Ausgabe 
8.6.1918
 
Einzelbild herunterladen

183

^WaS geht hier vor?" forschte er tonlos.

Er folgte MnriMrne ins Herrenzimmer.

Wie kommen Sie LN diesem Fltegerauzng? Es sieht D fast nns, Wie eine üLerstürzLe jFlncht."

Sie hätten diesen Brief ans dem Schireib tisch gefunden. Nun muß ich's Jbnen mündlich auseinandersetzen."

Mit schneidender Kälte erwiderte der Oberst:

Da hat mich wohl der deutsche Luftschiffangriff gerade jvochi zftrr rechten Zeit rmtl) Hanse geführt? Wissen Sie denn, daß die Eity brennt, Marianne, und daß ich beinahe »ums Leben gekommen wäre?"

Der Diener meldete Mister Atterley.

!Jch bitte den Herrn, zu warten. Sagen Sie ihm, %Q} hätte eine unaufschiebbare Besprechung mit dem Herrn Discount!"

Der Diener verschwand wieder.

Wollen Sie mir jetzt nicht endlich Aufschluß erteilen, Marianne, was das alles hier zu bedeuten hat?!"

Nicht mehr und nicht weniger, als daß sich Cuptain Longsiord erboten hat, mich im Flugzeug nach Deutsch? land Zu bringen

Hirnverbrannt!", knurrte der Viscount.

Longford :J't ! nämlich selbst" Siss biß sich auf

die Lippen. ^ Jähes Entsetzen lähmte ihr die Sprache.

Wie? Wenn der Viscount nun den Brief öffnete? Wenn rc beit ganzen Fluchtplan erfuhr urrd durchkreuzte? Dann. . . dann hatte sie Verrat begangen . . .

Sie faßte sich.

Schwäger- Sie werden mir auf Ihr Offiziersehren­wort versuch^-- naß Sie nicht handelnd in diese Angelegen­heit eingrei c.>, g eichgültig, n.as Sie auch erfahren 'weiden!"

.Marianne, ich ahne etwas Fürchterliches. Longford

rst »kjberhaustt kein britischer OffiKiev. Er ist ein Deut- Aer! Sie verstummen, Marianne? Sie erbleichen? . . . Das sagt mir genug! Das sagt mir genug!"

Er schritt erregt ans und nieder.

Und dieser Mensch hat mich betrogen! Diesen Men­schen nannte ich das Muster »eines britischen Offiziers aus altem Schrot und Korn!"

Marianne wagte einen schüchternen Einwand.

Das hat sicher niemand schwerer bedauert als er . . . Mer saget: Sie selbst, jourfte er sich überhaupt Ihnen mwertranen, wenn er seinem Baterlande dienen wollte?"

Aber ihr Schwager schtritt ihr das Wort ab. >

Sparen Sie sich Ihre Einwände, Marianne! Auch ich weiß meinent Barerlande M dienen. Ich kenne meine Pflichten. Ich werde auf der Stelle seine Verhaftung zu betreiben suchen."

Mit einem raschen Griff erhaschte Marianne den Brief, -er auf dem Schreibtisch lag.

Sie werden seiner nicht mehr habhaft werden, Schwager. Und den Fluchtplan hätten Sie nur aus diesem Briefe kennen lernet: können."

.. Der Oberst sank enttäuscht in den Schreibtischsessel zurück.

Einen deutschen Offizier habe ich das Muster und Borbild des britischen Offiziers genannt, einen deutschen Offizier!"

Marianne legte ihn: beschwichtigend die Hand auf den Arm. -

Er läßt Jhrten durch mich noch feilt Bedauern aus­sprechen, daß er Ihnen nicht pttt Abschied die Hand drücken

- -" (Fortsetzung folgt.)

Bas Glück des armen Koma.

Von Georg F r ö s »ch e l.

