Ausgabe 
8.6.1918
 
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in der Nacht, in der Ne r.nch rufen. Wir müsse:: also nach dieser Richtung wohl eine Verabredung treffen, falls es der Baroneß nicht unangenehm ist, sich meiner .Hilfe zu öe* dienen."

Wenn Herr Longford zu Ihnen Vertrauen hegt, sollen Sie mir als Helfer willkommen sein. Zunächst werden wir also die Besorgungen machen müssen. Das tun am zweck­mäßigsten Sie."

Gnädiges Fräulein können ganz über mich verfügen. Aber ftürb es nicht vernünftiger sein, gnädiges Fräulein versuchten selbst, die Kleidungsstücke und sonstigen Gegen-- stände zu beschaffen. Ach möchte nicht die Verantwortung tragen, wenn die von mir angeschasften Stücke nicht passen."

Ich bin zu aufgeregt und muß überdies noch einen langen, erklärenden Brief an meinen Schwager schreiben. Sie als Mann und Unbeteiligter sind ßüel klüger und ruhiger als ich . . . Verlangen Sie.nur Größe 44. Es wird passen! Hier ift meine Börse. Bitte nicht zu sparen. Ich werde in absehbarer Zeit, wenn alles glückt, kein englisches Geld mehr brauchen."

Atterley verbeugte sich.

Ich werde längstens in einer Stunde zurück sein."

Dann können wir alles in Ruhe besprechen. Ich bin h froh, daß ich Die habe. Sie ahnen nicht, was heute alles auf mich eingeströmt ist . . . Mein Kopf ist wie ein Hammer­werk."

t>Seien Sie kaltblütig und verraten Sie nichts, gnädiges Fräulein ! Bedenken Sie, es könnte sein Tod sein! Ich muß eilen. Die Läden werden sonst vorzeitig geschlossen."-

Als Atterley mit seinen vielerlei Paketen vor dem Palast vorfuhr, schlug gerade eine nahe Turmuhr acht.

Der alte Grankopf verbarg mit Mühe sein Erstaunen, den späten Gast abermals zu sehen.' ( '

In der großen Diele saß Marianne am Kamin und schrieb. Sie sprang auf, als Atterley kam.

Sie sind pünktlich ! Haben Sie alles?"

Alles, gnädiges Fräulein. Darf ich mich jetzt empfehlen?"

Ihm war zum Sterben übel.

Um Gottes willen, Sie müssen bei mir bleiben, Ich . . ich bin so aufgeregt. Ich begehe sicher irgend eine Dumm­heit."

Aber gnädiges Fräulein sind doch sonst die Ruhe und Ueberlegenheit selber!"

Er konnte sich kaum aufrecht halten vor Mattigkeit.

Nein! Nein! Ich bin ganz aufgelöst. Ich bin nicht mehr ich selbst. .Ich bin . , . ich weiß selbst nicht, ich bin' umge­wandelt. Sie müssen bei mir bleiben und mich beruhigen, bester Mister Atterley!"

Mit einer Härte und Entschlossenheit, die ihm niemand zugetrant hätte, lehnte- er ab:

Das ist ganz unmöglich!"

Ach, Sie haben eine Verabredung? Die müssen Sie übsagen. . . unbedingt!"

Ich habe keine Verabredung, sondern bloßi Hunger. Ich bin gewohnt, um sechs Uhr mein Dinner einzunehmen, und jetzt ist's reichlich zwei Stunden später. Ich werde irgendwo speisen und dann zurückkommen."

Marianne mußte lächeln.

Aber warum haben Sie das nicht gleich ein ge standen? Sie sollen sofort im Speisezimmer noch etwas aufaetischt bekommen."

Sie erteilte die nötigen Anordnungen. Dann ließ sie die Pakete auf ihr Zimmer schaffen.

Ich werde alles anproben, während Sie schnell essen."

Atterley stärkte sich. Er tarn sich vor wie der Löwe im Tiergarten am Abend des allwöchigen Fasttages.

Wieder stürzte Marianne ins Zimmer.

Paßt alles großartig!" warf sie nervös hin.Aber Sie wollen ein Mann sein und können nicht einmal zwei Stunden Hunger leiden? Was müssen die armen Soldaten an der Front ertragen, die oft ganze Tage nichts zu beißen haben?"

Atterley mit Ausdauer.

Ja, und dabei wissen Sie gar nicht, daß ich draus und dran war, mich anwerben zu lassen. Ich hätte heute längst eine schmucke Khakimnform, wenn nicht der Haupt­mann und Ihr Herr Schwager mein Schifflein in den nahr­haften Hafen der Zensurbehörde bugsiert hätten "

Marianne unterbrach.

