Ausgabe 
12.6.1918
 
Einzelbild herunterladen

187

Der Major wendete sich zum Gehen. Er folgte ihm. § Doch schon nach wenigen Schritten hielt er inne. i

Herr Major, ich- habe einen teuflischen Einfall. Ist das j Flugzeug sonst in tadelloser Verfassung?"

Aber Sie können sich unbedingt darauf verlassen.. Der Motor ist vollkommen in Ordnung. Nur das Maschinen­gewehr muß ausgewechselt werden. Es ist jetzt, da die Be­stückung fortfällt, unser schnellster Doppeldecker."

Wollen Sie ihn mir für diese, Nacht überlassen? Be­gleiter brauche ich keinen. ... Es gilt einen Flug auf Tod und Leben!"

Machen Sie keinen Unsinn!" wehrte der Major ernst ab. , ,

Ich habe einen satanischen Plan. Bitte, lassen Sie das Flugzeug fertig machen! Hat es genügend Betriebsstoff?"

Sv viel, daß Sie damit bis zur russischen Front flie­gen können!"

Der Hauptmann unterdrückte ein Lachen und scherzte:

So weit wünschte ich gar nicht zu kommen . . . Aber ein Stück ins Meer hinein. ..."

Sie können . . . aber wozu wollen Sie eine so hals­brecherisch Fahrt antreten, die Ihnen niemand befiehlt?"

Herr Major', wenn ich nicht mehr zurückkehren sollte, behalten Sie mich in gutem Andenken! Leben Sie wohl und grüßen Sie die Kameraden!"

Seine Nerven waren bis zum äußersten gespannt. Er fühlte, wie sie hier, kurz vor dem Ziele, versagen wollten. Er mußte den Austritt abkürzen.

Es eilt! Was ich vorhabe, Herr Major, lassen Sie bitte mein Geheimnis sein!"

Das Flugzeug ward auf den Rasen hinansgeschoben.

Der Hauptmaun griff mit gewohnter Sicherheit in die Speichen des Lenkrades. Stoßend setzte sich der Motor in Be­wegung . . . Tacktacktacktack . . . Immer rasender wurden die Umdrehungen. Das Fahrzeug schoß vorwärts, erhob sich etwas vom Erdboden, schwankte, senkte sich noch einmal und bohrte sich dann pfeilgeschwind in die Nacht ....

Gerettet!

Niemand würde ihn mehr verfolgen, niemand ihn gar einholen können.

Er hielt gerade nach Osten und fuhr möglichst Langsam, um mit dem Betriebsstoff zu sparen.

Sollte er auf dem kürzesten Wege nach Deutschland flie­gen oder vielleicht nach Holland, das ihm näher lag? Aber es war nur ein Spiel mit Gedanken. Er lächelte über sich selbst. Diese Möglichkeit nahm er selber nicht ernst. Die Ge­fahr wuchs gewiß nicht, wenn er in Margate der Verabre­dung geinäß Marianne erivartete. Auch wenn inan ihn ver­folgen wollte ,woran in dieser Nacht des Grauens gewiß nie-

inand dachte, - in Margate würde man ihil zu aller- 1

letzt suchen . . .

Er beugte sich nah über das Handgelenk seiner Rechten, | wo seine Uhr in einem Lederarmband steckte. Mitternacht war j längst vorüber. , . j

Das Feuergesecht über der City hatte sein Ende gefun- { den. Die Luftschiffe waren aiischeinend nach. Nordosten ab- j gezogen und die englischen Geschwader waren ihnen gefolgt.

Er blickte rückwärts.

Noch zuckten rötlich flackernd die Flammen über Lon- i dori. Aber ruhig und ohne Hast suchten jetzt die Scheinwerfer i den nächtlichen Himmel ab.

Als die erste Stunde des langen Tages vollendet jj war, sah er links vor sich einen fleincit Drachen sich tief unten in östlicher Richtung bewegen. Aus den Nüstern des Drachens I schnob Feueratem. Das mußte der Zug sein, der nun ein Uhr fünf in Margate eintraf. Er war wenig beleuchtet, und nur I her Dampf, den die Maschine ausspie, verriet ihn in der z Dunkelheit.

Das weiße Licht dort links mußte Margate, das gelb­lich blitzende Ramsgate sein.

Er hielt auf die Mitte zu und ging so tief herunter, daß er beinahe die Wipfel der Bäume gestreift hätte,, die hier in Doppelreihen standen. Das war aller Wahrscheinlichkeit nach die Landstraße.

Er ließ sich zur Erde niedergleiten, mitten in eine nebel­nasse Wiese, sprang ans dem Flugzeug und ging der Allee entgegen.

Es war die Landstraße, die von Margate nach Rams­gate führte.

Wieder sah er zur Uhr. Fast hfi? Uhr. Er schätzte, daß

sie in längstens einer Viertelstunde hier sein mußte. . wenn sie kam.

Bis zwei Uhr wollte er warten.

