sehr kurzer Zeit revanchiert. So bemühten sich nicht nur Stepan, sondern noch viele andere, recht dumm zu scheinen, und wen): sie trotzdem in den Rat berufen wurden, so sagten sie eben zu allen: ja, die>e armen Schafe von verantwortlichen Räten.
In allem und jedem stiinmten sie immer ganz merk- wstrdig mit Paschkin überein, was ihnen wirklich kein Mensch ühelnehchen konnte, denn der Himmel war hoch und der Zar weit, und die Machtfülle des jähzornigen Gouverneurs unbegrenzt. Jeder Vorschlag seiner Exzellenz wurde im Rat ohne Diskussion und ohne Widerspruch angenommen. Etwas wundervoll Bequemes war (vom Standpunkt des Gouverneurs) diese Ratsversammlung!
Stepan stellte sich also sehr dumm, tat ruhig seine ArbeU und vermied alles, was Paschkin auf ihn hätte aufmerksam machen können. Man lebte sehr einfach im Hause der Jlines, aber es fehlte an nichts.
Ueber Marpa Petrowna war es seit dem Verschwinden ihres Mannes gemurmen wie ein langsaures Absterben. Sie wurde rasch alt und verkümmerte, denn sie hatte zr: sehr an dem Gefährten ihres Lebens gehangen. Nur daun und wann schien sie ein wenig auszuleben in der Freude au ihrer En kelin. So schleppte sich die alte Frau durch den Winter.
Eines Nachmittags im Frühling saß sie im Lehnstuhl in der Stube, und Klein-Katinka lies spielend hin und her, denn die Türe war offen. Bald war sie draußen im Sonnenschein, bald iur Zimmer.
„Friert dich, Matnschka?" schwatzte sie und guckte neu gierig in das graue, faltige Gesicht der Großmutter.
„Ja, Kind; mir ist es kalt. Ein wenig nur."
„Du solltest anfftehen und draußen in: Sonnenschein spielen wie ich . . ."
.Kalt — so kalt. . ." murmelte die Alte und tat in: Halb; ,üüi, als ob sie kalte Füßchen zwischen ihren .Händen märi-l-.au, riebe; Kindersüßcheu, fast erfroren im eisigen
SrhlaiN':!! -— p* -
„Sieh doch, wie ich, laufen kann, Matnschka!"
Da fiel sie auf das NäAchen uub brach in ein entsetztes Gemüll aus. Ihre Mutter eilte aus der Küche herbei.
Ein Blick ans das Kind — ein Blick auf die alte Frau im d-lnAuU — und Katia packte ihr Töchtercheu und rannte i: m schmiede nach Stepan. Aber sie konnte:: nichts mehr tun. Ma'H-r Wtwwma hatte noch einmal rascher laufen kön
nen als ihre kleine Enkelin und war den: vorausgegangenert Gatten nachgeeilt ins Schattenreich ... i ; i
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Stepan Jline war vorsichtig — ah, so vorsichtig. Die unzähligen schikanösen Vorschriften, die Gouverneur Paschkin ersetz, um Handel und Verkehr und städtisches Leben ncnch einem Willen zu regulieren, befolgte er in grimmiger Pünktlichkeit bis auf den letzten Buchstaben, so drückend und ungerecht sie auch, sein mochten. Die immerzu wachsenden Steuern bezahlte er ohne Murren, aber nicht allzu prompt, als ob es ihm schwer fiele, das Geld aufzutreiben. Am öffentlichen Leben nahm er keinen Anteil und lebte nur in seiner. Schmiede und in seinen: Heim; er talnhte unter in beschert)^ ner Mittelmäßigkeit. Seiner Ruhe ganz sicher war er sremch nie, wie es kein Mann sein konnte, solange Paschkin :n Irkutsk regierte. Sicher w.ar niemand. Viele, die es nicht fertig brachten, sich jedes Wort und jede Handlung dreimal zu überlegen, ehe sie sprachen und handelten, wie der junge Scymred- litten schwer unter der eisernen Faust des Gouverneurs.
