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! „Aü, eine Satansbrut, diese Deutschen! In der City kracht es höllisch!"
„Und Sie stehen so ruhig hier?"
„Ich habe den Befehl, Sie zu überwachen!" erwiderte kühl der Beamte.
„Hat man Ihnen diesen Beseht auch für einen Zeppelinen griff erteilt? Glauben Sie vielleicht, ich bliebe so ruhig hier, wenn London in Gefahr ist? Ich werde mich augen- blicks zum Flugplatz begeben und dort weitere Befehle erwarten. Sie sehen, daß ich bereits gerüstet bin."
„Sie werden dieses Haus nicht verlassen!" erklärte die Stimme im Dunkeln mit Entschiedenheit.
„Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, der uns beide entlastet: Sie bringen mich als Gefangenen zum Flugplatz M der unteren Themse. Braucht man mich dort nicht, so kehren wir wieder um, und alles bleibt wie vorher."
„Ach, das ist ja Unsinn. Sie werden keinen Wagen bekommen, und zu Fuß . . ."
„Das kommt auf den Versuch an. Folgen Sie mir! Sie werden wohl nicht befürchten, daß ein Mann mit einem zerschossenen Bein Ihnen entflieht."
Ohne eine Entgegnung abzuwarten, schritt der junge Offizier, absichtlich stark hinkend, die Stufen hinab und trat auf die Straße. Der Beamte zauderte einen Augenblick und schloß sich ihm an.
An der zweiten Straßenecke fanden sie einen Kraftwagen stehen. Der Fahrer war nirgends zu sehen. Longford drückte suf die Hupe. Da öffnete sich eine Haustür, und eine gröh- fertbe Stimme ließ sich vernehmen:
„Donnerwetter, lassen Sie meinen Wagen in Frieden!"
„Fahren Sie?" fragte Longford.
„Verdammte Kerle! Jetzt ist keine Zeit zu Späßen. Ich henke nicht daran, zu fahren."
Der Beamte lächelte nachsichtig.
„Aber wir müssen ein Auto haben!"
„Dann suchen Sie sich eines!" klang es grob zurück.
Mit seinem Spott meinte der Hauptmann:
„Ich denke, wir haben schon eines gefunden. —
„Steigen Sie ein, Herr!" gebot er dem Geheimpolizisten.
Der Fahrer stürzte wie eine Tigerkatze auf Longford zu. Er hob die Faust zum Schlage.
„Was, fremder Leute Wagen stehlen?"
Der Offizier hielt ihm den Revolver unter die Nase.
„Nur Ruhe, mein Freund! Ich will nichts Unrechtes von Ihnen. Sie sollen drei Pfund über die Taxe bekommen, wenn Sie mich zum Flugplatz bringet!."
„Drei Pfund?"
Der Kraftfahrer fühlte seine Bedenken schwinden.
Er kurbelte an und bestieg den Fahrsitz. Dann fragte er:
„Zu welchem Flugplatz?"
„An der unteren Themse."
„Was??" brüllte der Mann aus. „An der unteren Themse? Meinen Sie den bei Woolwich?"
Auch Longford hatte im Waget! Platz genommen.
„Gewiß!" schrie er zum Fenster hinaus. „Eben den meine ich."
Aber mit der Behendigkeit eines Eichhörnchens war der Mann vom Sitz herabgeklettert und hatte den Schlag auf- Kerissen.
„Heraus!" rief er, so laut seine Kehle es vermochte, „heraus! Durch die City fahre ich nicht!!"
Longford blieb fitzen und hielt auch den Beamten zurück.
„Nehmen Sie doch Vernunft an!"
„Heraus, heraus, sage ich. Ich Hab' Weib und Kind mb fahre nicht um eine Million Pfund in den Tod."
So tobte er eine gute Weile. Longford erwiderte kein Wort, bis er stille ward. Dann sagte er:
„Ja, gibt es denn nur den einen Weg durch die City. Können Sie nicht oberhalb über die Themse fahren? Glauben Sie, daß die Zeppeline nach Southwar? und in die Armeleuteviertel ihre Brandbomben werfen? Wir werden in einem Bogen, über Croyden fahren. Marsch! Die Räder in Bewegung gesetzt. Wenn wir zur rechten Zeit dort sind, sollen Sie statt drei Pfund fünf als Belohnung erhalten."
Die Räder zogen an und ratternd stuckerte der Wagen davon.
Die beiden Insassen sprachen kein Wort.
Als sie aber auf dem Südufer angelangt waren und hin uud wieder sich ein Ausblick auf die Themse bot. setzte sich
Longford dem Beamten gegenüber auf die linkecFensterseite.
„Sehen Sie nur diese Feuergarben!"