Er setzte sich an den Straßenrand in den Graben. Es war fast volMmmene Stille. Er glaubte, das Blut in seinen Schläfen brausen zu hören . . . oder war es das Meer, die Nordsee, die auch die Küsten der Heimat bespülte?

Er mochte zwanzig Minuten gesessen haben, als er ein Geräusch in der Ferne vernahm. Er legte das Ohr an die Erde. Es war nicht zu unterscheiden, wie viele Personen sich näherten. Zweimal gab er das verabredete Zeichen.

Rrrrchcha! Rrrrchcha!"

In der Ferne antwortete eine weibliche StimmeHal- loh". Er vermeinte, die Stimme Mariannes zu hören. Aber es konnte auch Täuschung sein. Noch einmal krächzte er wie ein Rabe seinRrrrchcha, Rrrrchcha!" Dann lauschte er an­gestrengt.

Er hörte die Stimmen der Personen, die sich näherten. Jetzt glaubte er, auch des Hilfszensors Stimme zu erkennen.

!er-war da nicht eine dritte Person?

Er sah eine Taschenlampe ansblitzen und die Straße absuchen. Rasch duckte er sich! in den Straßengraben.

Und jetzt ganz nah . . . Ja, das war die Stimme Mariannes.

Hier aus dieser Gegend kam aber ganz bestimmt der Nabenschrei. Hall oh!"

Schon wollte er ins Licht treten. Da hörte er öie'Stimme des Viscounts.

Ctn fürchterlicher Schreck jagte ihm vom Wirbel bis zur Sohle. Sie hatten ihn verraten! Und jetzt wollten sie ihn fangen. . . Aber lebendig sollten sie ihn nicht bekommen. Er riß der: Revolver aus der Lederhülle und entsicherte ihn . . . Es gab ein knackendes Geräusch.

Der Oberst trat in den Schatten.

Atterley!" tief er,löschen Sie die Lauche. Ich habe eben deutlich das Knacken einer Schußwaffe gehört."

Da vernahm er Mariannes glockenhelle Stimme.

Ach Gott, Hauptmann Kerften, Sie sind erschrocken, weit mein Schwager mich begleitet hat. Seien Sie unbe­sorgt! Er kommt als guter Freund! Treten Sie näher! Glauben Sie denn, Marianne Pion Roggenhusen würde beim Fang eines deutschen Spähers mithelfen?"

Nein, das glaubte der Mann im Straßengraben nicht. Er erhob sich überzeugt. Marianne ging ihm entgegen.

(Schluß folgt.)

Von N o r b e r t Iacque s.

Ein Schweizer Zug voll deutscher Verwundeten, die ans den Gefangenenlagern Frankreichs entlassen worden waren, m';. der Grenze bei Konstanz zn. Die, meisten von ihnen waren seit >.914 in Frankreich und hatten also die Zeit der letzten Jahre nur halb erlebt. Junge Burschen schauten neben Baterköpfen durch die Fenster in die erstrahlende Luft des Bodenfees.

Drüben lag Deutschland. Es wartete ans sie. Und- sie harrten

selig

vorUrnen -auchrechen sollte.

Während der Zug in den Bahnhof -einfnhr, rief die draußen versammelte StadtHurra" unter den Hallen. Eine Militäv- musi? bumste und brauste über hie Schreie der Menge hinaus. Tie Lokomotive zischte wie ein Drachen. Die Bremsen rasten wie titanische Feilen an den .Achsen. Ml dieser Lärm überfiel sich selber in einem hu ndertfälti g en wütend en Kämpf. Tie He imkehren-« den preßten sich in die Fenster rmd schrien . . . aufgelöst.

Und noch hielt der Zug nicht, noch wälzten durcl.Dmrnder- geWungen die furchtbaren Lärme über Zug und Menschen her-, da schrie cms einmal eine KnabAtstrmMe:

\ n

Er schrie diesen Gruß mit einem Aufschrei, als flöge sein Herz mit durch seine junge Kehle hinaus. Ter Schrei schlug jäh und brandrot vor Jugend allen. Lärm nieder. Ich saß im vordersten Wagen, hörte ihn, und mein Ohr warf ihn wie eine Flamme in. mein Herz hinab. Ich mußte die Fäuste an die SMäien Pressen, so überstieg dieser einzige Mnderschrer dve ganze lärm volle Jnsz enierrmg des Empfangs. Triumph streß die Ärgst Port in ihm, Liebe dasErwarten, Stolz die Berzwerflung. Sehn­sucht und Erfüllung lagen darin. Es war der rlesenhafieste Schwei, den ich je in meinem Leben durch Weltteile, durch Häfen und Stahlwerke, Otzean stürme und -Artillerieschlachten durch- meist Ohr empfangen hatte. . ^ .

Ich sah den Knaben nicht, der (mit ihm fernem vor Krieg, Tod «und GesamenMA erretteten Vater begrüßte. Ich sah den .Vater