Ausgabe 
10.7.1918
 
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Aa, da war er wieder einmal ausgebrochen, stiefelte nun wer weiß wohin, und wie das Erwachen vielleicht schon mor­gen früh aussah, mochte Gott wissen! . . . Ach was, sich wenigstens heute eins gepfiffen und sich gefreut über das, was er rechts und links sah! Dieses Tal hier ließ er sich nicht zum Jammertal macheu! Es wäre eine Versündigung ge­wesen! . . . Den Hut schob er in den Nacken, stemmte die Fäuste in die Seiten und sah sich um. Da stand er nun allein in Gottes Wunderwelt. Um ihn das Rauschen und Brausen des Frühlingssturmes, das Quirlen und Hupfen des Ge­birgsbaches zur Seite. Dünkel, drohend sahen die Nadel­hölzer herab auf ihn, dazwischen kahle Laubbänme, hier und da auf vorspringenden Felsblöcken weiß-schimmernde Bir­kenstämme, die schon ein lichtes, zartes Grün aufgesetzt hatten. Erst vorsichtig hatten sich die Blätter hervorgescho- ben, als wollten sie sich wieder in ihre Hüllen zurückziehen, ßalls Nachtfröste noch kommen sollten . . . Herrgott, war das schön! . . . Hier konnte so ein zerzauster Gesell wie er vielleicht das Gleichgewicht wieder bekommen. Donner auch! Mußte es! . . . In seinem ganzen Leben hatte er immer das Beste gewollt, und wenn es das Schicksal nun einmal darauf abgesehen hatte, ihm immer wieder an die Karre zu fahren, was formte da ein Menschenkind machen? . Die Zähne aufeinanderbeißen und zur Seite springen! . . . Him­melwetter, ein paarmal batte er das doch schon getan, und dabei war er immer in eine Pfütze gefallen! . . . Etwa den Stock genommen und zugeschlagen? . . . Er hätte es getan, wenn derjenige, welcher nicht gerade der Krohlow gewesen wärje! Was mußte der ihn auch dem Klausner in die Arme tveiben! /. . Da war er ja schon wieder bei der Trude an- gelangt! Er schüttelte seine Mähne. Ein Windstoß entriß ihm den Hut, wirbelte ihn in den Bach ... Er mußte lachen. Ja, so girrg's ihm imntzer, da lag der grüne Lodert filz ein­geklemmt zwischen zwei Steinen, füllte sich mit Wasser und stmk dieser in die Mut.SH, ansgekni sicht den Deckel," brummte er,ausgeknitscht, wie der ganze Kerl!" . . . O je. und dann Tarn auch noch eine dnnkelgraue Wolke über die Höhen angefegt, ein feiner Sprühregen näßte ihn durch und durch, mochte er noch so große Schrille machen, um unter ein Dach zu treten. Da kam der Galgenhumor wieder bei ihm zum Durchbruch.Was der Mensch abhaben soll, kriegt er doch aufgezählt! Na immerzu! Morgen werd' ich dazu niesen!" . . . Als er am Abend in einer kleinen Dorfkneipe vor Spiegeleiern und Landbrot saß, an: warmen Ofen, und sich die Sachen auf dem Leibe trocknen ließ, fand er das Le­ben wieder einmal wunderschön . . .

Kreuz und quer bnmlmielte er da oben, am Renn stieg hermn, auf Sonnenschein folgte Regen mW dann wieder Nomnenschein, und als ihn eines Tages ein Gendarm anhiielt i die wirre Mähne, die langen Bartstoppeln, der nie gereinigte Anzug und oer einzige Kragen hatten ihn zürn Verdächtigen Stromer gestempelt lachte er den Hüter des Gesetzes ans und hielt ihm ZwanKigWarkftücke vors Gesicht.

Stammen locchrhaftig nicht von einem Einbruch! Ans­weispapiere Hab ich nicht, denn ich bin nämlich der Flam­mentoden !"

Da müssen Sie doch einen Getverbeschein haben," ent- gegnete der Gendarm mit Amtsmiene (Fortsetzung folgt.)

Der Hubin

Skizze von Harms Wohlbold.

