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entscheidend beeinflussen sollte. Liebig wirkte seit 1824 an der hiesigen Universität und hatte, veranlaßt durch' ferne eigenen Jugenderfahrungen und seinen. .Aufenthalt in Paris, den chemrlchen unterricht auf eine ganz neue Grundlage gestellt. Er beschränkte sich, nicht darauf, die chemische Wissenschaft gleichsam als etwas fertig Gegebenes vorzutragen, sondern leitete seine Schiller auch dazu an!,, sich den Unterrichtsstoff selbst zu erarbeiten. Er schuf ernen chemischen Arbeitsraum, ein Laboratorium, in dem ihnen, Vorrichtungen und Geräte zur Verfügung standen, damit sie die chemischen Erscheinungen selbst Hervorrufen und beobachten konnten, -ras regtü fie zu scharfem Erfassen und sicherem Besitz selbsterworbenen Wissens! an und leitete vor allem auch zu eigenem Wetterarbeiten und Weiterforschen iiber. Dieser neuen. Art zu lehren ist der groge Ein-- sluß zuzuschreiben, den Liebig neben seiner eigenen hervorragenden» Forschertätigkeil aus die Entwicklung der Chemre gehabt hat. Liebig und sein Laboratorium übten bald eine mächtige Anzrehungskoaft auf die jungen Chemiker der ganzen Welt aus. Immer mehr Schiller aus aller Herren Ländern strömten ihm zu; es war eme Glanzzeit für unsere Gießen er Hochschule. Bald waren die vorhandenen Arbeitsräume zu klein, und Liebig mußte versuchen, neue größere Räume zu beschaffen. Dazu bot sich eilte günstige Gelegenhett^als das hier liegende Militär infolge von Streitigkeiten nnt den denlen nach Worms verlegt und dadurch die Kaserne — jetzt eile Klinik — frei wurde. Liebig erwarb den einen Teiterrbau, der als Wachtgebande gedient hatte, und ließ ihn durch den Baumeister' Hosmann, A. W. v. .Hofmanns Vater, zu einem chemiichen Laboratorium nmzubanen. Es war kein kleines Stück Arbeit, und beide Männer haben, wie uns A. W. v. Hosmaun selbst berichtet, oft ms tief in die Nacht hinein zusammen g> »essen und beraten, entworfen und gezeichnet. Es folgten dann noch einige größere Erweiterungsbauten, bis dann im Jahre 1842 der Umbau vollendet und damit das weltberühmte Liebigsche Laboratorium entstanden ivar. Es ist der jetzt im Besitz der Liebig-Laboratorium-Gesellschast befindliche und deni Andenken Liebigs gewidmete Bau in der heutigen Liebig- straße, das unsre Hochschule iind imsre Stadt Gießen in der ganzen; Welt bekannt iurd berühnit gemacht hat. Noch heute ist dieser Ruhm nicht ganz erloscheii iind führt noch manchen Chemiebeflissenei» aus fernen Landen zu uns. Unser Gicßeuer Liebig-Laboratortum ist das Urbild aller später gegründeten chenlischen, Laboratorien geworden, deren Einrichtungen in ihren wesentlichen Grundzügen! noch heute das von Liebig und Vater .Hofmann geschaffene Vorbild erkennen lassen. lieber die Einrichtung des Laboratoriums sind, wir durch eine im Jahre 1842 erschienene eingehende Bau- beschreiburig I. P. Hosmanns genau unterrichtet. Ihr ist neben, einer äußeren Ansicht des Baues und eitler Reihe von Plänen eine vorzügliche Zeichnung des damals hier lebenden Malers Traut- schold beigegeben, der neben vielen, anderen Bildern, uns Gießenernl besonders durch seine Slndentenbilder bekannt geworden ist, dtp noch heute in unserem Museum, auf dem Schiffenberg nsw. zu sehen sind.' Tie Zeichnung gibt uns ein anschauliches Bild von dem Leben und Treiben, das damals in den neu hergerichteten Räumen des Laboratoriums herrschte. In der Mitte des Bildes sehen wir neben Liebigs Assistenten Will und dent dicken Laboratorimns- diener Anöel, der später wohlangesehencr Bürgermeister von Wie- seck geworden sein soll, eine Schar von Studenten, die Hu) mit, regem Eifer ihren verschiedenen chemischen Beschäftigungen hingeben. Einige von ihnen fallen bitnf} ihre abenteuerlichen Kops-, bedeckungen auf, die sie zum Schutz gegen den durch die o,sen!eN Kohlenfeuer — Gas gab es dazumalen noch nicht — entstehenden Staub und Ruß tragen. Ganz rechts an der Seite stellt em schlanker junger Mann im vornehmen Ausgehanzug mit Zylinder und Handschuhen und schaut sinnend dem Treiben zu. Es ist unser Ä. W. v. Hosmann, der anscheinend nur zu einem Besuch gekommen, von der emsigen Tätigkeit vor ihm angeregt, überlegt, ob es für ihn nicht klüger wäre und seinen Anlagen und Neigungen mehr ent-, spräche, die Jurisprudenz mit der Chentie zu vertauschen.
