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das Lampenlicht in leuchtendem Kreis, wie ein Heiligen-
H^^Komm doch herein/' sagte sps. „Wn Vater ist Sei einem Nachbarn; ich will ihn Holen." ,
Stepan trat in das Ammer innd blieb m:t wertaus- gerissenen klugen stehen wie angewurzelt . .
Dem Mädchen gefiel er, aber gar sorcherbar kamen er
E ,b sein staunendes Schauen ihr vor. Etwas so Hungriges, Sehnsüchtiges, so Jubelndes lag in diesem Schauen- ß fie am Bari, den großen zotttgen Wolfshund deu'keu mußte; der machte solche Augen, wenn er nach erner Woche des Streunens auf der Steppe den Weg! nach Hause fand Und sich unbändig freute, daheim tzu sein. So htttmrrge! Augen! Es war ihr, als hüllten seine Micken sie förmlich ein, Und sie wußte nicht, sollte sie sich freuen oder böse fern, denn so hatte rroch nie ein Mjann sie angesehen wre dieser Fremde mit ben tiefblauM Augen voller Freude und voll Wunders. Doch es war etwas ganz Natürliches, daß es aus
Stepau Elines Augen leuchtete wie Sternengesunkel.-
Das Märchen war ja zur Wahrheit geworden; der Kind er träum zur Wirklichkeit. Dag um Dag auf der langen einsamen Fahrt über die Steppen Und durch die Wälder, die so viel Zeit zum Dräumem gab, hatte er gearübelt und gegrübelt, wo wohl an der großen Straße das Dorf sein mochte, in dem seine kleine Katinka! wohnte, und ob er es je im Leben finden würde... Ob! das kleine Mädchen, das' dem todmüden, schmutzbespritzten kleinen Jungen einst fern Stück Brot geschenkt hatte, noch immer so mitleidige Augen hatte? Wie sie wohl aussehon mochte jetzt? Ob sie wohl geheiratet hatte? Stundenlang hatte er von dem Kinderge- sichtchen geträumt auf der Reife und sich gewundert, ob er die kleine Katinka wiedererkeunen würde, Wenn er sie je sähe, nun, da sie ein Weib geworden sein mußte. Geschwelgt hatte er in DräUmen, der dumme Stepan. Ulrd jetzt war dem stillen Träumer von unwirklichen Märchenträumen ans einmal zu Mute, als müsse er jubelnd hinausjauchzen in die Welt, ob des Wunders, Pas da geschehen war: Das süße Mädchengesicht, das ihn verwundert beguckte, war Zug Um Zug und Linie für Linie das kleine mitleidrge Krnoer- köpschen von damals in dem Dorf an der endlosen Straße. Stepan hatte seine Katinka gesunden.
Katinka! jubelte es in ihm. „Meine kleine Katmka," flüsterte er ganz leise. . .
Wie eine Bision stieg die Vergangenheit vor seinen Augen auf. Er sah sich wieder als kleiner Bub vor der Türe dieses Hauses stehen, vom Kops bis zu den Füßen überzogen mit zähem, breiigem, schwarzem Schlamm. Die kleinen Beine waren so müde; so schwer und gefühllos, als seien sre von Blei. Der Magen leer wie eine Trommel und ein Eil bas in ihm, das brummte nno fauchte wie ein wildes Tier — der Hunger. Dann das Dorf, die Menschen an den Türen, das mitleidige Achselzucken, das Kind, das mit feinem SItück Brot dem Buben den schreiende!: Hnirgier stillte, die Fvauerrstimme, scheltend über des Kindes verschenktes Mend- brot. Das alles sah und erlebte Stepan wieder in deni Bruchteil einer Sekunde. Und als die Vision verschwunden war, blieb doch in lebendiger Wirklichkeit das Kindergesicht vor ihm, das kleine Mädchen von damals — reifer, weiblicher, schöner, aber das gleiche Gesicht, die gleichen nachj- denklichen Angen, dasselbe Sonnenhaar.
„Katinka!" sagte er ganz laut, und es war ihm, als müsse die Freude ihm die Stimme ersticken.
Staunend sah sie ihn an.
„Aber ja. Ich heiße Katia. Katinka nannte man mich, Ms ich zu groß wurde dafür. Wer bist du? Woher weiht dtr, daß ich Katinka bin? Ich kenne dich nicht."
„Und ich habe dich mein Lebenlang gekannt," sagte Lr leise.
Da rührte sich etwas in einer Ecke, ein Kind schrie, und Katia lies hin, das Kind aus der Wiege auf die Arme Ar nehmen.
,/Du bist verheiratet!" stieß er hervor und seine Stimme Na!Ng heiser. Sie sah, wie blaß er geworden wtz.r and Wunderte sich immer mehr.
„Uber nein!" rief sie lachend. „Das Kind gehört Varia. MH habe keinen Mann. Wen sollte ich! auch heiraten!"
„Mich!" jubelte Stepan. Das Mädchen vor ihm war feto einziger Gedanke und erfüllte ihn zum Ueberfließen. „Dich?" lachte sie.
Wie-wunderte sich immer mehr, aber der Mann gefiel W. Schön äußerlich — die kernige Männergestalt, die
gevalden ehrlichen Augen, das scharfgeschnittene, energisch« Und doch so weiche Gesicht. Sie hätte ihn noch nie vorh« gesehen, ..sie kannte ihn nicht, sie verstand nicht, weshalb er sich so freute, aber etwas von dieser Freude strömte doch, ohne daß ssie es wollte, kaum daß sie es ahnte, über auf sie und erregte sie sonderbar.
