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„Ja, Sie wollen doch nicht etwa mit der Baroneß entfliehen?"
Der Offizier senkte das Haupt.
„Ganz einwandfrei ausgedrückt: das Freifräulein äußerte den Wunsch, nach Deutschland zu fliegen. Ich lasse diesen Wunsch, wenn sie den Malt dazu findet, in Erfüllung gehen."
„Sie sind . . . ein ganz unglaublicher Mensch sind Sie! Haben Sie denn Fischblut in den Adern?"
„Nein, nur Nerven wie Shiffstane," entgegnete der andere lachend. „Aber geben Sie bitte noch ein Aügen- blickchen acht! Sie werden dort"' — er dämpfte seine Stimme zum Flüstern und deutete wieder auf die Karte — „beim Bahnhof verlassen und — Sie kennen wohl die Gegend?"
„Ganz Zuverlässig!" bekräftigte der Hilfszensor.
„Nun, dann werden Sie die Landstraße nach Süden leicht finden. Im Notfall suchen Sie nach einem Wegweiser hierher!"
Sein Finger wies auf Ramsgate.
„Etwa einen Kilometer südlich vom letzten Hanse von hier werden Sie das Krächzen eines Raben hören, etwa so rrrchcha, rrrchcha! Darauf gehen Sie zu, lassen Ihre Taschenlampe leuchten und — das weitere wird sich finden. Haber: Sie das alles verstanden? Ja? Dann haben Sie die «Güte, mir das alles ausführlich zu wiederholen, damit nicht durch eilt Mißverständnis das ganze Abenteuer über den Haufen geworfen wird. Bei aller notwendigen Kaltblütigkeit wollen wir doch! nie vergessen, daß es um Hals Und Kopf geht!"
Atterley wiederholte den ganzen Auftrag zur Zufriedenheit.
„So", meinte der Hanptmamr. „Dann wollen wir ans das Gedeihen einen kleinen Schluck trinken!" und er entnahm den: Wandschränkchen eine bauchige Likörfbrsche und goß Avei Gläschen voll.
Atterley hob sein Glas aegen den Offizier.
„Wes Gute! Alles Gute!"
Bedächtig erwiderte der Hauptmann:
„Und, — wenn das nicht zuviel gesagt ist, — daß wir uns nach dem Kvieg in Freundschaft Wiedersehen!"
„Ja,,sind Sie denn gar nicht ängstlich? Sind Sie Wirklich so frohgemut, wie Sie scheinen?"
Longfvrd bot Zigarren.
„Mit der Angst Df les eigentümlich. Die Wahrheit zu sagen, ich fühle jetzt keine oder fast keine Beklemmung. Ich habe so etwas wie eine Gewißheit in mir, und das! gibt vlir eine stählerne Ruhe. Es ist alles aufs sicherste vorbereitet, sage tzch mir . . . Sehen Sie, ängstlich, war mir zumute, als. ich das Verhängnis gleich einem treibenden Wrack aus mich zu steuern sah und nie wußte, wann es ein- träfe, ob jetzt, in einer Stnudef, heute oder morgen. Es Sam eigentlich ziemlich spät. Sb fand ich mit jedem Tag mehr Zeit, mich ans viele, nach menschlichem Ermessen ans alle Möglichkeiten zu iviappnen und einzurichten . . . Glauben Sie mir: als heute das Mädchen die Karte des Ministers! hereinbrachte, da empfand ich nicht etwa Angst oder Beklemmung oder gar Todesfurcht, sondern aufrichtige Freude, wie etwa ein Arbeiter über die Besperglocke am Feierabend.
. . . Ich darf jetzt also Feierabend machen, Gott sei dank! Ich bin ehrlich genug. Ihnen zuzugeben: Ein zweites Mal möchte ich mich nicht in den Mälstrom sttirzen, ein zweites Mal nicht!"
„Bangten Sie in deu — es sind wohl über vier Wochen? nicht wenigstens hin und wieder um Ihr Leben?"
„Im ergentlichen Sinne zweifellos nicht. Aber besonders in deu ersten Tagen lastete eine Unruhe ans mir. die ich kaum schildern kann. Sie können sich das nicht ausmalen, allein zu sein gegen 46 Millionen Menschen, sich langsam sozusagen von ihren geistigen Dämpfen benebeln zu lassen, stets die vorzeitige Entdeckung befürchten. . . mich gruselt, wenn ich daran zurückdenke. Ich kann Ihnen versichern, daß Wh Meine Aufgabe nie durchgeführt hätte, ja nie die seelische Kraft aufgebracht hätte, sie durchführen zu können, wenn ich immer in der Umgebung von Menschen gleich Lord SouLh- riffe oder Lady Edith hätte leben müssen. Es war ein unendlicher Vorteil für mich, daß ich ein paar aufrechte Männer wke Sie und den Viscount fand, und es war ein weiteres unsagbares Glück für meine Sendung, daß mich der Zufall mit der Baroneß zusammenführte. .Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich Ihnen eingestehe, daß gerade diese Plauderstunden in meiner Muttersprache mich wunderbar erbaut !
und gestärkt haben. Sonst... ja, sonst hätte ich's wahrscheinlich nicht ausgehalten und wäre draufgegangen."