Das Schauspiel fesselte sie. Der Lärm der herabgeworfenen Bomben vermengte sich mit dem Dröhnen der Verteidi- gungsgeschütze. Jäh schossen Flammen Hunderte von Metern in die Lüfte. Weißlicher Dampf ballte sich zusammen, von rötlich schimmernden Wolken überdacht. Dazwischen mühten sich Scheinwerfer, den Nebel zu durchdringen. Sie faßten da eine Gondel, dort einen Teil der Ballonhülle der nächtlichen Feinde. Es waren wohl nur vier oder fünf Schiffe. Mer sie tauchten so rasch bald da, bald dort auf, daß sie zwanzig zu sein schienen. Und kaum hatte sie die Meute der Scheinwerfer gestellt, als sie schon wieder im Grauen der Nacht verschwanden. Ein Bild des Schreckens und Entsetzens.
Longford iah seinen Begleiter gespannt an. Der Beamte hatte seine Ruhe verloren. Pfeifend entließ er den Atem durch den halboffenen Mund und hielt den Blick starr auf den nächtlichen Himmel gerichtet.
Da führ Longford mit der Rechten langsam in seine Rocktasche. Seine Finger glitten um ein Fläschchen. Er entkorkte vs behutsam zwischen zwei Fingern und legte den Daumen über die Oeffnung.
„Sehen Sie, da sind schon unsere Flieger!"
Er deutete mit der Linken hinaus, und gleichzeitig führte seine Rechte das Fläschchen dem Beamten an den Mund. Der Daumen gab die Oeffnung frei. Ein süßlicher, sinnverwirrender Geruch erfüllte das Wageninnere. Der Geheimpolizist taumelte schwer atmend rücklings voiu Sitz. Longford richtete ihn auf und hielt ihm nochmals das Fläschchen unter die Nase. Dann riß er das Fenster zur Rechten auf, schleuderte das Fläschchen auf die Straße Und sog tief die Nachtluft ein, um nicht selbst ein Opfer der ^betäubenden Flüssigkeit zu werden. Hierauf zog er die Signalpfeife. — — Der Wagen hielt.
„Fahrer, mein Begleiter ist offenbar infolge der Aufregung ohnmächtig geworden. Wir werden ihn hier abladen müssen."
Der Autolenker stieg wetternd vom Sitz und trug den bewußtlosen Beamten gemeinsam mit Longford in eine nahe Kneipe.
Longford gab dem Wirt fünf Schilling und ersuchte ihn, für das Wohlergehen des bewußtlosen Gastes §it sorgen. Dann fuhr er mit verdoppelter Geschwindigkeit dem Flugplatz zu. —-
Als er das Wach.tgebäude betrat, legte gerade der diensttuende Major den Hörer aus der Hand.
„Zum Kuckuck! Es ist also tatsächlich keine Verbindung zu bekommen! Hol's doch der und jener!"
Mißmutig ivauote er sich nach Longford urn..
„Sie wollen sich nützlich machen, Hauptmauu? Es geht auf Mitternacht. Unsere ganzen Geschwader sind schon auf- geslogen. Es wird kein Flugzeug mehr frei sein für Sie.
. . . Keine Entschuldigung! Kann mir alles selber denken. Ist wohl schwierig, jetzt da heranszukommen vom Westen. Fernsprechverkehr ist auch eingestellt."
Erst in diesem Augenblick dachte der Hauptmann daran, daß er ja durch! den Fernsprecher den ersehnten Bescheid von Marianne erhalten sollte ... Es ist gut . . . oder . . . Bedaure sehr . . . Aber keins von beiden war eingetroffen...
Vielleicht infolge der Störung . . . vielleicht hatte man auf den Anruf keine Antwort erhalten, da ja Mistreß Smith in den Keller geflüchtet itmr, vielleicht hatte auch Mistreh in der Aufregung vergessen, ihm Mitteilung zu machen.
Er runzelte die Stirn. Zu töricht! . . . Aber er kam gar nicht zur Ueberlegnng . . .Was sagte der Major? „Glaube kaum, daß noch ein Flugzeug frei sein wird für Sie?"
Um Gottes willen! Dann war ja alles verloren!
„Wollen mal nach dem Schuppen gehen und Nachsehen."
Sie stapften über den spärlich erleuchteten Platz und betraten den ersten Schuppen.
„Ist noch ein Kampfflugzeug da?" fragte der Major den Wächter.
„Nur das eine. . . Herr Major wissen schon... wo das Maschinengewehr abgenommen worden ist."
Longford atmete erleichtert auf. Gott sei Dank! Dann war noch alles gut! — Und mit dem Reste seiner Selbstbeherrschung setzte er eine betrübte Miene auf. f „Schade! Schade! Ohne Maschinengewehr ist mir na- 1 türlich nicht gedient."


