Flieger über London.
ßiu« Londoner Erzählung aus den Spätherb Magen 1915. Von Justus Schventhal».
(Fortsetzung.)
'.5. Kapitel.
Offene Karten.
sDuchh die stille Straße, in der Longfords BoardinghauA lag, schritt ein Mann in höchster Aufregung.
Er ftichte die Hausnummern ab und wollte gerade in Longfords Wohnung erntreten, als sich eine Gestalt ans dem Dunkel des Hausflurs löste und höflich, aber bestimmt vre Frage aus sprach:
„Zu n»em wünscht der Herr?"
Der Angeredete hielt erstaunt inne.
„Ich? Zum Boaroinghaus von Mistreß Smith. Bin ich hier irre gegangen^
„Board'inghaus von Mistreß Smith ?' imederholte der andere. „Doch nicht zu Mister Longforo?"
„Gewiß. Eben zu diesem. Mer wer gibt Ihnen das Recht, mich auszufragen?"
Der andere zog eine Alechurarke und eins Erkennungs- karte hervor.
„Seattle, KrünirM'beamter," sagte er ohne Stimmaufwand. „Darf ich bitten, sich anszuwcisen?"
„Gerl'le." — Er zog eine Ausweis karte hervor, lautend VUf den Hilfszensor im Kriegsamt James Atterleh.
„Danke. Das genügt. Der Herr kornmen wohl in amtlicher Eigenschaft?"
„Selbstverständlich!" log Atterleh beherzt. „Jc nicht, daß Mister Longford so streng überivac darf wohl eintreten?" .
„Bitte sehr."
wußte : wird.
„Danke/
Die Gestalt verschwand wieder im Dunkel.
Als das Zimmermädchen dem Hauptmann Atterlehs Warte brirrgen wollte, mußte es mehrmals kräftig pochen.
Endlich gebot eine schlaftrunkene, nicht eben freundliche Stimme, einzutreten. Das Mädchen öffnete die Tür und war nicht rvenig erstaunt, kein Licht in dem fast nächtlich dunklen Zimmer zu finden.
Aus der Sofaecke kam Longfords Stimme:
„Bitte drehen Sie das Licht an! Ich habe ein wenig ^schlummert. Was ist los?"
„Ein Herr wünscht Sie zu sprechen."
Sie übergab Longford die Karte. Sichtlich erfreut hieß fte der junge Offizier, den Herrn hereinzuführen.
„Dich ist mir in der Tat in so hoheln Maße erwün. Kerr Atterleh, daß Sie mich aufwecken kommen. Ich habe Vümlich den Nachmittag verschlafen. Ein bißchen Auftegung ^^bt nach dem Lunch. Da schlafe ich stets großartig
„Wohl Ihnen. — Wenn ich mich auftege, spüre ich das noch Stunden, oft Tage lang hinterher. In den Tagen meines großen Prozesses denke ich oft die ganze Nacht hindurch was ich noch alles Vorbringen könnte z« meine« Gunsten. Dann mache ich wieder Licht, lese, bis mir Mt Augen vor körperlicher Ermüdung zufallen, blase die Lampe aus, schließe die Augen, kehre mit meinen Gedanken wieder zum Mittelpunkt des fürchterlichen Kreises zurück, denke wieder an die Gegner, ihren vornehmen Advokaten Buriv- Ham, fetze im Traumbild die Gedanken fort, führe die gräßlichsten Auftritte mit ihnen durch erwache entsetzt und in Schweiß gebadet, stecke wieder die Lampe an und — wiederhole dasselbe Spiel, drei-, vier-, oft sechsmal in einer Nacht, bis der Morgen graut. Dann firrdet sich endlich der Schlaf- aber ich muß dann aufstehen und arbeiten . . . Ach ich kann Ihnen sagen: manchmal schon habe ich es bereut daß ich damals Ihrem Rsat gefolgt bin und von meinem Lerchenbegängnis Abstand nahm. Es geht mir ja jetzt in mancher Hinsicht um vieles besser; sogar der Hauptprozetzj hat sich inzwischen zu meinen Gunsten gewendet. Grund: Eine neue Perücke besaßt sich jetzt mit der Sache... Ich möchte am liebsten mit Falstaff sagen: Ich wünschte, es wäre Schlafenszeit, Heinz, und alles wäre gut. — Mein Gott, ich schwätze da mit Ihnen und habe Ihnen noch gar nicht erzählt, weshalb ich Sie jetzt überfalle. — Wissen Sie übrigens — ich muß schon wieder abschweifen —, daß Sie polizeilich überwacht werden, daß jeder Besuch, der zu Ihnen kommt, sich ausweisen muß?"
„Gewiß weiß äch das. Sie sehen, ich habe dabei ganz seelenruhig geschlafen. Es schläft sich bekanntlich nie sicherer, als wenn man sich gut bewacht weiß."
„So ist das am Ende wahr?! Um Himmels willen, haben Sie den Verstand verloren, Herr Hauptmann?"
„Soviel ich weiß, habe ich meinen Verstand noch nicht verloren," versetzte Longford trocken. „Aber. . . war diese Frage der Zweck Ihres Kommens?"
Atterleh fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
„Also, . . . also ... ich verstehe das alles nicht mehr. Ist denn das überhaupt möglich? Aber das muß doch die Mißgeburt einer überhitzten Einbildungskraft sein . . * Nein, cs ist —-"
„Wollen Sie mir nicht vielleicht sagen, was die Mißgeburt sein soll."
Atterleh jagte kreuz und auer durchs Zimmer.
„Ach, es iß ja verrückt. Sie sollen gär nicht Longford heißen und überhaupt ein Spion sein."
„Das ist nichts Neues. Das sagte mir heute nachmittag sogar der Minister ins Gesicht, und zwar in vollem Ernste."
„Der Mann ist geisteskrank."
„Wer? Der Minister oder ich?"
„Und ich kann's bei alledem noch werden."
Er warf sich erschöpft auf einen Stuhl.
„Ja, Kapt'n, ahnen Sie denn gar nicht, was sich für ein Unwetter über Ihrem Haupt entladen will?"


