179
Jfeifrer schav-er vernmndet Arbeit; entweder w-ar's eins Nussenkngel oder ein abgeirrtes derrtsch.es Geschoß."
Mariannes Gesicht war blutleer. Ihre Brust hob und senkte sich hastig. Sie preßte wie in unsäglichem Weh die Hände gegeneinander.
„Schwager, ich fühle es an Ihrem Ton: Sie verschwei- gen mir das letzte. Sagen Sie mir alles, — alles! Ich bin Nuss MerschLimmste gehaßt!"
„Es ist das Schlimmste, Marianne! Er ist von den Losakischen Plünderern ermordet worden. Deutsche Offiziere Haben ihn mit allen Ehren zu Grabe getragen."
„Ermordet!" Marianne schrie wild auf. „Mein Bruder! Mein Bruder!"
Dann verlor sie die Besinnung.-
Ms He wieder erwachte, fand sie sich in ihrem Zimmer. Die Zofe ihrer verstorbenen Schwester war um sie belästigt. Man hatte kölnisches Wasser und Tannenduft im Zimmer gesprengt.
„Ist Ihnen jetzt wieder besser, Baooneß?"
Marianne nickte leise.
„Darf ich den Herrn Viscount verständigen, daß das gnädige Fräulein zum Diner kommen werden?"
Sie nickte wieder, gleichsam unbeteiligt.
Das Mädchen verschwand.
Sie erhob sich von dein Ruhebett, auf dein sie lag. Es dünkte sie fast, als sei alle BewegungsfühigkeiL aus ihren Gliedern gewichen. Sie wankte zur Türe. Wie leblos schritt sie aus. Als sie mühsam die Tür geöffnet hatte, stand ihr Schwager vor ihr.
„Ich wollte mich soeben nach, Ihrem Wohlbefinden erkundigen."
Sie dankte ihm mit einem tränenerfüllten Blick.
„Wenn ich Trostgründe wüßte, Marianne, würde ich sie Vorbringen. Aber ich weiß keinen, nicht einen einzigen, der Ihren Schmerz lindern könnte. Lassen Sie mich lieber schweigen!"
Wieder traf ihn ein dankbarer Blick.
„Stützen Sie sich fest auf mich!"
Und mit zarter Behutsamkeit, wie eine Schwerkranke, geleitete er sie die Treppe hinab zum Speisezimmer.
Keine Silbe ward zwischen ihnen gewechselt, während sie die Mahlzeit einnahmen.
Marmorne Blässe war über Mariannes Züge gebreitet. Hinter ihrer Stirn jagten sich die Gedanken? Tausend Gedanken an die Jugendzeit aus dem fernen, fernen Gut, an die im nahen Mitau, an die leider früh
verstorbenen Eltern, an den Winter bei Hofe in Petersburg, an Schwester Hildegards Hochzeit mit dem fremden Grafen, <m Bruder Georgs Lustigkeit . . . und viele, viele andere Dinge.Das alles sollte nun nicht mehr sein. Sie' hatte keine Eltern, keine Geschwister mehr. . . Bleischwer rann das Blut durch ihre Schläfen. Stockend sammelte sie ihre Gedanken.
Und eine große Sehnsucht faßte sie an, unbezwingbar, unzähmbar, die Sehnsucht nach der Heimat, nicht nach Roggenhusen, nicht nach Mitan, nur nach dem Land, dem grünen, weiten Land, wo man ihre Sprache sprach, und die Menschen anders, so ganz anders waren als hier.
Und plötzlich warf sie die grausamen Worte in die Stille:
„Ich werde England verlassen!"
Der Oberst fuhr empor.
„Wie, Marianne? Sie wollen-?"
„Dringen Sie nicht in mich, Schwager! Ich weiß. Sie meinen es gut mit mir. Aber ich . . . ich kann nicht mehr. Ich will nach Deutschland fahren!"
„Nach Deutschland, Marianne? Haben Sie auch bedacht, daß Sie ein anderes Deutschland finden werden, als Sie verließen, ein vom Kriege bedrücktes, ein unter der Geißel der Zeit schwer seufzend'es, aus Millionen Wunden blutendes Deutschland?"
„Vielleicht, Schwager, vielleicht ist es wirklich so, wie hier die Blätter schreiben. Aber ich will deutsche Menschen um mich sehen, die heimeligen Fachwerkgiebelhäuser am Pre- gel und am Memelstrom schauen und tausendfach aus aller Munde meine Sprache klingen und widerklingen hören."
„Marianne, Sie vergessen, daß die Seereise heute nicht sv gefahrlos ist wie in Friedenszeiten. Die Nordsee ist mit Minen verseucht; der Dampfer, der Sie zur neutralen Küste trägt, kann von einem deutschen Unterseeboot versenkt! werden."
„Ich scheue die Gefahr nicht! Hier ist mir, als stünde ich mit bloßen Füßen auf eisigem Boden."
„Marianne!" — Eine fremde, früher kaum gekannte Wärme lag auf diesem Wort. „Marianne, fassen Sie nicht vorschnell Ihre Entschlüsse! Denken Sie daran, daß uns beiden das Schicksal übel mitgespielt hat! Wollen Sie mir nicht Helsen, die Zukunft neu auferbauen?"
