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„Es Zst leicht M finden —"fünf Reisetage prnck an der Straße, auf der du kamst. Ms ich dort vorbeifuhr, sah ich Kwei Rappen auf der Steppte, fehlerlose, tieff-chwiarzje Rappen. Irkutsk wartete damals, und ich hatte keine Zeit. Dil wirst nach Selemsinsk reisen, ausfindig! machen, wdm sie gehörell, und sie mir bringen. Ich bezahle fünfhundert Rubel für das Paar. Du wirrst sagen, daß die Rappen für Puschkin sind. Morgen früh wirst du ausb'rechen; Pferde und Nahrung gibt dir die Straße. Dn wirst sagen: Ich reise für Pafchtin. Wer dir Pferde oder Nahrung verweigert, den lasse ich an seinem eigenen Hausgiebel aufhäugen. Melde dich bei mir, eine Stunde nach Sonnenaufgang," und da jagte bet Tarantaß schau dahin, verschwindend in einer Wolke von Staub.
Iwan Jline sah seinen Sohn mit Mammengepreßten Lippen an, aus einem Gesicht, das gar nicht mehr ausdruckslos war. . . .
Eirre Stunde nach Sonnenaufgang am nächsten Dag stand Stepan wieder vor den: GauverneNV.
„Fünf Tage hin," sagte Paschkin, „einen. Tag für mr- vorhergesehenen Ansenthalt, und, sagen wir, zehn Tage zurück, denn meine Rappen mußt du schonen. Du wirst also in sechzehn Tagen zurück sein."
„Ich werde mein Bestes tun, Exzellenz."
„IN sechzehn Tagen wirst du zurück sein," wiederholte Paschkin stirnrnnzelud.
„Und wenn die Rappen weit draußen auf der Steppe sein sollten, Exzellenz?"
„Ich g>ckbe dir noch einen weiteren Tag," brummte Pasch- kin, ärgerlich, daß Stepan mit ihm p disputieren wagte.
„Und ivenn Regengüsse die Straße 'unpassierbar machen sollten, Exzellenz?"''
„Du wirft in sechzehn Tagen zurück sein!" brüllte der Gouverneur niln. „Uub mit den Rappen in gutem Zustand!"
Mail gab Stepan einen leichten Tarantaß, der ^ das kaiserliche Wappen anl Verschlag trug als ein Sesnm- ösflre-dich für alle Türen am Weg, drei feurige junge Pferde, Und im scharfen Galopp trat der junge Schmied die Reise an — die wichtigste seines Lebens.
In bester Laune war er, denn sein Auftrag schien ihn: ein fröhliches Abenteuer, ein freies brausendes Dahin- jaaeil ajüs der großen Straße, die vor zwölf Jahren seine Weinen Witze trapp-trapp gewandelt waren. Jetzt aber galoppierte er Unter dem kaiserlichen Wappen — für den allmächtigen Paschkin . . .
Wahrend das ungefüge hölzerne Fährboot den Tarantaß, den Wagen Und den Mann, langsam vonl rechten User der Angara auf das linke hinübertrug, hatte Stepan Zeit, mit seineil Pferdeil vertraut p werden, sie zärtlich streichelnd über .Hals und zitternde Nüstern; und sich zu freuen, welch ungeheuren Respekt die Leute ans denn Fährboot vor ihm hatten. Denn er verkörperte den allmächtigen Paschkin. Drüben in weiter Ferne funkelte Tunka wie ein Juwel irr Sonne und Schnee, als er aus den Darantaß Wetterte und mit lustig klingenden Glocken dahinsauste auf der Straße ben Fluß entlang. Die andern Passagiere starrten ihm nach und sagten:
„Bosse-moi, er reist für Paschkin, der arme Teufel — seien wir froh, daß wir nicht in feiner Haut stecken!"
Stepan iväre wohl etwas weniger stolz gewesen, hätte
er dies hören können-. An dem Kloster flog er
vorbei, in dem er oft gewesen war mit Vater und Mutter, und dann bog die Straße scharf ab in die Hügel hinein- in die Wälder, die vor: Farben sprühten, — von brennend roten Pappeln und flammend gelben Birken und immer gleich dunklem Immergrün unten am Boden. Blumen auch gab es hier und dort in sumpfigen Niederungen; Goldsterne und Astern, wilden Senf und Spiraeen, Glockenblumen und Vergißmeinnicht. Als Stepan dann wieder in die offene Steppe kam, lag das Land leuchtend da wie eine ungeheure Fläche lauteren Goldes mit kleinen Flecken von Weizen da und dort, der aus die Sichel harrte. Männer Und Weiber in Mau. und Rot und Braun tauchten aus dazwischen, fleißig arbeitend — die unendliche Steppe im Hintergrund, golden funkelnd in herbstlich-gelbem Schein.
