Flieger über London.
Londoner Erzählung aus den Spät Herbsttagen 1L15.
Bon Justus Schoenthal.
' (Schluß.)
„Sie sind also der Gefahr wohlbehalten entronnenÄ^
„Ich bin gerettet. Es ist alles bereit, gnädigste Baroneß. Ich danke Ihnen für den Beweis Ihres Vertrauens."
„Auch wem Schwager hat mich begleitet .Es wird Ihnen gewiß erwünscht sein, ihm persönlich die Hand zum Abschied za drücken."
Kersten trat auf den Viscount zu:
„Herr Oberst, sobald wir uns heute getrennt haben werden, sind wir inieder Feinde. Aber ich glaube, iu unser aller Sinn zu sprechen, wLiur ich der Hoffnung Allsdruck verleihe, daß der Tag nicht mehr fern sein möge, all dem nach dem Frieden von der Elbe- zur Themsemündurrg sich eine Brücke gegenseitigen Verständnisses und gegenseitiger Ächtung hinüber- wld herüberwölbe/
Der Viscount gab ihn; die .Hand.
„Meine Anerkennung möchte ich Ihnen jederrfalls nicht bersagen. Was Sie hier geleistet haben, ist aller Hochachtung jvert. Bis am diesem Tage hätte ich ebne solche Leistmlg, überhaupt für unmöglich gehalten." (
Der Hauptmann verbeugte sich, und Atterley flocht mit leisem Spott ein:
„Ja, beim lieben Gott und einem deutsche Hauptmann ist kein Ding unmöglich!"
„Auch Ihnen, Herr Atterley, ineinen allerherzlichsten Dank für den. liebenswürdigen Beistand zum Gelingen."
«Er schritt übtx die Wiese zum Flugzeug voran.
„Gnädiges Fräulein, darf ich Ihnen behilflich seill?"
'Er reichte ihr den Arm.
„Habeil Sie ein wenig geschlafen ivährend der Eisenbahnfahrt?"
„Dazu war ich leider zu aufgeregt. In mir zitterte alles, ich begreife Ihre Sicherheit nicht!"
„Ich habe auf Vorrat geschlafen, Baroneß", erwiderte er lachend. „Bitte, machen Sie es sich so bequem wie möglich!"
Marianne hatte Tränen in den Augen.
„Schwager, behalten Sie mich lieb und verzeihen Sie mir, wenn ich-"
Er unterbrach sie, ihr die Hand schüttelnd. Seine Stimme klang wie geborsten.
„Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Glück auf den Weg, Marianne, alles Glück, das Sie selbst sich erhoffen. Leben Sie wohl!"
Der Hauptmann hatte den Motor nochmals geprüft, auch den Benzinvorrat untersucht. Me Vorbereitungen zum Abflug waren getroffen. Zitternd setzte sich der Motor wieder in Bewegung.
„Gnädiges Fräulein!" sagte der Offizier heiter. „Haben. Sie eine Uhr bei sich. - Welche Zeit zeigt sie ott?"
Verwundert zogen alle die Uhr, und drei Wimmm antworteten zugleich:
„Auf derl Punkt zwei Uhr fünfzehn!"
„Bitte, Baroneß, rücken Sie die Zeiger auf drei Uhr zehn. Diese Zeit künden jetzt die Uhren in Deutschland. Wrr werden nach deutscher Zeit abfahren. Damit scheide« wir auch äußerlich von Englcnid! —- Leben Sie wohl, meine Herren, Und denken Sie uus^r iu Liebe!"
Noch ein Händegruß und noch einer... Der Riesenvogel hob sich mit seiner Last, und wenige Sekunden später hatte ihn die Nacht verschlungen. . ' f
Marianne hörte noch das doppelte „Goodbye" der beiden Herren. Sie sah im Nebel ein paar Baumkronen. Zu ihren Füßen zischte etwas Weißes aus, vielleicht die Brandung, die ans Gestade rollte; dann sank sie zurück und schloß die Augen.
Als der Hauptmann sich nach ihr umwandte, bemerkte er, daß sie schlief. Die Aufregung der letzten Stunden hatte doch nicht die Rechte der Natur zu beugen vermocht. . . Er aber sah nrit weit offenen Augen in die Finsternis urch steuerte gen Osten, Deutschiland entgegen.
18. Kapitel.
Union Jack.
Der Obermatrose hatte lange genug in die Wellen der Nordsee gestiert. Er spuckte den Priem über die Reling und meinte geringschätzig:
„Nee, Kinder, det nennt ihr nu Dienst. Det nenn ick Ofenhocken zur See. Ick seh schon: wir fahren heute abend wieder zu Hause und ham urscht erlebt."
Er hatte die Irrfahrten der Eindenmann schaff unter Kapitänleutnaut Mücke nritgenracht und spielte bet jeder Gelegenheit seine 'Erfahrung in Abenteuern den weniger erfahrenen Kameraden gegenüber als Trumpf aus.
„Nee, ick Hab et immer jesagt: Seit wir bei die Arabersch Waren, macht mich der janze Krieg, keene Freide mehr. Wat tun «wir hier? Halten Pulver trocken und Mau lassen feil."
Er klopfte dem neben ihm stehenden Maat derb aus die Schulter.
„Wat, Kamräd vons Jebirje, Hab' ick recht oder nich?"
Der Kamerad vons Jebirje versetzte in unverfälschtem Bayrisch:
„Bist halt a Preiß, die müassn ollwei schimps'n. Anders gehts net."
Der.Preuße spie abermals aus.
„Wat Ham wa nu hier W suchen? Stehn uff vor-i jeschobenem Posten. Ick melde mir nechsiens zu de Zeppeline. Die artveeten doch mal. Wird ne beese Suppe jewese« srrrd, wat se jestern abend an de Themse jelefselt haben."
Gr sah zur Uhr.
„Wat? schon fittüjf? Na, wird bat denn heute de«


