Ausgabe 
10.8.1918
 
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Staunen und Begrüßen dem Sohn half, die Rappen unter Dach und Fach zu bringen. Dabei erzählte er in kurzen Wor­ten, was sich m Irkutsk alles zügetragen hatte.

,Man nennt ihn mit Recht einen Teufel, diesen Pa sch­irr:," rief der alte Schmied zornig.Niemals dürfte solch un­beschränkte Gewalt in den Händen eines einzelnen Mannes vereint sein. Geht nicht alles so, wie Paschkin es will in seiner Laune, dann ist er kein Mensch mehr, sondern wird zunr wil- - den Tier. Zum Teufel! Der Gouvernementsrat ist nur eine Komödie, um Lasten von Verantwortung auf anderer Män­ner Schultern zu bürden. Zu sagen haben wir nichts. Gar nichts. Ostroff ist auf dem Wege nach Jakutsk

Mach Jakutsk!" Step an schnappte nach Luft. Denn Jakutsk, im äußersten Nordosten Sibiriens, war gefürchtet wie die Hölle selbst; denn nur die schwersten Verbrecher wur­den dorthin verschickt und starben langsam ab in den eisigen Hütten der Eingeborenen, unter Menschen, die wenig,besser waren als die Tiere, ohne Freude, ohne Hoffnungen, ohne alles. Und Ostroff war ein lieber Freund der Jlines gewesen.

ZUnd wo ist dann die kleine Nadescha, Vater?"

Der alte Schmied schüttelte den Kopf.Das weiß Gott, und vielleicht der Teufel, und, ohne Zweifel, Puschkin."

Wieso?"

,/Nadescha ist verschwunden, Stepan. Ostroff er saß neben mir damals im Rat hatte gegen eine neue Steuer gestimmt. Nun ist er auf dem Weg nach Jakutsk und die neue Steuer schon in Kraft."

Dann soll man also sich nicht einmal rühren unter Puschkin? Kein Wort sprechen dürfen?"

.Nein. Nur das, was Paschkin gefällt."

Und du?"

Ich spreche nicht. Meine Gedanken bleiben mein. Ich bin zu alt, als daß ich noch einmal verschickt werden möchte."

Dielleicht machen diese Mongolen Paschkin den Garaus, Vater!"

,Manz Irkutsk betet allmählich! darum! Hoh wenn er das wüßte! Aber vielleicht weiß er es und kümmert sich nur nicht darum. Er ist ein starker Mann voll starker Ge­lüste, dem es wohl jeder Gefahr wert ist/ zu wissen, daß unter feiner harten Faust niemand sich zu rühren wagt."

Man nennt ihn überall nur den Teufel Paschkin," be­richtete Stepan.Selbst im einsamsten Dörfchen hat man von ihm gehört. Lille fürchten ihn."

Am Tage, an dem du abreistest, tötete er einen Kosaken mit eigener Hand. Der Mann sei unverschämt gewesen, sagte er. Er schlug ihn mit geballter Faust hierhin, auf diesen Fleck" der Schmied deutete auf Stepans Schläfeund der Kosak brach lautlos zusammen wie ein vom Schlächterbeil getroffener Stier." (Fortsetzung folgt.)

Der Vaters Eiche.

.Eine Skizze von Reinhold Brunn.

März war über Hallig nüt lauen: Winde und lockender Sonne. Er war in diesem Jahre besonders mild gekommen. Tie Marsch schimmerte schon selig im leisen Ergrünen, und die Bäume Und Sträncher in den umbuschten kleinen Gärten waren voll unbändigen Kliospendranges, Ans der schwarzen Erde überall aber quoll der feuchte, .lebendige Ranch der Fruchtbarkeit.