Um Mittag machte er irr einem Dörfchen Halt, das etwa ein Dutzend Häuser zahlen mochte, und verlangte im größten und ansehnlichsten dieser Häuser ein Pferd und ein Mittagsmahl. Er hatte sich alles ansgedacht iur Dahingaloppiere u. Nur kurze Zeit zwar hatte Paschkin ihn: be
willigt, doch ihm auch freie Hand gegeben, sich Pferde Und Hilfe zu nehmen, wo er sie fand, und ein Narr wäre er gewesen, hätte er sich der Macht nicht bedient, die das kaiserliche Wappen auf dem Tarantaß und der gefürchtete Name Paschkin ihm gaben. Er durste keine Rücksichten nehmen: Um seiner selbst und- seines Vaters willen . . : Er mußte fordern im Namen Puschkins. Die Frau machte sich sofort daran, ihm ein Mittagsmahl zu bereiten, während der Herr des .Hauses den Kbps schüttelte, als Stepan Pferde verlangte —
„Hab' keine," brummte er.
„Ich reise für Paschkin,' war Step ans kurze Antwort, „und ich muH Pferde haben. Kann's nicht ändern, Bruder. Wer sich weigert, wird gehängt. Sb sagte Puschkin."
„Ah — ein DeUfel soll er fein, dieser Paschkin! Wer sich weigert, wird — — jawohl, du sollst die Pferde haben. Wann komnlst du zurück?"
„In fünfzehn oder sechzehn Tagen."
„So schnell? NU — schnelles Reiseil, wenn der Teufel kutschiert, heh?"
Brummend ging der Herr des Hauses in den Stall. Die Mahlzeit war gut und die Pferde, dank der Furcht vor dem Teufel Paschkin, ausgezeichnet, so daß unser Stepan im gestreckten Galopp dahinjagen konnte, als er nach käum einer Stunde wieder ausbrach. Uub als er so dahinsegte durch die einsame Steppe und über die niedrigen, wald- umsänmten Hügel, da hallte das schrille Glockengeläut am Tarantaß weithin, als wolle es warnen:
Platz da — Raum für Paschkin!
Dann Und wann sanken an sumpfigen Stellen di-Mferde bis an die Knie ein und die Räder bis zu den Achsen, und wenn die Hügel gar zu steil wurden, mußten kostbare Minuten verschwendet werden; im großen und ganzen jedoch lvar die Straße gut mto die Pferde gaben ihr Bestes her. Als Stepan kurz vor Sonnenuntergang ein größeres .Dorf erreichte, batte er hnndertnndzwa.nzig Werst zurückgelegt seit Irkutsk — den fünften Weil seiner Reise. Auch hier gab man ihm gerne Nahrung und Unterkunft, aber auch hier machte der Herr des ansehnlichen Hauses ein. saures Gesicht, als Stepan Pferde verlangte.
„Dieser Paschkin ist wahrhaftig ein Teufel, wie alle Leute sagen! Glaubt er denn, wjir seien aus Pferden ge* macht? Jetzt, in der Erntezeit!" schimpfte er.
„TU wirst die meineil haben," begütigte Stepan.
„Nu . .
„Wer sich weigert, wird aufgehängt. So sagte Paschkin."
„Er ist ein Teufel. Wann fährst du?"
„Bei Tagesanbruch."
Und während die Schatten der Nacht noch mit der Morgendämmerung kämpften aus der taunassen Steppe, jagte der Tarant«ß mit bnn kaiserlichen Wappen schon wieder vorwärts gen Westen.
(Fortsetzung folgt.)
Die Helden von 5 90.
Vo>i Kurt Küchler.
Langsam glitt das deutsche Torpedoboot anl dem' Hafen von Tsingtau ins offene Meer hinaus. Cs war kurz nach o-er! ersten, schweren Beschießung der Stadt.
Tie Nacht lvar da, Dunkelheit und Nebel lagen wie Brei vor den: Bug des Schiffes.
Kein Sicfjt drang nach außen. Alle Lampen waren abgedeckt, Nur tief unten im Maschinenraum und bei den Feuerlöchern brannten matt und gelb die elektrischen Birnen.
In ben Heiz räumen standen die Feuertüren unter den Kösseln weit auf. Ter starke Luftzug fauchte über die weißglühende Lohie. Mein Rauch durfte sich entwickeln, kein Funke rot aus dem Schornstein spritzen. Der Feind durste nicht wissen, daß ein deutsches Torpedoboot durch das Wasser jagte.
Die See ging hoch; es rauschte lind gurgelte unterm Kiel; das Wasser spritzte hoch über den Wellenbrecher hinaus; unaufi hörlich stoben schäumende Wellen, in peitschenden Regen aufgelöst, über die Bordwand und spülten quirlend über das Deck. Die Oelröcke der wachhabenden Offiziere ans dem vorderen Turm! waren triefend naß. Niemand sprach. .Nur das Rasseln des Maschinentelegraphen, das hastende Stampfen der Kolben und das Seufzen und Aechzen der niedrigen Mästen mischte sich in den drunpsen Orgelgesang des Meeres.
Jmuwr rasender peitschten die Schrauben des Torpedobootes das Äste er.
Klaus Fittje, der Obermatrose, stand neben, dem' blonübärtigeN piohrmeister. Es ging ben beiden Männern wie allen andern an Bord — jeder Nerv war gespannt, die Stirn brannte im Fieber,