(Nachdruck verboten.)

Herr van Laer, ein reicher Amsterdamer Kauhnamc, wollte irr wenigen Tagen heiraten. Mit seiner Braut, der einzigen Tochter des Reeders Jan. Koningk, hatte er verabredet, sie wollten bei einem Altertumshändler, von dem sie bereits sehr viele Tinge für ihren zukünftigen Haushalt gekauft hatten, noch einiges aus- wählen, mid so holte er sie eines Vormittags in ihrem väterlichen Hans« ab. Sie gingen miteinander durch die belebten Straßen, über welchen die helle Sonne schien, mrd sprachen rote gewöhn­lich vyn der Zukunft, die sie erhofften, und all dem Schönen, baS ihnen das Leben bieten sollte. Marie Koningk, ein schlankes, munteres Mädchen Äon lebhaftem, selbstsicherem Wesen, bestritt wir immer den Hauptteil der Unterhaltung, während Pieter van Laer, ein von Natur sehr ruhiger Mann, ihr zuhörte. Er freute sich wenn sie plauderte. Heute aber schien es ihr, als sei er noch vi« schweigsamer als sonst. Er gab kaum Antwort auf ihre Fragerr, und wenn er es doch tat, st» war oft gar kein Zusammen­hang in seinen Worten. Jmnrer sah er Marie von der Seite an, aber es war nicht so, wie sonst, wo sie rmr Liebe und BNpunde---, rung in seinen Augen las. Dein Mick verriet eher Sorge und

Unruhe, so daß Be endlich mitten in der Tamrakgracht st,eben blieb und ihn etwas unwillig fragte, was demr mm eigentlich sein sonderbares Wesen zur bedeuten habe. Er errötete wie em Schulknabe, der sich auf einem verbotenen Weg ertappt sieht, und suchte ihren Fragen auszuweici-en. Sie aber ließ sich dadurch nickst beirren und drang in ihn, er solle sagen, ob es für sein Schweigen irgendeinen Grund gebe. Nach einigen! Zögern bejahte er ihre Frage. Neugierig wollte sie mehr wissen, sie witterte irgend-; ein Geheimnis. Aber wie sie ihm auch zusetzte, er schlug ihre Bitte, sich genauer zu äußern, rundweg ab.

Zuerst scherzte. sie über sein geheimnisvolles Wesen, dann schmollte sie. Aber imtii das vermochte nicht, ihn zum Sprechen zu bewegen. Er bereute nur, daß er so unklug, gmchen rvar, überhaupt eine Andeutung zu machen. Tenn er wollte ihr lurter keinen Umstände» sagen, daß es ein Traum gewesen wir, der ihm den sonnigen Tag verdarb, ein Traum, in dem sie selbst ein« Rolle spielte.

