Ausgabe 
24.7.1918
 
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des Zuges. Für viele war nichts mehr da. Nur mitleidig« Blicke

An der Türe des ersten Hauses standen, ein Mann und eine Frau mit einenr kleinen Mädchen. Are schauten alle drei auf beit langen Zug; was sie geben Krnnten/ hatten st schon längst gegeben. Stepan blieb vor dieser Türe stehen und sah das Mädchen aus großen Kinderaugen an. Sie war sehr hübsch. Eine runde, enganliegende Kappe trug sw, aus

ver es seidenweich hervorquoll von langen blonden Loaett, ihre Augen waren ein dunkles Blau und voller Mitleid. Lue Mute Stepan an und er schaute sie an. Und plötzlich zog ie das Händchen hinter dem Rücken hervor/ mit einem großen runden Stück weißen Brots, noch heiß, und streckte es ihm bin eine entschieden zu köstliche Gabe, als daß oer hungrige kleine Bub nicht eilends zugegrifsen hatte. So gre- iig biß er hinein.' daß er sein Dankschön.nur noch nicken konnte. In seinem Leben hatte er noch kein so gu^ev Brot ge­gessen, noch kein so reizendes kleines Mädchen gesepen. Er starrte sie an,- während er; und die blauen Augen mit dem mitleidigen Blick- die strömenden Locken, das ^Ktnder- besicht wurden zum zweiten großen Eindruck in Luepans

nrngeni Lebeii. ^ . , «.

>Da jetzt hast du dein Abendbrot weggeaebeu, Ka­tinka! Und mehr ist nicht mehr da!" sagte die Mutter, halb

Stepan das hörte, gab er sich einen Ruck (es war sehr schwer) und hielt ihr das Stückchen Brot wieder hm^ Was noch übrig geblieben war; aber sie schüttelte nur den Kops, lachte ein wenig und hing sich, scheu an iyrer , Mutter Rock, detrn Stepan war über und über mit dem wchmutz der Straße Aberzogen/ so hoch emporgespritzt, daß er sogar sein Gesichtchen fast perdeckte. Was jedoch die kieme .Aatmta von diesem Gesicht sehen konnte, das gefiel ihr!

Der liebe Gott schütze dich., Katinka, und all seine hei­ligen Engel!" ries Stepans Mutter, Und dann zog der trau­rige Zug weiter.

Auf dem laugen Weg keuchte Stepans Väter Iwan Mine, aus dem fernen Kasan an her Wolga stumm und dumpf unter feiner schweren Last dahin, gebeugten Haupwv, mit ewig wunderndem Gesicht; ein grtmntiges lebenrnges.

^ kann das nur sein? Weshalb sind wir hier ?"

So fragte sich immer sein Verstand, der auf einmal gar so langsam und schwerfällig arbeitete. Und me konnte er eine Antwort auf die einfache Frage finden

Bittere Gedanken erfüllten ihn tagsüber, Gedanken, me , bitterer wurden in den Nächten. Iwan Jline war ein fchmied gewesen in Kasan; ein hart arbeitender Hand-

E crer, keinem Menschen Geld schuldig, zufrieden genug m iem bescheidenen Häuschen. Ein ganzer Mann m seiner t. Ein Arbeiter? der viel arbeitete, wemg sprach und noch weniger sich .mit Denken plagte,- mtd jetzt nach, all den Mo- rraten stoch immer nicht die Katastrophe begreifen tonnte- die sein Heim vernichtet hatte und ihn mit Weib und Kind erbarmungslos vor sich her trieb nach, dem hohen Norden. Das Unglück war über Nacht gekommen.

Eines Abends faß Iwan Jline,. der Schmied, m \mxtx Schmiede unb hämmerte Eisenbänder auf eme Schlittenku,e, als ein gewaltiges Pferdegetrappel ^erklang. Polizisten sprau- sen in die Schmiede; Gendarmen drangen m die Wohnung. Ein Gendarmerie-Ofiizier erklärte dem bestürzten glitte kurz/ daß er mit seinen Steuern böswillig im Rückstand und ein Verdammter Progressist sei, der dem liebelt Gott danken Müsse, daß ihm nichts geschehe als Verbannung nach Ir­kutsk in Sibirien auf administrativem Wege.

Jline Lobte, wurde prompt zu Boden geschlagen und gefesselt. Er wußte natürlich, nicht/ daß Sibirien dringend gelernte Arbeiter brauchte! Und daß er einem Mann tm Wege war, der die Schmiede gar zu gerne gehabt hätte eütem Mann,/ der genau wußte, wo man Rnbelschetne am Mvinnbringendsten anlegte!

Am zweiten Tag begann der Marsch,

Iwan Jline fand sich mit Weib und Krnd auf dem Weg »ach Sibirien, sich immer wieder ben Kopf zerbrechend, was u denn getan habe, uw eine so fürchterliche Strafe zu ver- Kenen! Von Tag zu Tag wurde er abgestumpfter.

Dann und wann erzählte ihnt auf dem Marsch etn an­derer Gefangener, wie es ihnt ergangen sei, und es schien Jline/ als sei er nicht der Einzige, der um germgep >e willen leiden wußte.

