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Eins Londoner Erzählung ans den Spätherbsttagen 1915..
Von Justus Schoenthal.
(Fortsetzung.)
„Ich hätte ihm meine Hand nicht mehr gereicht!" fauchte der Viscount.
Aber unbeirrt fuhr Marianne fort:
„Er hat Ihnen vor einiger Zeit ein versiegeltes Schriftstück zur Aufbewahrung übergeben. Das gleiche Schriftstück, inhaltliche wenn Mich nicht wörtlich, besitzt Lord Southrisfe. Er bittet Sie, oie Siegel jetzt zu lösen. Uebri- gens weiß der Minister von Longfords Staatsangehörigkeit schon seit heute morgen. Er hat ihm selbst nach dem Lunch einen Besuch ab.gesta.tret und seine Verhaftung aus guten Gründen it t ch t verfügt."
Der Viscount runzelte die Stirn.
„Und was hat," fragte er streng, „Herr Atterley mit dieser Angelegenheit zu schaffen?"
„Herr Atterley wird mich zu dem Ort der Verabredung bringen." ' '
„Also Beihilfe zum Fluchtversuch eures deutschen Ausspähers!? Eine strafbare Handlung, obendrein begangen von einem Beamten des Kriegsanrts! Unglaublich!"
„Aber, Schwager, wie können Sie das behaupten? Herr Atterley geleitet mich an einen bestimmten Ort. Ich werde da von Herrn Longford oder, wie er in Wirklichkeit heißt, Hauptmann Kersten, abgeholt, und zwar zu einer Zeit, da seine Flucht bereits gelungen ist.'"
Der Oberst hörte beinahe belustigt zu.
„Sonderbare Beweisführung!" brummte er. „Und Sie wollen Ihr Leben, Ihre Liebe vielleicht, einem solchen Menschen anvertrauen?"
„Sie wissen, daß er kein schlechter Mensch ist!", sagte sie überzeugt.
„ Sie sind erstaunlich beredt, Marianne, erstaunlich beredt, wenn es gilt diesen Herrn zu verteidigen, der uns alle zum besten gehabt. — Es ist sonst nicht meine Art, derlei Fragen zu stellen. Aber ich bin auch nur ein Mensch, ich kann nicht anders: Lieben Sie den Herrn? Er hat Ihnen gewiß einen Antrag gemacht; denn so ritterlich denkt kern Spion, oaß er dem Wunsch einer Dame zuliebe Hals und Kopf mutwillig aufs Spiel setzt. Sagen Sie mir die Wahrheit, Marianne! Sie wissen, wie es um mein Herz bestellt ist!"
Mariarrne zog Longfords Brief hervvr und gab ihn ihrem Schwager zu lesen.
Schelmisch fügte sie hinM:
„Sie sehen, daß er beinahe so ritterlich denkt. Er wird erst drüben auf deutschem Boden die Frage an mich richten. Wenn wir glücklich drüben sind, werde ich ihm antworten."
Wehmütig sah der Viscount auf sie
„Mariarrne, Ihr Herz hat schon entschieden. Ich halte Sie nicht zurück. Auch ihm will ich nichts in den Weg legen. Er wird England nicht mehr schaden. Möge er leben bleiben!"
Doch Marianne wurde von der alten Unruhe gepackt.
„Ich muß fort, Schwager. Ich versäume den Zug. Wenn Sie mir noch etwas sagen wollen . . ." Urrd Plötzlich zuckte ein Gedanke in ihr auf ... . „Warum geben Sie mir eigentlich nicht das Geleite bis zu dem letzter: Ort, wo ich zur Fahrt nach Deutschland einfteige? Ist das nickst fast Ihre Pflicht als Edelmann?"
Der Viscount erhob sich und faßte traurig ihre Hand.
„Marianne, kleine Evastochter, was machen Sie aus mir?"-—
Und wenige Minuten später jagten sie selbdritt im Kraftwagen durch den nächtlichen Hydepark her Themfe- brücke zu. — Und die Lichtkegel der in rasender Eile den Hirm- mel absuchenden Scheinwerfer, der Feuerschein der von den Brandbomben getroffenen Gebäude der City liehen der Fahrt gespenstische Fackeln.
Erschauernd hüllte sich Marianne in die Autodecken:
17. K-.rpitel.
Nacht und Grauen.
Als die ersten Schüsse der Luftschifsabwehrkanonen übet die Dächer von London erschallten, erwachte Longford.
Er hatte sich sofort nach Atterleys Weggang abermals zum Schlafen niedergelegt. Er pflegte das „aus Vorrat schla- An" zu nennen und hatte diese Eigenschaft, besonders im Frontdienst, zu meisterlicher Fertigkeit entwickelt.
Die lärmende Aufregung, die im Hause herrschte, ließ ihm keinen Zweifel darüber, daß tatsächlich „Mynheer van Z . . ." einen neuen Angriff auf die Weltstadt unternommen habe.
Es war keine Zeit zu verlieren. Er zog seine Schwimmweste an, die Fliegerjoppe darüber und betrat den Gang. Nier- mand ließ sich sehen. Sie waren alle in die Keller geflüchtet, obwohl Hampstead ziemlich weit ab vom Schuß lag.
. Er lächelte. Dann ging er in den Flur hinaus.
„Ist hier jemand?" rief er laut in das Dunkel.
Eine elektrische Taschenlampe blitzte auf.
„Halloh, wer sind Sie?" kam es aus der Richtung des Scheines.
„Ich bin Hauptmann Longford."
„Sie dürfen die Wohnung nicht verlassen!"
„Weiß ich!" gab Longford 'trocken zur Antwort. „Hat mir der Minister nachmittags selbst geraten. Sie sind wohl der Kriminalbeamte, der zu meinem Schutze — er betonte das Wort ,/Schutz" ziemlich auffällig — bestellt ist?"
„Ja, ich bin Kriminalbeamter!"
„Was bedeutet der Lärm und das Schießen?"
„Ein Zeppelinartgriff. Unsere Abwehrkanonen böllern tüchtig dazwischen."
„Dann habe ich also doch reckst gehört."