Es'-war an einen: Samstag nachmittag, als der alte Hallig­karrtor mit seinen: einzigen Enkel Knud, dem Sahne des tapferen! Riß Nissen, der!sür die Hallig fern im Flandrischer: gefallen war, nach deralten" .Warf schritt. Ter Junge trug einer: blinkenden Sorten auf der Schulter. Es war ein Bild voll Helle und Kraft, das die beiden miteinander gaben. Tie oßjel Warf, die höchste im kleiner: Torfe und die älteste; denn sie hatte eine Tausend- jahrgeslchichte und roar darum einstimmig vom Gemeinderat als die würdigste Stätte erwählt-worderr, der: Heldenhain zu tragen.

Großvater und Enkel schritten rüstig zu. Ter Alte war em« prachtvolle Friesengestall; der lange, weise Bart und das schöne, edle Greiser:gesicht, dazu der starke Gang gaben ihn: etivas Hoheits- volles. Er rvar auf der kleinen Hallig alt geworden. Nun schirit- ten sie über die Brüche aus grobem, festem Holze, die über den Grabe:: lief. Er Umschloß die Warf mit seinem dunkler:, stillen Wasser. Im Gemeinderat war der Kantor ansgestanden mrd hatte gesagt, die Warf rnüsse recht wie eir:e Burg aussehe::, rvie in früheren Zeiten die alten Häuptlingsburgen dagestanden hätte::, ein Zeichen der Freiheit und stillen Herrschaft zugleich; dem: die, denen dort zur Ehre Eicher: gepflanzt werden sollten, müßten der: Halligleuten, Vor allem den jungen, stille Führer sein. Und da das Wort des ehrwürdiger: Mannes voll Gewicht war, lat mar: nach seinen: Sinne. i

Hinter dem GrabenrvUd stieg die .Warfböschung Ml an und trug ans ihrer Höhe festes, einWMdes Buschholz, das schon im

ersterr, zartester: Grün stand. Unten aber an:! Gräbern and lerr Meten zur Sommerszeit weiße, stolze Lilien. Und vor ihnen blühten danü die kleiner:, feinen Blüten der Männertreu keusch und in Fülle, während oben im Hegebusch die Vögel nisteten, und niemand durfte ihnen ein Leides tun. - ~

Auf den: höchsten Punkte der Warf aber stand die junge, schon jetzt stattliche Linde, die Linde des Friedens, und an ihrem Fuße lag rrrächtig und breit du alter Hünensteil: wie ein Treu­gesell. Um die braunen, ausnwsphnden Aaste und Zweige des Baumes schrvang heute unsagbar süß und zart das helle, goldene Licht der Märzsonne. -

Sieben junge Eicherr standen iw Halbkreise Ml die Linde, und sie standen so weit von ihr und voneinander ab, daß sie für die fernste Zeit Raun: zur Entfaltung genug hatten. Es waren die ersten Gedächitmseichen für bte Gefallenen aus dem schwersten aller Kriege. Ar: jedem Stamme hing eine schlichte, graue Eichen­tafel mit dem Namen des Helden, seinen: .Geburtstage und den: Tage und Orte feines Todes.

Schweigend schritten die Beider: über der: Raserrgrund der Warf, und dar Alte nahm, als er ir: die Nähe der Gedäckstnis- eichen kam, den Hut ab. Hier war Heiliges Land.

Er schritt.zu einer freien Stelle, die schon für elinen neuen Eichbaum gezeichnet rvar. Ter Knabe folgte ihm mit geröteten Wangen. 1 Schweigend und ernst nahm nun der Greis seinen: Enkel der: Spaten Gis der Hand, tat langsam den ersten Stich und Hub. fast zärtlich die schwere Erde aus. So Stich um Stich. Seine Bewegungen hatten etwas Feierliches, Priesterhastes, und aus seinen: Gesicht sprach Ergriffenheit.

Nachdem er die Erde in einem Ringe ausgehoben hatte, reichte er stumm dein Knaben den Spaten. Nun grub der werter. Um vollends die Pflanzen grübe ausznheben. In der: Bewegung er: des Dreizehnjährigen. lag die zürückgehattene Kraft der Jugend Und eine.schöne Bedächtigkeit; denn seine junge Seele fühlte auch schon die Weihe des Ortes Und des Augenblickes. An dieser Stelle sollte nwrgen des Vaters Eiche gepflanzt werden, und die HalligleuLe würden dabei sein, und der Pastor würde eine schöne Rede hatten.