„'Ich will Vater holen," sagte sie endlich verlegen. „Sie sind alle drüben bei Dimitri Saxo."
,Warte noch," bat er. „Ich muß dir doch erklären... Erinnerst du dich — vor zwölf Jahren war es — an einen Konvoi von Verschickten, der auf dem Wege nach Irkutsk an Eurem Hause vvrbeikam', und an einen kleinen Buben/ schlammüberzvgen von oben bis unten, der gar so hungrig war und dem du dein srischgebackenes Brot —"
,,»Bosshe-moi," unterbrach sie ihn, staunend, über alle . Maßen und luftig lachend, „den Buben Hab' ich nie vergessen und ich hätte ihn ja auch nie vergessen können, denn jedesmal seitdem, wenn ich etwas -Dummes anstellte, hieß es: Was soll man auch mit ihr ansangen! Sie verschenkt ja sogar ihr bißchen Wen au die schmutzigen Jungen der großen Straße..."
Der schmutzige Junge war ich.!" (Fortsetzung folgt.)
Meldung.
Bon Reinhard! Meer.
Das Meldungmachen ist eine der Häuptnumniern im soldatischen Pflichteneinmaleins. Bon richtigen und guten Meldungen kann, wie man weiß, sehr viel abhängen. Deshalb wird das Meldungmachen draußen höllisch ernst genommen. Zwei kleine Soldatengeschichtm will ich erzählen, die davon Zeugnis ablegeN fl:ögen. Sie sind' einfach und !nicht aufsehenerregend, aber es steckt ein Kern guten Preußenlebens in ihnen. Ujnd sie haben überdies den Vorzug, wahr zu sein.
So war die Lage.
Zu viert hockten sie in ihrem Erdloch aus der kahlen Kalkhöhä, in die das Gei binde der Gräben wie Murmspnren in einem Baumstamm eingekerbt war. Um Mlorgei:, als er angekommen war, flnd einen fröhlichen .Gruß den anderen vom Eingang her m die dunkle Höhle entgegengerufen Halte, war Sonnenschein gewesen, der selbst in die Tiefe des llnterstandes etwas wie eute Ahnung, einen Widerschein und Abglanz seü:er lebendigen Helligkeit gesandt hatte. Jetzt lag die kahle Höhe, ranchüberballt, Ge- schößeinschläge hatten den weißen Kalk des nackten Berges schwarz nno grün und grftiggelb überfleckt, das 'kunstvolle Grabengeflecht war wie von Mörserkellen zerstampft und zerrieben und die vier Menschen hatten sich me furchtsame Tiere in der: untersten Winkel des Felsenlochs v!or den: Tromn:elfeuer verkriechen müssen. Das Scherenfernrohr, an den: er noch vor wenig Minute:: nach dem Fei::de hin beobachtet mü> das Feuer seiner Batterie aus die Gräben der Zuaven und' Senegalesen gerichtet hatte, war in Splitter zerschlagen worden wie ein blechernes Kinderspielzeug: ein Teil der das Gestern stützenden Balken war unter einem schweren Treffer krachend zusammen gab rochen, und die leise quäkende Stimme des Telephons, tröstliches Zeichen einer letzten Verladung mit der Außenwelt, war längst verstummt. Sie saßen unter den .Eisenschienen, die allein Pie Last des zermürbten, ständig nachrwschenden .Kalkgcsteins noch 'hielten, und warteten, warteten auf den Feind, der nun doch endlich kommen mußte, oder lauf den Abend, der der Beschießung ein Ziel setzen würde — oder auf das Ende. Bis zum erlösenden Abeüd, das wußten sie, war noch lang —aber wie staud's mit den beiden anderenMöglichkeiten? Einer hatte das Warten aufgegeben. Tem waren Splitter in Kopf und Unterleib geschlagen, hätten .ihn in Sekunden hinweg- gerafft. Er lag, nrit den: 'Oberkörper über den Telephon kästen gebeugt, dem Leutnant auf den Knien, der sich! unter der Last nicht rühren konnte. Es sah aus, als wolle der Mann an den: Apparat etwas Nachsehen, seinem Apparat, den er nrit so viel Liebe betreut hatte. Diesen Tag wollte er rot anstreichjen in seinem Kaleiwer, hatte er gesagt, fünf Minuten vorher, als Eisensplitter und Steine und Erdklumpen durch die Bude prasselten., Tann hatte er ein Stück Brot hervorgezogen und .tüchtig zugebissen. Ten Rest davon behielt er in der Hand, als er rauchgeschwärzt und blutüberströmt zusammenbrach. Und auf das .Brot, das seine Hand fest! umklammerte, fiel däs Blüt in dicken heiße:: Tropfen, sprang es in kleinen, danrpsenden Bächen. Tie anderen sahen es mit düsterer Stumpfheit.
Ter Artillerielentnant dachte nach. Wie war es doch ge- wefe::? T^r letzte Blick aus dem Scherenfernrohr hatte ihm dies gezeigt: die Schlucht von Beansejeur, kanchfumkrallt und rauch- überdunkelt, dahinter Höhen Mit dem wohlbekannten Bild der französischen Aufnahn:est.ellnngen und .Reservegräben, rwch weiter zurück ein kleines, braunes Gehölz, aus dem truppweise Infanterie hervorkaur. Sie liefen, immer etwa zwei Dutzerw Mann zusammen, über «einen kahle»: »Häng von einigen hundert Schritt Breite, um dann in einer bewaldeten Mulde zu verschwinden. Immer neue Truppen in kurzen Zwischpnräuinen! Er hatte dM