Der eine war gepfändet worden und hatte gar noch Aerger gezeigt, als man ihm seine letzten Habseligkeiten weg­nahm. Und der andere hatte Holz gestohlen im kalten Win­ter. Wieder ein anderer,' ein Soldat, war Mit der milij- tärischen Disziplin in Konflikt gekommen. Jener hatte einen Gendarmen geprügelt. Das war allerdings schlimm, aber dennoch &&

Sie alle zerbrachen sich hilflos die Kopse über die Härte ihrier Strafen. Sie konnten ja nicht wissen,! daß man sie brauchte!! Daß sie einem Land entgegenmarschierten, m dem gewaltige Werte und Möglichkeiten steckten - Goto und Sil­ber und Eisen; Wälder wertvollen Holzes und Weizenernten und Pelzwerk; Fische und Wild ungeheurer Reichtum, uet nur aus den Schatzgräber wartete, dessen die Regierung be­durfte, um für die russische Volkswirtscha.t dw Schatze de^ ungeheureii Sibiriens zu heben: den .Ansiedler! solange Si­birien nicht besiedelt war, mußte'es wertlos bleiben sur um? heilige Rußland, und da die Russen merkwürdigerweise nicht die geringste Pust zu freiwilliger Auswanderung nach, Si­birien zeigten, so blieb einer weisen Regierung wirklich Nstpts. anderes übrig/ als ein wenig uachzrkhelsen die notigen Ansiedler mit Gewalt nach dem gelobten Land zu spedieren. Daher Verbannung ltm geringfügigster Ursachen willen ...

Und Monat für Monat und Jahr für Jahr quälten sich so die traurigen Züge der Verschickten über me öden Steppen hin; der ehrliche Handwerker neben dem schweren Verbrecher, vereint mit ihm durch gemeinsames Unglück, tlnd wer die Schrecken des ungeheuren Marsches überleote, sie­delte sich dankbar dort an, wo man ihn hinwies, schweigend, gleichgültig/ stenn der Marsch hatte Gefügigkeit gelehrt!

* *

Sv war der Schlamin/ eisiger, zäher, nimmer enden­der Schlamm, her erste große Eindruck, ben auf Stepan das Leben machte. Der zweite war Katinka. Zwei Monate noch marschierte er auf der endlosen Straße, bis die 400 Menen erftapst waren, die noch zwischen jenem Dörfchen und Ir­kutsk lagern aber kein Tug verging, so schneidend auch der Wind und so kalt der Schlarnm sein mocpte, ohne daß der Bub an das Mädel dachte ein merkwürdig Ding. So schnell Kinder sonst vergessen das schüchteriie rouge Ge­sichtchen war wie himingebannt in des kimnen Ltepanv Au­gen. Er sah sie intnrer ganz deutlich vor sich. Als der ewig­graue Himmel sich, endlich, lichtete und die Lonne durachrach und die Wanderer in dem kurzen Frühling oahmzogen,,dachte er nur an sie, wenn er am Wegrand so viele Blumen pstEe, daß er sie kaum halten konnte in den kleinen H-äustchen. Die schenkte er in Gedanken alle seiner Katinka.

Der zweite Frühling war es auf dem Marsch, denn im Frühling hatte sich damals in Kasan der Zug der Verschick­ten gebildet. Neun Jahre alt war Stepan gewesen an fenem Tage jetzt Zählte er zehn Jahre und noch immer waren sie auf dem Marsch, einer entsetzliche langen Wanderung für so kleine Beine, wenn sie auch einem kernges nnden Buben ge­hörten. (£iiteit Frühling hindurch, einen Sommer, einen Herbst, einen Winter, und wieder einen Frühling trapp­trappten die tapferen kleinen Beine mannhaft neben den

Männern hin. , . .

Im Sommer und Herbst gar machten sie den doppel­ten Weg/denn nun erblühten Blumen auf der Steppe, die von Stepan gepflückt sein wollten. Da war sprießendes Gras, so weit man sehen konnte,! über und über durchwirkt mit Margareten und Schlüsselblumen; Meilen von duukelgelöen Dotterblüten hier, weite Strecken von knallblauen Vergißt meinnicht dort, so blau, daß der Bub sich zusammenträumte, ein Stück des Frühlingshimmels müsse herilntergefallen fern

auf die Steppe. _ ... . .

Ein Paradies sind die sibirischen Lteppen wahrend einer kurzen Spanne Zeit im Jahr,, wenn die Sonne aus wolken­losem Himmel herniederglänzt und Farbenschonhett m oer

Oede erzeugt. . t m t t

Stepan lief wieder und wieder seiner Mutter fort, bald hinter einem Sperling her- bald hinter einem Kuckuck oder den Steppen-RebHühnern/ die furchtlos herbeitrippelten, um sich den Zug von Männern und Weibern und Ktnvern an- zusehen. Manchmal verschwand er sogar völlig m den Gra­sern, die ihm weit über den Kopf reimten, und seine Mutter wurde ängstlich, aber in wenigen Minuten war er wieder da, bepackt mit Blumen- und zitternd vor Aufregung uver lei wundersame Erlebnisse mit Freund Lperlmg und Ge­vatter Frosch. _ .

[ Dann wieder führte die Straße durch gewaltige Wälder