Männer bissen die Zähne zusammen in ohnmächtiger Wut, wenn sie nur Paschkins Namen Härten, und das Blut kochte in ihren Adern, wenn eine Ungerechtigkeit der andern folgte, aber die meisten dn.ckten sich und schwiegen. Den wenv- gen, die nicht immer zu schweigen verstanden, erging eA schlecht. *
Po li ko ff, cher Fellhändler, wagte einmal, sehr unklugerweise, im Rat zu konstatieren, daß der Baikalsee im,Sinne praktischer Schiffahrt keine direkte Verbindung mit dem Meere habe, wie der Gouverneur angenommen hatte, und daß es deshalb zwecklos sei, den Handel der Provinz Irkutsk nach jener Richtung hin ausdehnen zu wollen. D:e Frage der Vaikalsee-Schisfahrt war außerordentliche wichtig für die Jrkutsker Industrie. Jmnwrhin wäre es für Polv- koff klüger gewesen, den Mund zu halten, denn er hatte acht Kinder, und seine Frau war vor kurzen: gestorben.
„Hunderttausende von Rubeln gehen verloren, luenn diese unmögliche Idee verfolgt wird!" behauptete Polikoff.
„Ah! Du bildest dir also ein, den Baikalsee zu kennen," donnerte Paschkin. „Du kennst ihn nicht, urein Sohn. Doch kennen lernen sollst du ihn nach Herzenslust. Aus hem Bai? kalsee sollst du leben von nun an. Auf seinen Wassern. In einem Boot. Erwische ich, dich dabei, daß du auch nur einen Fuß ans Ufer setzt, so lasse ich dir diesen Fuß abhacken! .Auf dem Baikalsee sollst du leben und sterben!!"
Das war Paschkin, wie er leibte und lebte, denn nichts machte ihn: -nehx Freude, als die Strafe dem Vergehen in boshafter Klnghcnt genau amnpassen. , ,
Still, steif, in eisigem Schrecken saßen die übrigen Rättz da. Polikoff jedoch, der einst so Vorsichtige und Bescheidene, wurde verzweifelt in: Unglück und schleuderte dem Gouverneur harte Morte ins Gesicht, wie esLNänner maitchmal tun, wenn sie keine Hosfirung n:ehr haben im Leben.
„Weil ich dir die Wahrheit sagte," schrie er, „sendest du mich in der: Tod! Du bist wahrhaftig der Teufel! Die Leute, haben ganz recht, wenn sie dich einen Teufel nennen!"
„Einen Teufel heißen sie mich?" stürmte Paschkin. „Ah, wenn ich nur ihre Rücken unter der Knute hätte! Aber ich habe den deinen, mein Freund, und du sollst für sie alle bezahlen!" „ ,
Am nächsten Tag wurde Polikoff, den Rücken zersetzt mit Knutenhieben, nach dem Baikalsee transportiert — in einer sorgfältig mit Stroh ausgepolsterten Telega, damit er ja nicht sterbe auf den: Weg, denn das wäre viel besser M ihn gewesen.
(Fortsetzung sylgt.)
Ionni Mohrr Heimfahrt.
Von Kurt K achter.
Gegen Abend, als schon fern tut Osten der graue Himmel und das ruhelos schwankende Meer zu wesenloser Dunkelheit ineiu- arL ersaufen, erhieP der Oommandant eines ZepPelimLuft- schlsfes eir: versiegeltes Telegramm und den Befehl, sogleich M Fahrt über den Kanal anszusteigen.
Glanzlos stand tief im Wester: hinter dicht gefügten Schleiern 'ans Tunst und Nebel die rote Sonne. Manchmal trieb eins dicke Wolke schwerfällig untern: Himmel her und ließ eine Schleppe von Regen hinter sich. Aber der Wind, der mrs dem Osten kam, war M für eine Fahrt nach England.
Langsam, leise in seinen Fesselst MvauVeud, schob sich der wundervolle Körper des Lnststchisses aus der Halle. Wie Zwerg.« schritterr die BchiqnMgsmaunschpftzeiw dicke Stahltrössm in dm