Er sah sich schon morgen im stiller: Zuge schreiten mitten unter den Alten zwischen dem Großvater und der Mutter, und er selbst tmß auf seiner Schulter den jungen Eichstamm.

Seine Wangen röteten sich rnehr und mehr.. War's das Graben, das ihn warm machte, oder kam die Glut aus seiner Knab-enseele. Sinnend und wohlgefällig! .ruhte des Alten Blick aus den: Enkel. Ja, der würde einmal ein rechter Friese werden Und seines Vaters Sohn. In des Alter: Augen rvar ein Leuchten.

Ter Knabe hätte die Grube nun vollends ausgehoben und schaute auf den Großvater. . Wie einer Eingebung- folgend trat. er dann zu ihm hin, gab ihm stumm die Hand und sah ihn! mit seinen heller: Augen an. Tann sprach et:Großvater, ich will einmal so werden, 'rote der. Vater gewesen ist!" Ta legte der Alte langsam den freien Arm um den Knaben und nickte. Dam: tat er, was er ganz selten zu tim pflegte: er küßte den Enkel und küßte ihn mitten aus die Stirn. Er wandte sich mit ihm dem Meere zu, das da lag, eine leise, atmende, unendliche Glut. Iw Lichte bn sinkenden Sonne stunden sie Hand in Hand.

In der Ausgabe desEhampagne-Käwerad" vorst 28. Juli schreibt Leutnant Werner Bock-Gießen unter dem Titel:

Die Heimat wartet.

Taß ich es einem jeden von euch Kameraden so recht zu Herzen führen könnte, wie unser Deutschland- aus die Rückkehr seiner! Söhne harrt! Ich will nicht von der: leerstehender: Arbeitsstühlen,

Ibioi: den Lücken in Haus, Gemeinde und Staat sprechen, die wieder ausgefullt werden müssen. Daß eurer Arbeit, schwerer Arbeit nach den: Kriege wartet, das wißt ihr alle und seid wohlgemut.

Wer sich durch die Schrecken dieser Jahre ir: den Frieder: hinüber-; rettet, der wird dankbar seine Alltagspflichten imebct ausnehwenK

Hente will ich ein wenig von der He: matz erzählen, die eure Feierstunden spendet! Feierstunden gibt es ja auch hier draußen einmal, Feierstunden schenkt jeder Heiwaturlaub, aber so ganz restlose Glückszeiten, wie sie aus dein Märchen der FriedensjahrÄ herüberleuchten, sind sehr selten beschieden. Immer steht an: Horizont das dunkle Gewölk des furchtbaren Menschheitsschicksals, ein-Truck, und sei er noch so leise, liegt auf dem schönsten Erleben.

Wir können eben niemals völlig vergessen, daß Krieg, ist!

Tie Heimat aber wartet auf den Fried«: h Und die'es Warten der Lande ist schon ein Stück des Friedens selbst. Ich durste jüngst, von schwerer Krankheit genesen, ein treten, in diese!: Tempel feier­lichen Wartens. Und langsam zerrissen die Nebel, die sich in den langer: Feldmonaten dichter und dichter gesponnen hatten. Ter lFrühling kam? Nicht der Frühling der welschen Gauen, über den: bei aller Schönheit immer der Hauch unserer Sehnsucht liegt!

Lenz in der Heimat! Deutscher Lenz mit seinem, herben Tust auf den sprossenden Feldern, seinem Rauscheloind im jungen Wald, * seinem Farbenglanz in Äühenven Gärte::! Und mir der: abertausend Knospen keimte auch bei wir etivas aus, das ich längst verloren! glaubte in der brennender: Welt. Es gibt ein Glück .... Stunden letzter Erfüllung reichen sich die Hände, selige Schrmstern, cim1