A. W. v. Hosmann hat diesen Schritt getan und nicht zu bereuen gehabt. Mit wahrem Feuereifer nahm er sich seiner neuen! Pflichten an, und bald war er einer der fleißigsten und ob leinen Fähiokeiten, seines Geschicks und seiner Arbeitskraft beliebtesten! Schüler Liebigs. Er genoß dessen vollstes Vertrauen, wurde bald sein Privatassistent und als solcher mit wichtigen chemischen Untersuchungen und wissenschaftlichen, besonders literarischett Aufgaben betraut. Im Jahre 1843 veröffentlichte er aitc£> seine erste eigene wissenschaftliche Arbeit über die organischen Basen im Stemkohlen- teeröl, zu dem ihn: sein Freund Ernst Stell den nötigen Unter* such'ungsstoff lieferte. Sell besaß in Offenbach eine kleine chemstche Fabrik, in der zumeist ausländischer Steinkohlenteer auf Lack- sirnis verarbeitet wurde; aus ihr hat sich später das große Oehler- sche Werk entwickelt. Kurz darauf folgte die berühmte Arbeit über die Metanrorphose des Indigos, die den Namen des jungen Hosmann mit eitlem Schlag berühmt machte und ihn in Parts etwa goldene Medaille einbrachte. Mit diesen Arbeiten, denen sich kurz nacheinander iwch eine Reihe weiterer Untersuchungen hier tu Gießen anschlossen, beginnt seine hervorragende Tätigkeit aus dem Gebiete der Steinkohlenchemie, die ihn später in London und nachher in Berlin zu großem Ruhm rmd höchsten Ehren führen sollte.
Inzwischen hatte sich A. W. v. Hofmann mit einer Nichte Liebigs, Helene Moldenhauer, verlobt, und er mußte sich nach einer dauerndeil uiid sicheren Lebensstellung umsehen. Dazu war hier in Gießen keine Aussicht, da neben dem ersten Assistenten und voraus
sichtlichen Nachfolger Liebigs H. Will noch die beiden Privat-» dozenten Knapp und Hopp vor ihm waren. Er wandte sich des-^ halb im Jahre 1845 nach Bonn und wurde dort Privatdozent. Hier traten dann die (Ereignisse ein, die eine entscheidende, Wendungi in seinem Lebensgang herbeiführten. Er bezog hier die Räume, die Prinz Albert voir Coburg, der spätere Prinzgemahl der Königin von England, als Student innegehabt hatte. Ms nun im sommer 1845 das englische Königspaar zur Einweihung des Beethovendenkmals nach Bonn kam, suchte es auch die ehemalige Wohnung des Prinzgemahls auf, und bei dieser Gelegenheit wurde A. W., v. Hofmann den Herrschaften vorgestellt. Aus ihren Wunsch führte er ihnen in seinem Privcttlaboratorium einige glänzende Versuche vor, die großen Eindruck auf sie machten. Das kam ihm, als er noch in demselben Jahre auf Liebigs Vorschlag nach London berufen! wurde, sehr zustatten, mtb hat ihm dort manche sonst unüberwindlichen Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt. Er war auch fernerhin sehr angesehen am englischen Hose, wurde öfter zu chemischen; Vorlesungen im Schlosse herangezogen und übernahm u. a. auch den Unterricht der Prinzessin Viktoria, die der Chemie stets große Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Sie hat später als Kronprinzessin! und als Kaiserin Friedrich ihrem früheren Lehrer stets große! Dankbarkeit und Verehrung bewahrt und ihn in ben engeren Kreis ihres Vertrauens gezogen. An ihrem Denkmal ans dem Platz hör dem Brandenburger Tor befindet sich nebm der Büste des Philosophen Zeller auch diejenige unseres Ä.. W. v. Hosmann.