Ihm träumte, er sei mit ihr in Venedig. Sie trugen beide das Kostüm des Cinquecents, und Menschen imd Tinge waren nicht so, ime er sie von. wiederhs-t-n Aüfertthalt in Italien her kannte, alles..trug vielmehr das Gepcägtt der Vergangenheit. Was sich zwischen ihnen im Lapse des Traumerlebnisses begab, das war ihm entfallen bis zn einem Punkt. an dein er sich mit ihr in einten engen, düsteren Gasse, die nickst zu dem Prunk der Kleidung paßte, schreitend fand. Sie hatten eine heftige Auseinandersetzung, ans deren Einzelheiten er sich ebenfalls nickst mehr besinnen konnte, nrÄ plötzlich, als er zufällig auf ihre rechte Hand blickte, sah er au Stelle, . der sie sonst ihren Ring trug, einen Blchstro-pfon. Tarüber erschrak er, und auch sie geriet in heftige Erregung, als sie den Tropfen bemerkte. Sie suchte ihn wegzuwischen, aber es. gelang ihr nicht und daun mit einem Male erblaßte sie nrrh stieß einen Schaei aus, über den er sich entsetzte. Einen Angenblick noch stand sie aufrecht, daun stürzte sie nieder. Er sing sie in seinen Armen auf und flüsterte ihren Kamm einen fremden Namen, len er nie gehört hatte. Aber sie Mb keine Antwort mehr, und er erwachse. Ter Traum kuu ganz aus perschwommentzst Bildern heraus, die im Streit klarer zu werden begannen, bis st« plötzlich, von dem Augenblick an, wo der Blutstropfen an ihrem Finger .hing, sich zu tagheller Klarheit verdichteten. Es war kein Traum mehr, es war erlebte Wirklichkeit, die ihn erschüttert» »und ihn in das Dagleben hinein verfolgte. Tie kleine Auseinander-, setzung mit Marie Koningk war das erste Mißverstehen, seit sie sich kannten, und wirkte auf ihn rmch dem Traumerlebnis fast erschreckerid. So war er svoh, als, sie das Geschäft des Händlers erreichten, in das sie eirttvaten. E hatten sich auf diese Stunde gefreut, wie immer, wenn sie gemeittfaim etwas für später an schaff-! teu, aber nun lag etwas wie ein SckMtten über ihnen, ihre Wort« waren zögernd und ksthl, und schließlich stöbertet! sie getrennt in den großen Räumen umher, in denen Srhnruck und Hausrat aus vielen Jatzrlnrndertcn bunt gehäuft rvar. Pieter van Laer musterte eben einen Schrank mit alten Wassert, um den sich Rüstungen uUÄ Fahnen gruppierten, als Mariens Stimme ihn rief. Tas Mädchen war nickst weit, nur einige Schritte von ihm entfernt, sie hatte Schmucksachen angesehen, die der Händler, «in Freund ihres Vater-, vor ihr auf dem Glasdeckel eines Schaukastens ausbreitete. Ban Laer hörte sofort am Ton der Stimme, daß sie den kleinen Zwist! vergessen und wieder so !var wie immer. Freudig pikte er zu ihr, und sie rief ihm entgegen:

Run mußt bat mir zur Strafe etwas schenken," nnd lachend wandt« sie sich an den alten Mann, der neben ihr stand und sagt«: Wir haben uns gezankt, denken Di«, Mynherr Veeven, MN erstenmal gezankt. -Lieh her, du Böser, um was ich dich bitte."

Lächelnd, noch den Ausdruck eines f Herzhaften Schmolleus aus den frischen Lippen^ wcardte sie sich gegen Pieter van Laer nrch streckte ihm die Hand entgegen. Er wollte ihr erwidern, aber das Wort erstarb ijf'.u. Am Ringfinger ihrer Rechen leuchtete ein großer Rubin.

Fräulein Koningk iveiß dir Tinge nach ihrem Wert zu schätzen," lache der alte Beeren behaglich,der Ring ist eines der schönsten Stücke, die ich besitze."

Barn Laer sah das Schmuckstück an wie erstarrt. Ein schmaler (Goldreif, seine Fäden, die man kaum sah, bildeten den eigenb- lichen Ring, der oben in eine Platte zusammenlief, in der der Rubin befestigt war. Dunkelrot leuchend, wie ein Tropftn Blutes, lag er auf dem weißen. Finger.

Tn schenkst ihrt mir'?" bat sie. schnteichelnd.

Ich bitte dich, wähle sonst etwas, was du willst, nur nich diesen Ring."

Erstjaunt hob sie die Brauen, sie verstand ihn nich.

Aber er gefällt mir so sehr und du hörst, Mynherr Beeren,.

Laß ihn," siel er ihr rarch ins Morr,bei deiner Liebe zu mir, bitte ich dich, nimm diesen Ring nich."

Sie kräuselte gekränkt die Lippen und erwidertes hm ^ in etwas schärferem Ton. Nie lsatte sie zuvor gewußt, daß Pieter van Laer Launen hatte. Jeden Wunsch las er ihr von^ den Augen. Heute war er zum zweitenmal ganz anders als sonst.»

J.ch möchte diesen Ring," sagte sie hartnäckig.Ich ver­stehe nicht, weshalb du so sonderbar zu mir bist."

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und der Händler versuche » mit etnem Scherzwort über die Sache wegzugehen, aber sie ivar nich 8 willens, uachtzugeben.