Ausgabe 
29.6.1918
 
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Roye.

Tu bist mir iuuner ein.wenig windig vorgekommerr, -al te Stadt mit Hem königlichen, stolzen Namen. Windig im wörtlichen, nicht im übertragenen Sinn (obwohl auch das vielleicht jeine Richtig­keit 'hätte). Du liegst ziemlich hoch und frei über der Ebene, immer im strammen Luftzug, der von der fernen See oder Flan­dern herüberhornmt. Auch warst du oft Gegenstand liebevoller

Aufmerksamkeit französischer Geschütze, und man kann an dir aufs beste studieren, was ans einem Ort wird, für den sich die französische Artillerie interessiert. Ich kann ihr das nicht ver­zeihen. Tenn deine Kathedrale, die sie als Einschießpunkt benutzte, must,' Wort grosser Schönheit gewesen sein: rroch ihre armen Trürn- mer sprachen von der Harmonie und Formvollendung des zerstörten Baues. Tn hattest einen Marktplatz, Roye, mit gutem, !d» ines vrunkeMiLtt Namens würdigem Rathaus und mit ein paar selt­samen alten Fachwerkhäusern, die wie ans Deutschland, etwa wie aus Hans Sachsens Nürnberg oder dem Welserischen Augs­burg, hergeholt schienen. Sonst konnte man an dir nur wenig Gefallen finden. Tu liegst so kahl auf deiner kahlen Hochebene, und unerbittlich hart und streng ist, das Gesicht deiner Landschaft. Ein Schloß war da in deiner Nähe, Goyencourt, etwas steif und ungemütlich, und ein Park' darum, ehemals schön, aber im Kriege verwahrlost. Immerhin: ein. Bremchunkt des Reichtums neben der offenbar sehr armen Stadt. Dein Name, Rohe, verheißt zu viel; du bist keine Königsstadt mchr. Vollends heute nicht, dafür 'haben die französischen Kanoniere gesorgt. Man war wohl drüben der Auffassung, daß an dir nicht viel zu verderbet sei. Tu hattest das Unglück, dein großen Fetterbrarrd an der Sonrme etwas zu nah« zu liegen. Tein Marne hat einen rauhen, harten Klang be­kommen, wie vvu Granateinschlagen kracht es darein. Rohe spielt die große Pauke in der Abschieds- und Wiedersehensmusik. .

Wrr stießen über Jftotfe vor/' tneldeten vor einem Jahve siegestrunken die Frarrzosen; Ende März dieses Jahres wurde es wieder deutsch und .ist jetzt frontferne Etappe. Kriegsschicksale einer Unschuldigen Stadt. . .

Armes, altes Roye!

Chauny.

An dich, kleine Stadt, kann marr ohne Schwerirmt derkken. Tenn du warst die Langeweile, gutes Channy, eine Langeweile, die nicht mit einem einzigen Tropfen französischen Geistes und fran­zösischer Munterkeit gewürzt war. Tu warst bieder und provin­ziell dazu und ein wenig verstaubt wie eine Baukastenstadt ans Großväterzeiten. Wer du hattest ein a:tsgezeichnetes Kasino, Filiale von Kasten in Hannover, und das war immerhin ein Anziehungs­punkt. An deinem Marktplatz stand, schräg gegenüber emenr mo­dernen Baukasten vmr besonderer Häßlichkeit, der im Friedest wohl als Präfektur oder Unterpräsektur gedient hatte, ein gutes, nettes, ganz Deines BarEheaterchen, das sich mtt seiner Puppen-, fasjade ängUich zwischen die Nachbrrhänser klemmte. Auch einest ganz anstärä-igen Park hattest du, Channy, wo der Frenrde hübsch und- beschaulich' hätte spazierengehen .können, wenn er dafür die; rechte Gesellschaft gehabt hätte. Irgendetwas war an dir, kleines, dummes ChAnny, das an .unser freilich viel freundlicheres Lud- wigsburg in Schwaben erinnerte. Und auf deine Einwohntt,- zu guter Letzt, lasse ich nichts kommen. Tas verdankst du ein« Händlerin an der Bahsrhvffttaße, die so viel Anstand und so wenig Erwerbs sinn zeigte, daß sie für eine alte, etwas fleckige AusichKS- psMsrte eines frrmzösischM Schlosses, für das ich mich mteressiert«, ha nAtn es von unserer Front aus Wie eine fern« Gralsburg irst französischen HinterlrurLe liegen sah, durchaus kein« BezaMnai annehmen wollte, weil die Karte zu schlecht sei. Und das, obwohtz sie sofort merken mußte, daß mir viel an der Karte lag und ich gern einen Liebhaberpreis für sie zahlen würde. Tiefer kleine, cm- ständige Zug, liebes Channy, hat sich mir ttef eingeprägt.> Willst du noch sonst etwas beisteuern zu dem Quartett der Vitt Städte? Tu schweigst Und gähnst, wie das so'deine Art ist. Schweige' und gähne weiter, kleines .Channy. . .

Doch nein der Ort ist ja verschwunden. Im März 1917 ging er in Flanrmen auf, wurde Haus' für Haus gesprengt.Unsere Kavalleriepatronillen erreichten Channy rat der Oise," triumphierte; zwar vor einem Jahre der französische' Tagesbericht, und auch unsere Meinungen verzeichuetm jetzt die Wiedereinnahrne. Ab«« das alte Channy ist es nicht mehr, das gute, langweilige, klein« Channy ... ^

Tu schöne, alte Stadt!

Noyon.

Tu schöne, alte Stadt!

Tie Deutschen sind in Noyon," pflegte Clemenceau, die alte Bulldogge, in Kammerreden und Zeitungsartikeln zu sagen. Es war sein nimmermüdes, austachelndes Ceterum censeo. Ob er Noyon besonders kannte, besonders liebte? Ob es ihm auch so ans Herz gewachsen ist wie uns? Noyon, obwohl wir dich wieder haben, der Gedanke an dich bereitet uns heute Schmerz. Du Beste und Schölt sie unter den Vierer:!

Wer von der Front aus westlicher Richtung nach Noyon kaut, erlebte eine kleine Offenbarung: man gelangte, das reizende Di- vettetal (kleine Göttin" heißt dieser Bach und, die Orte, die das Wässerlein durchfließt, tragen Namen von gleichem Wohllaut Und rvmaritischem Schmelz: Tives, Tivette, Dive-le-Franc!) man gelangte, das reizende Tivettetal hinter sich lasserrd, aus eitreu Höhenrücken und sah die Stadt plötzlich zu seinen Füßen hinge­zaubert. Wie grün lag sie da im Sommer, wie licht und strahlend im Frühling, wie fröhlich bunt im Herbst! Viel mächtige alte Bäume ;urtb ein paar Dächer, außer herum ein schöner breiter Wleengürtck, die Boulevards, im Innern eng durcheinarLerlänfend« Gassen mit bmtten Häuschen, pützigerr kleinen Lädett, die Weiblich­keit zur guten JdhresML mit de,m SttickstmrM vor den Türen. Ml.