D urch seinen Weggang, von Gießen wurden A! .W. v. Hofma-nns Beziehungen zu Gießen keineswegs abgebrochen. Der rege Verkehr mit nahen Verwandten und- lieben Fremiden hielt ihn dauernd in enger Verbindung mit unserer Stadt. Hier wohnte vor allem bis zu ihrem Tode im Jahre 1854 seine Mittler, an der er m treuer, zärtlicher Liebe hing und die er alljährlich mindestens, einmal m dem ihm so wohl vertranten „Tintenfaß" aufjuchte. Hier fand er auch im Jahre 1865 seine dritte Gemahlin. A. W. v. Hofmann war vierinal verheiratet. Er besaß eilten ausgeprägten Familienstnnt -irnd schätzte' ein trautes Farnilienheim sehr, hatte aber das Unglück, daß ihm seine drei ersten Frauen jedesmal nach- kurzer Ehe durch einen frühm Tod entrissen witrden. Seine erste Frau war schon im Jahre 1852 einem Lungenleiden erlegen. Im Jahre 1856 heiratete er in London Rosanurnd Wilson, mit der er aus nierkwürdige Art bekannt geworden ivar. A .W. v. Hosmann beschäftigte sich damals u. a. mit dem Triaethylphosphtn, dessen! verdünnte Lösung einen hyazinthenähnlichen Geruch besitzt. tnnes Morgens fand er in seinem Laboratorium einen großen Korb Hyazinthenblüten vor. Eine junge Dame, die regen Anteil an seinen Vorlesungen und Arbeiten nahm, hatte ihn geiandt rn der Ueberzeugnng, daß der Geruch der Blüten auf dm erwähnten Stoff znrückznführen sei. Die Untersuchung bestätigte diese Vev- mutting nicht, dafür entspannen sich aber zarte Beziehungen zu der güttgen Spenderin, die zu Hofmanns zweiter Ehe führten. Schon im Jahre 1860 wurde auch diese Ehe durch den Tod, der jungen Frau gelöst. Seine dritte Frau hatte er im Hause seines Schwagers, des Physikers Hieinr. Buff hier in Gießen, kennen gelernt, der mit einer schon im Jahre 1848 gestorbenen älteren Schwester A. W. v. Hofmanns, verheiratet geivesen war. Elise Moldenhauer war ein Geschwisterkind seiner ersten Frau Helene und wie diese eine Nichte Liebigs. Auch sie erlag schon nach kurzes Ehe inr Jahre 1871 einem langen, schweren Leiden. Im Jahre 1873 heiratete A. W. v. Hosmann die Schwester seines langjährigen Assistenten mrd Freundes, Berta Tiemann, und mit ihr lebte er bis zu seinem Tode, fast 19 Jahre lang, in dauernder! glücklicher Ehe. Sie lebt noch in jugendlicher Rüstigkeit in.Berlin und hat es sich nicht nehmen lassen, an der Gedenkfeier für ihren! Gemahl teilzunehmen. ' .
A. W .v. Hofmann war besonders tu früheren Jahren oft und! gern hier in Gießen. Er war ein Freund vom Reisen und hatte die Anregung dazu schon hier in seinem Elternhaufe empsaligen. Schon im Alter von 16 Jahren, im Jahre 1834 .nahm ihn sem Vater mit -auf eine große Reise durch die Schweiz und nach Italien, dre m dem Knaben einen dauernden Eindruck hinterließ. Während seines ganzes Leben hat A. W. v. Hosmann fast alkjährlich eine Reise nach Italien o-der an das Mittelmeer unternommen, und diese Reisen pflegte er, sowohl von London als auch- von Berlin aus stets so einzurichten, daß sie über Gießen führten und- er hier einige Stunden oder Tage im Kreise seiner Verwandten und mit lieben Bekannten und Fremtden verbringen konnte. Er fand, namentlich in den ersten Jahren, hier stets einen großen anregenden Fr-enndes- und Bekanntenkreis vor, in dem er sich sehr wohl fühlte. Da waren von der Universität neben Liebig und denen Assistenten und späteren Nachfolger Heinrich W 1 1 l sein Schwager Heinrich Buss, Friedrich Knapp und Hermann Ko pp; von gemeinsamer Tätigkeit am Laborator mm her waren es Friedrich Schoedler, der später das oerühmte ^Buch der Natter" herausgab, der Physiker Friedrich Z a m- miner, später Realschuldirektor in Michelstadt, 'der Geologe Ernst Diessenbach: ferner von Lehrern an unserer kurz vorher gegründeten Realschule der Chemiker und hervorragende Mineraloge Carl Ettling, früher Assistent Liebigs, und Johann Müller, später Professor der Physik.m Frechnrg und erfolgreicher Ueö-ersetzer und Bearbeiter des berühmten Pouilletschen Lehrbuchs der Physik. Dazu kamen noch andere, die nicht der Naturwis senschast angehörten, wie M o r r tz C-arrrer^,