Hören Sie doch! Was war das? br Jetzt wieder 1"

Kanonenschüsse dröhnten durch die Nacht.

Atterley ließ sich nicht im Essen stören.

Wird eine Artillerienachtübung sein, alles Dinge, die wir den gegenwärtigen ungeregelten Zuständen verdanken. Es gibt bald keinen friedlichen Ort mehr auf der Erde. Wenn das so weiter geht, wandere ich auf einen anderen! Planeten ans."

Lassen Sie doch die unangebrachten Scherze! Hören Sie? Das ist . .

Sie klingelte dem Diener.

Was bedeutet das Schießen?"

. . Und der Erziehung der Dienerhochschule eingedenk, er­widerte der Grankopf so ruhig, als ob es sich um eine ganz sernliegende Angelegenheit im indischen Archipel handelte:

Ein Zeppelinangrisf über der City!"

Das Wort Zeppelin wirkte auf Marianne wie ein elek­trischer Strom.

Sie siel Atterley in den Arm und herrschte ihn an:

Zeppelin! Zeppelin! Das ist das Zeichen, das er mir verheißen hat!"

Atterley ließ die 'Gabel sinken und sagte mit tragi­komischer Geste:

Es scheint in den ©lernen geschrieben, daß ich heute fasten soll!"

Marianne war fassungslos. Sie murmelte zusammen­hanglose Worte und drang schließlich voll Zorn ans Atterley

j ein:

Sie sitzen hier und essen. Wir müssen fort! Wir müssen | fort! Das war das Zeichen. Noch in dieser Nacht... Ich i werde sofort packen."

Sie rannte aus dem Zimmer. -

Atterley erschrak plötzlich. Die Baroneß hatte recht. Er hatte nur au seines Leibes Notdurft gedacht. Aus seinem Ij Herzen stieg eine heiße Welle, Blutes nach oben. Die Hals- I schlagader drohte zu platzen . . . Er hatte vergessen, Long- f fort) Bescheid zu geben.

Kanu ich einmal Ihren Fernsprecher mißbrauchen?" wandte er sich au den Diener.

Aber, bitte sehr."

Er eilte in die Zelle.

Es Hut!" hatte j ie gesagt.

Bei Gott, die Freude hätte er ihm früher machen sollen.

Aber was war denn das? Das Amt meldete sich ja nicht.

Er versuchte von neuern den Anruf und erzielte den glci che n Mi her folg.

Da dämmerte ihn: eine Erkenntnis auf. Wegen des Luftangriffs hatte man den Fernsprechverkehr eingestellt und ja, was nun?

An dieser seiner Vergeßlichkeit konnte das ganze Unter-- nehmen scheitern. Unter Umständen hatte er den Tod des jungen Offiziers auf dem Gewissen. Kalter Schweiß stand criitf seiner Stirn. . . Nur das nicht!- Nur das nicht!

Longford war ja ein vernünftiger Mensch. Gr würde wohl selbst auf den naheliegenden Gedanken verfallen, daß der Fernsprechverkehr eingestellt sei.

-- Nein, er wollte der aufgeregten Baroneß nichts verraten . . . Geschah ein Unheil, so erfuhr sie es noch früh genug.

Da kam sie ja mach schon die Treppe herunter. Sie hatte die uiengekauften. Kleider angezogen.

Ich reise so. Das scheint mir das Einfachste zu sein, nicht wahr? Haben Sie schon einen Wagen besorgt?< Nein? Ja, worauf warten SP denn noch? Wir werden am Ende gar i>cu Zug versäumen."

Atterley enteilte.

Sie wandte sich an den Diener und händigte ihn: eine Fünf-Pfund-Note ein.

Sagen Sie dem Herrn Viscount, i!ch hätte dringend verreisen müssen. Gin Brief liegt ans dem Schreibtisch im Herrenzinuner, Diese Kleinigkeit ist für Sie."

Der Diener verbeugte sich-. Gr machte sich durchaus keine Gedanken. Das frommte, seiner L^ebensanschanung gemäß, einem wohlerzogenen Diener nicht?

Sehr wohl, Baroneß!"

Ein Auto fuhr ratternd vor .

Der Biseount trat in die Hatte.

Marianne schrak zusammen. Darauf war sie nicht gefaßt.

Aber auch ihr Schwager wollte anfangs seinen Angen nicht trauen.