Der endlose Weg.
Roman ans Sibirien. Von I. O x e nH am. Autorisiert — Nachdruck verboten.
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Wie der Konvoi der Verschickten nach Irkutsk in Sibirien marschiert und Stepan Jtine der kleinen K a t i n k a begegnet.
Einer-der gewaltigsten und dauerndsten Eindrücke von Stepan Jlines Kindheit war der Begriff Schmutz; Straßen- kot, Schlannn — zäher, schwarzer Schlamm, in den man bis auf die Knöchel einsank — , der Kot der endlosen Straße über die Hunderte, Tausende von Meilen von Kasan in Ruß- Hand nach Irkutsk in Sibirien. Jahrelang, solange bis er ein Mann wurde, träumte der kleine Stepan immer wieder und immer wieder von dem endlosen. Wandern aus der endlosen Straße in dem nimmer endenden Schmutz.
^ ; Und sogar, als er schon ein Mann war, dachte Stepan Jline noch gar oft an den schwarzen Schlamm. Denn auf der endlosen Straße hatte er ja Katinka zum ersten Male gesehen.
„Halte dich fest an meinem Rock, Stepan! Festhalten!! Damit du mir nicht verloren gehst im Schmutz" — sagte seine Mutter — wie sie es Hunde Aemale schon gesagt hatte auf dem langen Weg.
Dann packte Stepan jedesmal den groben wollenen Rock fester mit seinen Kindersäusten, vorwärts marschierend in dem zähen Brei, sich die Füßchen abstrampelnd, hinaus, hinein, tapp-tapp, uud so kam er eben doch vorwärts, der kleine Stepan. Tapp-Tapp. Immer am Rock der Mutter.
Die Füße im Schlamm gehörten ihm. Er konnte sie sehen, oder wenigstens die beiden Schmutzklumpen da am Ende seiner kleinert Beine; fühlen jedoch konnte er sie nicht, beim die eisige Kälte machte sie empfindungslos. Wenn der Echlamnt nW gar so kalt gewesen wäre, so hätte er sich vielleicht sogar gefreut über das Tapp-Tapp und das Strampeln uüd das Vorwärtsgezerrtwerden. Doch der sibirische Kot war kälter denn Eis. Nur dann und wann des Nachts wurden ihm die.Füße wieder warm, wenn ider Vater oder die Mutter nicht zu müde rvarerr, sie so lange zu reiben, bis das Blut wieder pulsierte. Tagsüber jedoch waren diese Kindersüße gefühllos wie gefrorene Steine und so schwer, daß es manchmal gar'nicht gehen wollte mit dem Tapp-Tapp, dem Stampfen, dem Marschieren.
Mar der Boden hart gefroren, so führte die Mutter ihn bei der Hand und er trabte vergnügt nebenher, weil er wußte, daß früher oder später Halt gemacht wurde und es dann etwas zürn Essen gab. Bor allem aber konnte rnan dann schlafen! Schlaf schien dem kleinen Stepan auf dem Wege von Kasan in Rußland nach Jrkrrtsk in Sibirien das Allerschönste im Leben . . . Wenn sie jedoch zu den schlechten Stellen kamen, dahin, wo die Hunderte von Füßen vor
ihnen den gefrorenen Schlamm in einen zähen Brei Vers, wandelt hatten, dann mußte die Mutter Stepans Hand los- lassen, um mit beiden Händen den Rock bis über die 'Knie zu schürzen, sonst wäre sie nicht dnrchgekommen. Dann hing er sich krampfhaft hinten am Rock ein und wurde mitgezerrt.
Der Vater konnte sich gar nicht um sein Kind kümmern. Schwer bepackt keuchte er voran, beladen mit seinen Werkzeugen und den notwendigsten Dingen, hie er aus dem alten Heim in Kasan hatte mitnehmen können. Der Kater sprach selten ein Wort. Sein Gesicht war stets verzerrt wie von Schmerz unk Wut — denn keinen Augenblick verließ ihn das quälende Grübeln darüber, weshalb solche Dinge geschehen durften, und eine Antwort fand er niemals. Zweihundert Männer, Weiber und Kinder, waren in dem Konvoi der Verschickten . . .
„Jst's denn noch weit, Mutter?" fragte das Kind, zum zwanzigsten mal an diesem Tag.
„Nimmer weit," antwortete die Mutter zum zwan- zigftenmal.
Stepan stapfte also kjoffnmrgsvoll weiter. Wenn er die gleich Antwort auch oft vorher schon gehört hatte, so gab es ihm doch immer wieder neue Kraft, hörte er nur bii Stimme seiner Mutter. Außerdem wußte der kleine Mann, daß das Dorf nicht mehr weit sein konnte, denn der Schlamm jvar jetzt besonders tief, und Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß der Weg immer am schlechtesten war, wenn man in ein Dorf kam oder aus einem Dorfe ging.
„Jetzt kann ich die Häuser schon sehen," sagte die Muster endlich.
„Gibt es dort etwas zu essen, Mutter?"
„So Gott will. . ."
Da packte Stepan den groben wollenen Rock fester, zog die Füßchen mannhaft aus dem Schlamm und steckte sie mannhaft wieder hinein. Die Dörfler kamen zu ihren Türen gelaufen, um die Verschickten vorbeiniarschieren zu sehen und ihrem eintönigen traurigen Singsang zu lauschen — auch sie waren ja einmal so marschiert; sie, oder ihre Eltern, oder wenigstens ihre Großeltern. Was sie geben konnten, gaben sie den Hungrigen gerne, so wenig es auch war. Weil Stepan so klein war und so kurze Beine hatte, so mußte der Vater! und die Mutter gewöhnlich ganz hinten mit den Allerletzten marschieren, und hätte das Kind nicht die Herzen aller Dörfler gerührt, so wäre es ihnen manchmal schlecht gegangen, wenn die Vorausmarschierenden die spärlichen Nahrungsmittel schon mit Beschlag belegt hatten.
'So war es auch heute. Der mlancholisch Zug schlich langsam durch die weite Dorfstraße, und die müden Wanderer sahen aus gierigen Augen auf die hölzernen Häuser^ links und rechts. Auch sie hatten einmal Häuser gehabt in Rußland . . . Der Ranch/ den die schwere Luft dann und wann aus den Schornsteinen auf die Straße niederdrückich schien ihnen süßer Duft —
Die Einen bekamen Laibe schwarzen Brots, die Andern kleine Stücke Fleisch: ober nur die Glücklichen an der Spitze