Er sah zur Uhr.
„Nun genug geschwatzt! Es ist Dinerzeit. Besorgen Sie bitte meinen Brief! Von den vielen Briefen und Briefchen, die ich 'in diesen Wochen meines Londoner Aufenthaltes schrieb, wird es voraussichtlich, der letzte sein. Vielleicht ist es überhaupt mein letzter. Aber... das glaube ich, nicht. Menschen wie lich sind nicht so leicht unterzukriegen. Ich glaube nun einmal an meinen Stern."
Die beiden Männer hoben nochmals die Gläser gegeneinander, blickten sich nochmals tief in die Augen und schieden schweigend mit einem Händedruck.
16. Kapitel.
Marianne von Roggen Husen.
Marianne brachte die beiden Halbwaisen zu Bett.
Die Kleinen hatten nach Kinderart ihre Mutter schnell vlergessen und hingen nun an der sanften Tante mit all der Zärtlichkeit, deren ihre Kinderseelen fähig waren.
Sie dachte über den Besuch nach, den ihr am Nachmittag Edith Southriffe abgestattet hatte.
dNpn hatte auch von Longsord gesprochen ... Es war merkwürdig. Eigentlich hatte doch wohl die Lady die Sprache aus ihn gebracht. . . Ja, wenn sie es recht überlegte, so schien der Hauptmann der einzige Zweck ihres Kommens gewesen zu sein ... War sie eifersüchtig? Verdroß es die viel- nMworbene Lady, daß auch dem bescheidenen baltischen Freifräulein ein Mann beit Hof machte? Welchen Grund mochte sie sonst haben, t^r des langen und breiten zu erzählen. Longsord habe ihr einen Antrag gemacht, aber eine kräftige Absage erhalten. Ueberhaupt sei Longsord ein gefährlicher Mensch, vor dem. man sich hüten müsse. Es könne nachteilige Folgen haben, wenn man sich zu weit mit ihm eintaffe; die nächsten Tage schon würden allerlei ergeben, was für die Beurteilung feines Charakters keinesfalls günsttg sei . . .
Was sollten diese dunklen Andeutungen?
Sie war der Lady nie recht freund gewesen; heute aber wurde sie ihr ernstlich gram. Mußte man ihr denn dieses Restchen Freude mißgönnen, sich mit einem Menschen, der ihre Muttersprache wirklich beherrschte, in aller Gründlichkeit ausplaudern zu können?
Ob sie Longsord liebe. Hatte die Lady lauernd gefragt. Sie hatte ausweichend geantwortet, wie die Lady ans diese sonderbare Frage verfalle.
„Nun, wir Frauen brauchen doch keine Geheimnisse voreinander zu haben!"
Nein! Lady Edith war kein innerlich vornehmer Mensch, kein Edelmensch! —
Sie setzte sich auf einen Stuhl im Kinderzimmer und hing weiter ihren Gedanken nach.
Da fühlte sie, wie jemaild hinter sie getreten sei. Die Tür hatte sich geöffnet, und der Viscount stand auf dev Schwelle. Sein Antlitz trug einen feierlich-ernsten Ausdruck zur Schau.
Marianne begrüßte ihn freundlich.
„Sie siild schlechter Stimmung, Schwager? Haben Sie Aerger gehabt? Oder — ich habe den 'ganzen Tag schon unter Angstznständen gelitten — ist etwas.Schlimmes —V? — Um Gottes willen, was ist vorgesallen?"
Der Oberst bot seiner Schwägerin den Arm.
„Ich wollte Sie eben zu einer Besprechung bitterr, Marianne."
Sie verließen das 'Kinderzimmer und nahmen am Kamin in der großen Diele Platz.
Der Viscount begann mit umflorter Stimme :
„Sie wissen, Marianne, daß ich seit Wochen bemüht bin, Nachrichten aus Roggenhusen zu erhalten. .Heute sind sie eingetrofsen. Sie sind ... sie lauten nicht günstig. Das Gut ist von, abziehenden Kosaken geplündert, das Wohnhaus teilweise in Brand gesteckt worden. Seit Eirde Mai hat ein deutscher Brigadegeneral mit seinem Stabe dort Quartier genommen."
Marianne schlug in zitternder Angst die Augen aus.
„Und . . . Georg, Schwager? Was ist aus Georg geworden? Er . . . lebt doch?"
Wie der letzte Schrei eines todwunden Tieres klang die Frage.
Der Viscount blickte zu Boden.
„Er ist . . . er ist leider . . stammelte er verlegen»