Sie sah ihn mit seltsam geweiteten Augen an. Das klang . . . Ja, wie klang das nur? ... Sie lauschte, üls vernehme sie ferner Glocken Sang.
„Marianne! Ich wollte das, was sich mir ietzt auf die Lippen drängt, noch in meiner Brust verschließen, bis der Tag nähte, an dem vielleicht auch Ihre Wünsckie den meinen entgegenreisten. Wir haben beide durch das Grauen des Krieges unendlich viel verloren. Ich weiß nicht, wer von uns beiden schwerer zu tragen hak, ich, ans dessen Heim die Gattin gerissen ward, oder Sie, der das Schicksal Schwester Und Bruder glauhte. Glauibe-n Sie mir: Ich fühle wirklich' und aufrichtig mit Ihnen! Ich teile buchstäblich Ihren Schmerz! Ich habe Mitleid in des Wortes tiefster Deutung: .denn ich leide mit Ihnen. Es ist einsam in uns, einsam um uns geworden: Wollen, müssen wir beiden Einsamen uns da nicht fester zusammenschließen gegen die Tücken des Schicksals, sollen wir uns nicht viel lieber die Hände reichen und mit einem Blick voll Tränen und voll Hoffnung zugleich den Weg gemeinsam beschreiten, der noch vor uns liegt?
I Was soll ich beginnen, wenn auch Sie dies Haus verlassen? Ist Ihnen nicht ein heiliges Vermächtnis Hildegards gerade in den Kindern geworden? Sie wissen, -wie sehr sie an Ihnen hängen!" —
Purpurne Röte übergoß ihre Stirne. Sie schlug die Angen nieder und hob wie abwehrend die Hand.
(Fortsetzung folgt.)
Eine finnische Jmatralegeude.
. Deutsch von Marie Beßmertntz.
In dem Lande der dunklen Seen, wo hohe Tannen und Fichten_ sich über bemooste Felsen erheben, war das entzückende Mägdlein Jgme geboren, ’&ie war schlichter Leute Kind, aber ein Engel an Schönheit und! Güte.
Sie liebte alle. Menschen und alle schauten sie mit innigem Wohlwollen an. Tie Jünglinge waren von ihrem Liebreiz und die Greise von ihrem Edelmini bezaubert. Stolz auf diese Perle der" Tugend, gruben die Skalden Worte der Bew-underung in Runen und sangen Jgmes Lob in alle Lande hinaus unter Begleitung der melodischen „Kantella". Wo die jugendliche Jgme als Gast erschien, da flogen die beglückten Herzen ihr entgegen, deirn sie brachte jedem Freude und Trost. Sie hatte für jeden rin ermunterndes Wort und selbst in dem kummervollsten Gemüte vermochte sie noch die Flammen der Hoffnung zu entfachen.
Ter müde Ackersmann vergaß für einen Augenblick die Schwere des Fluges, wenn Jgme lächelte. Der Fischer zog beherzt aufs stürmische Meer hinaus, wenn sie ihm einen glücklichen Fang verhieß. Weder die ausschiüssigen Felsenrisse noch der Schneewirbel aus den Bergen schreckten den Jäger, wenn sie ihn durch ein Lächeln ermunterte.
Tie Leute wußten alle, daß während ihrer Abwesenheit die gute Jgme ihr Haus besuchte, ihren Frauen beistand und ihren Kindern lauschige Märchen vom Zauberer Siuwa erzählte, der im Silberpalast aus dem Grunde des Wuoyastusses lebt . ..
Weit über die Grenzen des Landes hinaus verbreitete sich der Ruf vdn der hingcbenden Menschenliebe und der blendenden Schönheit Jgmes.
So hörte von ihr auch der mächtige Ritter Westlmg, der im fernen Lande des Westens lebte.
Er entbrannte von dem Wunsche, die schöne Jgme zu sehen, und an der Spitze seiner in schwerer Rüstung starrenden Truppen zog er aüs nach dem Lande der dunklen Seen, der grünbemoosten Felsen und der hohen Tannen und Fichten.
Sobald Westling anlangte und die herrliche Jgme auschaute, blieb sein Blick an ihrem goldblonden Haar, an ihren blauen Augen hasten und er richtete an sie gleich die Frage: „Willst du mit mir ziehen? Ich Mache dich zu meiner Gattin, ich gebe dir mein ' bestes Pferd. IN einein kostbaren Schlosse sollst du leben und silberduvchivirkte Geivändcr tragen. Nenne mir die Namen deiner Eltern, damit ich dich von ihnen als Weib erbitte und dein Geschlecht kennen lerne!"
„Ich gehöre allen und keinem!" erwiderte die liebliche JgMc. „Gern will ich mit hir gehen, wenn du auch nur einen einzigen findest, der damit unverstanden ist, daß ich meine Hemmt verlasse."
Lange suchte ddr Ritter nach solch einen: Menschen in 'dein Lande der Seen, doch-— vergebens! Er Konnte niemanden finden. Alle liebten Jgme 'und keiner wollte auch nur den Gedanken einer - Trennung vvn ibc auskommen lassen.