Daß gerade der Beamte des russischen Finanzministeriums Foma Padeikschjeff als eins der ersten Opfer der russischen Revo­lution starb, war ein bitterer Witz .des Schicksals, aber das Schicksal hat eilten grausamen Humor. Form Padeikschesf, Sohn des Postdieners Alexey Padeikfchfff, der seinerseits wieder von einer langen Reihe von kleinen Schreibern im Staatshaushalt des großen Rußlands abstammte, war ein Beamter, der sich äußerlich nur wenig von seinen AmtsgMiossen.unterschied. Er trug dieselben gestopften Wollhandschnhe und denselben abgeschabten, vom Großvater ererbten- Selz, wie all die zahllosen Beamten der untersten Rangklasse, die jahraus, jahrein in trübseligen Schreib­stuben sitzen, irgendwelche Formmarien alnssüllen oder verstaubte Akten kopieren. Auch sein übriges Leben unterschied sich in nichts vvn dein [eiltet: Kollegen. Er kam ürs Amt, saß einige Stundest vor seinem tmtenbeklexten Schreibtisch »und ging' wieder aus dem! Umt, er nabm sein MsttagsmaLl hs einem armseligen Gasthof.

in dem es stets den gleichsur geschmacklosen Braten mrd die gleiche dünne Suppe gab, lebte in einen: möblierten Zrmimer, das "selten oder niemals aufgeräuptk würde, und wäre nach einer langen Reitze von Tienstjatzren in diesem rmwotzulichen Hofzimmer gestorben, wie alle kleinen Schreiber sterben, entkräftet, müde und verärgert, wenn er nicht seine Tante Julija Schefftenska beerbt hätte.

Eines Tages erhielt er ein Schreiben von irgendeiner GerichLs- bchörde, in dem ihm mitgetellt wurde, daß irgendwo im Gou- vernemMt Kasan seine Tante Julija gestorben sei und' ihn: zum alleinigen Erben eingesetzt habe, weiter wurde er aufgefordert, das ihn: zu gefallene Erbe am Soundsovielten im Justizministerium zu beheben. Foma geriet in große Erregung. Er hatte seine. Tante nicht gekannt, kaum vvn ihrer Existenz gewußt und jetzt -var er ihr. Erbe. Noch Mußte er nicht, wie hoch das Erbteil war, das ihm zusiel, und doch war er schon ganz aus dem Kreise seines ruhigen Lebens gerissen. Ungeheuere Träume umnebelten sein Gehirn.

Er war nicht enttäuscht, als ihm einige Tage später das Erbteil ausgczahtt wurde. Es waren füusundvierzig Rubel und einige» Kopeken. Das Wesentliche blieb: die Fünfundvierzig waren so un­erwartet, wie eine Million es ackweseu wäre, tvaren vom Himmel gefallen, nicht einkalkuliert in das regelmäßige Einkommen, sie schlossen alle Möglichkeiten aut. Ganz schüchtern tauchte zwar in Foma der Gedanke an einen neuen Pelzüberzug aus, 'öder: man könnte, das Zimmer frisch tapezieren lassen, »der: ein Dutzend Hew- den mit Faltenbrust! Doch schnell wies er diese Gedanken von sich, als er vvm Justizministerium den Petvskyprospett hinab schritt. Breit lag die schö-ue Straße vor ihm in: weißen Licht des Wintw- tages. Schlitten glitten vorüber mit Schellenklang und lackglän- zende Automobile mit hochmütigem Hiippenton, Herren in herr­lichen Pelzen, gingen worüber und Damen, schönbeschuhL, parfünv- hnftend. Wohin 'gingen sie wohl? Sie alle gmgen und führen nur, weil es ihnen Vergnügen machte, im Sonnenschein zu spazieren, sie wußten nichts von staubigen Bureaus mtb vergilbten Menfaszikeln, genossen bloß das Licht und das Leben. Schon stand Fomas Eutt Muß fest. Es mußte einen Tag in seinem Leben geben, wv auch er einer von den Freien und Stolzen war, 'wo auch er nur aus ging, um Licht und, Leben zu genießen. Einmal, ein einziges Mal wollte auch er Schlitten fahren im Sonnenschein imd dann durch eine blinkende Drehtür in eines jener fürstlichen Restaiwants emtreten, dort als Herr sitzen, köstliche Dinge essen tmb die Schar der \tx> viettenwedelnden Kellner verachten. Nächste Woch? würde dieser Tag sein, die Fünfundvierzig sollten ihm diesen Tag des GsnuffiW bringen.

Langsant ging die Wo-che dahin. Im Fittanzministerium saßen dieselben Beamten vor denselben Schreibtischen und kopierten die­selben Akten, dort stand die Zeit still. Aber in Petersburg brandeten bereits die ersten Wogen der großen Sturmflut, gewaltige Dinge bereiteten sich vor. Foma Mitte davon noch weniger als seine Amtsgenossen, erlebte nur mehr dem Tag entgegen, den er sich selbst als einen Tag des Glücks zum Geschenk Mächen wollte. Wie ein Kind freute er sich aus dieses Geschenk.

Ter Tag kam mit hellem! Sonnenschein, so schön, wie nur ein Tag in Petersburg sein kann, wenn der Frühling dem Winter noch gau.z nahe ist. Foma trat in seinem Festtagsanzug mit sorgfältig geputztem Pelz aus öent! Haustor. ES war ihm, als trete er toi, die Kirche, andächtig schlug» sein Herz unter den sünsundvierM in der Brusttasche. Es waren nur ganz wenige Menschen auf der Straße, aber Foma merkte es nicht. Er verließ seinen armseligen Bezirk.und schritt dem vornehmen Stadtteil zu. Zum erstenmal ging Foma hier als freier Mann, ging', weil es ihm gerade Ver­gnügen machte zu gehen, nicht weil ihn ein Vorgesetzter irgendwiohkn. schickte. Ta war auch schon der Newskyprospekt. Es war ihm. als gehöre die ungeheuere Krachtstraße ihm allein, mit zurückge- wvrseuem Haupt schritt er zwischen den Palästen einher, verach­tungsvoll um sich blickend. Kleine Krupps abgesessener Kosaken standen an den Straßeneingängen, Soma beachtete sie nicht. Ms ein Mietsschlitten vorüberfuhr, winkte er.Aus Und ab", war sein herrischer Befehl. Er Warf ich in die Kissen, zog die Pelzdecke über die Knie und rvar, während er dahinglitt, von einem Gefühl wahn­sinnigen Stolzes erfüllt. Er fuhr spazieren, er, Foma Padeikschess, der kleine Schreiber aus dem Finanzministerium, fuhr spazieren! Vor einem Restaurant mit großen .Spiegelscheiben und blinkender Drehtür berührte er die Schulter des Kutschers. Die Pferde hielten, Foma gab dem Kutscher einen Zehnrubelschein und trat durch die Tür.

Ein kleiner Neger verneigte sich. Foma stand in einem großen Saal auf Weichem, tiefem Teppich, weiße Tische voll Silber Und Porzellan blinkten, ein goldschimmeruder Kronleuchter hing von der Decke. Fomas Herz schwoll vor Bewunderung. Ahnungen sind selten. Mit kurzen Schritten trat er an den Mittellisch und setzte iicß Dvei Kellnsr traten Heran. Foma befahl ganz kurz:Essen!" Auf feinem, goldumrandeten Teller duftete ihm die köstliche Suppe entgegen. Er schlürfte einen Löffel und es war ihm, als ströme neues Leben in seinen Adern.Wein!" besaht er. Der Keller- meisteir mit blinkender Kette rvn die Schulter schenkte den pur­purnen Trank in das geschliffene Glas. Foma trank. Wie rotes Blut schimmerte der Wein, füllte seinen Mund mit süß beranschen- bent Dust Und floß betörend und betäubend durch seine Kehle. All fein Elend, all seine Schmerzen sielen von ihm ab, er vergaß feine Armut »und seine Müdigkeit, er vergaß sein wirkliches Leben. In diesem .Augenblick war ter wirTich der große, reiche Mann, der in